Ein anderes Leben – Teil 13

Es sah schlimmer aus, als es war. Das viele Blut stammte aus der Platzwunde an Dr. Lees Stirn. Notdürftig half ich Schwester Duk, Dr. Lee zu verarzten, so gut ich es eben als Laie konnte.

Es war ja nicht so, dass ich in der Praxis meines Vaters  nicht ab und zu etwas mitbekommen hatte. Mein Vater bestand sogar darauf, dass Mia und ich, beide einen Erste-Hilfe-Kurs belegten und wenn es nötig war, diese so gewonnenen Kenntnisse auch aufzufrischen.

Jack und Jae-Joong räumten Dr. Lees Sachen zusammen, denn schnell war klar, dass er hier nicht bleiben konnte. Während ich den leicht benommenen Young-Sung langsam zum Auto führte, räumten die zwei Jungs in Windeseile die wenigen Habseligkeiten des Doktors in den Wagen.

Die Frage kam auf, wie Young-Sung die letzten Jahre gelebt haben muss. Daran gehindert, einer richtigen Arbeit nach zu gehen, lebte er, wie es aussah, am Rande des Existenzminimums.

Auch fühlte er sich nicht besonders schwer an und ich war im Augenblick alles andere als stark. Was mich noch wunderte, es war weit und breit kein Mensch zu sehen. Egal wo ich bisher in Seoul und Umgebung unterwegs war, es waren immer viele Menschen anzutreffen.

Sei es Ladenbesitzer, Touristen oder eben Einwohner. Aber hier? Nichts! Nicht mal ein Tier. Diese  Gegend war wie ausgestorben. Ich war froh, als wir alle wieder im Wagen saßen und auf dem Rückweg waren.

Natürlich hatte Jack, So-Woi und Mr. Ri verständigt und man war sich einig, Dr. Lee erst einmal zu So-Wois Wohnung zu bringen. Schwester Duk hatte ich versprochen, mich bald möglichst bei ihr zu melden. Sie hatte wie wir, äußerst ängstlich die Klinik verlassen.

Das eine Glas von Dr. Lees Brille war zerbrochen, aber noch im Rahmen. Mit dem verbundenen Kopf und dann noch der Brille, sah er schon recht übel aus. Leicht stöhnend schien er nicht viel mitzubekommen.

Young-Sung tat mir richtig leid. Was war das für ein Leben, das er führte. In diesem Land war man so auf Familie fixiert, die meisten jedenfalls, aber er lebte alleine, besuchte nicht mal mehr seine Eltern, weil er sich nicht traute.

„Lucas…?“

Ich schaute auf.

„Mmmh?“

„Wir werden wieder verfolgt…!“, meinte Jae-Joong und automatisch schaute ich nach hinten.

Es waren einfach zu viele Wagen, ich konnte keinen ausmachen. Leicht angesäuert drehte ich meinen Kopf wieder nach vorne.

„Mir reicht es jetzt! Jae-Joong, weißt du auf welcher Polizeistation mein Onkel arbeitet?“

„Nein, aber das ist leicht herauszufinden, wir haben ja seine Nummer“, antwortete er ohne zu mir zu sehen.

„Dann ruf ihn an…“

Jack nahm sein Handy, sucht kurz und hielt dann das Handy ans Ohr.

„Mr. Park? Hier spricht Jack, So-Wois… Partner.“

Ich musste lächeln.

„Nein, Lucas geht es gut, aber wir haben ein anderes Problem. Wir waren eben bei Doktor Lee Young-Sung. Wir fanden ihn blutend am Boden liegen vor…“

Als der genannte seinen Namen hörte, zuckte Young-Sung zusammen.

„…nein, ein Platzwunde am Kopf… und uns haben am Eingang der Klinik, zwei Männer über den Haufen gerannt.“

Dann schwieg Jack, mein Onkel redete wohl gerade.

„Nein, ins Krankenhaus auf keinen Fall, wir wissen nicht, wer alles in die Sache verstrickt ist. So-Woi kümmert sich darum, dass mein ehemaliger Pfleger Sung-Won in die Wohnung kommt und sich dann um Dr. Lee kümmern kann. Unser jetziges Problem… es folgt uns schon wieder ein Wagen.“

Wieder hörte Jack aufmerksam zu und bei jedem „Ja“, nickte er noch zusätzlich, obwohl Onkel Min-Chul das gar nicht sehen konnte.

„Danke schön, dann werden wir uns gleich sehen…einen schwarzen Santa Fee… Danke!“

Jack ließ sein Handy verschwinden.

„Und was hat er gesagt?“, wollte ich wissen.

Jack antwortete nicht, sondern gab etwas in den Navi ein.

„Folge bitte der Route, dort erwartet uns Lucas` Onkel, Jae-Joong.“

Jae-Joong nickte und gab etwas Gas, obwohl wir schon recht schnell fuhren.

*-*-*

Wir waren mittlerweile eine viertel Stunde unterwegs, als Jae-Joong plötzlich, scharf bremsend, die Hauptverkehrsstraße verließ und in eine Seitenstraße bog. Nun konnte ich auch unseren Verfolger sehen, der uns natürlich folgten.

Wie aus dem nichts erschienen vor uns zwei Polizeiwagen und versperrten uns den Weg. Jae-Joong trat voll in die Bremsen und mit quietschenden Reifen kam unser Wagen, leicht schräg zum Bordstein zu stehen. Ich schaute wieder nach hinten und sah, dass unser Verfolger ebenso stark abbremsen musste, um nicht in uns rein zu knallen.

Hektisch versuchte der Fahrer des Wagens zurück zusetzten, aber wie bei uns schon vorher, tauchten auch hinter ihm zwei weitere Polizeiwagen auf. Zusätzlich kamen auch noch Uniformierte auf die Straße gerannt und schon war der Wagen umstellte.

Ich hatte vorher nichts gesehen, musste mir aber eingestehen, dass Jae-Joongs rasanter Fahrstil mich auf nichts anderes achten ließ. Wir stiegen aus und hörten gerade die Aufforderung zum Aussteigen. Bisher kannte ich so etwas nur aus dem Fernsehen, dass mehrere Polizisten mit gezogener Waffe auf den Wagen zielten, auch hier war es nicht anders.

„Lucas…?“

Ich drehte mein Kopf und sah Onkel Min-Chul auf mich zu rennen.

„Alles in Ordnung mit dir?“

„Ja ja, Onkel Min-Chul, mir fehlt nichts.“

Mittlerweile hatte er mich erreicht und klopfte mir auf die Schulter. Von dem Polizeiaufgebot angezogen, versammelten sich am Straßenrand natürlich immer mehr Leute.

„Es wäre besser, wir fahren zu Station, hier gibt es zu viele Zuschauer!“, sagte mein Onkel und gab den Männern an den Polizeiwägen vor uns ein Zeichen.

„Folgt uns einfach“, meinte er und stieg in einen der Wägen.

Wir setzten uns ebenfalls wieder in unseren Wagen und folgten beiden Streifenwagen vor uns. Eine Straßenkreuzung weiter kam schon die Polizeistation in Sicht und wir befuhren deren Hof.

Am Eingang der Station erwartete uns ein paar Männer, unter anderem auch Onkel Min-Chuls Chef, Senior Police Officer Park. Jae-Joong parkte den Wagen und wir stiegen aus.

„Jack, geh du mit Lucas, ich bleibe bei dem Doktor“, meinte Jae-Joong und Jack nickte.

Die Schmerzmittel, die Schwester Duk, dem Dr. Lee verabreicht hatte, schienen wohl zu wirken, denn er war eingeschlafen. Jack half mir ihn etwas bequemer auf die Rückbank zu legen.

„Und ihr wollte wirklich nicht ins Krankenhaus?“, kam es von Onkel Min-Chul, der plötzlich neben mir stand.

„Nein Onkel Min-Chul, da ist es nicht sicher genug…“

Ich sprach nicht weiter, denn der Chef meines Onkels kam zu uns.

„Hallo Lucas, so schnell sieht man sich wieder!“, begrüßte er mich lächelnd.

„Senior Police Officer Park“, erwiderte ich, verneigte mich und streckte die Hand aus.

Jack und Jae-Joong taten es mir gleich. Der Senior schaute kurz in den Wagen.

„Den haben sie übel zugerichtet… Park, sie übernehmen, denn ich habe noch einen wichtigen Termin und… nehmen sie Jo Yuen mit!“

„Oh… muss ich?“

„Park, wir haben schon darüber geredet!“, meinte der Senior ernst.

„Geht in Ordnung!“, meinte Onkel Min-Chul sich leicht verneigend.

*-*-*

Wir beobachteten, wie der Rest der Mannschaft zurück kam. Die zwei Männer, die im Wagen saßen, der uns verfolgte, wurden mit Handschellen in die Station geführt.

„Das sind die zwei Männer vom Eingang“, meinte Jack zu Onkel Min-Chul, „der kleinere von beiden, hat Lucas über den Haufen gerannt!“

Ich zuckte mit den Schultern, als mein Onkel mich ansah, denn ich hatte die beiden nur von hinten gesehen. Während die Beamten alle ins Haus liefen, kam ein junger Mann heraus gelaufen, schaute sich kurz um, sah uns und kam dann zu uns gelaufen. Kurz vor uns blieb er stehen und salutierte.

„Sergeant – Constable – Jo – Yuen – meldet – sich – wie – befohlen“, rief er so laut, dass ich zusammen zuckte.

Warum er so abgehackt redete war mir ein Rätsel.

„Sergeant Constable Jo, wie oft muss ich dir noch sagen, wir sind hier nicht mehr auf der Polizeiakademie! Steh bequem!“, meckerte ihn mein Onkel an.

Sowohl Jack und auch ich mussten uns ein Grinsen verbeisen. Der junge Mann nickte und ließ seine Hand sinken. Wie die anderen Polizisten trug er Uniform.

„Jo-Yuen, du gehst da jetzt wieder hinein“, redete Onkel Min-Chul weiter und das Gesicht des jungen Polizisten wurde irgendwie traurig, „… und ziehst diese Uniform aus. Ab morgen will ich dich immer in Privatkleidung sehen! Es muss kein Anzug sein, aber vernünftige Kleidung wäre vorteilhaft… verstanden?“

„Ja!“, rief dieser Jo Yuen laut, drehte sich und rannte wieder ins Haus.

Ich konnte nicht anders und fing an zu kichern, auch Jack grinste.

„Was war das denn?“, fragte ich.

Onkel Min-Chul seufzte.

„Mein neuer Partner…“, antwortete er gedrückt.

„Partner… der?“

Mein Onkel nickte.

„Aber der ist ja nicht viel älter als wir?“

Wieder nickte mein Onkel.

„Der…“

„Lass es Lucas“, unterbrach er mich, „Anordnung vom Chef, keiner verlässt alleine die Station…“

Dann seufzte er wieder. Ich versuchte nicht zu grinsen. Da hatte ihm Senior Police Officer Park ein Jüngelchen als Partner vor die Nase gesetzt, von dem mein Onkel nicht begeistert zu sein schien.

Das Aufschlagen der Eingangstür, des Hauses, lenkte unsere Aufmerksamkeit wieder Richtung Haus, wo dieser Jo Yuen die Treppe mit einem Sprung hinunter hüpfte und es ihn dabei fast auf die Fresse legte. Kichernd drehte ich mich weg.

„Serge…“, begann er wieder, aber Onkel Min-Chul unterbrach ihn einfach in dem er seine Hand hob.

Jo Yuen trug nun eine helle Jeans und ein weißes Hemd, dass er notdürftig in Hose gesteckt hatte. Schön war anders.

„So und jetzt gehst du zum Waffenmeister und lässt dir eine Übungswaffe aushändigen!“

„Waffe…?“, sagte der Kleine entsetzt.

„Junge, du bist jetzt im Außendienst, da musst du eine Waffe tragen!“

Jo Yuen wollte schon salutieren, besann sich aber auf etwas Besseres.

„Okay…!“

Dann rannte er wieder ins Haus.

„Übungswaffe?“, fragte ich grinsend.

„Ja, sieht einer echten Waffe täuschend ähnlich, feuert aber nur Gummigeschosse ab. Tut sehr weh, aber tötet nicht!“, erklärte Min-Chul.

„Du hast auch eine Waffe?“

„Aber eine Richtige…“, meinte mein Onkel nickend und hob sein Jacket etwas an, bis ich seine Waffe in einem Schulterhalfter sehen konnte. Ich schaute zu Jack, der mit der Schulter zuckte und dann genervt mit den Augen rollte.

Er drehte sich etwas nach rechts, hob seinen Pulli etwas an. Von seiner Bauchmuskulatur etwas abgelenkt, konnte ich hinten, im Bund der Hose steckend, seine Waffe entdecken.

„Du trägst die immer mit dir herum?“

Jack nickte.

„Ihr hast du vielleicht dein Leben zu verdanken!“, mahnte Onkel Min-Chul und erinnerte mich an den Vorfall mit In-Jook.

„Ja, ist ja gut, ich bin das nur nicht gewohnt! So etwas sieht man im Fernsehn und nicht live neben einem.“

Jo Yuen kam zurück. Dieses Mal sprang er nicht, sondern stolperte fast die Treppe hinunter, weil er zu sehr mit anlegen des Schulterhalfter beschäftigt war. Dabei fiel ihm die Jacke herunter, die er umständlich unter den Arm geklemmt hatte. Wieder seufzte mein Onkel neben mir.

„… warum ich?“, sagte er leise und lief auf Jo Yuen zu.

Ich konnte nur grinsen.

*-*-*

Ab und zu fand ich Loyalität zum Kotzen. Natürlich schwiegen die beiden Herren aus dem Verfolgungswagen. Kein Sterbenswörtchen war aus den beiden heraus zubekommen. Etwas Gutes hatte es trotzdem.

Sie sagten zwar nicht, wer ihr Auftraggeber war, aber hinter Gitter mussten sie trotzdem, nämlich wegen der Körperverletzung an Dr. Lee. Es war schon Mittag, als wir am Haus ankamen.

Auch hier standen mehr Männer als sonst vor dem Haus. Jae-Joong und auch Onkel Min-Chul gaben ihre Autoschlüssel ab. Er war uns mit Jo Yuen in einem weiteren Wagen gefolgt. Hyun-Woo kam ins Sichtfeld und ich strahlte über das ganze Gesicht.

„Hallo Schatz“, meinte ich und umarmte ihn.

Leicht unsicher und rotwerdend drückte er mich von sich. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie Jo Yuen eine Frage stellen wollte, aber Onkel Min-Chul nur abwinkte.

„Hallo Lucas“, lächelte er verlegen.

Den Begrüßungskuss verkniff ich mir, Hyun-Woo zierte sich schon genug.

„Wer ist das?“, wollte er wissen und zeigte auf Jo Yuen.

Das hätte er lieber nicht fragen sollen, denn schneller als ich antworten konnte, stand dieser wieder stramm und ließ seinen Spruch los.

„Sergeant – Constable – Jo – Yuen.“

Wie ich schon vorher, zuckte auch Hyun-Woo zusammen. Onkel Min-Chul zog Jo Yuen zur Seite und flüsterte ihm etwas zu. Seine Gesichtszüge sprachen Bände.

„Onkel Min-Chuls neuer Partner…“, flüsterte ich Hyun-Woo zu.

„… etwas jung und sehr laut“, kam es postwendend leise zurück, „… und gut sieht er aus.“

„Auch schon bemerkt… etwas schlaksig vielleicht…“, grinste ich Hyun-Woo an.

Hyun-Woo sah mich an und grinste.

„Was denn? So dünn bin ich auch nicht!“

Hyun-Woo nickte und schob mich Richtung Eingang. Zwei Männer und Jack halfen dem mittlerweilen wieder wachen Dr. Lee ins Haus. Er sah schon etwas besser aus.

„Da haben die ja ganze Arbeit geleistet, aber lass uns hochgehen. So-Woi und Mr. Ri warten bereits auf euch.“

„Mr. Ri ist auch da?“

„Ja, auf Wunsch von So-Wois Grandma. Sie will uns nach wie vor mit allen Mitteln unterstützen.“

Hyun-Woo schob mich hinter den anderen her. Wenig später verließen wir auf So-Wois Ebene den Fahrstuhl und wurden schon von So-Woi begrüßt. Sein Gesicht hellte sich auf, als er Jack sah.

Aber es blieb nur beim Blickkontakt. Dr. Lee wurde von Jacks ehemaligem Pfleger Sung-Won zur großen Couch geführt, wo er ihn langsam niederließ. Hyun-Woo lief direkt zur Küchentheke, wo schon ein Tablett mit mehreren Tassen stand.

Mr. Ri kam auf mich zu und begrüßte mich und meinen Onkel. Jo Yuen, er wurde von Onkel Min-Chul vorgestellt, schwieg dieses Mal, verbeugte sich brav und schüttelte Mr. Ris Hand. Schon besser, dachte ich und ließ mich neben Doktor Lee nieder.

Verzweifelt schaute er erst mich und dann die anderen im Raum befindlichen Personen an.

„Lucas, es tut mir so leid, dass du so viel Ärger wegen mir hast.“

„Sagen sie so etwas nicht, Young-Sung. Sie haben doch den Ärger“, meinte ich verlegen.

„Ich muss meinem Neffen recht geben…“, mischte sich mein Onkel ein.

„Neffen?“, rutschte es Jo Yuen heraus, was mich wieder zum Grinsen brachte und ihn einen tödlichen Blick von Onkel Min-Chul einbrachte.

„Ja Lucas ist der Sohn meiner Schwester…wo war ich ach so ja. Dr. Lee durch die Bemühungen meines Schwagers, sie als Partner seiner Praxis anzuwerben, hat ihnen diesen Ärger erst gebracht. Es ist nur selbstverständlich, dass wir ihnen helfen!“

Etwas belämmert stand nun Jo Yuen neben meinem Onkel und sagte nichts mehr. Hyun-Woo kam an den Tisch und stellte das Tablett mit Tassen darauf.

„Möchte jemanden einen Tee?“, fragte er und ich sah wie sich Jo Yuen schon melden wollte, aber Onkelchen ihn zurück hielt.

Er flüsterte Jo Yuen etwas zu und setzte sich dann neben mich. Onkels Partner dagegen stellte sich hinter die Couch zu Onkel Min-Chul. Dann beugte er sich vor und flüsterte Min-Chul etwas zu.

Dieser langte genervt in die Innenseite seine Jacke und zog einen kleines Notizbuch und Kugelschreiber hervor.

„Passen sie auf den Kugelschreiber auf, das ist ein Geschenk meiner Schwestern!“, hörte ich Onkel leise sagen.

Jo Yuen nahm beides entgegen und nickte. Er klappte das Büchlein auf, blätterte darin und begann dann zu schreiben. Anscheinend sollte er sich Notizen machen und hatte selbst nichts zu schreiben.

In all dem Trubel hatte er es wohl vergessen. Mr. Ri hatte sich ebenso gesetzt und nachdem er dankend eine Tasse Tee entgegen genommen hatte, reichte er mir ein Schriftstück.

„Ich habe es extra für sie übersetzten lassen, Lucas!“

„Danke Mr. Ri“, meinte ich und lass das Übersetzte. In Englisch.

Als ich das Blatt überflogen hatte, schaute ich fragend zu Mr. Ri. Das Blatt reichte ich an Min-Chul weiter.

„Ich versteh nicht ganz, was soll diese Auflistung…, das sind alles Medikamente… oder?“

„Ja sind es“, antwortete Mr. Ri, „genau genommen sämtliche neuen Medikamente, die seit Jahresbeginn in der Klinik verabreicht wurden.“

„So viele?“, fragte ich erstaunt, „ also ich meine, wenn ich so darüber nachdenke, wie lange dauert es denn bis ein Medikament benutzt werden kann?“

„Zehn bis zwölf Jahre….“, sagte Dr. Lee leise.

„So lange?“

„Lucas du musst bedenken, dass die Wirkstoffe, neu mit einander kombiniert erst auf ihre Wirkung getestet werden müssen, das ist vorgeschrieben“, Dr. Lee griff sich an den Kopf, „und dass sind eine Reihe von Test… eine Vielzahl…“

„Möchten sie sich nicht lieber hinlegen“, meinte So-Woi besorgt.

„Nein, geht schon, vielleicht kann ich auch etwas zu steuern. Aber nach dem, was ich gerade höre. Ich wusste nicht, dass die Klinik, so eng mit der Pharmaindustrie zusammen gearbeitet hatte. Bei schwierigen Fällen kam meist der Vorschlag vom Professor, welche Präparate eingesetzt werden können.“

„Wenn der Chef etwas vorschlägt, hinterfragt natürlich keiner, ob das Mittel auch verträglich ist“, warf Mr. Ri ein.

„Hat das Medikament auch der Professor vorgeschlagen, an dem dieser Patient gestorben ist… für was sie die Verantwortung übernommen haben?“, fragte ich Dr. Lee.

„Wenn ich recht überlege… ja!“

Ich schaute kurz zu den anderen.

„Ich weiß nicht, ob es eine dumme Frage ist?“, mischte sich plötzlich Jo Yuen ein, „was ist, wenn jemand diese vorgeschriebene Test umgehen will und es direkt im Krankenhaus probieren möchte?“

Onkel Min-Chul wollte schon etwas sagen, aber Mr. Ri kam ihm zuvor.

„Die Frage ist nicht dumm…, dazu benötigt man aber Personen in der Klinik und an anderen Stellen, die mit der Sache betraut sind…“

Onkel Min-Chuls Augen wurden groß und sah erstaunt Jo Yuen an.

„Der Professor…?“

Mein Blick wanderte zwischen Jo Yuen und Mr. Ri hin und her.

„Nein…, das glaube… ich nicht, das… würde ja heißen…“, stammelte Dr. Lee.

Entsetzt schaute er uns an.

„… der Konzern spart sehr viel Geld, wenn die Testzeit erheblich verkürzt wird und wenn man diesen Gedanken weiter nachgeht, dass für jedes Medikament ein Bonus für den Professor herausspringt…“, kam es von Mr. Ri.

„… würde heißen, der Professor verdient daran sehr viel, wenn ich mir die Liste mit den neuen Medikamenten so ansehe.“

„Er hat einen Eid abgelegt, jedem Menschen zu helfen…“, widersprach Dr. Lee.

„Das ist es wohl Ansichtssache, wie man den Menschen hilft!“, sagte Jo Yuen.

Etwas vorlaut der junge Mann, dachte ich. Aber wie heißt es so schön, mitdenken und Initiative zeigen. An Selbstvertrauen schien es ihm nicht zu fehlen.

„Jo Yuen!“, kam es scharf von Onkel Min-Chul.

„Lassen sie ihn, Police Officer Park“, meinte darauf Mr. Ri, „so gesehen hat ihr junger Kollege schon Recht. Wir wissen nicht, wie der Professor tickt…, auch spielt sicher das viele Geld eine Rolle.“

Onkel Min-Chul nickte darauf nur, sagte aber weiterhin nichts mehr dazu.

„Was ich aber dann immer noch nicht verstehe, was hat das alles mit Dr. Lee zu tun?“, fragte ich, „es muss ja einen immensen wichtigen Grund geben, das man ihn so penetrant von der Arbeit abhält…“

„Lucas, das ist so wie bei mir“, meldete sich plötzlich Hyun-Woo zu Wort.

Verwirrt schaute ich ihn an.

„Je länger ich dir zur Seite stehe, umso mehr Befugnisse gewährtest du mir. Ich bekam Einblick in dein privates Leben, lernte dich dadurch besser kennen.“

„Und was hat das mit der Sache zu tun?“

„Dr. Lee war leitender Arzt auf seiner Station, also schon länger im Krankenhaus tätig und dadurch hat er mehr Befugnisse als andere Mitarbeiter. Er hat Einsichten in Datenblätter von Patienten, über Abläufe im Krankenhaus und, und, und… Meinst du nicht, er hätte diesen, sagen wir mal, Medikamentenschwindel nicht irgendwann entdeckt?“

„… dass er nicht schnüffeln kann…?“, sagte ich eher zu mir, als zu den anderen.

„Genau“, meinte Hyun-Woo, „und wenn ich, wie Mr. Ri, weiter darüber nachdenke, könnte dies auch erklären, warum der ehemalige Kollege von Dr. Lee durch einen fingierten Unfall sterben musste…, weil er eben schon zu viel wusste und damit gefährlich werden konnte.“

Die Sache wurde mir langsam zu groß. Da konnte ja wer weiß mit drin hängen. Wenn ich Hyun-Woos Gedanken weiterführte, kam mir Frage, warum sie dann Dr. Lee nicht auch schon umgebracht hatten. Der Gedanke bescherte mir eine Gänsehaut und es schüttelte mich.

„Alles in Ordnung, Lucas?“, fragte Hyun-Woo besorgt.

„Schon gut…, das alles ist nur irgendwie beängstigend.“

*-*-*

Da wir aber keine richtigen Beweise hatten, die alles miteinander verbunden hätte, bewegten wir uns auf dünnem Eis. Dass der Professor jedoch irgendwie in das Ganze verwickelt war, das war sicher.

So mussten wir weitere Belege über diese Sachen finden und große Vorsicht walten lassen, denn noch immer wussten wir nicht, wer darin alles verwickelt war. Ich war mit Hyun-Woo am Mittag bei Großmutter eingeladen, da ich schon eine geraume Zeit mich dort nicht mehr blicken hatte lassen.

Dass ich mit der Mail an meinen Vater, mir vielleicht ein Rückflugticket einhandeln würde, daran wollte ich gar nicht denken. Mir war einfach wichtig, dass über die Sache seines Freundes und vielleicht zukünftigen Partners auch Bescheid wusste.

Über die Antwort war ich mehr als verwundert. Nicht ein Wort darüber, dass ich sofort nach Hause kommen soll, nur eine kurz Bemerkung, dass ich auf mich aufpassen sollte. Er war eher an der Liste mit den Medikamenten interessiert.

Ich bat Mr. Ri, diese Liste meinem Vater schnellst möglichst zukommen zu lassen. Was er damit wollte, verstand ich aber nicht. Im Augenblick saß ich neben Hyun-Woo im Wagen und war zu meinem Großvater unterwegs.

Ich wollte nicht, dass diese Sache auch noch meine neu gewonnene Freiheit, meine Familie hier immer besuchen zu können, einschränkte.

„Du bist so in deinen Gedanken versunken…?“ riss mich Hyun-Woo aus meiner Welt.

Ich drehte meinen Kopf zu ihm und lächelte ihn an.

„Alles okay, mir geht es gut. Ich dachte nur daran, was da alles dran hängt, wie viele Menschen vielleicht deswegen schon gestorben sind, das ist beängstigend!“

„Deshalb auch die Aufforderung deines Onkels, dich etwas zurück zu halten!“

„Hyun-Woo, du kannst mir glauben, dass ich nichts lieber als das tun würde, aber die andere Seite lässt mich ja nicht in Ruhe.“

„Es tut mir leid, dass du durch meine Fam…“

„Halt Stopp, Hyun-Woo, so habe ich das nicht gemeint. Ich müsste mich eher entschuldigen, dass deine Mutter und Großmutter da mit hinein gezogen wurden…, wie geht es deiner Großmutter eigentlich?“

„Meine Mutter meinte, sie wäre wieder putz munter, würde sie herum kommandieren, es wäre Zeit, das man sie entlassen würde… und…“

„… und was?“

„Sie verlangt nach mir…“

„Und warum besuchst du sie dann nicht?“

„… ich… ich traue mich nicht. Sie ist schließlich wegen mir im Krankenhaus gelandet.“

Darauf wusste ich nicht zu sagen.

„Dann fahren wir sie jetzt besuchen“, sagte ich, ohne darüber nach zu denken.

„Nein, du willst deine Großeltern besuchen!“

„Das ist eine lahme Ausrede!“

„Aber…“

„Nichts aber! Du steuerst den nächsten Blumenladen an und danach fahren wir ins Krankenhaus!“

„Blumenladen?“, fragte Hyun-Woo leicht verwirrt.

„Nicht für dich, für mich! Ich will doch als Freund ihres Enkels einen guten Eindruck machen“, grinste ich ihn an.

*-*-*

Leicht zitternd lief Hyun-Woo vor mir her. Wir hatten uns darauf geeinigt, meine Großeltern danach zu besuchen. Vor der Tür stoppte Hyun-Woo abrupt und hielt inne. Ich klopfte einfach an der Tür und nahm ihm die Entscheidung ab, vielleicht doch noch das Weite zu suchen.

Ich schob die Tür auf und betrat als erstes den Raum. Natürlich lag Hyun-Woos Großmutter nicht alleine im Zimmer. Noch drei weitere Damen füllten die im Zimmer stehenden Betten, die nur durch dünne Vorhangstoffe getrennt waren.

Ich wusste von Hyun-Woo, dass seine Oma am Fenster lag. So lief ich freundlich nickend an den ersten Betten vorbei, bis Hyun-Woos Mutter und Oma in Sicht kamen.

„Hallo“, meinte ich und verbeugte mich vor beiden.

„Hallo Kinder, das ist aber eine Freude, dass ihr mich besuchen kommt!“, meinte Hyun-Woos Großmutter.

Zögerlich trat Hyun-Woo neben mich, den Blick leicht zu Boden gerichtet.

„Sind die Blumen für mich“, meinte sie strahlend.

Ich nickte, umrundete Hyun-Woos Mutter, bis ich direkt neben Hyun-Woos Großmutter stand.

Ich senkte den Strauß leicht, damit sie sich die Blumen besser betrachten konnte.

„Die sind aber schön…, die waren sicher teuer…, oder?“

Darüber hatte ich mir keine Gedanken gemacht. Wie immer hatte Hyun-Woo bezahlt.

„Mutter, danach fragt man doch nicht.“

„Hallo …Mutter“, sagte ich zögerlich und verbeugte mich leicht, nicht ohne meine Hand auszustrecken.

Diese wurde genommen, aber nicht geschüttelt. Ich spürte, wie daran gezogen wurde und schaute auf. Hyun-Woos Mutter lächelte mich an und wenig später spürte ich ihre Hand an meiner Wange.

„Geht es dir auch gut…, kümmert sich meine Sohn auch gut um dich, du siehst erschöpft aus.“

Ich nickte nur, weil ich wiedermal nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Meine vorhin gefühlte Selbstsicherheit war mal wieder verflogen.

„Enkel, warum stehst du so da, willst du deine Großmutter nicht richtig begrüßen?“, sagte Hyun-Woos Großmutter im strengen Ton.

Ich machte einen Schritt zur Seite und ließ Hyun-Woo vorbei. Dieser verbeugte sich aber nicht wie sonst, sondern fiel auf die Knie und begann zu wimmern.

„… es tut mir leid, Großmutter…, ich wollte dich nicht enttäuschen…“

„Von was redest du?“

Verwirrt schaute ich zu Hae-Soon, Hyun-Woos Mutter, die mich aber nur anlächelte und meine Hand hatte sie auch noch nicht losgelassen. Hyun-Woo ging es aber ähnlich, der genauso fragend seine Großmutter anschaute.

„… dass… mit Lucas…“, stotterte er.

„Was ist mit Lucas, das ist doch ein netter junger Mann!“

„… aber bist du nicht enttäuscht, dass ich…?“

„… mit diesem reizenden jungen Mann zusammen bist? Junge, ich mag alt sein, schon etwas vergesslich, aber ich bin nicht senil! Ich weiß nicht, wie du auf den Gedanken kommst, ich könne enttäuscht sein, dass du und Lucas ein Paar seid.“

„Aber dein Schwächeanfall…, Mutter meinte du hast Zeitung gelesen und…

„Da habe ich mich über die Reporter aufgeregt, die so einen Schwachsinn über meinen Enkel geschrieben haben!“

„Also nicht wegen mir?“

Hyun-Woos Großmutter schüttelte den Kopf und wurde mir immer mehr sympathischer.

„Vergiss das ganz schnell. Gut ich habe mich noch nicht ganz damit abgefunden, dass ich von dir keine Urenkel zu erwarten habe, dafür habe ich aber einen weiteren Enkel dazu bekommen!“

„Danke Großmutter!“, meinte Hyun-Woo und umarmte sie.

Das wäre dann auch wohl vom Tisch dachte ich mir und lächelte.

*-*-*

Meine Großmutter wollte mich gar nicht mehr los lassen.

„Junge, du scheinst sehr viel zu tun zu haben, du lässt dich gar nicht mehr blicken!“

Sie ließ mich endlich los und ich konnte mich wieder aufrichten.

„Tut mir leid, Großmutter, aber jedes Mal, wenn ich zu dir möchte, kommt mir etwas dazwischen.“

„… lahme Ausrede“, hörte ich es leise hinter mir und ich drehte mein Kopf zu Hyun-Woo, der mich angrinste.

„Hallo Hyun-Woo“, begrüßte Großmutter nun ihn.

Sie Griff nach seiner Hand und drückte sie.

„Hallo Großmutter Sung-Min“, erwiderte Hyun-Woo verlegen und leicht verbeugend.

„Wie geht es deiner Großmutter.“

„Wieder gut, sie darf in zwei Tagen das Krankenhaus verlassen.“

„Das freut mich zu hören! Meinst du, bevor sie nach Hause fährt, könnte ich sie persönlich kennen lernen, sprich, sie auf eine Tasse Tee einladen?“

„Darüber werde ich mit meiner Mutter sprechen, wenn es ihnen rechte ist.“

„Kein Problem, Hyun-Woo… und hast du viel Arbeit mit meinem Enkel?“

Verwundert über die Frage schaute ich zu meinem Schatz.

„Nein, ihr Enkel macht keine Arbeit, es macht Spaß mit ihm zusammen zu sein!“

„Hach wie romantisch…, da möchte man selbst noch einmal jung sein“, kicherte Großmutter.

Dass das Ganze nicht ausuferte, mischte ich mich in das Gespräch ein.

„Wo ist Großvater?“, wollte ich wissen.

„Ach, der ist mit einem Mann drüben in dem Nachbarhaus, um etwas anzusehen.“

„Dann schau ich mal kurz vorbei…“, meinte ich.

„Bleib aber nicht zu lange, ich habe etwas Gebäck gemacht und Tee.“

„Ich bin sofort wieder da“, meinte ich und schaute zu Hyun-Woo.

„Ich werde deiner Großmutter helfen“, sagte er nur und ich nickte ihm leicht seufzend zu.

Was hatte ich nur für ein Glück, einen so süßen Kerl abzubekommen. Lächelnd ging ich wieder ins Haus, durchquerte es, bis ich den Laden erreichte. Dort standen wie immer Sung-Ja und Min-Ri und bedienten Kundschaft.

Der Laden schien gut zu laufen, denn immer wenn ich hier war, waren Kunden da. Ich nickte den beiden lächelnd zu und trat hinaus, vor das Geschäft. Mein Blick wanderte über den kleinen Platz vor dem Laden.

Ich konnte nichts Besonderes entdecken. Also niemand, der vielleicht da stand und mich beobachtete. Die Stimme von Großvater ließ mich zu meinem neuen Eigentum schauen, dem Haus.

Dort konnte ich ihn mit einem Mann entdecken. Großvater schien leicht verärgert zu sein, denn er redete mal wieder mit Händen und Füßen. So ging ich auf die beiden zu, ohne zu wissen, was mich dort erwartete.

„Da kommt ihr Enkel ja selbst, da kann ich den Bescheid selbst aushändigen!“, meinte der Mann zu Großvater, der sich zu mir nun umdrehte.

„Hallo Großvater“, meinte ich nur.

Der Mann schob sich an Großvater vorbei und baute sich vor mir auf.

„Du bist Lucas Dremmler, Besitzer dieses Hauses?“

Er ließ mich gar nicht antworten, sondern sprach einfach weiter.

„Hiermit übergebe ich dir eine einstweilige Verfügung über einen Baustopp für dieses Haus!“

Er hielt mir einen Umschlag entgegen. Etwas verwirrt schaute ich ihn an, aber behielt meine Fassung.

„Guter Mann, mir ist nicht bewusst, dass wir so familiär sind, dass sie in so einen Ton mit mir reden dürfen. Auch ich habe Rechte. Es stimmt, ich bin Besitzer dieses Hauses, aber wie sie sehen, wird an diesem Haus nicht gebaut. Ich schlage vor, sie nehmen ihren Brief wieder mit und teilen ihren Auftraggeber mit, dass er etwas vorschnell gehandelt hat!“

„Aber…“

„Nicht aber…“, ich wurde lauter und spürte gleichzeitig Opas Hand auf meinem Arm.

„Bitte verlassen sie mein Grundstück, oder ich werde die Polizei holen, zu denen ich einen sehr guten Draht habe!“

Der Mann sagte nichts mehr, steckte den Umschlag in seine Tasche und setzte sich wortlos in Bewegung. Wir schaute ihm nach, bis er in aus unserem Blickfeld verschwunden war.

„Dem hast du es aber gegeben!“, meinte Großvater neben mir.

Ich grinste, drehte mich zu ihm und nah ihn erst einmal in den Arm.

„Hallo Großvater“, sagte ich nur und schmiegte meinen Kopf etwas an seiner Schulter.

„Hallo Lucas, es freut mich dich zu sehen!“

Ich richte mich wieder auf.

„Meinst du nicht, dass wird Ärger geben?“, wollte er wissen.

„Großvater, das ist mir im Augenblick egal, darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken. „Naja, vielleicht…, dass die Gegenseite gute Beziehungen hat.“

„Wie meinst du das?“, fragte Großvater, der sich in der Zwischenzeit bei mir eingehängte hatte und wir zurückliefen.

„Man bekommt nicht gerade mal so einen richterlichen Beschluss auf Wunsch, oder?“

„Ich verstehe immer noch nicht was du meinst.“

Wir waren kurz vor dem Laden stehen geblieben.

„Reden wir drinnen weiter, Großvater“, meinte ich nur und zog ich leicht weiter.

„Da hast du Recht…“

Wir betraten den Laden und natürlich schauten die Anwesenden zu uns herüber.

„Mein Enkel aus Deutschland…“, sagte er nur.

Ich spürte den Stolz mit dem er das sagte und lief lächelnd hinter ihm her. Im Garten angekommen, saß Hyun-Woo bei Großmutter an einem reich gedeckten Tisch. Soso, etwas Gebäck.

„Da seid ihr ja wieder“, meinte sie nur und Hyun-Woo erhob sich.

Natürlich streckte er seine Hand aus und verbeugte sich leicht.

„Hallo mein Junge“, meinte Großvater und schüttelte ihm die Hand.

„Hallo Großvater Sung-Min.“

Wir setzten uns zu Großmutter an den Tisch.

„Hyun-Woo, könntest du mir den Gefallen tun und den Tee einschenken.“

„Gewiss, Großmutter!“

Ich schaute zwischen den beiden hin und her und musste lächeln. Das Hyun-Woo meine Großmutter nur mit Titel und nicht dem Namen anredete war nicht normal. Die beiden mussten sich wohl unterhalten haben und Großmutter dies ihm erlaubt haben. Er gehörte nun zur Familie.

„… ähm Hyun-Woo, wenn du Großmutters Wunsch erfüllt hast, könntest du kurz So-Woi darüber informieren, dass man mir eben einen richterlichen Beschluss über einen Baustopp aushändigen wollte.“

„Baustopp…?“, kam es von Großmutter.

„Kil-Soon, du hättest unseren Enkel sehen sollen, wie er diesen Mann die Meinung gesagt hat!“

Das war auch eine Premiere. Großvater redete sie mit Namen an, dass hatte ich vorher noch nie gehört, dass er sie so direkt ansprach. Auch jetzt konnte ich den Stolz heraus hören.

„Bekommt er denn da nicht Ärger…, Lucas, du sollst doch besser aufpassen, wenn dieser Mann jetzt zur Polizei geht, weil du diesen Beschluss nicht angenommen hat?“

„Da muss ich deiner Großmutter Recht geben, Lucas“, kam es nun von Hyun-Woo.

„Soll er doch“, meinte ich leicht trotzig, „… wir wissen ja nicht mal, was wir umbauen möchten, da kommen die schon mit einem Baustopp.“

„Aber den Grund über den Baustopp weißt du nicht?“

„… öhm, nein!“

Hyun-Woo schaute mich durchdringend an. Also hatte ich mal wieder Bockmist gebaut.

„… entschuldige…“, meinte ich nur und ließ den Kopf hängen.

„Ich werde auch Mr. Ri Bescheid geben, soll der sich darum kümmern.“

„… aber das sind Familienangelegenheiten, die…“

Hyun-Woo hatte mittlerweile den Tee verteilte und setzte sich neben mich. Dann nahm er meine Hand in seine und unterbrach mich einfach.

„Lucas, das ist schon lange keine Familienangelegenheit mehr. Wir wissen ganz genau, wer veranlasst hat, dass du diesen Bescheid bekommst. Nicht nur deine Familie, sondern auch meine Familie und So-Woi mit seiner Großmutter wurden da, mit hinein gezogen.“

„Wieso So-Woi…“

„Sein Vater hat mal wieder Informationen über dich einziehen lassen und seinen Sohn eine kurze Mitteilung zukommen lassen, den Umgang mit dir zu meiden.“

„Junge, wo bist du da nur hineingeraten?“

Das kam natürlich wieder von Großmutter.

„Großmutter, ich bin in nichts hineingeraten. Es gibt nur Menschen in dieser Stadt, die mir mein Leben schwer machen wollen, obwohl ich niemandem etwas getan habe!“

„So gesehen, erregt anscheinend deine bloße Anwesenheit schon Ärger“, meinte Großvater und griff nach seiner Tasse.

„Es tut mir wirklich leid, wenn ich euch allen so viel Ärger bereite“, meinte ich traurig und senkte den Kopf wieder.

„Lucas, bitte, du bereitest uns keinen Ärger“, kam es von Hyun-Woo, der die ganze Zeit über, meine Hand festgehalten hatte, „du bist ohne deine Schuld, in etwas hinein geraten, was uns mittlerweile alle betrifft. Ich wollte nur damit sagen, dass du nicht alleine da stehst…“

„Hyun-Woo hat Recht, wir stehen alle hinter dir, du musst das nicht alleine durchstehen, Lucas“, bekräftigte Großvater, Hyun-Woos Aussage.

Traurig schaute ich die drei an.

„Ich bin nach Korea gekommen, weil ich dieses Land kennen lernen wollte, woher meine Mutter stammte, naja vielleicht auch, um die Familie meiner Mama kennen zu lernen. Ich wollte wissen, ob das alles stimmt, was mir Mama, aber auch mein Kunstlehrer Park In-Jeu erzählt haben.“

Die drei unterbrachen mich dieses Mal nicht und hörten einfach zu. Ich spürte, wie vereinzelt mir Tränen die Wange herunter kullerten.

„Mir wurde viel Freundlichkeit, Freundschaft und Zuneigung entgegen gebracht, aber auch Gier, Hass und Neid habe ich kennen gelernt in diesem Land. Ich meine nicht damit, dass es in Deutschland besser wäre…, aber dort bin ich irgendwie behütet aufgewachsen…“

„Du sehnst dich nach zu Hause… möchtest nach … Hause?“, kam es leise von Hyun-Woo.

„Nein und ja…“, meinte ich und schaute Hyun-Woo direkt in die Augen, die ebenso feucht waren, wie meine.

Angst und viel Traurigkeit konnte ich darin sehen, aber auch ein großes Fragezeichen.

„Ja…, ich sehne mich nach zu Hause, meine Eltern, ja auch nach meiner Schwester…, dem einfachen Leben in der Schule…“

Ich atmete tief durch.

„Und nein, ich will nicht nach Hause, weil ich hier viele liebe Menschen kennen lernen durfte und so zusagen ganz tollen Familien Zuwachs bekommen habe…“

Dabei schaute ich meine Großeltern an, die mich anlächelten.

„Nein, ich will hier bleiben, mich dieser Herausforderung, Korea richtig kennen zu lernen, stellen! Das da jemand quer schießt und mit Steine in den Weg legt, wird wohl immer so sein, dass ist überall gleich, denke ich…“

Hyun-Woo zog mich zu sich und umarmte mich kräftig, ohne wohl darüber nach zu denken, dass wir nicht alleine waren.

„… ich möchte einfach nicht, dass dir etwas passiert, Lucas… deine Großmutter ist nicht die einzige, die Angst um dich hat!“, sagte Hyun-Woo, der mich wieder losgelassen hatte, „will dich einfach… nicht… verlieren…, du bist mir so… wichtig geworden.“

Die letzten Worte waren geflüstert, fast nicht mehr zu hören. Dicke Tränen rannen über seine Wangen. Großvater räusperte sich und griff nach einem dieser süßen Teile, die auf zwei Tellern verteilt waren. Großmutter wischte sich über ihre Augen.

Ich schaute kurz in die Luft und atmete tief durch, bevor ich mir selbst die Tränen aus den Augen wischte. Dann nahm ich einen Schluck Tee. Großmutter hob mir einen der Teller entgegen und ich nahm mir ebenfalls ein Gebäckteil.

„Was ist das?“, fragte ich und schaute mir dieses komisch, verknotete Teigteil an.

„Maejakgwa…, sehr lecker!“, sagte Hyun-Woo lächelnd.

Toll, jetzt wusste ich genauso viel wie vorher.

„Du vermischst Mehl mit geriebenem Ingwer und Wasser, bis du einen Teig hast. Der wird dann dünn ausgerollt, zu diesen Teilen verknotet und dann in Öl ausgebacken… und zum Schluss mit Honig bestrichen.“

„Du kennst dich gut aus, Hyun-Woo“, meinte Großmutter.

„… ich habe früher immer meiner Mutter geholfen, Maejakgwa ist das Lieblingsgebäck meiner Großmutter.“

„Dann solltest du dir welche für sie einpacken.“

„…danke…“

„Wird… dass nicht zu scharf?“, fragte ich nachdenklich, dieses Teil immer noch anschauend, „also ich meine mit dem Ingwer drin?“

„Beiß rein!“, meinte Hyun-Woo nur.

Ich tat das, was man mir sagte und biss ein Stück ab. Zuerst schmeckte ich den Honig und auch Zimt, bevor eine leichte Schärfe zu spüren war.

„Boah, schmeckt das geil…“, rutschte mir es heraus und schaute zu den anderen, „… oh entschuldige Großvater.“

Der grinste mich aber nur an und aß selbst eins von den Teilen.

„Warum hat Mama nie so etwas für uns gemacht?“

„In Deutschland gibt es doch sicher auch viel Gebäck.“

„Oh ja… sehr viel und du musst aufpassen, dass du nicht dick davon wirst!“

Hyun-Woo kicherte hinter vorgehaltener Hand.

„Was?“

„Du scheinst nicht viel davon gegessen zu haben“, meinte er.

Als Antwort streckte ich ihm einfach meine Zunge heraus.

*-*-*

Natürlich teilten Mr. Ri und auch So-Woi, Hyun-Woos Meinung, dass ich diesen Bescheid entgegen nehmen hätte sollen. Mr. Ri wollte sich wie immer darum kümmern. Dieser Mann war echt Gold wert.

Nun lag ich auf dem Bett, müde von dem langen Tag und dem Erlebten. Dr. Lee schien es besser zu gehen, so erzählte es jedenfalls So-Woi. Gesehen hatte ich ihn nicht, denn er schien schon zu schlafen.

Hyun-Woo kam aus dem Bad und löschte das Deckenlicht. Nur noch unsere kleinen Lampen neben dem Bett brannten noch. Er hängte sein Shirt über den Stuhl, schlüpfte aus seinen Hauslatschen, bevor er zu mir ins Bett krabbelte.

Erst jetzt kam mir der Gedanke, dass ich so ein Bett in Hyun-Woos Wohnung nicht gesehen hatte, auch war es viel größer als mein Gästebett oben bei So-Woi. So musste es wohl neu sein.

Hyun-Woo drückte sein Kopfkissen zu Recht, zog seine Decke hoch und legte sich neben mich. Ich hatte mich derweil zu ihm gedreht und meinen Kopf mit der Hand abgestützt.

„Ich liebe dich!“, sagte ich leise.

Er lächelte mich an.

„Weißt du…, ich könnte mir ein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen! Du bist so ein liebevoller, hinreisender und zuvorkommender… süßer Kerl, ich könnt mich gerade noch mal in dich verlieben!“

Hyun-Woos breite Zahnreihe kam zum Vorschein, als er grinste.

„Ich weiß dass du mich liebst, dass spüre ich jeden Tag, du brauchst mir das nicht immer wieder sagen“, entgegnete Hyun-Woo.

„Doch, denn ich finde, die Worte, ich liebe dich, sind einfach zu wenig, für das, was ich für dich fühle.“

Hyun-Woo streckte die Hand aus und strich mir sanft über die Wange.

^“Ich weiß was du meinst…, hätte mir vor Monaten jemand erzählt, dass ich mich Hals über Kopf in einen süßen Deutschen verlieben würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.“

Auch ich lächelte jetzt.

„Wann hast du zum ersten Mal bemerkt, dass du mehr für mich empfindest“, wollte ich wissen.

Er schien kurz zu überlegen.

„Als du vor mir schlafend in Jae-Joongs Zimmer lagst.“

„Schon da… so schnell?“

„… ja…“, antwortete er verlegen.

„Weißt du Lucas, du hast mich von Anfang an fasziniert… wie du beharrlich darauf bestanden hast, dass ich dich mit du anrede…, wie du mich die ganze Zeit behandelt hast, das war ich bisher nicht gewohnt. Keiner hat sich Gedanken darüber gemacht, wie es mir geht. Doch dann kamst du und hast meine Welt auf den Kopf gestellt.“

Ich wollte etwas darauf sagen, aber er legte einfach seinen Zeigefinger auf meine Lippen.

„In meiner damaligen Position dachte ich einfach nicht darüber nach, ob man jemanden kennen lernt, mit dem man sein Leben teilen will. Die Arbeit geht vor, alles andere wird zurück gestellt.“

Das stimmte mich leicht traurig, weil es viele, wie Hyun-Woo gab.

„Ich hatte das Glück, dir unterstellt zu werden, diesem liebevollen und charmanten Mann, der mir Freiheiten einräumte, an die ich nie gedacht hätte…“

Er nannte mich Mann, obwohl ich jünger war als er.

„… diese pure Liebe kennen zu lernen, wie sie in so vielen Büchern beschrieben wurde.

Hyun-Woos Hand strich sanft über meine freiliegende nackte Brust.

„Ich bin einfach nur glücklich… ich liebe dich auch!“

Dann beugte er sich vor und küsste mich. Automatisch zog ich ihn zu mir heran und umarmte ihn. Er hörte nicht auf mich zu küssen und ich spürte, wie seine Hände auf Wanderschaft ging mich überall streichelten.

Wie lange war es her, dass wir so füreinander Zeit hatten. Die letzten Wochen waren sehr anstrengend für mich, aber auch für Hyun-Woo. Seine neue Stellung brachte ihm eben nicht nur mehr Verantwortung ein, sondern auch mehr Arbeit.

Wie er das alles unter einen Hut brachte, war mir ein Rätsel. Umso mehr freute es mich, dass Hyun-Woo jetzt die Initiative ergriff, was mich natürlich einheizte. Schnell waren die Dinge des Tages vergessen und mein Focus war alleine auf Hyun-Woo gerichtet.

So schnell wie alles vergessen war, hatten wir uns auch der Shorts entledigt. Das Spiel mit der Zunge an meinem Nippel, ließ mich aufstöhnen. Das mein Schatz auf mir lag, ich die Wärme seiner nackten Haut auf mir spürte, tat ihr übriges. Ich wollte Hyun-Woo in mir spüren, jetzt, ohne langes Vorspiel. Wollte eins sein mit ihm. So änderte ich leicht meine Position, dass Hyun-Woo gezwungen war, sich zwischen meine Beine, die ich weit spreizte, zu legen.

Natürlich spürte ich sofort Hyun-Woos harte Männlichkeit an meiner Pforte. Manchmal kann es von Vorteil sein, wenn man im Vorfeld viel vorsaftete, wie bei Hyun-Woo. One Probleme drang er mich ein und es tat auch schon lange nicht mehr so weh wie beim Anfang.

Wir beide waren einfach nur Notgeil. Ich wölbte mein Kreuz durch und stöhnte laut auf. Jede Bewegung in mir quittierte ich tonvoll. Meine Fingerspitzen vergruben sich in den Rücken meines Schatzes.

Immer schneller wurden seine Bewegungen und irgendwie hatte Hyun-Woo meinen Punkt gefunden.

„Schatz ich komme…“stöhnte ich ihm laut ins Ohr.

Ohne irgendwelche Berührungen mit der Hand stieg es in mir auf und Hyun-Woos lautes stöhnen verriet mir, dass auch er nicht mehr weit von seinem Höhepunkte entfernt sein konnte.

Laut stöhnend ergaben wir uns beide unserem Höhepunkt. Ich spürte, wie Hyun-Woo, Stoß für Stoß seinen Saft in mich hineinpumpte und ich gleichzeitig dafür sorgte, dass wir zwischen unseren Bäuchen feucht wurden.

Als der Gipfel unserer Tätigkeit langsam am Abklingen war, sackte Hyun-Woo erschöpft auf mich. Obwohl ich ebenso gekommen war, wie Hyun-Woo, pochte mein Heiligtum immer noch heftig, zwischen uns beiden.

Hyun-Woo richtete sich auf, fuhr mit seiner Hand über seinen und meinen Bauch, um dann mit den nassen Fingern seinen Eingang zu befeuchten. Danach ließ er sich langsam auf mich nieder.

Er hielt die Luft an, war mein Teil doch wesentlich größer als seines. Langsam begann er mit den Auf und Ab Bewegungen. Diesmal ging es länger, weil wir beide doch eben schon gekommen waren.

Jetzt genoss ich jede einzelne Bewegung von Hyun-Woo, seine Streicheleien auf meiner Brust und ich liebte es, wenn er meine Männlichkeit in sich versenkte und dabei kleine hohe Töne von sich gab.

Auch ich blieb nicht untätig massierte sein Teil und seine Nippel. Immer wieder beugte er sich vor und küsste mich innig. Seine Zunge wühlte tief in meinem Mund und auch jetzt gab er Töne von sich.

„Lucas ich liebe dich“, stöhnte er mir ins Ohr.

*-*-*

Ich bereute es sofort, mich nicht noch gestern gewaschen zu haben, denn ich spürte das eingetrocknete Weiß auf meinem Bauch sofort, als ich erwachte. Aber ich bemerkte noch etwas anderes.

Es war Hyun-Woos hartes Teil, der noch schlafend halb auf mir lag. Ich musste grinsen und begann ihn sanft den Rücken zu streichen. Hyun-Woo rekelte sich auf mir und brummte. Mit der anderen Hand begann ich seinen harten Stamm zu massieren.

Dies schien wohl Hyun-Woo aufzuwecken, denn schnell hatten seine Lippen, den Weg zu den meinen gefunden und ich ergab mich wieder seinen Küssen. Mein Spiel an seinem Schaft blieb nicht ohne Folgen.

Wieder entlud sich Hyun-Woo, dieses Mal auf mir. Schwer keuchend hob er den Kopf und lächelte mich an.

„Morgen mein Engel“, raunte ich ihm zu.

„Morgen Lucas“, brummte Hyun-Woo mir entgegen.

„Ich werde mal duschen gehen“, sagte ich und befreite mich von meiner angenehmen Last.

„Aber…, aber du bist noch nicht…“

„…Schatz, ich muss nicht immer kommen… und wer sagt denn, dass man nur im Bett kommen kann.“

Ich grinste ihn frech an und lief zum Bad.

*-*-*

Frisch geduscht und angezogen, ging ich in die Küche. Hyun-Woo war noch im Bad, so machte ich mich an das Frühstück. Als erstes ging ich zur Kaffeemaschine. Obwohl ich wusste, dass Hyun-Woo kaum Kaffee trank und lieber Tee vorzog, befand sich trotzdem ein eingebauter Kaffeeautomat im Küchenschrank.

Ich betätigte den Sensor der Maschine, die mit einem sanften Brummen ihre Tätigkeit aufnahm. Danach öffnete ich den großen Kühlschrank. Noch immer war er gut gefüllt mit den Dosen von Hyun-Woos Mutter.

Ein Klicken ließ mich zusammen zucken, aber es war nur der Reiskocher, den Hyun-Woo am Abend zuvor wohl gerichtet hatte und jetzt automatisch seinen Betrieb startete. Da ich mich absolut nicht entscheiden konnte, was wir essen, beschloss ich einfach nur den Tisch zu decken und meinem Schatz die Auswahl der Nahrungsmittel zu überlassen.

Kaum fertig erschien auch Hyun-Woo und ich ließ mir erst mal einen Kaffee heraus.

„Was für einen Tee möchtest du?“, fragte ich.

Wenn Hyun-Woo mir die Küche nicht genau gezeigt hätte, wüsste ich jetzt nicht, dass dieser Haushalt über Teebeutel verfügte. So ging ich davon aus, dass Hyun-Woo diese benutzen würde.

„Grünen Tee“, meinte er, kam zu mir und gab mir einen Kuss.

Ich lächelte ihn strahlend an. An das könnte ich mich wirklich gewöhnen. Bei meinem Schatz schlafen, mit ihm aufstehen und dann gemütlich frühstücken.

„Was willst du essen?“, riss mich Hyun-Woo aus dem Gedanken, der nun selbst vor dem offenen Kühlschrank stand.

„Wenn ich das mal wüsste. Deine Mutter hat so viele leckere Sachen gebracht, ich kenne mich da auch nicht aus.“

„Vertraust du mir?“

„Was für einen Frage…klar!“

„Setz dich, ich mach den Rest.“

So nahm ich Hyun-Woos Tasse, gefüllt mit heißem Wasser, was dieser Kaffeeautomat ebenso ausgespuckt hatte. Mit einem Teebeutel mit grünem Tee versehen stellte ich es an seinen Platz und ich setzte mich.

Der Türgong der Wohnungstür machte sich bemerkbar. Hyun-Woo ging zur Sprechanlage und schaute, wer vor der Tür stand. Ohne etwas zu sagen ging er dann zur Tür und öffnete.

„Guten Morgen So-Woi“, hörte ich ihn sagen und wenige Augenblicke später erschien So-Woi auf der Bildfläche mit Jack und einem fremden Mann im Gefolge.

„Morgen Lucas…, der Architekt meiner Großmutter möchte nur kurz etwas nachschauen“, meinte So-Woi und lief mit dem Mann an mir vorbei.

Ich nickte dem Fremden zu und schaute dann zu Jack, der mit Hyun-Woo zu mir kam. Ein Blick zu dem Fremden zeigte mir, dass er mit dem Rücken zu uns stand. So rutschte ich vom Hocker und umarmend drückte ich Jack einen Kuss auf die Wange.

„Guten Morgen, Großer“, sagte ich lächelnd, bevor ich mich wieder auf meinen Sitz gleiten ließ.

Jack, sichtlich verwirrt, fand erst keine Worte.

„So begrüßt man sich in Europa“, meinte ich leise und grinste ihn frech an.

„… aha… Morgen Lucas“, war das einzige, was Jack verlauten ließ.

„Habt ihr schon gefrühstückt“, kam es von Hyun-Woo.

„Wir wollten gerade, aber dann kam der Architekt“, antwortete Jack.

„Wollt ihr mit uns frühstücken?“

„Gerne, wenn So-Woi auch möchte…, gerichtet haben wir noch nichts.“

„Kaffee oder Tee?“, fragte ich einfach und stand wieder auf.

„Kaffee“, lächelte Jack, „und für So-Woi einen Kräutertee.“

„Kommt sofort“, meinte ich und zog zwei weitere Tassen aus dem Schrank.

„Ich melde mich, sobald der Statiker sein grünes Licht gibt“, hörte ich den Architekten sagen.

„Danke… ich bring sie noch hinaus.“

Der Mann verbeugte sich vor uns und verließ mit So-Woi die Wohnung.

„So-Woi scheint es wohl eilig zu haben, die Treppe einbauen zu lassen“, meinte ich und stellte So-Wois Teetasse unter den Automaten.

„Du hasst den Aufzug, schon vergessen?“, kam es von Hyun-Woo, der gerade den Inhalt einer Dose in die Wokpfanne gleiten ließ.

„Ja, aber ich werde es abwarten können, bis dieses Ding eingebaut wird. Solange werde ich diesen fahrenden Kasten da draußen wohl noch ertragen. Zudem, wenn wir das Haus verlassen, muss ich dieses Ding auch benutzen.“

„Aber der Weg zu So-Woi bleibt dir erspart.“

So-Woi kam zurück.

„Wir frühstücken hier?“, fragte er, bevor er mich richtig begrüßte.

„Guten Morgen….“, meinte er und wir umarmten uns.

Danach ließ er sich neben Jack nieder, dessen Tassen ich nun mit Kaffee befüllen ließ. So-Wois Tasse brachte ich seinem Eigentümer, der sich dafür bedankte.

„Du So-Woi… es tut mir leid“, begann ich, „wenn du wieder Ärger mit deinem Vater hattest.“

„So, davon weißt du also…“, sagte So-Woi und schaute zu Hyun-Woo.

„Sorry…, ich musste gestern Lucas etwas den Kopf zu recht rücken, da habe ich es am Rande erwähnt.“

„So… zu recht rücken nennst du das“, meinte ich und umarmte ihn liebevoll von hinten.

„Lucas, mach dir keine Gedanken, wegen meinem Vater, er versucht es halt weiterhin mir mein Leben schwer zu machen, aber mit Großmutter im Rücken hat er da keine Chance. Zudem kann es ja interessant sein, sich mit gefährlichen Menschen zu umgeben.“

„Gefährlich…Lucas?“, Hyun-Woo fing an zu kichern.

Gespeilt empört schaute ich zu meinem Schatz, der sich zu uns drehte, während er in der Pfanne rührte.

„Lucas kann höchstens für sich selbst zur Gefahr werden“, grinste er.

Da hat wohl die vergangene Nacht Hyun-Woos Selbstsicherheit einen mächtigen Schups gegeben.

„Ach bevor ich es vergesse“, unterbrach So-Woi unser Liebesgeplänkel, „Mr. Ri hat angerufen, ich solle ausrichten, es wäre bereits alles geklärt. Die ganze Sache wäre ein Missverständnis und man entschuldige sich für den Ärger.“

„Der Baustopp?“, fragte ich.

„Ja und man würde sich über die neue Bauunterlagen bevorzugt kümmern.“

„Das will ich gar nicht…, aber egal, lasst uns frühstücken.“

Jack machte sich am Reiskocher zu schaffen und verteilte Reis auf vier Schüsseln, während Hyun-Woo den Pfanneninhalt in eine Schüssel beförderte. Wenig später saßen wir alle an Hyun-Woos Theke und ließen es uns schmecken.

So-Wois Handy störte unsere Ruhe. Sein Gesichtsausdruck ließ sich nicht deuten, als er das Gespräch annahm. Er sagte ein paar Mal „Ja“, bevor er das Gespräch beendete.

Er ließ sein Handy wieder verschwinden und schaute uns an.

„Es tut mir leid, dass wir das Frühstück unterbrechen müssen, aber das war Mr. Ri… Großmutter wünscht unsere Anwesenheit.“

„Warum?“, wollte ich wissen.

„Die Frau, des verunglückten Arztes hat sich bei Großmutter gemeldet…“

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Ein anderes Leben - Teil 13, 10.0 out of 10 based on 19 ratings

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1 Kommentar

  1. Hi Pit, hab mit Freude diese erneut toll gelungene Fortsetzung gelesen, hast du wieder top hinbekommen.

    VlG Andi

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