Ein anderes Leben – Teil 15

Hyun-Woos Zimmer war ähnlich geschnitten, wie das von So-Woi. Was mir sofort auffiel, hinter seinem Schreibtisch an der Wand hing kein Bild. Ob er wohl auch ein Bild von sich und mir aufhängen würde.

„Hallo Neffe“, riss mich Onkel Min-Chuls Stimme aus den Gedanken.

Er saß mit seinem Kollegen Juen Jo auf der Couch. Während Onkelchen sitzen blieb, erhob sich Juen und verneigte sich.

„Hallo Onkel“, begrüßte ich lächelnd Onkel Min-Chul, „hallo Juen. Was führt euch her?“

„Setz dich bitte.“

Ein mulmiges Gefühl durchfuhr mein Magen. So setzte ich mich neben meinen Onkel. Juen wartete solange bis ich saß und ließ sich dann ebenso nieder. Min-Chuls Gesichtsausdruck war ernst.

„Ich habe lange mit deinem Vater telefoniert…“

Das war doch sicher teuer.

„… und auch mit So-Wois Großmutter und deinen Großeltern gesprochen.“

„… über …was?“

„Über dich und deine Sicherheit?“

„Wieso das denn? Onkel Min-Chul, du weißt selbst, dass ich ständig Leute um mich habe und das Wachpersonal von Grandma Shin-Sook ist auch noch da.“

„Trotzdem wissen wir nicht, mit wem wir es alles zu tun haben. Wer einen Unfall fingieren kann, hat gute Beziehungen, auch bei der Polizei. So ein Medikamentenschwindel zieht sich wahrscheinlich bin in höhere Führungsämter der Regierung.“

Geschockt sah ich ihn an. Wo war ich da nur hinein geraten? Musste ich immer das größte Fettnäpfchen erwischen, das da herum stand? Was hatte Onkel Min-Chul jetzt vor? Mich in Schutzhaft nehmen, oder Papa überreden, dass Angebot an Lee Young-Song zurück zu nehmen?

„Juen Jo, würdest du bitte Jack bitten, Hyun-Woo zu uns zu bringen. Ich sehe, meinem Neffen geht es nicht gut.“

Juen erhob sich und verließ, ohne einen Ton zu sagen, das Zimmer. Währenddessen griff Onkel Min-Chul nach meiner Hand.

„Junge…, ich wollte dir damit nicht unnötig Angst machen…, du sollst nur sehen, was Fakt ist.“

Keine Angst machen? Soll ich laut loslachen? Dass ich jetzt Angst bekam, war ihm aber gut gelungen. Klar hatte ich mir schon Gedanken gemacht, wer da alles mit drin hängen könnte, auch die Frage gestellt, warum man Dr. Lee nicht schon längst um die Ecke gebracht hatte.

Ein Zittern durchfuhr mein Körper. Bisher hatte ich die Gedanken immer wieder schnell verdrängt. Doch jetzt, wo es mein Onkel so klar und deutlich sagte, war das nicht mehr möglich.

Die Tür öffnete sich und Hyun-Woo kam herein, gefolgt von Juen, der die Tür wieder hinter sich schloss. Während sich mein Schatz sich zu mir setzte, blieb Juen neben  meine Onkel stehen.

„Lucas, du bist wieder ganz weiß um die Nase, was ist geschehen?“

„Es ist nichts geschehen…, mein Onkel hat mir nur klar machen wollen, dass ich wieder mal nicht ganz sicher bin.“

„Das wissen wir doch und haben doch alle nötigen Schritte veranlasst.“

„Das ist aber nach unserer Meinung“, damit meinte Onkel wohl die Erwachsenen, „nicht genug. Deshalb haben wir beschlossen, jemand direkt an Lucas Seite zu stellen!“

„Einen Bodyguard? Fällt das nicht auf?“

„Nicht, wenn es sich es um eine Person handelt, die recht unauffällig ist.“

Das verstand ich jetzt nicht. Ein Bodyguard, der unauffällig ist. Wenn jemand dauernd an meiner Seite ist, aussieht wie ein Muskelprotz, das soll nicht auffallen? Fragend schaute ich Onkelchen an.

Er sagte nichts weiter, sondern schaute zu Juen.

„Juen Jo?“, fragte ich so laut, dass Hyun-Woo neben mir zusammenfuhr.

Ich zeigte auf ihn.

„Aber…“

Mehr bekam ich nicht heraus, das war jetzt für mich nicht fassbar. Juen selbst sah nicht gerade aus, als würde er jemanden verteidigen können. Der brauchte eher jemand, der auf ihn aufpasste.

Fast einen Kopf kleiner, wirkte er eher wie ein Schuljunge auf mich, bei dem keinerlei Muskulatur zu erkennen war.

„Onkel Min-Chul, bist du sicher, die richtige Wahl getroffen zu haben?“, fragte Hyun-Woo neben mir.

Ich musste etwas grinsen, weil Hyun-Woo meinen Onkel so angesprochen hatte, als wäre er ein direktes Familien Mitglied.

„Das ist nicht meine Entscheidung alleine, auch mein Chef und die anderen meinen, Juen Jo ist der Richtige“, antwortete Min-Chul.

Juen, um den es ging, hatte bisher noch nichts gesagt, was mich sehr wunderte. War er doch bisher immer etwas vorschnell mit seinem Mundwerk.

„Juen Jo setz dich bitte…“, meinte Onkel Min Chul und wandte sich wieder an mich.

„Juen Jo ist nicht nur an der Schusswaffe ausgebildet, sondern trainiert schon seit seinem achten Lebensjahr Taekwondo und seit ein paar Jahren ist er in einem Kendoclub.“

„Taekwondo… Kendo…“, stotterte ich.

Fassungslos sahen Hyun-Woo und ich Juen an, der uns verlegen angrinste. Bisher schien Onkel Min-Chul von seinem neuen Kollegen nicht begeistert zu sein, aber jetzt konnte ich eine gewisse Bewunderung heraus hören.

„Ich habe Hyun-Woo dazu gebeten, weil es auch um ihn geht, denn es wäre besser, Juen-Wo würde bei euch einziehen, um immer vor Ort zu sein!“

„Aber…“, kam es von Juen, wurde aber sofort von Onkel Min-Chul mit einem Handzeichen ausgebremst.

„Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagte Hyun-Woo neben mir, der anscheinend sofort mit deren Plan einverstanden war, „ich müsste mich aber vorher noch mit So-Woi kurzschließen, denn es ist sein Haus.“

„Ich denke, das ist kein Problem, seine Großmutter hat versprochen mit ihm zu reden.“

Hyun-Woo nickte ihm zu, während ich mich immer unwohler fühlte. Dieser große Aufwand um mich, meine Person, war mir gar nicht Recht. Wieder drehte sich alles nur um mich. Ich rieb mit meinen Fingern, die kalten Hände und sank etwas in mich zusammen.

„Dann hätte ich noch eine Idee“, sprach Onkel Min-Chul weiter, wurde aber das Klopfen an der Tür unterbrochen.

Jack schaute herein.

„Wäre es möglich, dass ihr alle hinüber zu So-Woi kommt?“

Wir erhoben uns und folgten Jack in So-Wois Büro. Der saß dort und telefonierte. Er winkte uns herein und zeigte auf die Couch.

„Ja Grandma, wenn die Bewerbungen gelaufen sind, komm ich dich wieder besuchen, versprochen.“

Wir setzten uns, während sich Jack zu So-Woi gesellte. Der verabschiedete sich von seiner Grandma und legte sein Handy auf den Tisch. Er schaute kurz zu uns, dann zu Juen.

„Juen, würdest du bitte aufstehen, zur Tür gehen und wieder zurück?“

„Aber…?“

„Juen Jo, mach einfach, was So-Woi sagt“, raunte Min-Chul ihm zu.

Der junge Kollege meines Onkels stand auf und lief wie geheißen zur Tür.

„Langsamer!“, kam es von So-Woi.

Juen machte kleiner Schritte und kehrte wieder zur Couch zurück und setzte sich wieder neben meinen Onkel, während So-Woi aufstand und zu uns kam. Was das eben sollte, verstand ich nicht. Etwas verwirrt starrte ich So-Woi an.

„Hyun-Woo, Grandma hat mich über alles informiert. Ich finde die Idee gut, dass Lucas, jemanden wie Juen zur Seite gestellt bekommt. Falls es dir nicht recht ist, kann Juen Lucas altes Zimmer bei mir bewohnen…“

„… nein, das ist schon Recht, ich habe ja genauso Gästezimmer wie du, dass stört mich nicht“, antwortete Hyun-Woo.

Ich stand auf und sah alle an. Wut stieg in mir auf. Ich wusste ja, dass es alle ja nur gut mit mir meinten, aber irgendwie ging mir das alles jetzt zu weit.

„Ob das mir Recht ist, fragt keiner!“, fuhr ich sie an, lief zur Tür und verließ das Büro.

„Lucas…?“, hörte ich Hyun-Woos Stimme.

Ich kam auf den Flur und versuchte mich zu erinnern, wie der Weg zum Fahrstuhl war. Vor dem Fahrstuhl angekommen, hielt ich inne. Meine innere Stimme machte mir klar, dass ich jetzt kein Fahrstuhl fahren wollte, schon gar nicht alleine.

Ich entdeckte etwas neben dem Fahrstuhl eine Tür, auf dem ein Schild Treppen mit einem Männchen zeigte. Treppenhaus, gut! Die Tür war etwas schwerer zu öffnen und als ich im Treppenhaus stand hielt ich erneut inne.

Unten im Hof waren die Fans, wenn ich mich jetzt dort zeigte, war ich schnell von denen umringt. So lief ich Treppen nach oben, irgendwo musste es ja dort hingehen. Die Treppe endete an einer Tür, die nicht wie die anderen mit Glas besetzt war.

Ich drückte sie auf und stand nun auf dem Dach des Gebäudes. Hier war wenigstens Ruhe. Vorsichtig lief ich an den Rand des Daches und schaute nach unten. Der Platz vor dem Gebäude war immer noch recht gut gefüllt. Aber ich konnte mehr Leute in Uniform entdecken, die die Menge in Schacht hielt.

„Lucas…?“

Ich zuckte zusammen, denn so schnell hatte ich niemanden erwartet. Ich atmete tief durch und drehte mich um. Hyun-Woo stand mit etwas Abstand bei mir.

„Lucas, habe ich nicht gesagt, wir stehen das alles gemeinsam durch?“, fing er einfach an zu reden.

„Hast du denn so wenig Vertrauen in mich?“.

Seine Stimme war brüchig, seine Augen glasig. Ich lief langsam auf ihn zu.

„Hyun-Woo, dass meinte ich doch nicht, mir wird dieser Trubel um mich einfach zu viel. Ich will doch nur dieses Land kennen lernen und mit dir zusammen sein…“

Ich nahm ihn in den Arm, versenkte mein Gesicht in seiner Halsneige und fing an zu weinen.

„Warum lassen die mich nicht in Ruhe… ich will von niemanden etwas…“

Ich spürte, wie eine Hand über meine Haare streichelte.

„Es tut mir leid, Lucas, dass ich dich nicht besser beschützen kann“, hörte ich Hyun-Woos gedämmte Stimme.

„Quatsch! Ich will nur bei dir sein… mehr will ich nicht“, wimmerte ich.

„Wir sind doch zusammen, daran ändert das mit Juen auch nichts.“

„Aber Juen ist ein Fremder, wenn der jetzt in deine Wohnung…“

„Lucas, bitte…, beruhige dich! Die anderen haben schon Recht, ich kann nicht immer bei dir sein und es gibt sicherlich immer wieder Situationen, wo niemand bei dir ist. Mir ist es lieber, es ist jemand ständig bei dir und Juen scheint ja ein recht umgänglicher Typ zu sein. Er schläft ja nicht in unserem Schlafzimmer!“

Ich hob den Kopf und sah in Hyun-Woos lächelndes Gesicht.“

„Das wär ja noch schöner! Der einzige Raum mit dem ich ungestört mit dir alleine sein kann!“

Auch ich musste etwas Lächeln.

„Geht es wieder?“

Ich atmete tief durch und nickte.

„Komm, gehen wir wieder zu den Anderen…“

Er griff mach meiner Hand und zog mich zur Tür.

„Sind die anderen jetzt böse auf mich?“

„Nein!“, meinte Hyun-Woo, ohne seinen Kopf zu drehen, „Juen ist wahrscheinlich etwas verwirrt, weil er dich nicht kennt und auch nicht über dich Bescheid weiß, aber das kann man ändern.“

Noch immer hielt er meine Hand, als wir die Treppe hinunter liefen.

„Verwirrt?“

Hyun-Woo blieb kurz stehen.

„Lucas, Juen weiß nichts über die Sache mit In-Jook, auch nicht was bisher geschehen ist, seit du hier bist. Für ihn bist du nur deines Onkels Neffen.“

„Ach so…“

Hyun-Woo zog mich in den Flur, wo reger Betrieb herrschte. Vorhin war mir niemand aufgefallen, hatte aber auch auf niemanden geachtet. Bei den Büros angekommen schob mich Hyun-Woo einfach in So-Wois Raum, wo die anderen immer noch saßen.

„Entschuldigt…“, sagte ich, nachdem sie alle aufschauten.

„Du brauchst dich nicht entschuldigen, Lucas“, sagte Onkel Min-Chul, „jeder hier versteht dich, naja, vielleicht Juen nicht, aber du kannst ihm ja selbst erzählen, was schon passiert ist, ich wollte da nicht vorgreifen.“

Da hatte Hyun-Woo Recht gehabt.

„Setzt euch“, meinte So-Woi und lächelte mich an.

Jack hatte mittlerweile bei So-Woi Platz genommen.

„Lucas, ich weiß, das geht alles etwas schnell für dich, aber Grandma hat mich da auf eine Idee gebracht, dass sich für uns alle nicht so viel ändert.“

Dann drehte sich So-Woi zu Juen.

„Juen, wo wohnst du?“

„… noch bei meinen Eltern…, habe noch keine Wohnung gefunden…“, sagte er leicht bedrückt.

„Wenn dein Kollege nichts dagegen hat, was hältst du davon, wenn wir jetzt deine Sachen holen und in Hyun-Woos Wohnung bringen.“

„Ich kann meine Sachen auch selbst holen, ich brauche nur die Adresse, wo ich hin muss.

Dann schaute er zu meinem Onkel, der grinste aber breit und nickte.

„Du brauchst das nicht alleine tun, wir helfen gerne und so geht es auch leichter und schneller.“

„Tut mir leid So-Woi, wir können hier aber jetzt nicht weg und Jack hat auch genug zu tun“, meldete sich Hyun-Woo zu Wort.

„Wer redet denn von uns. Lucas kann mit ihm gehen.“

„Ähm … du weißt schon, dass ich keinen Führerschein habe?“, meinte ich, „und auskennen tu ich mich erst recht nicht.“

„… ich hab auch keinen“, sagte Juen kleinlaut.

„Ihr braucht auch nicht fahren, ich habe Jae-Joong verständigt, er wird in einer viertel Stunde hier sein und euch hinbringen.“

„Okay“, meinte ich, während Juen nur nickte.

Ich merkte schnell, dass er sich unwohl fühlte, denn ich wusste nicht, ob ihm die Tragweite der Order, ständig bei mir zu sein, richtig bewusst war.

„Wenn dies alles geklärt ist, werde ich zurück zur Station fahren, dort wartet Arbeit und du Juen, mach uns keine Schande!“, meinte Onkel Min-Chul und erhob sich.

„Kein Problem, wir kümmern uns schon um Juen“, sagte So-Woi grinsend.

Du meldest dich, wenn etwas ist, meine Nummer hast du ja!“, gab Onkel Order.

Juen verbeugte sich tief und nickend.

*-*-*

Jack hatte uns Tee gebracht und wir saßen auf So-Wois Sitzgruppe. Die Aufregung hatte sich etwas gelegt und ich trank langsam meinen Tee.

„Ich soll euch übrigens von Grandma grüßen. Sie hat mich auf eine Idee gebracht und ich denke wir haben später eine Win/Win Situation, die allen gerecht wird.“

„Ich versteh nicht…“, warf ich ein.

„Lass es mich erklären“, sagte So-Woi und drehte sich zu Juen.

„Juen, was hältst du von der Idee zu modeln?“

„Ich?“, fragte Juen entsetzt.

„Ja du. Mr. Ri, der Sekretär meiner Grandma hat mir berichtet, dass du Sport treibst und im Zuge der Ermittlungen einen weiteren Job annehmen darfst.“

Wann hatte er mit Mr. Ri gesprochen?

„Ähm… ich weiß nicht…, ich bin nichts Besonderes…“

„Das lass mal meine Sorge sein…, mir schwebt da einiges vor… hättest du etwas dagegen, wenn wir deine Haare färben lassen?“

„Meine Haare…?“

Ich musste kichern. Er war herrlich Juen‘s Reaktion zu beobachten.

„Ja, wie gesagt habe ich einige Ideen und später, wenn ihr mit deinem Umzug fertig seid, kommt mein Friseur zu euch.“

„Euch?“, fragte ich nun verwundert.

„Ja Lucas, du musst zu geben, das heraus gewachsene Blond sieht nicht mehr gut aus!“

„Ähm… okay“, meinte ich nur und schaute zu Hyun-Woo.

Der grinste mich nur an und winkte mit seinen Händen, hatten wir uns darüber ja schon unterhalten.

„Juen, du gehst kurz mit Jack, der deine Maße nimmt, wir müssen ja auch Kleidung für dich anfertigen.“

„Kleidung für mich…?“

Wie ein Papagei sprach Juen jedes Wort nach.

„Ja, du wirst für mich mit Lucas und Jae-Joong modeln und mein Label vorführen. Für den Termin mit BTS nachher wird es zwar nicht mehr reichen, aber es werden ja auch noch andere Kunden kommen.“

„BTS…?“

Jetzt konnte ich nicht mehr anders und fing an zu lachen.

„BTS kommt hier her?“, quickte Juen.

„Japp!“, antwortete So-Woi.

„… Wahnsinn…“

Da schien wohl ein Fan von dieser Gruppe zu sitzen. Es klopfte und wenig später wurde die Tür aufgezogen.

„Hallo zusammen“, hörte ich Jae-Joongs vertraute Stimme.

„Was ist denn bei euch los? Man kommt ja fast nicht mehr zum Eingang durch.“

„Das hat dir doch sicher gefallen“, meinte ich und begrüßte ihn mit einer Umarmung.

„Wie kommst du darauf?“, antwortete er und grinste mich dabei frech an.

Hyun-Woo tippte mich an der Schulter an.

„Kannst du noch kurz zu mir hinüber ins Büro kommen, bevor ihr los fahrt?“

Ich nickte und folgte ihm in sein Büro. Hinter mir schloss er die Tür und zog mich in seine Arme.

„Lucas, egal was ist, ich bin immer bei dir und helfe dir so gut ich kann, dass darfst du nie vergessen!“

Ich nickte nur, weil ich nicht recht wusste, was ich erwidern sollte. Er zog mich noch näher zu sich heran und küsste mich.

„… ich hab jetzt schon Entzug“, meinte er verlegen und lächelte.

Auch darauf sagte ich nichts und küsste ihn erneut.

*-*-*

Juen wohnte etwas außerhalb und ich fragte mich, wie früh er aufstand und wie lange er wohl fahren musste, bis er auf der Polizeistation war. Juen saß bei Jae-Joong vorne, während ich mir die Gegend anschaute.

Hier standen vereinzelt kleine Häuser zwischen großen Bäumen. Schöne Wohngegend dachte ich für mich. Nicht so stressig, wie in der Innenstadt. Juen zeigte nach links und Jae-Joong verlangsamte das Tempo des Wagens.

Nachdem er einen Parkplatz gefunden hatte, stieg er und Juen aus. Ich folgte den beiden wortlos. Unser junger Freund lief direkt auf ein altes Haus zu, das halb gemauert war, der Rest bestand aus Holz.

Es passte eigentlich irgendwie überhaupt nicht das Straßenbild, die anderen Häuser wirkten jünger auf mich. Juen schob das kleine Holztor vor uns auf und lief die Treppe nach oben. Jae-Joong und ich folgten ihm weiter hin.

Nach längerem Suchen zog er einen Schlüssel heraus du öffnete die Haustür.

„Ich bin wieder da…“, rief er laut ins Haus.

„Juen…, Junge, warum bist du so früh zu Hause, ist etwas geschehen?“, hört ich eine weibliche Stimme antworten.

„Nein Mutter, ich habe dir doch gesagt, dass ich wegen dem neuen Fall ausziehen werde. Ich bin hier um mein Gepäck zu holen.“

Jetzt kam eine Frau in Sicht, die ich von Aussehen her, eher als Juen’s Großmutter gehalten hätte. Als Jae-Joong und ins Blickfeld der Frau kamen, verneigte ich mich automatisch.

„Du bist heute Abend nicht zum Essen da? Da wird dein Vater aber enttäuscht sein.“

Hatte die Frau keine anderen Probleme, als das Essen? Ihr Sohn zog aus, verließ das elternliche Gefilde. Für wie lange, darüber hatte sich auch noch niemand Gedanken gemacht.

„Vater wird dir das noch einmal erklären, wenn er nach Hause kommt. Darf ich dir Lucas und Jae-Joong vorstellen?“

Die Frau schaute uns an, als würde sie durch uns hin durch schauen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Auch Jae-Joong schien etwas zu bemerken, fragend schaute er mich an.

„Du hast noch nie jemand aus der Schule mit nach Hause gebracht, Yuen.“

Schule? Er war doch nicht mehr auf der Akademie.

„Mutter, hast du schon das Essen fertig?“

Jetzt verstand ich gar nichts mehr.

„Nein …und dein Vater kommt bald…, ich muss wieder in die Küche.“

Ohne weiter auf uns einzugehen verschwand sie wieder. Bedrückt drehte sich Juen um.

„Es tut mir leid…, ich erkläre das später…, können wir einfach meine Sachen holen?“

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte und nickte nur. Jae-Joong zuckte lediglich mit den Schultern und schloss die Tür hinter sich. Juen lief die schmale Treppe nach oben und wie immer taten wir es ihm gleich.

„Entschuldigt, die Unordnung, ich habe nicht damit gerechnet, dass jemand hier her kommt“, entschuldigte sich Juen verneigend.“

„Du musst dich nicht entschuldigen“, sagte Jae-Joong und schob ihn in das kleine Zimmer.

Ein Bett, Tisch mit Stuhl und ein Schrank. Mehr stand hier nicht. Ich beschloss einfach im Flur stehen zu bleiben und die beiden alles tun zu lassen. Mein Blick fuhr den Flur entlang und auch die Treppe hinunter.

Alles wirkte alt auf mich, nein nicht alt, das war das falsche Wort. Es kam mir vor, als wäre ich in einer anderen Zeit. Möbel, Tapeten und anderes, was ich kurz wahr nahm, schienen aus einer anderen Zeit zu stammen.

Die Wohnung von Opa und Oma kam mir in den Sinn, als ich noch klein war. Nichts Modernes zierte hier etwas. Selbst die Lichtschalter waren von früher.

„Ist das alles?“, riss mich Jae-Joong aus den Gedanken.

„Ja…, mehr besitze ich nicht“, antwortete Juen leise.

Jae-Joong griff nach der einen Tasche, zwängte sich an mir vorbei und lief nach unten. Juen schaute sich in seinem Zimmer noch einmal um, griff nach einer Fotografie auf dem Tisch und drehte sich dann zu mir. Seine Augen waren glasig.

„Ich hätte dann alles, wir können gehen…“

Ich nickte und folgte ihm wieder nach unten. Jae-Joong schien bereits am Wagen zu sein, denn ich konnte ihn nirgends sehen. Juen lief durch die offene Haustür.

„Ähm, willst du dich nicht von deiner Mutter verabschieden?“

„… das bringt nichts…“, hörte ich ihn leise sagen.

Ich schaute noch einmal in die Richtung, in der seine Mutter verschwunden war und verließ dann ebenso das Haus.

*-*-*

Da sich Juen nach hinten gesetzt hatte, war ich vorne bei Jae-Joong eingestiegen. Der rollte langsam vom Parkplatz und fuhr langsam den Weg zurück, wie wir gekommen waren.

„Scheint uns niemand gefolgt zu sein, ich sehe jedenfalls keinen verdächtigen Wagen“, meinte er leise, ohne zu mir zu schauen.

Automatisch schaute ich kurz in alle Richtungen, bis mein Blick auf Juen hingen blieb. Der saß zusammengesunken auf der Rückbank, schaute nach unten. Seine Finger hielten den Bilderrahmen fest.

Die Knöchel waren weiß, also musste er mit großem Druck das Bild halten. Mein Kopf wanderte wieder nach vorne und ich blickte direkt zu Jae-Joong, der aber nur mit den Schultern zuckte.

Die Fahrt zu So-Wois Haus verlief ruhig, selbst Jae-Joongs sonstiger Redefluss war gestoppt.

Dort angekommen, wurden wir wie gewohnt vom Sicherheitspersonal begrüßt. Nachdem Jae-Joong und Juen die Taschen ausgeladen hatte, reichte er seine Wagenschlüssel den Männern.

Oben angekommen, zeigte Jae-Joong Juen sein Zimmer, während ich mich auf der Sitzgruppe niederließ. Jae-Joong kam alleine zurück.

„Auch etwas zu trinken?“, fragte er und lief an mir vorbei zur Küchenzeile.

Da Hyun-Woos und So-Wois Wohnung ähnlich geschnitten waren, schien er sich wohl bestens auszukennen.

„Ja“, antwortete ich, erhob mich und setzte mich zu ihm an die Theke.

Jae-Joong holte zwei Gläser aus dem Schrank und befüllte sie mit Wasser, bevor er sich zu mir gesellte. Er stellte die Gläser ab und schaute mich an.

„Was denkst du?“, fragte er und nahm einen Schluck.

Auch ich nahm mein Glas.

„Um ehrlich zu sein, das eben war mir zu hoch. Er sagte, als wir das Haus verließen, es bringt nichts, sich von seiner Mutter sich zu verabschieden.“

„Mit der Frau stimmt etwas nicht.“

„Nur mit der Frau? Alles in dem Haus, selbst das Haus… es kam mir vor wie die Wohnung meiner Großeltern in Deutschland, als ich noch klein war.“

„Das ist dir also auch aufgefallen?“

Ich nickte und nahm auch einen Schluck. Hinter mir hüstelte es. Dort stand Juen in der Tür. Er kam mir so traurig vor. Nichts war mehr von der Euphorie zusehen, die er bislang an den Tag gelegt hatte.

„Komm, setz dich zu uns Yuen!“, meinte ich und schaute zu Jae-Joong.

Der regierte sofort und füllte ein weiteres Glas mit Wasser. Yuen ließ sich neben mir auf dem Hocker nieder.

„Entschuldigt bitte…, ich wollte eigentlich nicht, dass ihr das mitbekommt…“, sagte Juen mit leiser, gedämpfter Stimme.

Er schaute mich auch nicht an, sein Blick war nach wie nach unten gerichtet.

„Was mitbekommt…?“, fragte Jae-Joong.

„Dass…, dass mit meiner Mutter…“

„Was ist mit deiner Mutter?“

Er atmete tief durch und schaute auch nicht auf.

„Vor ungefähr zehn Jahren…, hatte meiner Mutter einen schweren Verkehrsunfall. Augenzeugen sagten, die Fußgängerampel wäre grün gewesen, aber der Wagen hätte sie ungebremst erfasst.“

Dass sie einen Unfall hatte, sah man ihr gar nicht an, sie bewegte sich doch normal.

„Sie… sie lag lange im Krankenhaus… und ihr Körper ist auch zum Glück voll genesen…, aber ihre… ihre Seele hat Schaden genommen.“

Ich sah, dass Tränen auf seine Hände tropften. Jae-Joong hob abwehrend die Hände, als hätte ich etwas gesagt. Ich hob den Arm und legte ihn um Juen.

„… sie hat … sie nimmt die heutige Welt nicht mehr wahr…, oder will sie nicht mehr wahr nehmen. Sie lebt in ihrer eigenen Welt…, als ich noch zur Middleschool ging…“

Jetzt verstand ich langsam. Als er uns vorhin vorstellte, waren wir für sie Juen’s Klassenkameraden, die sie noch nie gesehen hatte.

„Ist deshalb das ganze Haus in einem Zustand wie früher?“, fragte ich.

Juen nickte.

„Die Ärzte sagen, sie würde sich wahrscheinlich nicht mehr zu Recht finden, wenn wir, wie die Nachbarn modernisieren würden.“

„Was ist mit deinem Vater?“

„Mein Vater…? Eine herzensgute Seele mit wahnsinnig viel Geduld…, er kümmert sich sehr liebevoll um meine Mutter.“

Er sagte das mit so einer leisen und weichen Stimme.

„Habt ihr keine Angst, wenn sie das Haus verlässt, ihr könnte etwas zustoßen?“, wollte Jae-Joong wissen.

„Sie verlässt nie das Haus…“

„Und was ist jetzt, wenn du nicht mehr da bist?“

„… das wissen wir nicht…, die Ärzte meinen, dass sie mich vielleicht irgendwann vergisst.“

Ich schaute ihn lange an.

„Warum hast du meinem Onkel das nicht gesagt, er hätte dich sicher nicht ausgewählt!“, sagte ich jetzt fast ärgerlich.

Wenn er sich seiner Situation bewusst war, warum hatte er dann zu gesagt?

„Ich… ich habe aufgegeben…, wollte nur noch weg von zu Hause… ich kann einfach nicht mehr.“

Bei den letzten Worten schaute er zu mir auf. In diesen Augen lag Angst…, Verzweiflung und eine große Traurigkeit. So wirkte es auf alle Fälle auf mich.

„Warum wolltest du Polizist werden?“, kam es von Jae-Joong.

„Der Fahrer des Wagens, der meine Mutter überfuhr, wurde nie gefunden. Man wusste nur, dass es ein schwarzer Mercedes war, mehr nicht. Ich hatte mir damals geschworen, dass ich Polizist werde und helfen werde, solche Menschen zu finden, die Unrecht begangen haben.“

Noble Gesinnung, aber das half uns auch nicht weiter. Ob es wirklich gut war, dass er im Zuge der Ermittlungen, diesen Job übernahm? Ich nahm mir vor mit Onkel Min-Chul darüber zu reden.

Aber gleichzeitig kam mir der Gedanke, es ist vielleicht auch eine Art Neubeginn für ihn, eine Möglichkeit, dieser Welt seiner Mutter zu entfliehen. War aber der Preis, dass sie ihn vielleicht vergaß, nicht zu hoch?

Fragen über Fragen, die für mein Befinden sicher nicht gut waren. Das Telefon entriss mich meiner Gedankenwelt, worüber ich froh war. Ich wollte schon aufstehen, aber Jae-Joong war schneller.

„Ja?… Gut… soll herauf kommen…Danke!“

Verwundert schaute ich ihn an.

„Der Friseur ist da“, meinte er nur und lief zur Wohnungstür.

*-*-*

Frisch frisiert, saß ich nun wieder in Wagen. Es hatte doch etwas gedauert und Juen war etwas enttäuscht, dass er deswegen vielleicht nicht seine Lieblingsmusikgruppe sehen konnte, oder zumindest einige Mitglieder.

Aber die Enttäuschung verflog, als wir bei So-Wois neuer Firma eintrafen. Der Menschenpulk davor, war nicht kleiner geworden, eher größer. Und wie immer die Männer in schwarz, die versuchten, alles unter Kontrolle zu halten.

Als Jae-Joong den Parkplatz befahren wollte und die davorstehenden Schaulustigen langsam zur Seite wichen, wurden wir von einer dieser Männer gestoppt. Jae-Joong ließ die Scheibe herunter und der Mann trat heran.

„Ausweis oder Einladung?“, fragte der schwarz angezogene Herr nur und Jae-Joong schaute mich erstaunt an.

Was sollte das denn?

„Guter Mann“, begann Jae-Joong neben mir, „schauen sie aufs Firmenschild und dann auf meinen Nebenmann…, ist das Einladung genug?“

Der Mann tat wie geheißen und wandte sich dann wieder an Jae-Joong.

„Tut mir leid, da ist keine Ähnlichkeit…, der da oben ist blond hat lange Haare, aber der Herr neben ihnen hat schwarze, kurze Haare! Bitte entfernen sie den Wagen von der Einfahrt!“

Ich befürchtete schon, dass Jae-Joong neben mir gleich aus der Haut fahren würde, sein Gesicht war rot und er atmete recht schnell. Er zog sein Handy hervor und tippte eine Nummer ein.

„…Jack… hier Jae-Joong, beweg gefälligst deinen hübschen Arsch hier runter und sag deinen Gorillas, dass sie uns hinein lassen sollen!“, brüllt er ins Handy.

Während ich Juen hinter mir schon die ganze Zeit kichern hörte musste ich nun auch lachen.

„Lach nicht!“, fuhr mich Jae-Joong an.

„So so, süßer Arsch…?“, meinte ich und lachte weiter.

Plötzlich ließ Juen hinter mir ein Schrei von sich. Erschrocken drehte ich mich um und sag wie er seine Taschen durch suchte. An die leicht welligen, hellbraunen Haare musste ich mich erst gewöhnen.

Er zog seinen Ausweis heraus und rief laut den Typen zurück. Der machte mittlerweile genauso ein böses Gesicht und wollte schon zu einer Wortflut ansetzten, als Juen seinen Dienstausweis hochhob.

„Guter Mann, sie behindern hier polizeitechnische Ermittlungen und wenn sie uns nicht hinein lassen, wird das Konsequenzen für sie haben.

„Ist der überhaupt echt?“, meinte der Anzugtyp und griff nach dem Ausweis, aber Juen zog ihn zurück.

Mir wurde das langsam zu bunt und ich stieg aus.

„Guter Mann, ich kann nichts dafür, dass sie so schlechte Augen haben, aber ich bin wirklich der, der da oben auf dem Plakat prangt, oder wie viele Koreaner mit grünen Augen kennen sie!“, fuhr ich ihn an und wollte das Grundstück betreten.

Dass dies ein Fehler war, merkte ich leider zu spät.

Einerseits rissen mich zwei Kollegen des Herren auf den Boden und zudem hatte ich plötzlich die volle Aufmerksamkeit der umstehenden Fans. Mich hatte gewundert, dass noch keiner ein Bild geschossen hatte.

Mein Gesicht schmerzte und um mich herum wurde es laut. Mädchen fingen an zu schreien und Jae-Joong versuchte verzweifelt zu mir zu gelangen. Auch Juen war ausgestiegen, wurde aber wie Jae-Joong davon abgehalten.

Dann schrie noch einer „Waffe“ und gleich mehrere Herren in Schwarz zielten plötzlich mit gezogener Waffe auf Juen. In diesem Schlamassel fand uns Jack vor.

„Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Lasst sofort Master Lucas los und ihr zielt auf einen Polizisten!“, schrie Jack.

Bisher hatte ich Jack immer als ruhigen Typen wahrgenommen, aber mit diesem Schrei änderte sich wiedermal meine Betrachtungsweise. Vor Angst waren wenigstens die schreienden Fans zurück gewiesen. Der Druck auf mein Gesicht, das immer noch am Boden scheuerte, hörte unmittelbar auf und ich wurde hochgezogen.

*-*-*

„Es tut mir so leid“, meinte Jack neben mir, während Hyun-Woo vorsichtig mit etwas meine Wange betupfte.

Ich zog mein Gesicht zurück, weil es schmerzte.

„Jack, wie oft soll ich noch sagen, dass du dafür nichts kannst!“, fuhr ich ihn leicht genervt an.

Die Tür zu Hyun-Woos Büro wurde aufgezogen und So-Woi kam in mein Blickfeld. Aber ein kurzer Schrei von Juen hinter mir ließ mich zusammen fahren und ich hätte fast Hyun-Woos Finger im Auge gehabt.

„Juen, könntest du dir dieses Geschrei abgewöhnen!“, fuhr ich ihn an.

Vorwurfsvoll schaute ich zu ihm und konnte dann den Grund seines Aufschreis sehen. Hinter So-Woi waren noch zwei weitere junge Männer ins Zimmer gekommen. Dahinter waren noch mehr Leute.

„Lucas alles in Ordnung mit dir?“, fragte So-Woi nun besorgt.

„Sehe ich so aus?“, fuhr auch ich ihn an.

Alle redeten plötzlich durcheinander. So-Woi wich etwas zurück und ich merkte, dass ich mich im Ton vergriffen hatte. Ich hob die Hände und schrie laut:“Stopp!“

Augenblicklich war es ruhig im Büro.

„Entschuldigt, das alles hier ist jetzt etwas viel für mich…, wäre es möglich, mich mit Hyun-Woo alleine zu lassen?“

Ich atmete tief durch, spürte aber trotzdem eine leichte Übelkeit in mir Aufsteigen.

„Bei euch geht es ja hoch her“, sagte einer der jungen Männer zu So-Woi, „ist das immer so? Ich dachte immer nur bei uns wäre es so turbulent.“

„Tut mir leid Taehyung, so gesehen ist heute unser erster Tag und alles läuft irgendwie schief.“

„Kein Problem, ich find es lustig“, meinte der junge Typ.

Was war daran witzig? Ich fand es nicht toll, die Welt von unten anzusehen und mich vom Teer streicheln zu lassen. Fragend schaute ich So-Woi an, weil mich jetzt doch interessierte, wer da jetzt genau vor mir stand. Zudem er auch noch gut aussah und eine weichklingende etwas tiefere Stimme besaß.

„Darf ich dir V und J-Hope von BTS vorstellen, ich hatte dir bereits von ihnen erzählt. Und dass hier ist Lucas, von dem ihr sicher schon gehört habt“, reagierte So-Woi sofort.

„Du bist Lucas?“, meinte dieser V oder Taehyung sofort und strecke er seine Hand aus.

Brav wie ich war, schüttelte ich seine Hand, die sich sehr weich anfühlte.

„Ja“, meinte ich nur und schüttelte auch diesem J-Hope die Hand.

„Echt cool, wir müssen eingefärbte Kontaktlinsen einsetzten, wenn wir unsere Augenfarbe ändern wollen und dein grün ist echt“, sprach V voll Begeisterung einfach weiter.

Hinter ihm begannen Jack und Jae-Joong die Leute hinaus zu schieben. Ich lächelte leicht, auch wenn mir nicht dazu zumute war. Ich atmete erneut tief durch und meine Wange brannte weiterhin.

„Sollen wir nicht lieber ins Krankenhaus fahren?“, fragte Hyun-Woo neben mir, der bis jetzt noch kein Ton gesagt hatte.

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, nicht schon wieder das Krankhaus, davon habe ich genug.“

So-Woi machte Anstalten seine Gäste aus dem Raum zu schieben.

„So-Woi…, bleibt bitte…“

*-*-*

In Kurzform hatte ich erzählt, was mir alles seit meiner Ankunft passiert war. Nicht nur So-Wois Gäste, auch Juen machte große Augen. Jae-Joong überredete mich einer meiner fertigen Anzüge von So-Woi anzuziehen, um ihn dann vor V und J-Hope zu zeigen.

„Weißt du eigentlich, dass du mit der schwarzen Frisur super geil aussiehst“, raunte mir Hyun-Woo ins Ohr, als er mir in die Jacke half.

Ich lächelte ihn an. Es war mir zwar etwas peinlich, dass mir Juen die Schuhe zuband, aber nachdem beim Bücken, der Druck sich auf meine Wangenwunde verstärkte, sprich es brannte teuflisch, war es mir dann ganz recht.

So nobel angezogen lief ich hinter Jae-Joong zurück in So-Wois Büro. Wir ernteten Applause und Pfiffe. V schaute sich die Sachen sehr genau an und ich merkte schnell, dass dieser Taehyung doch Einiges an Ahnung von Mode hatte.

„Er trägt gerne Sachen von Gucci und zudem sind BTS Werbeträger für Puma“, flüsterte mir Hyun-Woo von hinten ins Ohr.

Erst jetzt merkte ich, dass Hyun-Woo sich auch schnell umgezogen hatte.

„Das würde sicher Suga gefallen“, sagte J-Hope und zeigte dabei auf Hyun-Woo.

Mein Schatz lief natürlich rot an und ich musste grinsen. Inzwischen hatte Jack den Tee gebracht und ich bemächtigte mich einer Tasse. Das heiße Getränk in meiner Kehle tat gut. So wie ich war setzte ich mich neben So-Woi und lauschte dem Gespräch was er mit den beiden führte.

An was man bei der Anfertigung alles denken musste, war mir schon fast zu hoch. Da die Jungs bei jedem Lied wohl auch tanzten, musste auch genug Bewegungsfreiheit in den Kleidungsstücken darin sein.

Und trotzdem sollte es eng anliegend aussehen. Wie So-Woi dies bewerkstelligen wollte, war mir ein Rätsel, aber das war wohl ab jetzt auch sein Job. Man redete noch eine Weile über verschiedene Dinge und J-Hope lud uns kurzerhand zum Abendessen ein.

Ganz zur Freude von Juen, der nun alle Mitglieder dieser Gruppe kennen lernen konnte. Es war schön ihn wieder lächeln zu sehen. Nach dem Gespräch am Mittag war er sehr in sich gekehrt und sehr still.

Nachdem Hyun-Woo sich bereits umgezogen hatte, half er mir ebenso aus meinen Sachen. Zum Abendessen wollte ich das wirklich nicht tragen, aber wir beschlossen, vorher in der Wohnung vorbei zu fahren, um uns entsprechend umziehen zu können.

Juen blieb nun ständig an meiner Seite. Auch etwas, an das ich mich erst gewöhnen musste. Er lächelte zwar wieder, schwieg aber weiterhin. Onkel Min-Chul hatte ihm diesbezüglich, wohl eine Anweisungen gegeben.

Unangenehm fand ich auch, dass die beiden Herren, die mich niedergestreckt hatten, ebenso der Mann in Schwarz, der uns nicht erkannte, ihren Job los waren. Ich fand es nicht Recht, jeder macht mal einen Fehler, aber ich wollte mich auch nicht einmischen.

So fuhren wir nach Hause und dort angekommen, ließ ich mich erst einmal aufs Bett fallen. Hyun-Woo setzte sich neben mich.

„Willst du lieber zu Hause bleiben? Du bist sicher müde, oder?“

„Nein, ich brauche heute Abend etwas Ablenkung“, meinte ich und drehte mich zu ihm, „aber ich könnte mir auch etwas anderes vorstellen.“

Meine Hand wanderte unter seinen Pullover, den Rücken hoch. So zog ich Hyun-Woo zu mir und gab ihm einen Kuss. Er grinste breit. Ein Klopfen an unserer Tür unterbrach uns.

„Ja“, rief Hyun-Woo laut und die Tür öffnete sich.

Juen streckte seinen Kopf herein.

„Ich habe hier einen Stick, darauf sind ein paar Videos von BTS, nach denen du gefragt hast.“

„Okay, wir kommen gleich. Auf dem Tisch liegt mein Tableau, da kannst du sie schon mal hoch laden“, meinte Hyun-Woo.

„Passwort?“, fragte Juen

„Hat es keins, das ist mein Privates“, antwortete Hyun-Woo ihm und schon waren wir wieder alleine.

„Was willst du anziehen?“, fragte mich mein Schatz und lief zum Schrank.

Mittlerweile hatte ich mich daran gewohnt, dass Hyun-Woo dies so handhabte.

„Den großen beigen Wollpulli und die helle Jeanshose dazu.“

Wenig später hatte ich die Sachen vor mir liegen.

*-*-*

Jack und So-Woi waren bereits bei uns eingetroffen. Wir hatten ausgemacht, gemeinsam auf Jae-Joongs Ankunft zu warten und dann alle zusammen mit dem Van zum Essen zu fahren. Während Jack mit einem Anzug und T-Shirt bekleidet war, trug So-Woi ein weites weißes Hemd und wie ich eine Jeans.

Bei Juen hatte sich bis auf das weiße Hemd nichts geändert. Ich saß neben So-Woi auf dem Sofa und schaute mir zwei, drei Musikvideos von BTS an.

„Wow, der kann gut tanzen“, meinte ich und zeigte auf einen blonden jungen Mann im Vordergrund.

„Das ist Jimin, er hat eine Tanzausbildung auf der Seoul High School of Art genossen“, erklärte hinter mir Juen.

Da war wohl einer recht gut über BTS informiert. Die Sprechanlage macht sich bemerkbar, was unsere Aufmerksamkeit auf diese lenkte. Hyun-Woo lief zu ihr und drückte eine Taste. Der kleine Monitor flackerte und ein Gesicht wurde sichtbar.

„Hall Jae-Joong, wir kommen gleich herunter, Yong-Hun soll dich schon zur Tiefgarage bringen…“

Wer war Yong-Hun, den Namen hatte ich noch nie gehört. Hyun-Woo kam zurück und schaltete sein Tableau aus.

„Wir können, oder?“, fragte er.

Alle nickten. Gemeinsam verließen wir Hyun-Woos Wohnung und gingen zum Fahrstuhl. Etwas später unten angekommen, sah ich Jae-Joong beim Van stehen und noch eine weitere Person.

Jae-Joong begrüßte uns herzlich, obwohl es noch nicht lange her war, dass wir uns gesehen hatten. Während wir hinten den Van bestiegen, ließ sich Jack die Schlüssel von der Person geben.

„Danke Yong-Hun“, meinte Jack nur und stieg ebenso ein.

Der genannte verneigte sich und lief Richtung Aufzug davon. Jae-Joong hatte bei Jack Platz genommen und So-Woi, Hyun-Woo und ich saßen direkt dahinter. Juen saß als einziger ganz hinten.

So verließen wir die Tiefgarage und Jack hatte sich schnell im Verkehr eingeordnet. Trotz der Dunkelheit war doch noch recht viel Leben auf und an der Straße. Wie immer faszinierte mich dieses bunte Treiben am Abend und nach zwei weiteren Kreuzungen merkte ich, dass ich bereits die Orientierung verloren hatte.

Ich spürte, dass Hyun-Woo meine Hand nahm.

„Alles klar?“, flüsterte er.

Ich nickte ihn lächelnd an und mein Blick wanderte wieder nach draußen.

*-*-*

„Ähm, wollten wir nicht essen gehen?“, fragte ich, als wir eine Auffahrt zu einem Wohnblock hochfuhren.

Vor uns tat sich ein großer Wohnkomplex auf, dessen Einfahrt wie bei So-Wois Grandma streng bewacht wurde. Jack ließ den Wagen ausrollen und stoppte an der Schranke. Ein Mann in Uniform kam zum Wagen und unser Fahrerließ die Scheibe herunter.

Jack zog ein Schriftstück hervor und der Mann nahm es entgegen, lass es und schaute sich dann im Wagen um, bevor er dann nickend die Einfahrt freigab und die Schranke öffnete. Im Wagen war es still, niemand sagte etwas, als Jack das Areal befuhr.

Kurz nach der Einfahrt hielt er kurz an und zog sein Handy hervor. Er tippte kurz etwas ein und führte sein Handy zum Ohr.

„Ja hallo hier ist Jack. Wir sind jetzt an der Einfahrt, wo genau sollen wir hinfahren?“

Wir lauschten alle, aber leider hatte Jack keine Lauttaste gedrückt.

„Ja danke Jimin, dann bis gleich…“

Er legte das Handy an und der Wagen zog an. Wie groß dieser Komplex von mehreren aneinander gebauten Gebäuden war, konnten wir erst jetzt sehen. Vor einem Gebäude mit Terrassenangelegten Balkonen wurde Jack langsamer und bog in die Einfahrt der Tiefgarage ein.

Um uns herum wurde er kurz dunkel, bevor wir das Parkdeck erreichten. Schnell war ein reservierter Parkplatz für Gäste gefunden. Jack parkte ein und schon konnten wir aussteigen. Ein junger blonder Mann kam auf uns zu, der über das ganze Gesicht strahlte.

„Jimin!“, rief Jae-Joong und lief auf ihn zu.

Der kannte wirklich jeden.

„Hallo Jae-Joong, lange nicht mehr gesehen“, antwortete der Typ mit leiser Stimme.

Die beiden schüttelten sich die Hände.

„Darf ich dir eure Gäste für heute Abend vorstellen?“, fragte Jae-Joong und zeigte auf uns.

Jack hatte mittlerweile den Wagen verschlossen und hatte sich zu So-Woi gesellt. Hyun-Woo und Juen standen leicht hinter mir.

„Ich war ganz überrascht als mit TeaTea aufgeregt erzählte, dass Hoseok Gäste zum Abendessen eingeladen hat. Kommt ja sehr selten vor.“

Jae-Joong nickte und lächelte.

„Das sind CEO Chung und Cho Hyun-Woo von NEWSOWOI.“

„Hallo“, meinte Jimin und schüttelte jedem die Hand, die Verbeugung nicht zu vergessen.

Alles sehr formell.

„Hallo Jimin“, meinte So-Woi, „einfach So-Woi, lassen wir den Titel weg, sonst fühle ich mich gleich so alt. Hyun-Woo hier ist übrigens auch ein 95er, wie du und Taehyung.“

95er, was meinte er damit?

„Wirklich?“, fragte Jimin lächelnd, „Willkommen im Club!“

„Danke“, meinte Hyun-Woo und schüttelte ebenso Jimins Hand.

„Die sind alle im Jahrgang 95 geboren“, flüsterte es plötzlich leise in mein Ohr und erschrak etwas.

Juen sah mich lächelnd an. Dieser Jimin sah für mich eher wie sechzehn, als dreiundzwanzig aus. Da schien ich wohl heute Abend einer der jüngsten zu sein.

„Das ist Jack und Yuen“, sprach Jae-Joong weiter.

Wieder wurden Hände geschüttelt und Jae-Joong trat zu mir.

„Und zu guter Letzt, das ist unser Lucas!“

Unser Lucas, wie sich das anhörte.

„Hallo Lucas“, meinte Jimin und trat auf mich zu, ohne den Augenkontakt abzubrechen.

„TeaTea hat mir von deinen Augen schon erzählt und vorgeschwärmt. Er will sich unbedingt im gleichen Farbton Kontaktlinsen machen lassen.“

Alle um mich herum lächelten.

„Aber gehen wir doch nach oben, die anderen warten schon auf uns“, sprach Jimin und zeigte zum Aufzug.

Wieder so ein Teil, dass ich ja nicht mochte.

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1 Kommentar

    • Andi on 31. Oktober 2018 at 00:21
    • Antworten

    Huhu Pit, mensch bist du gemein: kaum dass man sich warmgelesen hat, ist diese tolle spannende Fortsetzung schon vorbei… Hätte noch lange weiterlesen können. Hoffe, bald wieder was von dir lesen zu können. Und hoffe, dass es dir gesundheitlich etwas besser geht.

    VlG Andi

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