Ein anderes Leben – Teil 14

Jack musste stoppen, als wir gerade Grandmas Shin-Sook Grundstück befahren wollten, denn ein Polizeiwagen kam  uns entgegen. Ich reckte den Hals, ob ich vielleicht Onkel Min-Chul darin entdecken konnte, aber außer zwei Beamten und einer Frau auf der Rückbank, konnte ich niemand entdecken.

Der Motor heulte kurz auf und der Wagen rollte auf das Grundstück. Natürlich wurde man im Haus darüber informiert, das wir angekommen waren, denn wie immer stand Mr. Ri schon bereit uns zu begrüßen.

Nach der üblichen Begrüßung und Fragen nach meinem Wohlbefinden, liefen wir gemeinsam die Treppe hinauf.

„War das die Frau?“, fragte So-Woi.

Mr. Ri nickte und bat uns hinein zu kommen, Grandma Shin-Sook würde uns alles schon erklären. Drinnen wurden wir in Esszimmer empfangen, wo alle So-Wois Grandma erst einmal herzlich begrüßten.

Als So-Woi vorhin telefonierte, hatte ich nicht mitbekommen, ob er etwas davon erwähnt hatte, dass wir bereits beim Frühstück waren und abgebrochen hatten. Auf alle Fälle war der Tisch nun reichlich gedeckt.

Grandma Shin-Sook erzählte kurz, was sich am Morgen vor unserer Ankunft zugetragen hatte.

„Und was hat sie dazu bewogen, hierher zu kommen und dir alles zu erzählen?“, wollte So-Woi kauend wissen.

„Sie erzählte mir, dass ihr ein Reporter etwas zugespielt hatte und bevor die ganze Sache aufflog, wollte sie sich lieber selber stellen, als verhaftet zu werden.“

„Aber sie hat doch nichts Unrechtes getan“, sagte ich.

„Lucas, sie hat das Geld angenommen und über ihren Mann, dessen Tod und Hintergründe geschwiegen“, erklärte mir Grandma Shin-Sook.

„Trotzdem verstehe ich nicht, warum sie vorher hier her gekommen ist.“

„Das ist das, was ich dir schon oft gesagt habe“, sprach dieses Mal Jack, „holst du eine Information ein, erfährt das immer jemand anders. Es ist sicher nicht unbemerkt geblieben, dass sich Mr. Ri der Sache angenommen hat und es ist kein Problem heraus zu bekommen, dass Mr. Ri für …Grandma arbeitet.“

Es war das erste Mal, dass ich Jack Grandma, ohne Namenszusatz sagen hörte, so wie das eigentlich bisher nur Sp-Woi machte. Dies schien auch unserer Gastgeberin aufgefallen zu sein, denn ein breites Lächeln zierte ihr Gesicht, während sie zu Jack schaute.

„Wer dieser Reporter ist, wissen wir nicht?“, fragte So-Woi.

So-Wois Grandma schüttelte den Kopf.

„Mr. Ri versucht ihn ausfindig zu machen“, erklärte sie.

„Wenn jemand nicht gefunden werden will, ist es schwer ihn zu finden“, kam es leise von Hyun-Woo.

Sein Handy gab laut und er zog es aus der Tasche. Nach einem kurzen Blick darauf, entschuldigte er sich und verließ das Zimmer. Auch etwas, was hier völlig anders war. Während bei uns zu Hause, sich keiner daran störte und man öffentlich und auch oft recht laut telefonierte, zog sich hier die betreffende Person zurück, um die anderen nicht zu stören.

Wenige Augenblicke später kam Hyun-Woo zurück.

„Hoffentlich nichts Unangenehmes?“, fragte Grandma Shin-Sook.

„Nein, das war meine Mutter…, meine Großmutter wird schon heut Mittag entlassen, mit der Erklärung die Klinik bräuchte freie Betten…“

„Aber es geht ihr gut…?“

„Ja danke, von dem Schwächeanfall ist nichts mehr zu merken. Sie sprüht wieder voll Energie“, lächelte Hyun-Woo.

„Das freut mich zu hören. Und was habt ihr heute noch vor?“

„Jack hat nachher ein Meeting mit einer Sicherheitsfirma“, erklärte So-Woi, „die unser Haus bewachen soll und es stehen Vorstellungsgespräche an, da muss ich gleich nachher mit zur Firma und heute Mittag kommt ein Manager einer Popgruppe, die sich für meine Kollektion interessiert und da hätte ich eigentlich Hyun-Woo gerne dabei gehabt.“

Eine Pause entstand, denn jeder wusste, dass mein Schatz eigentlich seiner Familie aus dem Krankenhaus holen mochte.

„Wisst ihr was?“, warf ich ein, „ich hole einfach deine Großmutter und Mutter ab.“

Hyun-Woo wollte etwas sagen, aber ich sprach einfach weiter.

„Meine Großmutter wollte sie eh zum Tee einladen…, du kommst einfach später nach und fahren sie dann zusammen nach Hause.“

„Ob da ein Plätzchen und eine Tasse Tee für mich übrig wären?“, fragte Grandma Shin-Sook.

„Aber sicher doch, Großmutter würde sich sehr über einen Besuch von dir freuen und Großvater sicher auch.“

„Na ja, lass das mal so dahingestellt“, lächelte Grandma Shin-Sook

Ich werde sie gleich nach dem Frühstück darüber informieren und auch Jae-Joong anrufen, dann habe ich jemand, der mich fährt.“

*-*-*

Als alle Telefonate getätigt waren, hatte sich Grandma Shin-Sook zurück gezogen. Wichtige Geschäfte, wie sie sagte. Eigentlich dachte ich, sie wäre hier auf ihrem Ruhestand, aber wie immer wurde ich eines Besseren belehrt.

Sie stand noch voll im Leben, was mir die Vergangenheit schon öfter gezeigt hat. Ich bewunderte die Frau und hatte großen Respekt. Als Feindin wollte ich sie nicht haben. Ich stand draußen auf der Terrasse und schaute in den Garten, als Hyun-Woo neben mich trat. Er sagte nichts, sondern schaute genauso wie ich zu den Kräutern.

„Bist du jetzt sauer auf mich?“, fragte ich leise.

Ich wusste mittlerweile, dass es nicht recht war, einfach zu sagen, dass ich seine Großmutter und Mutter abholen würde. Mein vorschnelles Mundwerk, Dinge die ich einfach sagte und nicht groß über die Konsequenzen nachdachte.

„Es tut mir leid, Hyun-Woo…, ich wollte dich nicht bloß stellen, oder so etwas…, ich wollte einfach nur helfen…“

„Das ist nett von dir, aber ich bin immer noch… so zusagen, das Familienoberhaupt der Familie, nachdem Vater gestorben ist, der das Geld verdient.“

Daran hatte ich auch nie gedacht, dass Hyun-Woo vielleicht seine Familie mit seinem Geld unterstützt. Traurig schaute ich zu Boden. Hatte ich jetzt seine Gefühle verletzt, ihn enttäuscht?

„… sind wir nicht eine Familie…?“, flüsterte ich fast.

Er drehte sich zu mir, aber ich traute mich nicht, ihn anzusehen.

„Mag sein Lucas, dass man dies bei euch zu Hause so handhabt, aber wir sind hier in Korea und du solltest versuchen, die Regeln etwas zu beachten.“

Sein Ton war streng, so hatte ich ihn noch nie reden hören.

„Ich weiß du hast deine Schwierigkeiten damit, aber versuch es wenigstens.“

Ich drehte mich weg, weil ich nicht wollte, dass er sah, dass bereits die ersten Tränen liefen.

„Geht in Ordnung…“, sagte ich leicht gepresst.

Plötzlich spürte ich seine Hand auf meiner Schulter.

„Lucas…?

„:..hm?“

„Ist alles klar mit dir?“

Ich nickte, blieb aber abgewandt von ihm stehen. Nicht lange, denn er zog an meiner Schulter. So kam dass, was ich nicht wollte.

„Lucas…, warum weinst du… wegen mir?“

Ich wollte mich wieder wegdrehen, aber er hielt mich fest.

„… entschuldige Hyun-Woo…, ich wollte das nicht… ich wollte dich nicht enttäuschen“, kam es mit weinerlichen Stimme aus meinem Mund, „… kommt nicht wieder vor.“

„Oh, Lucas! Da hast mich jetzt missverstanden, du hast mich nicht enttäuscht. Ich wollte dir nur meinen Standpunkt klar machen. Entschuldige, ich wusste nicht, dass dich das so mitnimmt!“

Ich ließ meinen Kopf auf seine Schulter sinken und schluchzte. Ich spürte wie er seine Arme um mich legte und sanft über den Rücken streichelte.

„Oh Lucas, was soll ich nur mit dir machen?“

*-*-*

Ich lag wieder in meinem Bett, als ich die Augen aufschlug. Ich hörte ein Klopfen und wie eine Tür ging.

„Wie geht es ihm?“, hörte ich es flüstern.

Das war So-Wois Stimme.

„Er schläft. Wenn sein Großvater davon erfährt, der killt mich.“

Das war Hyun-Woo. Ich wollte etwas sagen, aber So-Woi war schneller.

„Jetzt übertreib nicht. Er wird schon verstehen, dass es einfach zu viel für Lucas ist und er dringend Ruhe braucht. Seit Lucas hier ist, gerät er von einer Scheiße in die anderen…“

„Ich hätte merken müssen wie es ihm geht, wissen müssen, wie zerbrechlich er reagiert. Ich hätte einfach nichts sagen sollen…“

„Ja, so ist das, mit der neu dazu gewonnenen Freiheit, seine Meinung frei zu sagen“, kam es von So-Woi, „aber du weißt selbst Hyun-Woo, Lucas sagt immer was er denkt und leider macht er sich keine Gedanken darüber, was er eventuell damit auf sich lädt. Aber so ist eben unser Lucas und Hyun-Woo, er mag zerbrechlich wirken, aber als Freund mag ich ihn nicht missen. Er hat ein großes Herz und ist immer für uns da.“

„Gerade deswegen hätte ich mehr für ihn da sein müssen!“

Der Ton von So-Woi änderte sich, nicht lauter, aber ernster.

„Du kannst nicht immer und überall auf ihn aufpassen, dass kann Jack bei mir auch nicht! Er soll sich jetzt erst mal erholen, dann sehen wir weiter. Geht das mit deiner Großmutter jetzt in Ordnung?“

„Die holt Jae-Joong ab. Ich würde gerne selbst hinüberfahren, aber ich will Lucas jetzt nicht alleine lassen.“

„Das verlangt auch niemand von dir. Der Manager von BTS hat positiv über die Terminverlegung reagiert, heute Mittag steht nichts mehr an! Eventuell kommt dann nicht nur der Manager, sondern auch Mitglieder der Gruppe. Du kannst mit ruhigen Gewissen bei Lucas bleiben.“

„Danke.“

„Jetzt weiß ich auch, wohin Jack wollte.“

„Ist er nicht hier?“

„Nein, er wollte sicher Jae-Joong begleiten.“

„Ah okay, ich hoffe Großmutter kriegt keinen neuen Schock, wenn die beiden auftauchen.“

„Keine Sorge, du kennst Jae-Joong, der wird das schon machen.“

„Eben…, weil ich ihn kenne.“

„Deswegen wird auch Jack mitgegangen sein!“

Jetzt wurde schon wieder wegen mir so viel Aufwand betrieben. Ich fühlte mich so mies.

„Wir sehen uns heute Abend sicherlich noch, oder?“, fragte So-Woi.

„Wenn ihr wollt, richte ich etwas für euch mit, es ist genug da.“

„Eine gute Idee, dann machen wir das so…, bis später!“

„Bis später…“, hörte ich Hyun-Woo sagen.

Danach war wieder Stille, bis das Schließen der Schlafzimmertür.

„Hyun-Woo?“, fragte ich in die Stille, weil ich nicht wusste, wo er sich befand und es im Zimmer dunkel war.

„Lucas, du bist wach?“

Ich zuckte etwas zusammen, denn ich hatte mit Hyun-Woos Nähe zu mir, nicht gerechnet. Er musste auf dem kleinen Sessel neben der Kommode sitzen. Nun spürte ich, wie er sich neben mich setzte.

„… es tut mir Leid, Hyun-Woo, dass ihr so viel Ärger wegen mit habt.“

Ich spürte plötzlich, wie er nach meiner Hand griff.

„Dazu werde ich jetzt nichts mehr sagen, Lucas, das Thema hatten wir oft genug. Ich sage jetzt nur eins, ich liebe dich von ganzen Herzen und bin immer für dich da!“

Meine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewohnt und ich konnte Hyun-Woos Umriss leicht entdecken. So wanderte meine Hand vorsichtig Richtung seinem Gesicht, wo ich sanft über seine Wange streichelte.

„Ich weiß Hyun-Woo, ich spüre das mit jeder Faser meines Körpers. Deshalb habe ich auch ein schlechtes Gewissen, dass ich dir…, oder euch zur Last werde.“

Hyun-Woo stand auf. Hatte ich wieder etwas Falsches gesagt? Ein leises Brummen ertönte. Der Rollladen. Durch die entstehenden Schlitze fiel Licht ins Zimmer und es wurde immer heller im Raum.

Als das Teil etwa um ein Viertel aufgegangen war, stoppte Hyun-Woo und kam zurück zu mir. Ich konnte aus seinem Gesichtsausdruck nicht schließen, wie er gelaunt war. Er setzte sich neben mich und nahm wieder meine Hand.

„Ich wusste nicht, dass du so schwer von Begriff bist…“, sagte er mit einem Lächeln.

Ich verstand nicht, was er meinte.

„… hä?“

Er kicherte.

„Deine Ausdrucksweise war schon mal besser“, meinte er amüsiert.

Jetzt war ich völlig verwirrt. Er beugte sich zu mir vor und nahm mein Gesicht in seine Hände.

„Schatz, ich liebe dich und das schließt mit ein, dass du nie, wirklich nie eine Last für mich sein wirst!“

Mit großen Augen schaute ich ihn an. Er hatte zum ersten Mal Schatz zu mir gesagt und diese Liebeserklärung ließ doch tatsächlich Blut in mein Gesicht strömen. Sollte ich jetzt strahlen, obwohl ich spürte, dass die Tränendrüsen sich in Gang setzt wollten?

„… danke…“, war das einzige, was ich heraus brachte.

Zu gerührt war ich in diesen Augenblick. Sein Kopf wanderte noch näher und wenig später trafen sich unsere Lippen zu einem innigen Kuss.

*-*-*

„Bleib sitzen!“, sagte Hyun-Woo, als ich erneut aufstehen wollte, um ihn zu helfen.

So ließ ich mich einfach wieder nieder, ohne etwas dagegen zu sagen. Der Türgong ging und automatisch wollte ich aufstehen, um nachzuschauen, wer zu uns wollte. Aber auch dieses Mal hatte Hyun-Woo Einwände, wenn auch nicht verbal, sondern seine Augen sprachen Bände.

So blieb ich auch dieses Mal sitzen und schaute Hyun-Woo hinterher, wie er sich an der Sprechanlage zu schaffen machte. Er sagte zwar nichts, außer einem Okay, aber er raufte sich die Haare.

„Alles okay?“, fragte ich.

„Wir bekommen Besuch!

„Ähm ich weiß… So-Woi und Jack wollen zum Abendessen kommen.“

„Wie viel hast du eigentlich vorhin mitbekommen?“

Ich grinste ihn an, antwortete aber nicht.

„Egal. Die beiden kommen nicht alleine. Sie haben deinen weiblichen Fanclub im Gefolge.“

„Großmutter und Grandma Shin-Sook?“

„Auch…“

„Auch…?“

„Meine Mutter und Großmutter AUCH.“

„Ach herrje… das wird voll werden, hast du genug zu essen?“

„Das lass mal meine Sorge sein! Du solltest dir vielleicht etwas mehr anziehen, als die Shorts und das T-Shirt.“

Nun leicht verlegen grinsend, lief ich zum Schlafzimmer, denn er hatte Recht, so wollte ich nicht meinem weiblichen Fanclub gegenüber treten, der anscheinend immer größer wurde.

*-*-*

Wie immer ging es beim Essen recht laut zu. Jeder redete durcheinander und ich hatte ab und zu Schwierigkeiten, allem zu folgen. Irgendwie war ich doch noch müde. Natürlich war das Hauptthema dieser Arzt und diese Medikamentengeschichte.

Und immer wieder die gut gemeinten Ratschläge an mich. Ich war So-Woi richtig dankbar, als er seiner Grandma den Vorschlag machte, sie heim zu fahren. Während also er und Jack Grandma Shin-Sook persönlich nach Hause brachten, hatte es Jae-Joong übernommen, meine Großmutter zurück zu bringen. Gegen die normale Gewohnheit fuhren Hyun-Woo und ich dieses Mal mit nach unten und verabschiedeten uns vor dem Haus.

Ich half meiner Großmutter in den Wagen, natürlich mit einem Kuss auf die Wange zum Abschied. Diese Gewohnheit von mir hatten wohl nun alle übernommen. Wir standen noch etwas vor dem Haus, bevor mich Hyun-Woo Richtung Eingang schob und wir wieder nach oben fuhren.

Dort befanden sich ja noch seine Mutter und Großmutter. Hyun-Woo hatte einfach beschlossen, die beiden im Gästezimmer übernachteten zu lassen und morgen würden er die beide zurück fahren.

Oben angekommen, fanden wir Hyun-Woos Mutter an der Küchenzeile vor, die gerade dabei war, das Geschirr abzuspülen, während Großmutter Eun-Jin auf der Couch saß und in irgendeiner Zeitung blätterte.

„Mutter, dass musst du doch nicht machen!“, kam es, im leicht verärgerten Ton, von Hyun-Woo.

„Du hast doch gekocht, lass mir dir doch helfen.“

Ich trat neben sich.

„Kann ich abtrocknen?“

„Nein Lucas, du sollst dich doch schonen. Setzt dich doch neben Mutter und unterhalte dich ein wenig mit dir. Mein Sohn und ich schaffen das schon.“

„Mutter, ich habe eine Spülmaschine!“

„Ach was, die Dinger machen doch nicht richtig sauber! Von Hand gespült ist immer noch am besten!“

Da war anscheinend jemand von den modernen Errungenschaften nicht so begeistert. Wie geheißen, setzte ich mich zu Oma Eun-Jin, denn mit Hyun-Woos Mutter wollte ich mich sicherlich nicht anlegen.

„Und dir geht es wirklich wieder besser?“, fragte Oma Eun-Jin.

Ich weiß nicht, wie oft ich diese Frage an diesem Abend gestellt bekommen hatte. Ich nickte und lächelte sie dabei an. Sie griff nach meiner Hand und tätschelte sie.

„Junge, du musst dir unbedingt eine dickere Haut zu legen. Du bist nicht auf den Mund gefallen und blöd bist du auch nicht, also mach etwas daraus.“

„Großmutter…“, hörte ich Hyun-Woo sagen.

Sie drehte den Kopf zu Hyun-Woo.

„Ich werde meinem ENKEL noch einen Ratschlag geben dürfen!“

Nun strahlte ich über das ganze Gesicht, weil sie dieses Wort Enkel so betont hatte. Auch Mutter Hae-Soon und mein Schatz grinsten, während er abwehrende Bewegungen mit seinen Händen machte.

„Hyun-Woo hat mir die Bilder gezeigt, wo ihr diese Anzüge dieses jungen Mannes an habt. „Ich finde die wirklich sehr gelungen, sieht sehr edel und teuer aus“, sprach Oma Eun-Jin wieder weiter mit mir.

„Wie teuer so ein Anzug ist, weiß ich nicht mal, aber billig sind sie sicher nicht.

„Knapp zwei Millionen“, hörte ich es hinter mir.

Mein Kopf fuhr herum und ich schaute Hyun-Woo entsetzt an.

„Bitte?“, rief ich, „zwei Millionen Euro?“

„Lucas, du bist in Korea… zwei Millionen Won! Das sind so ungefähr… hm… 1500 Euro.“

„Ach so.“

Die beiden Damen lachten.

„Das ist aber immer noch teuer…“

„Mag sein Lucas, aber dafür sind es oft Einzelstücke und haben ein besonders Label!“

So gesehen hatte Hyun-Woo Recht. So-Wois Mode war auf die Person zugeschnitten und es waren eben seine Entwürfe. Dass eine Kpop Gruppe seine Anzüge tragen wollte, sprach für sich selbst.

„… und du wirst sein Model, hat mir Hyun-Woo erzählt?“, fragte Großmutter Eun-Jin.

„Ja, aber ich mache das einfach so, beruflich ist das sicher nicht meine Zukunft.“

„Schade, denn du bist etwas Besonderes und hast eine magische Ausstrahlung. Gerade mit deinen grünen Augen bist du anders, als die anderen. Wenn ich beim Friseur sitze und ich den Heften blättere, sehen die immer alle gleich aus. “

Die Frau war echt Gold wert, ihre Auffassungsgabe und Aktualität waren einfach klasse.

„Danke!“, meinte ich leicht verlegen.

„Die Welt, in der Hyun-Woo tätig war und ist, übt schon ihren Reiz auf mich aus, aber ich denke, daraus einen Beruf zu machen…, so groß ist mein Interesse nun auch nicht. Etwas Soziales würde mich da mehr interessieren.“

„Arzt?“

Ich schüttelte lachend den Kopf.

„Nein, den Beruf nun wirklich nicht, zudem mag ich keine Spritzen.“

„Aber dein Vater ist Arzt, hat mir Hyun-Woo erzählt.“

Hyun-Woo hat wohl recht viel von mir erzählt, seit er mehr Zeit mit seiner Oma verbrachte.

„Muss man automatisch den Beruf seines Vaters übernehmen?“

„Ist das nicht der Wunsch jedes Vaters?“

Für ihr Alter, hatte die Frau eine große Auffassungsgabe.

„Mutter, hätte mein Sohn den Beruf meines Mannes übernommen, stände er jetzt auf den Feldern und würde Kräuter und Gemüse anbauen. Ist es nicht recht, dass er jetzt so eine tolle Stellung inne hat?“, mischte sich Mutter Hae-Soon in unser Gespräch ein.

„Du magst Recht haben, Tochter, aber bei manchen Berufen denke ich, sollte der Sohn als Nachfolger bereit stehen, wenn die Zeit gekommen ist!“

Das war für mich altes Denken, eben traditionsbezogen. Aber so dachte ich eben nicht und noch nie war mir der Gedanken gekommen, dass ich wegen Papa Arzt werden würde, auch wenn ich die Noten dazu hätte.

*-*-*

Nachdem wir noch eine Weile gemütlich zusammen gesessen waren und ich etwas über Deutschland erzählte, hatte die beiden Damen sich zurück gezogen und auch ich war Hyun-Woo ins Schlafzimmer gefolgt, nachdem wir alle Lichter in der Wohnung gelöscht hatten.

„Wie fühlst du dich?“, fragte mich Hyun-Woo, als ich mich gerade auszog.

„Besser, aber müde.“

„War auch ein langer Tag…“

„Was steht morgen an?“

„Großmutter nach Hause fahren.“

„Wenn ich darf, möchte ich mitfahren.“

„Natürlich darfst du, Schatz.“

Ich ging zu Hyun-Woo.

„Sag das noch mal!“

„Was? Dass du mitfahren darfst?“

„Nein…“

„Ähm, was dann?“

„Wie du mich eben genannt hast?“

Trotz dem gedämmten Licht im Zimmer, sah ich in Hyun-Woos Gesicht leichte Röte aufsteigen.

„… ist… ist es dir nicht Recht, wenn ich Schatz sage?“, kam es verschüchtert von Hyun-Woo.

„Doch! Doch, natürlich!“, sagte ich und nahm ihn in den Arm.

„Es hört sich so liebevoll an, wenn du das sagst!“

Ein kleines Lächeln machte sich in seinem Gesicht breit.

„Ich liebe dich, mein kleiner Bär.“

Nun schaute er mich verwundert an.

„Bär? Ähm…, Bären sind haarig, das trifft eher auf dich zu. Wie du weißt habe ich nur an gewissen Stellen dichte Haare.“

„Aber du brummst so herrlich, wenn du neben mir liegst“, erwiderte ich und gab ihm einen Kuss auf die Nase.

„Dann nenn mich eben so, auch wenn ich nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Tier habe.“

„Soll ich dich lieber Hase, mein Tiger, oder gar Zuckerschnecke nennen?“

Er fing an zu lachen.

„Nein, Bär ist schon Recht“, meinte er und gab mir einen sanften Kuss auf die Lippen.

Meine Hände wanderten über seinen Körper und meine Küsse wurden fordernder.

Hyun-Woo wehrte mich etwas ab.

„… nicht, Lucas“, stöhnte er leise.

Verwundert schaute ich ihn an.

„…warum?“

Durchdringend schaute er mich an.

„Du weißt, wo das endet“, meinte er leicht verlegen.

„Ähm, ja…“, kicherte ich.

„Du weißt selbst, wie laut wir beide sind und neben an liegt meine Mutter.“

„Oh…“

„Ja oh!“, meinte Hyun-Woo und löste sich aus meinen Armen.

„Schade“, meinte ich und ging ins Bad.

*-*-*

Das Frühstück war mal wieder mehr als genug. Dass ich über die ganze Zeit, in der ich jetzt in Korea war, noch kein Gramm zugenommen hatte, wunderte mich doch sehr. Noch während wir am Abräumen waren, begann eine heftige Diskussion zwischen Hyun-Woo über die Heimfahrt.

„Ich werde mit Mutter den Zug nehmen, du hast doch eh so wenig Zeit.“

„Die Zeit nehme ich mir.“

„Du sollst aber den Firmenwagen nicht für Privatfahrten benutzen, nicht, dass du Ärger mit So-Woi bekommst!“

„Mutter“, kam es genervt und leicht ärgerlich von Hyun-Woo, „deswegen würde ich nie Ärger mit So-Woi bekommen und zu dem ist es mein Wagen!“

Stimmt, Grandma Shin-Sook hatte ihm neben der Wohnung auch einen eigenen Wagen gegeben, der bis jetzt immer noch unangerührt in der Tiefgarage stand. Ich wusste nicht mal, um was für einen Wagen es sich handelte.

„Sohn, du magst zwar besser verdienen, aber deswegen kannst du dir doch nicht gleich einen Wagen kaufen, die sind doch sehr teuer.“

Hyun-Woo atmete tief durch und ich versuchte mir ein Grinsen zu verbeißen, denn ich fand dieses Gespräch irgendwie lustig. Er nahm ihre Hände seiner Mutter und schaute sie durchdringend an.

„Mutter, dein Sohn gehört jetzt zu den gut verdienten Menschen in Korea, oder wie es Lucas ausdrücken würde, ich bin eine gute Partie! Neben dieser Wohnung habe ich auch einen Wagen bekommen, den ich aber ohne weiteres mit selbst kaufen hätte können.“

„Wie viel verdienst du?“, rutschte mir heraus.

„Genug!“, war Hyun-Woos einzige Antwort und mir war klar, dass er nicht darüber reden wollte.

Mutter Hae-Soon zog ihre Hände zurück.

„Trotzdem solltest du sparsam mit deinem Geld umgehen, man weiß nie, was für Zeiten kommen werden!“

Ich schaute zu Großmutter Eun-Jin, die mich angrinste.

*-*-*

Natürlich wurde der Wagen von allen Seiten bewundert. Ich hatte bei Hyun-Woos Oma hinten Platz genommen, denn das Gespräch zwischen ihm und seiner Mutter war noch nicht beendet.

„Wollt ihr nicht mal ein paar Tage zu uns heraus aufs Land kommen. Es ist eine wirklich schöne Gegend und es gibt viel zu sehen“, lenkte Großmutter Eun-Soon meine Aufmerksamkeit auf sich.

„Wenn es Hyun-Woo Terminplan zulässt, gerne“, lächelte ich sie an.

Sie erwiderte mein Lächeln.

„Die Eltern deines Vaters, leben nicht mehr?“

Ich wunderte mich, wie sie nun auf dieses Thema kam, aber schüttelte als Antwort den Kopf.

„Mia, meine Schwester war erst drei, sie kann sich kaum noch an sie erinnert. Ich dagegen habe noch sehr gute Erinnerungen an sie, besonders an die langen Sparziergänge mit meinem Großvater, wo er mir immer viel über heimische Kräuter erklärte.“

„War er auch Arzt?“

„Nein, Buchhalter in einer Firma.“

„Also ist es bei euch Tradition, dass der Sohn einen anderen Beruf als der Vater ergreift.“

„Tradition würde ich es nicht nennen, eher andere Interessen.“

„Und doch hat dein Vater das Interesse an Kräutern von deinem Großvater übernommen.“

Ich lächelte sie an, denn sie hatte Recht. Nicht nur das Wissen über die Pflanzen und Kräutern hatte Papa übernommen, auch die Liebe zur Natur.

„Ein paar Pflanzen kenne ich auch, meine Mutter hat immer versucht, mich den Pflanzen in ihrem Garten näher zu bringen. Übernimmt man nicht automatisch Dinge von seinen Eltern?“

Sie nickte und schaute nach vorne, wo mein Schatz und seiner Mutter immer noch am diskutieren waren.

„Mutter und ich haben jetzt so lange in diesem Haus gelebt, das wird auch so bleiben!“

Alte Bäume sollte man nicht versetzen, dachte ich für mich.

„Ich habe ja nicht gesagt, ihr sollt in ein neues Haus ziehen, nur dass man ein paar Dinge geringfügig ändern sollte.“

„Es bleibt alles so wie es ist!“

„Mutter, bitte…“

Ich legte meine Hand auf Hyun-Woos Schulter und er blieb still. Ich wollte mich eigentlich nicht mehr in das Gespräch einmischen, aber es lief ins Leere. Ich verstand seine Mutter, aber auch Hyun-Woo, der seiner Mutter und Großmutter einfach ein schönes und besseres Leben schenken wollte.

Jetzt hatte er die Möglichkeit und Mittel dazu. Aber wir Menschen waren Gewohnheitstiere, so auch seine Mutter. Sie war das einfache Leben auf dem Land gewohnt und konnte sich wahrscheinlich etwas anderes nicht vorstellen.

Die restliche Fahrt verlief ruhig und ich genoss den Blick nach draußen, an der vorbei ziehenden Landschaft. Felder und kleinere Baumgruppen herrschten vor. Ansiedlungen waren eher weniger zu sehen.

Wie beim letzten Mal verlangsamte Hyun-Woo die Geschwindigkeit des Wagens, als wir in der Nähe der Berge ankamen und bog in den etwas befestigten Sandweg. Ich fragte mich, wie Hyun-Woos Mutter ihr Leben ohne Auto bestritt.

Die kleine Ortschaft hier, war doch etwas entfernt gelegen. Es war etwas holprig, bis Hyun-Woo auf einen Knopf am Armaturenbrett vor ihm drückte, dann wurde es ruhiger. Technik sei Dank, dachte ich.

Wenig später trafen wir an Mutters Hae-Soons Haus ein und Hyun-Woo ließ den Wagen ausrollen. Er stieg aus und wechselte die Wagenseite, um seiner Großmutter aus dem Wagen zu helfen.

„Endlich zu Hause“, meinte sie und lief durch das kleine Tor in den Innenhof.

Währenddessen machte ich mich am Kofferraum zu schaffen, wollte ich eigentlich, aber in der Mitte gab es keinen Drucktaste oder Ähnliches, um die Klappe zu öffnen. Hyun-Woo hob seinen Schlüssel und wie von Zauberhand öffnete sich der Kofferraum von selbst.

Grinsend half mir Hyun-Woo das Gepäck auszuladen. Als die wenigen Taschen auf dem Boden standen, schloss sich Heckklappe sich genauso wieder von alleine, nachdem mein Bär an der Innenseite einen Knopf gedrückt hatte.

„Hae-Soon, hast du denn nicht die Kräuterlimonade kalt gestellt?“, hörten wir es von drinnen rufen.

„Mutter, ich hatte andere Dinge im Kopf, als du am Boden lagst. Die Flaschen in den Kühlschrank zu räumen gehörten nicht dazu!“

„Oh schade, die ist sicher hinüber, die werden wir ausleeren müssen.“

„Mutter, lass mich das später tun, jetzt lass uns doch erst einmal ankommen!“

„Wir müssen den Jungen doch etwas anbieten.“

Hyun-Woo grinste mich an, während wir seiner Mutter folgten und die Taschen hineintrugen.

„Dann kochen wir eben Tee…“

„Der Ofen ist aber nicht an, wie willst du denn das Wasser heiß machen.“

Mutter Hae-Soon seufzte.

„Die Jungs werden ja nicht gleich wieder zurück fahren. Lass mich bitte die Tasche noch in mein Zimmer bringen, dann fache ich das Feuer an.“

Natürlich war Hyun-Woos Großmutter schon dabei, kleine Holzstücke in den Ofen zu stecken, während Hyun-Woo und seine Mutter das Gepäck wegbrachten. Ich hatte beim ersten Besuch vom Haus nicht so viel gesehen.

Beim Essen waren wir im Innenhof gegessen. Nun stand ich an der Tür und konnte mir die Küche ansehen. Nun verstand ich auch, warum Hyun-Woo mit diesem Thema angefangen hatte.

Bis auf einen Kühlschrank konnte ich sonst kein weiteres Küchengerät entdecken. Neben dem altertümlichen Steinwaschbecken, befand sich eine kleine Arbeitsfläche und daneben der besagte Ofen, den Großmutter Eun-Jin gerade anzuzünden versuchte.

Dass sie nicht mal fließend heißes Wasser hatten, was für unser eins selbst verständlich war, stimmte mich schon etwas traurig. Hier stießen zwei Welten aufeinander. Ich spürte ein leichtes Streicheln auf meinem Rücken.

„Lässt du mich an deinen Gedanken teilhaben?“, fragte Hyun-Woo mich hinter mir.

Ich drehte meinen Kopf und schaute ihn an.

„Kannst du jetzt schon Hellsehen?“

„Nein, kann ich nicht! Aber wenn du so da stehst, bist du meist in deinen Gedanken versunken.“

Er kannte mich doch schon besser.

„Ich habe gerade feststellen müssen, Dinge die für mich selbst verständlich sind, sind hier teilweise, noch etwas Besonderes.“

„Komm setz dich“, meinte Hyun-Woo und zeigte auf den kleinen Küchentisch, „was meinst du?“

„Das warme Wasser. Zuhause gehe ich die Küche, drehe den Wasserhahn auf und es kommt heißes Wasser. Hier muss man einen Ofen in Betrieb haben und dass Wasser erst erhitzen.“

„Stimmt, ich kenne es hier zu Hause nicht anders, das heißt, den Wasseranschluss haben wir seit ungefähr seit sechs Jahren, vorher musste einer von uns jeden Tag an die öffentliche Wasserstelle und das Wasser holen.“

Leicht geschockt schaute ich ihn an. Ich war mit diesem Wohlstand aufgewachsen. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass bei uns einer Wasser holen müsste, um trinken zu können.

„Hör auf zu grübeln, dass bekommt dir nicht“, meinte Hyun-Woo und legte seine Hand auf meine.

Hyun-Woos Mutter kam in die kleine Küche und es wurde jetzt regelrecht eng.

„Mutter setz dich zu den Jungs, ich kümmere mich um den Tee.“

Ich wollte schon etwas wegen dem Tee sagen, weil ich irgendwie ein schlechtes Gewissen nun hatte, besann mich aber Besseres.“

„Mutter Hae-Soon, ich weiß, es steht mir eigentlich nicht zu, aber ich habe die Unterhaltung im Wagen mit angehört und denke Hyun-Woo hat Recht. Es gibt Möglichkeiten, mit wenig Aufwand das Leben hier etwas zu erleichtern.“

„Hat dir Hyun-Woo jetzt auch Flausen in den Kopf gesetzt.“

Ich schüttelte den Kopf und dachte an Mama, wie sie wohl aufgewachsen war, darüber hatte sie auch nie etwas erzählt. Ich schaute zu Hyun-Woo.

„Hyun-Woo, du hast mir erzählt, das hier sei ein sehr Sonnenreiches Gebiet und mit der heutige Solartechnik kannst du selbst Warmwasser gewinnen, für Brauchwasser und Heizung.“

„Von was redet Lucas?“, wollte Großmutter Eun-Jin wissen, während sie sich zu uns setzte.

Ich sah einen Zettel und einen Stift und begann zu zeichnen. Ich erklärte ihr grob, wie so etwas funktionierte.

„So etwas gibt es wirklich?“

„Ja und wäre mit wenig Aufwand einzubauen…“

„Aber das ist doch sicher sehr teuer?“

„So gesehen, am Anfang scheint es etwas teuer, aber Sonnenlicht ist umsonst.“

„Woher weißt du das alles?“

„Mein Papa hat so etwas auf unserem Dach einbauen lassen.“

„… und wenn mal keine Sonne scheint, bleibt alles kalt?“

„Nein, das funktioniert auch bei normalem Licht.“

„Und Nachts?“

Hyun-Woos Oma wollte es wohl genau wissen und Mutter Hae-Soon hatte sich hinter sie gestellt.

„Wir haben im Keller einen Speicher, der auch in der Nacht heißes Wasser abgibt.“

Die zwei sahen Hyun-Woo und mich an.

„Ihr müsstet im Winter nie wieder frieren, Großmutter und du Mutter müsstest kein Holz sammeln gehen, oder gar welches kaufen…“, kam es leise von meinem Schatz, „… ich will doch nur, dass es euch gut geht…“

Hyun-Woos Blick stimmte mich traurig, wie er seine Familienmitglieder so flehend anschaute.

*-*-*

„Nochmal danke, Lucas“, kam es von Hyun-Woo, als wir wieder auf die Hauptstraße einbogen.

„Nichts zu danken!“, lächelte ich ihn an, „du weißt ich helfe gerne. Aber darf ich dich etwas fragen?“

„Lucas, du darfst mich alles fragen!“

„Kannst du dir das denn wirklich leisten?“

„Jetzt ja“, lächelte Hyun-Woo, „aber als ich noch unter Mr. Choi arbeitete, hätte es nicht mal für einen Heizlüfter gereicht. In Seoul sind die Mieten für eine Wohnung recht teuer. Je näher zur Stadtmitte, umso teurer. Dann solltest du auch an Essen und Trinken denken, von den Verkehrskosten zum Arbeitsplatz ganz zu schweigen.“

„Aber die Wohnung in So-Wois Haus ist doch sicherlich auch sehr teuer.“

„Die Wohnung und auch das Auto habe ich von So-Wois Grandma bekommen. Dafür muss ich nichts bezahlen.“

Ich sah ihn mit großen Augen an. Einfach so eine Wohnung und ein Auto geschenkt zu bekommen, Grandma Shin-Sook muss ihn wohl sehr schätzen.

„Aber reden wir nicht mehr darüber. Soll ich dich bei deinen Großeltern absetzten, oder möchtest du mit in die Firma?“

Kurz war ich am überlegten.

„Ich möchte lieber bei dir sein, wenn es dir nichts ausmacht.“

„Kein Problem…“, meinte Hyun-Woo und schaute mich durchdringend an.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“

„Alles im grünen Bereich“, beruhigte ich ihn, „in deiner Näher fühle ich mich halt am wohlsten.“

„Ich muss vorher aber noch kurz an der Wohnung vorbei, mich umziehen.“

„Wieso, du siehst doch gut aus.“

„Lucas, ich habe jetzt eine Stellung, bei der ich auch auf mein Äußeres achten muss, weil ich wie So-Woi die Firma repräsentiere.“

„Aha…“

So fuhr Hyun-Woo den gleichen Weg zurück, wie wir gekommen waren. Später blieb ich im Auto sitzen und staunte nicht schlecht, als Hyun-Woo zurück kam. Sein legeres Outfit, war einem Anzug mit Krawatte gewichen.

*-*-*

Als wir auf das Firmengebäude zufuhren, staunte ich nicht schlecht. Es hatte sich einiges geändert. Die Vorfläche war nun begrünt und über dem Eingang prangte in großen Buchstaben So- Wois Label „NEWSOWOI“ und trotz des Tageslichtes, war es von Leuchten angestrahlt.

Daneben war mein Gesicht abgebildet. Ich musste grinsen. Aber das war nicht das, was mich verwunderte. Es waren die vielen Menschen die sich vor dem Haus aufhielten.

„Was ist denn hier los?“

„Da bin ich mir nicht ganz sicher“, antwortete Hyun-Woo, der nun versuchte, seinen Wagen zum Parkplatz zu fahren.

„Was meinst du?“

„So-Woi führt Einstellungsgespräche, Leute von Grandma Shin-Sook helfen ihm dabei…, ich dachte nicht, dass so viele kommen.“

„Die suchen alle einen Job?“

„Anscheinend.“

Als nun auch die letzten Herrschaften bemerkten, dass mein Schatz auf den Parkplatz wollte und die zur Seite gingen, ließ Hyun-Woo den Wagen auf das Grundstück rollen. Sofort fiel mir auf, dass einige ihr Handy zückten und Bilder machten.

„… ähm…, warum machen die Bilder?“

Hyun-Woo schaute sich um und griff nach seinem Handy.

„Ja hallo Jack, wir stehen hier auf dem Parkplatz und da sind wohl unter den Bewerbern einige Fans… ach so… ja danke… bis gleich.“

Hyun-Woo ließ das Handy wieder verschwinden und löste seinen Sicherheitsgurt. Ich tat es ihm gleich und wollte meine Tür öffnen.

„Bleib sitzen!“, meinte Hyun-Woo nur.

Es blieb mir auch nichts anderes übrig, denn schon waren die ersten Leute vor meiner Tür und machten Bilder. Ich stöhnte und hielt mir die Hand ans Gesicht.

„Was soll das, so bekannt bin ich jetzt auch nicht.“

„Dein Gesicht prangt über dem Eingang.“

„Aber deswegen gleich so viele Bilder schießen.“

Ich erschrak etwas, als ein Mann im schwarzen Anzug an die Tür trat und die Leute zurückdrängte, dann wurde meine Tür von außen geöffnet und ich konnte Jack sehen.

„Tut mir leid, Lucas, hier herrscht im Augenblick etwas der Ausnahmezustand.“

Fragend schaute ich ihn an.

„Nicht hier, lass uns erst nach drinnen gehen.“

Ich nickte ihm zu und stieg aus. Sofort fingen ein paar Mädchen und Jungs meinen Namen zu rufen. Der Zeitungsartikel kam mir in den Sinn. Dort war mein Name veröffentlich worden. Jack legte seinen Arm um mich und schob mich Richtung Seiteneingang.

Es war nicht einfach, denn die Jungs und Mädels versperrten uns regelrecht den Zugang. Etwas zog an meinem Pulli und ich dachte erst, es wäre Hyun-Woo, der hinter mir lief. So drehte ich den Kopf zu ihm, merkte aber schnell, dass der Abstand viel zu groß und die Hand viel zu klein war.

Also schaute ich zur anderen Seite und sah dort einen jungen Kerl stehen, der da an meinem Pullover herum zupfte. Unsere Blicke trafen sich und mir wurde ein hinreisendes Lächeln geschenkt.

Trotz dieser Freundlichkeit schaute ich auf seine Hand, die er dann sofort zurück zog. Näher kam er aber nicht an mich heran, denn dann war Jack da und schob alles zur Seite, was mir im Weg stand.

Die Tür wurde aufgezogen und wir betraten gemeinsam das Haus. Als die Tür sich schloss, wurde es um uns herum ruhiger.

„Also wenn das immer so ist, dann komm ich nicht oft hier her“, meinte ich und blickte noch mal draußen, wo mittlerweile die Tür von außen belagert wurde und immer noch Bilder geschossen wurden.

„Irgendwer hat wohl herausgefunden, dass heute BTS vorbei schauen will, seitdem füllt es sich da draußen.“

„Irgendwie sickert so etwas immer durch“, meinte Hyun-Woo, „und wie wollt ihr das machen, wenn BTS nachher eintrifft?“, fragte Hyun-Woo.

„Ich habe den Wachdienst bereits informiert, es werden weiter Aufpasser geschickt.“

„Dann ist ja gut, ich möchte nicht, dass sich die Gruppe bei ihrer Ankunft belästigt fühlt.“

„Das ist wohl der Preis des Ruhmes?“, fragte ich.

„Ja“, meinte Jack, „lass uns aber hinauf gehen, So-Woi erwartet euch schon.“

Woher wusste So-Woi denn, dass ich mit dabei war, ich hatte mich kurzfristig entschieden und Hyun-Woo hatte am Telefon nichts gesagt.

„Hat er denn nicht alle Hände voll zu tun?“, fragte ich, während wir den Aufzug bestiegen, den ich auch noch nicht kannte.

„Die Bewerbungen sind zwar im vollen Gange, aber So-Woi führt sie nicht selbst. Grandma war so nett und hat uns etwas Personal zur Verfügung gestellt, solange wir noch kein eigenes haben.“

Das hörte sich nach etwas Großen an. Ich war froh, dass dieser Aufzug nicht so in die Höhe preschte, wie in So-Wois Haus. Oben angekommen, standen und saßen einige Leute im Flur. Sie verneigten sich leicht, als wir an ihnen vorbei liefen.

„Und wie unterscheidet ihr die Fans von den Bewerbern?“, wollte ich wissen.

„Die Bewerber haben ihre Papiere dabei und sind alle mit Namen erfasst“, antworte Jack

Darauf hätte ich auch selbst kommen können. Jack zog eine Milchglastür auf, von der ich mich fragte, ob sie das letzte Mal auch schon da war. Auch sonst sah hier alles etwas anders aus, aber ich konnte mich auch täuschen, oder auch nicht recht erinnern,

Beim letzten Besuch war ich auch nicht auf der Höhe. Vorbei an zwei leeren Schreibtischen, öffnete Jack eine weitere Glastür, dieses Mal durchsichtig, hinter der ich So-Woi stehend an seinem Schreibtisch entdecken konnte.

Auch er hatte trug nun wie Hyun-Woo einen Anzug.

„Hallo Lucas… und geht es dir wieder besser?“

„Etwas länger draußen und du hättest mich wahrscheinlich wieder im Krankenhaus besuchen können, man hatte sogar Interesse an meinem Pullover.“

Ich sagte das mit einem Lächeln und hoffte, dass So-Woi, dies nicht falsch auffassen würde.

„Ja, da werden wir wohl noch daran arbeiten müssen. Den Parkplatz müssen wir wohl extra sichern, denn BTS werden sicherlich nicht die letzten sein, die als Berühmtheiten hier her kommen werden.“

„Da hast du sicher Recht…, ich freu mich so sehr für dich, dass es so gut anläuft.“

„Das habe ich auch dir zu verdanken, Lucas.“

„Ach komm, ich hab doch nur ein paar Mal für den Fotografen Model gestanden, mehr nicht.“

„Das meine ich auch nicht. Wenn du mich damals nicht angesprochen hättest, wo es mir nicht gut ging, dann wäre vieles hier nicht möglich geworden.“

Damals, wie sich das anhörte, aber ich wusste sofort was er meinte.

„Ich wollte dich bloß, aus den Fängen dieser Mädchen befreien, mehr nicht.“

Mehr wollte ich zu dem Thema nicht sagen, denn es war mir unangenehm, weil ich wusste, wo dies hinaus lief.

„Erwarten wir noch jemanden anderen?“, fragte Hyun-Woo, der am Fenster stand.

„Nein, nicht dass ich wüsste, warum fragst du?“, kam es von So-Woi.

„Weil da gerade eine große schwarze Limousine den Parkplatz befährt.“

Wie auf Kommando liefen wir ebenso zum Fenster und schauten hinunter.

„Was will denn der hier?“, sagte So-Woi plötzlich.

Ich wusste nicht was er meinte, denn ich sah nur die Limousine, die ebenso wie wir vorhin von einer Menschentraube umringt war.

„Jack, nimmst du bitte meinen Vater in Empfang?“

Während Jack nur nickte und davon lief, schaute ich So-Woi mit großen Augen an.

„Dein Vater…?“

„Ja… Hyun-Woo, würdest du dich um den Tee kümmern, leider haben wir noch niemand im Vorraum, der sich darum kümmern kann.“

„Kein Problem… einer meiner leichtesten Übungen“, lächelte uns Hyun-Woo an und verließ ebenso den Raum.

„Ähm, soll ich nicht lieber auch gehen?“

„Warum?“, fragte So-Woi, „du setzt dich dort in den Sessel.“

Er zeigte auf die Sitzgruppe, die neben dem großen Fenster stand. Nervös machte ich das, was ich gesagte bekommen hatte. Ich ließ mich nieder und mein Blick wanderte durch das Büro. Mein Blick fiel auf das große Bild, das hinter So-Wois Schreibtisch hing. Darauf war er abgebildet, sitzend auf einem Stuhl.

Dahinter stand Jack, eine Hand auf So-Wois Schultern. Ich fand dieses Bild cool, zeigte es doch, dass die beiden zusammen gehörten. Währenddessen hatte sich So-Woi an seinem Schreibtisch niedergelassen.

Aber er stand gleich wieder auf, mit einem kleinem Stapel Ordner in der Hand und kam zu dir.

„Hier, schau mal hinein und sag mir später bitte, was für einen Eindruck du hast…“

„Okäääy“, meinte ich und nahm den Stapel entgegen.

Er selbst setzt sich wieder an seinen Platz. Ich legte den Packen auf den Tisch und nahm mir den ersten Hefter und schlug in auf. Vor mir tat sich so etwas wie ein Personalbogen auf und ich schaute verwundert zu So-Woi.

„Bewerbungen?“

„Ja!“, kam es vom Schreibtisch, ohne dass er aufschaute.

Ich spürte, dass So-Woi angespannt war und sagte nichts weiter. So widmete ich mich wieder dem Hefter und lass mich langsam durch den Bewerbungsbogen. Mittlerweile ging es schon besser mit dem lesen, aber ab und zu blieb ich doch an einem Zeichen hängen, wo ich mir nicht sicher war, was für eine Bedeutung es hatte.

Es hieß immer, Deutsch wäre eine schwere Sprache, aber wenn ich mir die Schriftzeichen so anschaute, war ich schnell anderer Meinung. Hier handelte es sich um eine Näherin, mittleren Alters, die wohl bisher in einer Fabrik gearbeitet hatte.

Ob das gut war, wusste ich nicht, denn hier war nicht Akkordarbeit gefragt, sondern die Individualität der einzelnen Stücke.

„So-Woi…“, riss mich Hyun-Woos Stimme aus dem Gedanken.

Er trug ein Tablett mit Tassen und einer Kanne herein und stellte sie auf der Kommode ab.

„Dein Vater ist bereits im Haus.“

So-Woi hielt in seiner Bewegung inne und schaute auf.

„Hyun-Woo, es mag sein, dass man seinem Vater eine gewisse Ehrerweisung entgegen bringt, aber er erscheint hier unangemeldet und kann nicht erwarten, dass ich wegen ihm alles stehen und liegen lasse! Bei Grandma wäre das etwas anderes!“

War er Hyun-Woo jetzt böse? Ich überlegte, ob ich etwas sagen sollte, ließ es aber dann lieber.

„Könntest du dir das mal kurz anschauen, ich kann mich nicht recht entscheiden“, sprach er weiter, deutlich sanfter, als zu vor.

„… du auch Lucas… bitte.“

So stand ich auf und lief wie Hyun-Woo an seinen Schreibtisch.

„Ich habe hier mehrere Entwürfe gemacht, weiß aber nicht, welche ich davon BTS zeigen soll.“

Wann hatte er all die gezeichnet, dafür brauchte man doch sicher viel Zeit. Jedes Blatt zeigte immer sieben verschiedene Anzüge, im Stoff und Farben gleich, aber jeder in anderer Schnittart.

Ich nahm mir ein Blatt und schaute mir die Teile näher an. Die einen gefielen mir sofort, andere waren eher nicht so mein Stil. Ich gab ihm das Blatt zurück und nahm ein anderes.

„Also wenn du mich fragst, zeig ihnen alle. Auch wenn du alles immer unter ein Thema gestellt hast, passt doch der eine oder andere Anzug zu mehreren Themen“, meinte Hyun-Woo.

„Ich schließ mich meinem Schatz an“, lächelte ich, „auch wenn ich nicht so viel davon verstehe. Für mich sieht alles voll edel aus.“

„Danke!“, quittierte So-Woi meine Antwort mit einem Lächeln.

So in den Entwürfen vertieft, fand uns Jack vor, als er wieder So-Wois Büro betrat. Ich war mir sicher, dass dies von So-Woi beabsichtigt war.

„So-Woi dein Vater“, unterbrach uns Jack.

Hinter ihm betrat nun So-Wois Vater den Raum, mit einem Lächeln, das falscher nicht sein konnte.

„So-Woi mein Junge, schön hast du es hier!“, waren seine ersten Worte.

Das war eindeutig Süßholzgeraspel und nicht ehrlich gemeint. So-Woi stand auf, umrundete uns und den Schreibtisch und lief zu seinem Vater.

„Vater!“, sagte So-Woi und begrüßte seinen Vater in altgewohnter Manier.

Er streckte die Hand aus und verbeugte sich. Ich traute meinen Augen nicht, denn die Begrüßung hätte kälter nicht ausfallen können. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich gesagt, zwei wild fremde Personen stehen sich gegenüber.

So-Wois Vater schaute auf und in meine Richtung. Für eine Sekunde hatte sein Gesichtsausdruck, etwas schockiertes, änderte sich dann in ein breites Lächeln.

„Lucas…, wenn ich mich recht erinnere.“

Eins auf unwissend machen, aber ich wusste ja, wen ich vor mir stehen hatte. Ich legte den Entwurf zur Seite und ging ebenso zu ihm hin. Brav, wie ich es gelernt hatte, verbeugte ich mich ebenso und streckte die Hand aus.

„Mr. Chung…“, sagte ich nur, bevor ich mich wieder aufrichtete.

„Da hat mein Sohn ja einen richtig guten Fang gemacht, ich habe das Bild draußen gesehen.“

„Danke“, meinte ich nur.

„Möchtest du dich setzten, Vater“, kam es von So-Woi, mit einer Kälte, dass sich mir die Nackenhaare stellten.

Warum begrüßte er Hyun-Woo nicht, der immer noch hinter dem Schreibtisch stand.

„Nein, mein Sohn, ich wollte nur einen kurzen Antrittsbesuch machen und dich zu deinem gelungen Start beglückwünschen.“

Der Blick von Mr. Chung blieb kurz auf dem großen Bild meiner beiden Freunde hängen, bevor er weitersprach.

„Ich sehe ja, dass du mitten in der Arbeit steckst.“

Er gab kurz Zeichen und der Mann, der bisher stumm an der Tür stand, verschwand kurz, um etwas später mit einem anderen Mann wieder zu erscheinen. Dieser trug einen großen Strauß mit sich, passenderweise gleich in einer Vase. Diese Stellte er neben der Tür auf dem Boden ab.

„Ich dachte, dass macht sich in deinem neuen Büro sicher gut“, kam es von Mr. Chung.

„Danke, Vater.“

Eine kurze Pause entstand, wo die beiden Männer den Raum verließen. Etwas hilflos stand ich hinter So-Woi und wusste nicht genau, was ich machen und überhaupt dieser eigenartige Besuch sollte.

Unsicher blickte ich zu Hyun-Woo, der meinen Blick erwiderte. Etwas unwohl in meiner Haut, gesellte ich mich einfach zu ihm.

„Das war es schon, du hast sicher noch viel Arbeit…“

„Ja, Vater…., Jack wird dich noch zum Auto begleiten“, antwortete So-Woi und verbeugte sich leicht.

Auch seiner Vater verbeugte sich leicht und nickte mir und Hyun-Woo zu. Dann verließ er mit Jack wieder das Büro. Als die Tür geschlossen war, wandte ich mich zu So-Woi.

„Was war das denn?“, rutschte es mir heraus.

Ich und mein Mundwerk.

„Eine Kampfansage…, dass ich weiterhin unter seiner Beobachtung stehe“, antwortete So-Woi und ging zu seinem Platz zurück.

Fragend schaute ich zu Hyun-Woo, der aber nur ganz leicht den Kopf schüttelte. Mund halten war also angesagt. Wieder hielt So-Woi n seiner Bewegung inne und schaute zu mir auf.

„Manchmal bin ich richtig neidisch auf dich, weißt du das?“

„Auf mich?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, ich habe gesehen, wie du und dein Vater miteinander umgeht und gesehen, dass es auch anders geht.“

Eine einzelne Träne suchte sich ihren Weg über So-Wois Wange. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte und nahm ich einfach in den Arm und drückte ihn fest. Jack kam zurück und ich richtete mich wieder auf.

„Alles in Ordnung?“, fragte Jack.

So-Woi schaute jeden von uns an.

„Können wir einfach weitermachen und die letzte viertel Stunde vergessen?“, fragte er darauf und widmete sich wieder den Entwürfen.

*-*-*

Ich wusste nicht, wie viele Ordner ich schon angeschaut hatte, aber langsam wurde es langweilig und nervig. Für wen sich So-Woi entscheiden sollte, konnte ich nicht sagen, dafür kannte ich mich zu wenig aus.

Na ja, bis auf eine Frau vielleicht, etwas älter schon. Sie war eine Näherin und hatte bereits einen kleinen eigenen Laden besessen. Da über ihre bisherigen Arbeiten Fotografien beigelegt waren, konnte ich ihre Werke bestaunen. Besonders ihre Stickereien hatten es mir angetan.

So nahm ich die Ordner, legte sie feinsäuberlich wieder übereinander und brachte sie zu So-Woi zurück, der alleine an seinem Schreibtisch saß.

„Also wenn du mich fragst, ich kenne mich einfach zu wenig aus, als dass ich dir sagen könnte, wen du nehmen sollst. Bis auf eine Näherin vielleicht, deren Arbeiten mich wirklich beeindruckt haben.“

So-Woi schaute von seinen Papieren auf.

„Lucas, wenn ich ehrlich sein soll, ich verstehe dich. Ich kenne mich in dem Fach zwar aus, aber trotzdem fällt mir die Entscheidung schwer, wen ich nehmen soll.“

„Vielleicht solltest du Hyun-Woo zu Rate ziehen, der sich mit personellen Dingen auskennt. Wo wir gerade von ihm reden, wo ist er eigentlich. Mir ist gar nicht aufgefallen, dass er gegangen ist.“

„Er ist mit Jack zu den Bewerbungen gegangen.“

„Ah…“

„Fehlt dir dein Mann schon wieder“, grinste mich So-Woi frech an.

„Klar fehlt mir mein MANN!“, erwiderte ich.

„… wo wir wir aber gerade über Personelles geredet haben, wen meintest du eben?“

Da ich den Ordner oben auf gelegt hatte, musste ich nicht lange suchen. So griff ich nach ihm und blätterte sofort zu den Fotografien.

„Du hast Recht, wirklich schöne Arbeiten, da tun sich wirklich neue Ideen auf.“

„Wirklich?“

„Ja…, sie hier, wie fein dies gearbeitet ist, das bekommst du mit keiner Maschine hin. Richtig alte Handwerkskunst ist das.“

Er blätterte nach vorne, bis die Seite mit dem Bild zum Vorschein kam.

„… hm… schon etwas älter“, meinte er.

„Ist das ein Problem?“

„Weiß ich nicht, denn ich wollte eigentlich mehr junge Leute einstellen.“

„Die aber vielleicht nicht so viel Erfahrung haben.“

Er atmete durch.

„… da hast du vielleicht Recht. Leg diesen Ordner einfach auf den Stapel.“

Er zeigte auf eine Ablage, in der lediglich zwei Ordner lagen. In der Ablage daneben stapelten sich dagegen recht viele Ordner.

„Wie viel Leute willst du überhaupt einstellen?“, wollte ich wissen, nachdem ich die restlichen Ordner einfach ungefragt auf den großen Stapel gelegt hatte.

„Gute Frage…“, begann So-Woi, „fürs Vorzimmer brauche ich zwei Personen, eine für Hyun-Woo und eine für mich. Jack hat sein Büro unten, über das Sicherheitspersonal brauche ich mir keine Gedanken zu machen, da hat er freie Hand. Bleiben also noch die Näherinnen, jemand der sich um Reinigungen kümmern kann, jemand für das Lager…, na vielleicht noch jemand für Transporte, wenn wir etwas ausliefern müssen.“

„Buh, das sind ganz schön viele.“

„Dafür bewerben sich auch recht viele.“

Es klopfte und Jack zog die Tür auf.

„So-Woi… Lucas Onkel und sein Kollege waren draußen und möchten kurz mit Lucas sprechen…, wäre dingend, meinte er.“

„Onkel Min-Chul ist draußen?“, fragte ich erstaunt.

Jack nickte und So-Woi wandte sich zu mir.

„Am besten, ihr geht hinüber in Hyun-Woos Büro, da seid ihr ungestört.“

„Okay“, meinte ich und folgte Jack in den Vorraum.

*-*-*

 

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1 Kommentar

    • Andi on 24. September 2018 at 14:58
    • Antworten

    Hallo Pit, welch eine Freude, wieder was von dir lesen zu dürfen, hat mir sehr viel Spaß bereitet. Bin gespannt wie das weitergeht.

    Viele liebe Grüße

    Andi

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