Traumschiff – Teil 133

Erstes Beschnuppern… Termine… Koch gesucht… neuer Trainer… Hamburg… Erben 3… Flamingo wird flügge… On Tour

Marvin, Sonntag, 03.04.2011, 07:30 Uhr, bei Jensen, mit Marie in deren Bett, wach.

Ich bin nun schon fast eine Stunde wach und das, obwohl wir erst nach Mitternacht eingeschlafen sind. Mein

langjähriger guter Freund Finn spuckt seit gestern voll in meinem Kopf und ist wohl der Grund für mein frühes Wach werden. Finn Kretschmer und ich kennen uns vom 1. Grundschultag an, waren fast immer zusammen und erst mit dem Beginn unserer Ausbildungszeit ist das etwas anders geworden.

Er lernt bei einem Ingenieurbüro Technisches Zeichnen und da wir ziemlich verschiedene Arbeitszeiten haben und ich ja dann auch meine 1. Freundin hatte, haben wir uns seltener gesehen. Hinzu kam, dass er auch kaum noch mit mir und meinen Freunden vor Marie zusammen war. Er hat sich da wohl absichtlich sehr zurück gezogen und seit ich Ole und seine Freunde kenne, glaubte ich dann auch zu wissen, warum er das tut. Ich vermutete stark, das er wahrscheinlich auch eher auf Jungs steht, sich aber bisher nicht getraut hat, sich bei jemand zu outen, wohl auch zu Hause nicht.

Sein Vater ist ein, in meinen Augen, ziemlich konservativer, sehr frommer und auch autoritärer Mann, der wie Wolfis Vater, beim hiesigen Wasser- und Schifffahrtsamt arbeitet. Seine Mama ist ausgebildete Altenpflegerin und Finn ist kein Einzelkind. Er hat noch einen um 6 Jahre jüngeren Bruder, mit dem er sich trotz des Altersunterschiedes sehr gut versteht und der hier in Bremen auf eine Gesamtschule in die 9. Klasse geht. Torben, so heißt der Junge, ist wegen eines Unfalls mit 6 Jahren ein Jahr später eingeschult worden. Sie wohnen nur zwei Fahrradminuten weg von uns in einem schon etwas älteren Vierfamilienhaus und Finn und ich waren früher fast immer zusammen. Für gestern Abend hatte ich ihn dann mal wieder nach längerer Pause zu einem Essen beim Griechen, mit Marie und mir, eingeladen und ich habe mich auch über seine Zusage und sein Kommen sehr gefreut. Mit Ole und Frank habe ich nach längerem Gespräch im Vorfeld über Finn und meine Vermutung abgemacht, das beide etwa eine halbe Stunde nach uns dann auch dort im Lokal auftauchen und sich zu uns gesellen. Das auch Rolf und Paul noch dazu kamen, war eher Zufall, aber das hat einfach gut gepasst.

Vorsichtshalber hatte ich nach Finns Zusage einen Tisch bestellt, man weiß ja nie, was da so freitagabends los ist. Um 18:30 Uhr haben wir Finn dann abgeholt zu Hause und waren um 19:00 Uhr im Lokal, etwas später als geplant. Von Ullis Verlobten begrüßt und an einen Sechsertisch geleitet, schauten wir zuerst in die Speisekarten und suchten was nach unserem Geschmack aus. Getränke kamen dann auch schon, Marie ein Cola, ich ein Wasser und Finn ein Pils.

Beim Aufnehmen der Bestellung kamen dann auch schon Ole und Frank, taten wie besprochen etwas erstaunt und erfreut, uns hier zu sehen. Sie nahmen bei uns Platz, nach dem ich ihnen Finn und dem die beiden vorgestellt hatte.

Mit Ole und Frank hatte ich vereinbart, dass sie ihre Zusammengehörigkeit nicht unbedingt verstecken sollen, damit Finn merkt, das uns Schwul sein nicht fremd ist und auch nichts ausmacht. Ich wollte Finn halt einfach auf den Zahn fühlen, wollte wissen, ob meine Vermutung richtig ist, was das Schwul sein betrifft. Vielleicht erzählt er mir ja dann, wie er dazu steht. Seine Reaktion auf Ole und Frank war eher verhalten oder besser, er beobachtete ihr Verhalten aufmerksam.

Nun kamen dann auch noch Rolf und Paul dazu, was nicht so geplant war und auch die zwei verhielten sich wie immer, wenn sie mit uns zusammen waren und als sie sich kurz einen Kuss gaben, war es für Finn offensichtlich, dass die Beiden wohl auch irgendwie zusammen sein mussten. Zunächst hielt er beide Paare im Auge, ihm entging kaum eine Bewegung der Anderen, seine Miene war neutral, sag ich mal, ließ keinen genauen Schluss zu, ob er das gut findet oder nicht.

So ganz schien mein Plan nicht auf zu gehen. Nach dem wir bei Ullis Verlobten, Mira wird sie genannt, Essen bestellt haben, wollte ich kurz pinkeln gehen. Mira macht ihrem Namen, der eigentlich Kalomira heißt und „Die Schöne“ bedeutet, alle Ehre. Sie sieht echt toll aus mit ihren langen, schwarzen Haaren und einer tollen Figur und sie ist wohl auch sehr lieb, das hat Paul erzählt.

Kaum bin ich im Toilettenraum, geht erneut die Tür und Finn kommt rein. „Irgendwas läuft doch hier, oder, Marvin, was geht hier ab?“, fragte er, nicht gerade so freundlich. Ich wollte ihn nicht belügen, wurde etwas rot und sagte dann: „Sorry, Finn.“ „Deine 4 Freunde da draußen, die sind doch anscheinend schwul? Ist das so und wenn ja, was geht ab?“, fragte er gleich weiter. Ich wusste nicht so recht, wie ich antworten sollte, entschied mich für die Flucht nach vorn. „Ich vermute schon länger, dass du schwul bist, es aber nicht sein willst und dass du dich deswegen schämst und nicht mehr mit uns zusammen sein willst“, sagte ich. Er wollte darauf antworten, aber ich redete einfach weiter: „ Meine Freunde da draußen sind schwul und es gibt in unserem Freundeskreis noch 7 weitere schwule Paare und 4 Heteropaare gehören auch dazu. Alle sind verliebt und glücklich und wir machen sehr viel zusammen.“

Er druckst zunächst ein wenig rum, wurde rot sagte dann schon etwas angepisst: „Ich kenne da niemanden von denen und selbst wenn ich schwul wäre, ist das allein meine Sache, verstanden. Mein Vater würde mich raus werfen, vielleicht sogar verprügeln und dann? He, was dann? Kein Geld, noch in Ausbildung, kein zu Hause mehr, wie stellst sich der Herr das denn vor? Ich kann, darf und will nicht schwul sein, ist dir das klar? Das ist keine gute Aktion für mich und ich werde jetzt nach Hause gehen. Solche Einmischungen in mein Leben mag ich nicht, auch nicht von jemanden, der behauptet, mein Freund zu sein.“

„Mensch, sei doch mal vernünftig“, sagte ich, „ich will dir nichts Böses, Finn. Ich habe halt überlegt, ob es dir hilft, mal andere Jungs kennen zu lernen. Jungs, die wie du, das vermute ich halt einfach mal so, lieber Jungs mögen und von denen einige dadurch erhebliche Probleme zu Hause hatten. Paul, der da draußen sitzt, wurde von seinem Vater fast tot geschlagen. Heute hat er Rolf als Schatz und uns als Freunde und es geht ihm gut. Maries Bruder, Ole ist mit Frank zusammen, der auch schlimme Dinge erlebt hat durch einen eifersüchtigen Exfreund.

Ich mache dir einen Vorschlag, lauf jetzt nicht weg, das tust du schon viel zu lange. Iss mit uns und Morgen, am frühen Nachmittag um 13:30 Uhr hole ich dich ab. Wir fahren dann zur WG und dann zur neuen Sporthalle, in der Ole und die anderen Jungs sein werden und wir haben dort Training. Am Vormittag werden wir in der neuen Halle noch einige Dinge einräumen und aufbauen. Bis dorthin werden wir nichts mehr zum Thema sagen, versprochen. Über das Schwul sein, über das outen und auch über Beziehungen unter Jungs. kannst du, nach dem du dir die Leute angeschaut hast, dann auch mit jedem, denk ich, reden, wenn du das möchtest. Bitte, überlege es dir, ich will dich als Freund nicht verlieren und will auch nicht, das du unglücklich bist.“

Er guckte mich mit großen Augen an, überlegte eine Weile und sagte dann leise zu mir: „Boah, du bist echt hartnäckig, penetrant hartnäckig sogar“,  er schien aber über meine Worte nach zu denken. Dann, nach fast einer Minute des Schweigens: „OK, kein Wort da draußen, sonst bin ich weg. Das mit Morgen, das überlege ich mir in Ruhe zu Hause. Ruf mich um 11:00 Uhr an, dann sag ich dir, ob ich mitfahre oder nicht, mach dir aber nicht allzu große Hoffnungen.“ Er drehte sich um und ging in den Gastraum zurück. Nach einem kurzen Händewaschen folgte ich ihm. Dort kam gerade das Essen und so kam auch zunächst kein Gespräch mehr auf.

Finn, Sonntagmorgen, 03.04.2011 09:00 Uhr, im Bett zu Hause

Hallo, ich bin der Finn, Finn Kretschmer genauer, 18 Jahre alt, 184 groß und 70 kg schwer, rothaarig, hellhäutig und sportlich, ich war bis 16 aktiver Schwimmer im Verein. Auch etliche Sommersprossen gibt es im Gesicht, an den Armen und auf dem Rücken. Trotzdem gefalle ich mir und bin mit meinem Äußeren durchaus zufrieden.

Ich bin ein guter Freund von Marvin, wobei wir in den letzten eineinhalb Jahren nicht mehr so intensiven Kontakt hatten, wie in den ganzen Jahren davor. Früher haben wir zusammen Volleyball gespielt, im Verein, mit Beginn der Ausbildung und er dann auch mit der erste Freundin haben wir das aber aus Zeitgründen auf gegeben. Irgendwann, nach der mittleren Reife, war alles anders. Nur zum Schwimmen gehe ich immer noch, allerdings nicht mehr in Wettkämpfe, obwohl ich da immer gut mithalten konnte.

Das mit dem schwindenden Kontakt unter uns Freunden lag wohl mit daran, das Marvin und auch die anderen Jungs unserer Clique mit sechzehn fast alle schon feste Freundinnen hatten und wir nur noch ab und zu mal was zusammen unternommen haben. Ich hatte zwar auch Kontakt zu Mädchen in meiner Klasse, aber so richtig an machte mich das halt nicht und einen Kuss hatte ich bis heute noch nicht bekommen, es auch nicht unbedingt vermisst.

Immer im Zwiespalt mit mir selber, suchte ich halt dann auch im Internet nach Dingen, von denen ich glaubte, dass die mich anmachten, und Pornos mit Mädels waren es definitiv nicht, die mich erregten.

Es wurde mir dann schon schnell klar, dass ich ein Faible für das männliche Geschlecht und speziell für schlanke, junge Teens habe, sogenannte Twinks. Meine Sucheingaben waren „Kinky, Boysex“  und „Twinks“ und das Internet gab mir tausend Antworten. Einige der Boys dort wurden zu meinen absoluten Favoriten, begleiteten mich bei meinen Sex-Aktionen mit mir selber und es wurde fast zur Sucht, ihnen beim Sex zu schauen und dabei zu wichsen.

Kyler Moss, Jesse Starr und viele ähnlich schöne Jungenkörper machten mir täglich deutlich, dass das wohl meine Vorlieben, was Sex und Liebe anging, waren und sind und das bedeutete natürlich, dass ich eine der „perversen Schwuchteln“, so bezeichnete mein Vater alle homosexuellen Männer, war und das wollte ich eigentlich nicht sein, weil es mein gewohntes Leben total zerstören würde.

Die Gewissheit, bei einer Offenbarung meiner Veranlagung hier im hohen Bogen raus zu fliegen, zwang mich dazu, es für mich zu behalten.

Das Marvin es jetzt annahm, war eine böse Überraschung für mich. Mitwisser zu haben und dann noch er, der ja hier bei uns früher ein und aus ging, das war nicht ungefährlich, also leugnete ich auch ihm gegenüber, was Sache war.

Seine Offenbarung, die anderen Jungs betreffend, macht mich aber schon nachdenklich. Die sind einfach so schwul, als wäre nichts dabei, als wäre es war vollkommen Normales. Da sollten sie mal meinen Vater dazu hören, die Jungs. Der Paul hat den Rolf sogar kurz geküsst, in der Gaststätte und niemand hat was Negatives gesagt oder getan. An unserer Schule hätte man sie vielleicht verprügelt, schwul ging dort gar nicht.

Auch der Ole und sein Freund waren sehr vertraut mit einander, mehr jedenfalls, als es sonst unter Freunden üblich ist. Ich habe bestimmt unterschwellig auch mal den Marvin geil gefunden, er ist aber, da Hetero, einfach unter gegangen zwischen meinen Internetfavoriten, die meine Träume und Aktionen begleitet haben. Der Rolf und auch der Ole, der besonders, sind auch geile Schnitten, die mich schon gut anmachen könnten, aber da sie bereits einen Freund haben, ist das wohl gegessen für mich.

Ich weiß echt nicht, was ich tun soll. Vorhin hatte ich wieder eine Auseinandersetzung mit meinem Vater. Der geht mit der Mutter und meinem kleineren Bruder Torben am Sonntag immer in die Kirche. Torben muss mit, er soll ja dann auch konfirmiert werden mit 14, ich gehe aber nur noch ganz selten in die Kirche zum Gottesdienst. Es gefällt mir einfach nicht und auch das Ganze drum und dran um einen Gott ist mir nicht geheuer, alles ist Spekulation und Schwule sind halt Sünder, kommen in die Hölle. Wer glaubt denn so was, ich jedenfalls nicht. Marvin ist nicht evangelisch, geht auch in keine Kirche, das find ich OK.

Jetzt muss ich mal so langsam aufstehen, Marvin will ja um 13:30 Uhr kommen und mich abholen. Soll ich überhaupt mit fahren dort hin? Wenn ich nicht mitkomme, werde ich nie erfahren, was da in Marvins neuem Umfeld läuft und es wäre ja möglich, dort mal andere Jungs kennen zu lernen, die so ähnlich fühlen, wie ich. Outen werde ich mich aber nicht, dazu muss ich erst mal ausgelernt haben und einen Job brauche ich dann ja auch, wenn ich allein leben will. Das dauert noch mindestens 1 ½ Jahre, so lange muss ich im Schrank bleiben, wie die Amis es im Internet nennen, wenn sie nicht geoutet sind.

Karate, hat er gesagt, trainieren sie, mal sehen, ob mir das gefallen könnte. Marvins Gesellschaft und einige, zum Teil auch schwule Jungs, das wäre vielleicht ganz gut für mich, dieses immer allein rumhängen ist echt Kacke. Jetzt erst mal unter die Dusche, so lang die anderen noch in der Kirche sind.

Am bequemsten wird es sein, wenn ich einen Trainingsanzug anziehe, eine warme Jacke drauf, fertig. Es ist 10:30 Uhr, als Mama und der Rest der Familie zurück kommen. Ich mache zunächst noch Aufgaben für die Berufsschule und um 12:30 Uhr gehe ich runter zum Essen.

Um kurz vor 13:30 Uhr klingelt es dann und Marvin kommt mit seinem Smart, Marie ist auch dabei. Zusammen düsen wir zum Industriegebiet „In den Hufen“, dort ist wohl die WG, aber auch diese neue Halle ist dort. Ich bin echt gespannt, was da so abgeht.

Sergej, Sonntag, 03.04.2011, 10:00 Uhr, in der WG beim Frühstück, mit Jerome, Wolfi, Ole und Frank. Mike und Dirk

Lex, heute ohne Ralf, der genau wie Kevin Frühschicht hat, ist vor einer halben Stunde mit Robin und Roland hier her gekommen. Auch Rico, Noah, Paolo und Natascha werden um 10:30 Uhr zur neuen Halle kommen. Alwin und sein Bruder Lars sind wohl schon dort. Heute wollen wir all die Sachen, die in dieser Woche gekommen sind, einräumen, zum Teil aufbauen und am Nachmittag wollen wir auch dann das erste Mal in der neuen Halle trainieren. Dazu werden dann wohl auch alle die herkommen, die heute Morgen verhindert sind, warum auch immer.

Boris, mit dem ich gestern Abend noch telefoniert habe, hat mir gesagt, das der Leichnam unserer Oma wohl jetzt frei gegeben wurde und das Anfang der kommenden Woche dann auch die Einäscherung erfolgen soll. Sobald der Termin feststeht, will Opa den Beisetzungstermin machen. Er hält mich in allem auf dem Laufenden. So langsam habe ich dieses furchtbare Ereignis realisiert, habe begriffen, dass es meine Oma nicht mehr gibt, ausgelöscht für nichts und wieder nichts. Es tut immer noch sehr weh, das alles und das wird wohl auch noch lange so bleiben. Ich hoffe, dass es nach ihrer Beisetzung nicht mehr so dominant ist und dass wir uns an ein weiter leben ohne sie gewöhnen.

In einer solchen Situation wie jetzt, ausgelöst durch Omas tragischen Tod, war ich noch nie, muss lernen, los zu lassen und Abschied zu nehmen von einem geliebten Menschen, das ist eine neue und sehr schmerzliche Erfahrung und ohne Jerome an meiner Seite wäre es wohl noch um ein vielfaches schwerer zu ertragen. Er fängt mich auf, tröstet mich und küsst meine Tränen weg, wenn mich die Trauer übermannt und es mir schlecht geht. Das hilft mir sehr dabei, nicht gänzlich im Leid zu versinken, weiter zu leben und auch wieder zu hoffen, dass der große Schmerz langsam nachlässt.

Auch in Dresden und in Radebeul ist durch Alltag und Arbeit, Schule und dem geplanten Umbau so etwas wie Normalität eingekehrt, aber durch die Beisetzung werden die Wunden wohl erneut aufbrechen und der Schmerz, die Wut und die Trauer zurück kehren. Von der Polizei gibt es noch nichts Konkretes, aber die werden auch erst was berichten, wenn es einen Fahndungserfolg geben sollte.

Ole erzählt uns vom gestrigen Abend mit Marie und Marvin und dessen Freund Finn, von dem Marvin vermutet, dass er ,wie wir, auch schwul ist, der sich aber ganz zurück gezogen hat und sich auch nicht outen möchte. Angst vor der Reaktion der Eltern ist wohl der Hauptgrund.

Marvin schätzt Finns Vater als sehr konservativ ein und sieht darin auch den Hauptgrund für Finns Ängste. Der will halt Familie und sein an sich gutes zu Hause nicht aufs Spiel setzen, lieber bleibt er ungeoutet und damit wohl auch etwas unglücklich. Vielleicht spielt er auch auf Zeit, bis er seine Ausbildung abgeschlossen hat, was ja noch über ein Jahr dauert.

Wieder einmal zeigt sich, das der schwerste Schritt wohl die Akzeptanz des eigenen Schwulseins, das etwas anders zu sein, als es die Freunde sind und es die Eltern erwarten, ist, der ihm am meisten zu schaffen macht. Jeder von unseren schwulen Freunden kennt diese Situation und jeder hat da ja auch unterschiedliche Erfahrungen gemacht mit Eltern und Verwandten.

Wenn möglich und wenn dieser Finn es zulässt, werden wir ihm helfen, das ist wohl klar. Falls es zu Hause bei ihm schief läuft, können wir ihn hier bei uns unterbringen in einem der freien Zimmer und ihm Halt geben, wenn alles drunter und drüber gehen sollte. Das wird wohl jeder, der hier wohnt, unterstützen und mit tragen und es ist ja nicht die erste Hilfsaktion, die wir mit Erfolg durch geführt haben. Wir haben da ja schon Erfahrung drin, anderen auf ihren richtigen Weg zu führen und zu begleiten. Ole und Frank räumen ab und wir machen uns fertig, um rüber in die Halle zu fahren, wo ja noch einiges zu tun ist im Hinblick auf die Nutzung und die Eröffnung, die nun für Samstag, den 30. April geplant wird. Das ist der letzte Ferientag der Schüler und an dem folgenden Montag ist ja dann noch Feiertag. Zur Vorbereitung sind dann viele Leute verfügbar, das passt gut mit den Ferien.

Matze und Chris werden dann auch kommen, für 3 Tage lohnt sich das ja dann auch gleich besser.

Chris, Montag , 4. April 2011, 20:00 in der Wohnung mit Matze

Es ist soweit, heute Morgen hat unser Wunschstudium begonnen, mit einer großen Einführungsveranstaltung, nicht der Einzigen, denn heute begannen noch einige andere Sommersemester. Im Raum, unserem zukünftigen Hörsaal waren alle die, die Medizin studieren wollen, ebenso alle, die hier im ersten Abschnitt lehren.

Das Studium gliedert sich in drei Abschnitte, die da wären: A. Der vorklinische Teil mit den Semestern eins bis vier und endet mit der ärztlichen Prüfung M 1.

Weiter geht es in den Semestern fünf bis zehn, dem klinischen Bereich, der mit der Prüfung M 2 endet.

Semester elf und zwölf können nur besucht werden, wenn alle Prüfungen bis dorthin bestanden sind Sie sind der Abschnitt, den man Arzt im Praktikum nennt. Diese Zeit endet mit der Prüfung M 3.

Bis dorthin wird es aber noch etwas dauern und der Ein oder Andere hier wird den Abschluss wohl nicht erreichen.

Der gesamte Tag war angefüllt mit organisatorischen Details, es gab da einiges an Unterlagen und Infos, und als wir nach einem ganz passablen Mensaessen und weiteren drei Stunden nach Hause fuhren, brummte der Kopf und die Unterlagen, die wir bekommen haben, füllten einen schmalen Ordner für jeden. Das ganze Infopaket werden wir am jetzt in der Woche abends und am kommenden Wochenende einmal in Ruhe gemeinsam durchgehen, Wichtiges unterstreichen und nach Möglichkeit Einscannen und auf dem Laptop, in verschiedenen Ordnern sortieren. Diese Ordner und auch die Zeitpläne werden dann sortiert und Termine in einem Planer mit einer Funktion eines Terminkalenders mit rechtzeitiger Erinnerungsfunktion einsortiert, so das immer früh genug vom Läppi darauf hingewiesen wird.

So und zusammen mit einem Terminplaner für private Termine und Ereignisse, zum Beispiel Geburtstage und so, müsste es uns ganz gut gelingen, nichts zu versäumen und auch immer früh genug zu wissen, was zur Vorbereitung von Arbeiten, Klausuren usw. vorzubereiten und zu tun ist.

Der immense Vorteil der Nähe zueinander, in der wir zwei uns befinden, beruhigt uns im Hinblick auf eventuelle Versäumnisse, da zwei Köpfe halt mehr denken und behalten können, als wenn man allein wohnt. Unsere zwei Mann WG wird es schon schaffen, vor allem jetzt in den ersten Semestern, da wir ja zunächst die gleichen Vorlesungen haben. Ob das dann auch so bleibt, muss man abwarten.

Beim Mittagessen lernten wir ja dann auch erste Leute, die zu unserem Hörsaal gehören, etwas näher kennen. Man wird sich wohl in den nächsten Wochen erst richtig kennen lernen, aber wie das ist, wenn man neu in eine solche Gruppe kommt, gibt es gleich sympathische Leute und solche, die man auf Grund von Äußerlichkeiten und Verhalten nicht so mag. Das ist wohl nirgends anders und das trifft ja dann auch auf uns zu. Raucher gibt es da, die wohl ihre Pausen als Gruppe in den dafür ausgewiesenen Raucherecken verbringen werden, Männlein und Weiblein, einige mit ausländischen Wurzeln, also viele verschiedene Leute und es wird sich bald zeigen, mit wem wir es gut und mit wem wir es gar nicht können.

Spätestens, wenn einigen oder allen im Hörsaal klar wird, das uns einiges mehr verbindet als nur der Wunsch, gemeinsam zu studieren oder zu wohnen, werden wir bestimmt auch ein paar Arschlöcher kennen lernen. So ganz verstecken wollen wir uns aber auch nicht und an der Uni hier soll es ja auch ziemlich tolerant und weltoffen zugehen.

Der Fußballclub FC St. Pauli, dessen Stadion ja in der Nähe sein soll, ist ja ein Vorreiterclub in Sachen Toleranz und bei Gelegenheit werden wir dort mal rein schauen.Vielleicht gibt es ja da auch eine Kampfsportabteilung, der wir ja dann beitreten können, um weiter zu trainieren und fit zu bleiben.

Bereits im Vorfeld hatten wir uns in sportlicher Hinsicht ein bisschen informiert und waren auf den Sportverein Grün Weiß Eimsbüttel gestoßen, der in der Nähe unseres Stadtteils liegt und ein breites Spektrum an Möglichkeiten bietet. Auch das wollen wir uns anschauen und gucken, ob das passt für uns. Genaueres wird wohl ein Besuch dort zeigen, denk ich. Robin und Mama, seinen Eltern und auch unseren Freunden über Ole, haben wir schon einige Bilder geschickt, von der Wohnung, vom Haus, von der Uni und unseren Müttern auch ein paar Kühlschrankbilder, geöffnet, versteht sich. Um 16:30 Uhr waren wir dann daheim. Montag Abend, fremde Stadt, vollgestopft mit Infos zur Uni und auch ein wenig platt.

Nach einer erfrischenden Dusche, mit zarter Entspannungsgymnastik, wie fast immer, machen wir uns gemeinsam an die Zubereitung des Abendessens, nix großes halt, sondern Sachen, die uns die Mamas mitgegeben haben. Im bequemen Jogginganzug essen wir jetzt zusammen, trinken ein Bier dazu und anschließend setzen wir uns mit einem weiteren Bier gemeinsam auf die Couch und schalten den großen TV Apparat ein. Wir zappen hin und her und schauen dann ein wenig vor abendliches Regional Programm, viel mehr wird heute nicht mehr laufen. Ein bisschen Skype vielleicht noch, mit zu Hause, mal sehen. Zu Hause ist ja eigentlich jetzt für uns beide hier, aber da müssen wir uns erst dran gewöhnen.

Vorgestern, am Samstag und auch gestern waren wir ein Stück laufen, uns hier genauer umsehen und um die Gegend noch besser kennen zu lernen und dann haben wir einen Bäcker und einen Edeka-Laden gefunden in der Nähe. Abends waren wir dann noch in einer Studentenkneipe, unweit der Uni. Da war aber nicht allzu viel los, wohl weil Sonntag war und so waren wir dann auch bei Zeiten im Bett. Nach einer längeren ausgelassenen erotischen Gymnastik mit Einlochen und so haben wir dann gut geschlafen und hätten fast den Unianfang verpennt.

Unser neues Leben hat begonnen, mit neuen Herausforderungen, neuen Menschen um uns rum und weitab von gewohnten Dingen, Familie und Freunden. Gut, das die wenigstens auf elektronischem Wege immer in unserer Nähe sind. Robin scheint erst jetzt zu realisieren, das sein Chris und sein Matze nicht mehr einfach über eine Treppe nach oben zu erreichen sind und seine fast stündlich ankommenden SMS zeigen uns, das er uns, trotz Roland, vermisst. Nun ja, nach den aufregenden Jahren zuvor wundert uns das nicht.

Morgen geht es dann richtig los und wir sind beide gespannt, was alles auf uns zu kommt. Bis zum ersten herausgenommenen Blinddarm oder so was in der Art wird noch einiges Wasser Elbe abwärts fließen.

Philipp, Donnerstag, 07.04. 07:10 Uhr, mit Maxi beim Frühstück.

Wir gehen immer ziemlich früh runter zum Frühstück, da ist weniger Betrieb und auch die guten Mohnbrötchen, die wir wohl alle beide gern essen, sind dann noch ausreichend vorhanden. Auch dieses Nutella, in kleinen Portionen abgepackt, ist so früh noch da. Frühstück gibt es von 07:00 bis 09:00 Uhr und wenn man Pech hat, wie wir am Dienstag, hat man schon um kurz nach 07:00 Uhr eine Anwendung und dann sind, wenn man später kommt, Mohnbrötchen und Nutella weg gefressen.

Dieses Nutella gab es bei Mama nicht, da kam immer selbst gemachte Marmelade, oft von Oma, auf den Tisch. Die waren aber auch immer lecker und das braune Zeugs hat uns nicht gefehlt.

Hier esse ich es aber gern, Maxi auch und gestern hat der Schlingel zwei von den Portionspäckchen mit genommen.

Abends dann, beim gemeinsamen Duschen, hat er das süße Zeug vorn auf die Spitze meines Steifen geschmiert und es dann sehr vulgär, aber auch mit Genuss und viel guten Gefühlen für mich, abgeschleckt. Das war so was von irre und das zweite Päckchen kam dann auf seinen Dicken und ich durfte nun auch Schlecken. Laut waren wir dabei, es war aber auch so geil und ich hatte kein schlechtes Gewissen hinterher.

Oft wollen wir uns küssen, schmusen und so aber wir wissen beide, das uns das die Trennung, die ja auf jeden Fall kommt, sehr schwer machen würde und so verkneifen wir uns viel, um uns nicht hoffnungslos zu verlieben. Das ist nicht einfach aber wohl nötig, um eine spätere Trennung zu verkraften.

Die Reha tut uns gut, wir haben uns eingelebt und wissen nun auch, wo alles zu finden ist. Das Essen ist gut und auch unser Zimmer ist voll OK und einige Jungs und Mädels haben wir schon kennen gelernt.

Fast alle sind aus dem gleichen Grund hier, wie wir, nämlich nach einer Stammzellenspende und nicht jedem geht es so gut, wie Maxi und mir. Unsere Fortschritte sieht man nicht nur beim Wiegen, nein. Wir haben wieder Farbe im Gesicht, die Muskulatur baut sich gut auf, die Haare am Schniedel sprießen immer mehr und auch unsere Stimmung ist gut. Das ist bei unseren speziell stimmungsaufhellenden Übungen im Bad auch nicht verwunderlich, oder?

Das Schicksal hat uns noch einmal verschont, der Tod war noch keine Option für uns und jetzt geht es uns täglich besser. Unser Arzt ist sehr zufrieden und er hat gemeint, dass wir nicht länger als die geplanten 4 Wochen hier in der Reha bleiben müssen. Das würde bedeuten, dass wir zum 19. April hier entlassen werden und nach Hause, ich in mein Neues, fahren werden. Noah hat geschrieben, dass die neue Trainingshalle am Samstag, den 30.04. offiziell eröffnet werden soll. Da werde ich ja dann auch dabei sein, denke ich und auch dann schon zum Verein dazu gehören, hoffe ich mal.

So, fertig mit Frühstück und wir gehen hoch, jeder hat zwei Nutella-Portionen in der Hosentasche des hier üblichen Jogging oder Trainingsanzugs, für spätere Vergnügungen, versteht sich. Jetzt gehen wir, mit einem Handtuch, in den Fitnessraum, wo ein Therapeut nun 30 Minuten mit uns üben wird. Unterm Trainingsanzug haben wir eine Badeshorts, weil anschließend Wassergymnastik auf dem Plan steht.

Wenn das rum ist, gibt es eine verdiente Ruhepause, die wir, weil gut geschafft, ruhend auf dem Bett verbringen. Um 11:00 Uhr gibt es dann für beide eine Infusion, dazu müssen wir ins Untergeschoss, da ist ein extra Raum und da liegen dann noch mehr Leute. Das dauert bis kurz vor 12:00 Uhr und danach gibt es Mittagessen im Speiseraum. Ich muss nach der Infusion immer noch pinkeln, Maxi nicht, der geht dann schon vor, einen Platz reservieren, für das Essen. Die daran anschließende Mittagsruhe geht bis 13:30 Uhr und dann geht es weiter mit einem bei trockenem Wetter draußen statt findenden Geländelaufs, bei Regen geht es in eine große Sporthalle. Als eine alternative Maßnahme kann man auch Nordic Walking machen. Sauna, Fango und Massagen haben wir auch und wenn es 17:00 Uhr ist, sind wir meistens platt und KO. Langweilig ist uns nicht hier und die jüngeren Mitpatienten sind auch alle meist OK. Da wir auch Gruppentherapien haben, kennen wir die meisten in unserem Alter schon ganz gut und es entwickelt sich eine lockere Freundschaft mit unseren Leidensgenossen. Jeder hat so seine eigenen Erfahrungen mit der Krankheit und darüber wird auch offen geredet.

Noah, Donnerstag, 07.04. 21:30 Uhr, in seinem Zimmer, auf Enrico wartend.

Schatz hat Mittagsschicht, kommt etwa 22:30 Uhr heute, das heißt, wir werden dann wohl auch zeitnah ins Bett krabbeln, mein Hase und ich. Ich habe von 19:30 Uhr bis um 21:10 Uhr mit Philipp geskypt, dann sind die 2 ins Bad. Um 22:00 Uhr sollen sie im Bett liegen, hat er gesagt. Das wird dann wohl auch kontrolliert. Philipp sah gut aus, hatte rote Backen und beide waren recht munter. Sie scheinen sich sehr gut zu verstehen und eine gewisse Vertrautheit der 2 war deutlich zu spüren für mich. Maxi setzte sich des Öfteren zu Philipp und beteiligte sich auch an unserem Gespräch. Er ist kein Dummer, der Philipp auch nicht und sie scheinen sich zu mögen.

Mama freut sich auf den Jungen, das spürt man. Sie hat ja dann auch wieder eine Aufgabe. Sie ist ja dann quasi die Mutter, obwohl, Ersatzmutter trifft es besser und Mutter eines Pubertiers, das kann sie gut, wie man an mir sehen kann. Ich glaube fest daran, dass alles gut wird für den Jungen und das hat er ja auch verdient nach allem, was da gelaufen ist. Wenn er, wie von ihm vermutet, Philipp wirklich schwul sein sollte, wird es hier im Haus keinen schocken, auch Mama nicht, die ja mich und Rico mittlerweile voll akzeptiert.

Auch Oma hatte ja von Anfang an kein Problem mit uns und neulich sagte sie zu mir: „Wenn du nicht schwul und verliebt gewesen wärst, wäre ich wohl den Rest meines Lebens in dem Kaff Harsum versauert und ihm „Untertan“ gewesen. Alles hat seinen Sinn im Leben und wenn ich auch oft mit Gott gehadert habe, dafür bin ich ihm ewig dankbar.“

Ich bin froh, dass ich mich vom Götzen anbeten erfolgreich distanziert habe, es macht alles wenig oder gar keinen Sinn und ist nichts mehr, das Rico und mich auseinander bringt.

Micha und Tom waren um 18:00 Uhr kurz hier. Sie haben meinen Opel abgeholt, Micha macht an meinem Auto morgen Inspektion und dann auch gleich die Sommerreifen drauf. Wir glauben, dass der Winter jetzt vorbei ist und da auf Ricos Daccia noch Winterreifen drauf sind, kann ja nichts schiefgehen, falls es noch mal schneien sollte.

Lex, der ja so richtig die Grippe erwischt hatte, ist fast wieder ganz gesund. Es hat ihn schwer gebeutelt und 4 Kilo leichter und noch etwas schwach, war er seit Ausbruch der Krankheit nicht mehr in der Schule. Den ausgefallenen Stoff haben wir ihm über Natascha zukommen lassen, so dass er nicht allzu viel versäumt haben kann. Da er mittlerweile wieder richtig gut ist in der Schule, wird er, davon bin ich überzeugt, ein ordentliches Abitur machen, der Ex-Graf. Seine Flucht von Berlin aus weg von seiner bescheuerten Familie war wohl das Beste, was dem Jungen passieren konnte und was mit seinem Erzeuger passiert, ist zur Zeit einfach noch unklar, die Ermittlungen laufen aber noch, hat Ole gesagt.

Sergej hat über Ole und unseren Kommunikationsweg mit geteilt, das die Beisetzung der Urne von Sergejs Oma am 21.04. um 11:00 Uhr in Radebeul auf dem Friedhof Radebeul West stattfindet und das Onkel Carl August wohl mit uns im Firmenflieger dort hin fliegen will. Schüler haben Ferien und die, die sonst arbeiten müssten, werden wohl Urlaub bekommen für den einen Tag. Der nächste Tag ist ja dann Karfreitag und Ole hat gemeint, dass wir dort wohl über Nacht oder sogar 2 Nächte bleiben werden. Das werden wir wohl im Laufe des kommenden Wochenendes erfahren und es wird da wohl auch noch ein Treffen im Vorfeld geben, denk ich.

Jetzt kommt Enrico, ich habe das Auto gehört, weil mein Fenster auf Kipp steht. Ich werde jetzt runter gehen und ihn begrüßen, meinen Schatz. Als er die Haustüre öffnet, fällt mir als erstes ein dicker, weißer Verband an der linken Hand auf und besorgt frage ich: „Was ist denn passiert? Tut das weh, rede schon.“ „Erst mal guten Abend“, sagt er und grinst dabei, „und einen Kuss hätte ich auch gern.“ Wo er recht hat. Nach dem Kuss schiebe ich ihn ins Wohnzimmer und auch da fällt die leuchtend weiß verbundene Hand direkt auf.

Bevor es weitere Fragen an ihn gibt, redet er: „Heißes Fett, genauer Pommesöl ist mir an die Hand und den Ärmel gespritzt und nicht zu wenig. Der Ärmel hat es aufgesaugt und es hat wohl gedauert, bis ich die Jacke aus hatte. Markus, der auch Spätschicht hat, hat mich schnell zur Spüle geschoben und dann hat er viel kaltes Wasser darüber laufen lassen. Es hat sehr weh getan und ein Fahrer des Hotels hat mich in die Klinik gebracht, wo man alles versorgt hat. Eine Hauttransplantation war nicht nötig und wenn es jetzt gut heilt, bleibt nur eine Narbe, hat der Doc gesagt. Verbrennungen 2. Grades, hat er gemeint. Das kalte Wasser hat wohl das Schlimmste verhindert.“

Grinsend fährt er fort: „ Soweit die schlechte Nachricht. Die gute ist, ich habe einen längeren Krankenschein, zunächst bis zum 17.04. und mal schauen, dann dürfte es wieder gut sein, meint der Arzt. Markus war nicht sauer, ich hatte keine Schuld. Eine der Frauen hat den Teller mit den zum frittieren bereitstehenden Schnitzeln umgekippt und die sind voll ins heiße Fett hinein gefallen. Das dadurch hoch spritzende Fett hat meinen Arm getroffen und mich verbrannt. Es tut zurzeit nicht weh, aber das soll wohl noch kommen in der Nacht, hat der Doc gesagt. Ich habe aber einige starke Schmerztabletten bekommen dort.“

„Wann ist denn das gewesen?“, will Mama wissen. „So gegen 18:30 Uhr etwa“ sagt Rico, „in der Klinik hat es schon etwas gedauert und der Doc hat sich mit seinem Chef besprochen, ob nicht doch eine Hauttransplantation sinnvoll wäre. Der Chef hat aber gemeint, dass es nicht notwendig ist. Er geht davon aus, das außer einer Narbe nichts zurück bleiben wird.“

Da es schon spät ist und er ja auch noch duschen muss, suche ich in der Küche eine Plastiktüte und Klebeband und dann gehen wir hoch zu mir. Die nachfolgende Dusche ist die unerotischste seit mehreren Monaten und um 23:00 Uhr liegen wir im Bett. Solche Tagesabschlüsse sind nicht so prickelnd, ich bin aber froh, dass es nicht schlimmer aus gegangen ist.

Carl August, Freitag, 08.04. 11:00 Uhr im Büro in Bremerhaven.

Nach dem nun der Termin für die Beisetzung der Oma von Sergej fest steht, habe ich über Ole alle gebeten, mir bis heute 17:00 Uhr verbindlich zu schreiben, wer mit dort hin will. Die meisten haben schon geantwortet und abgesagt hat bisher keiner. Ich hatte dazu geschrieben, dass alle die, die Berufstätig sind, Urlaub bekommen werden, mit den jeweiligen Chefs habe ich schon heute früh telefoniert.

Das Flugzeug ist reserviert und jetzt muss ich nur noch das Hotel in Radebeul informieren und Zimmer buchen für den Donnerstag und da der Freitag Feiertag ist, werden wir erst am Samstag oder Sonntagmorgen zurück fliegen. Reservieren geht erst, wenn feststeht, wer alles mitkommt. Das wird keine Vergnügungsreise, aber das war ja jedem klar, nach allem, was geschehen ist.

Der Opa von Sergej lässt jetzt das Haus umbauen, damit die Dresdener dort hinziehen können. Das scheint allen in Sergejs Familie zu gefallen und es lenkt auch ein bisschen ab von all dem Leid. Von den Ermittlungsbehörden kommt kaum eine Nachricht. Das Kennzeichen des Autos stammt aus Rumänien, ist wohl aber gestohlen und darüber hinaus gibt es nichts Neues zum Fall. Das weiß ich von Herbert, der Kontakt nach Dresden hält.

Lis und den Zwergen geht es gut und auch Lex ist auf dem Weg zur vollständigen Genesung, ohne dass sich jemand bei ihm angesteckt hat. Ulf, den ich in der Frühstückspause angerufen habe, hat von Enricos Missgeschick erzählt. Da aber wohl alles wieder heil wird, ist es nicht so tragisch. Enrico ist jetzt im Krankenstand und wird etwa 2 Wochen fehlen. Herr Meinle wird das schon regeln, das es nicht zu Engpässen kommt in der Hotelküche.

Mir fällt ein, dass ich noch einen Bus anmieten muss für die Zeit in Radebeul. Da werde ich mal die Firma anrufen, die uns schon in den Ferien letztes Jahr so gut gefahren hat. Da weiß ich dann auch, was ich bekomme und der Fahrer, der uns die 2 oder 3 Tage fährt, wird wie auch im Sommer ein ordentliches Trinkgeld erhalten. Nach dem das jetzt auch erledigt ist, könnte ich ja eigentlich Feierabend machen für Heute. Lis wird sich freuen, wenn ich mal früher nach Hause komme. Ich rufe Martin an und da ich ja heute in Bremerhaven im Büro bin, dauert es nicht lange, bis der da ist und ab geht es nach Hause. Unterwegs kaufe ich noch 6 Biedermeiersträußchen für die Frauen und auch eins für Natascha und dann geht es heim. Alle freuen sich sehr über den kleinen, hübschen Riechbesen und dann essen wir erst mal was zu Mittag.

Nach her lese ich noch kurz, was es neues an der Börse gibt. Das Treffen mit Wolfi und Kevin, ihrem Anwalt und mir wegen der Immobilien in Hamburg war für mich sehr aufschlussreich, was die Details zu dem Vermögen der Beiden und den eventuellen Verkauf des Komplexes in der Speicherstadt angeht. Die Jungs haben echt enorm viel geerbt und alles ist gut angelegt und sauber verwaltet. Ottmar Wagner hat ebenso wie ich von einem Verkauf an den chinesischen Investor abgeraten und auf unsere Empfehlung hin werden die Jungs den derzeitigen Pachtvertrag zunächst mal um drei Jahre verlängern. Das wird den jetzigen Pächter bestimmt riesig freuen.

Herr Wagner setzt das um und zwar so, dass die Jungs das nur noch unterschreiben müssen. Von einem persönlichen Kontakt mit den Investoren habe ich den Jungs abgeraten, Herr Wagner auch. Auf Kevins Frage nach dem Warum, habe ich beiden gesagt, das bei Geschäften dieser Größenordnung der Eigentümer besser im Hintergrund, möglichst anonym bleibt, allein schon aus Sicherheitsgründen, um die Privatsphäre zu schützen. Auch weiß man nie genau bei ausländischen Investoren, wer letztlich dahinter steht und da soll es ja schon auch unseriöse Interessenten geben.

Nach und nach lernen beide Jungs und auch Robin will und muss das lernen, dass großes Vermögen andere Spielregeln verlangen, als es das normale Einkommen oder das Taschengeld haben. Ich bin davon überzeugt, dass die Jungs unter der guten Anleitung des Herrn Wagner sehr bald, das nötige Insiderwissen haben, das ihr Vermögen erfordert.

Finn, Samstag, 09.04.2011, 22:30 Uhr, zu Hause im Flur

Soeben bin ich heim gekommen, ich war mit Marvin und Marie im Training in dieser neuen Halle.

Nach Hausaufgaben für die Berufsschule und diversen Hausarbeiten, überwiegend in meinem Zimmer, hatte mich Marvin um 13:30 Uhr abgeholt, um mich mit in das Training zu nehmen. Ich war ja bereits am letzten Sonntagnachmittag mit dort hin und habe die Halle und den größten Teil der anderen Jungs und Mädels kennen gelernt.

Die Halle ist toll, echt jetzt und auch die Leute sind alle OK, soweit ich das nach der kurzen Zeit beurteilen kann. Also, da sind schon ein paar echt hübsche Jungs dabei und auch die Mädels sehen gut aus. Robin und dann noch dieser Wolfi und sein Kevin, auch der Roland, das sind so die Typen von Jungs, auf die ich voll abfahre, Twinks, schlank, süß und voll der Hammer. Natürlich habe ich mir das nicht anmerken lassen und auch nicht gestarrt oder gesabbert, ich weiß aber jetzt schon, das sie heute Nacht meine Träume und meine Phantasie bereichern werden.

Alle Jungs sind schon toll und auch die Zwillinge haben mich beeindruckt. Was mich besonders gewundert hat, ist, dass alle miteinander so umgegangen sind, als wäre es das normalste auf der Welt, schwul und verliebt zu sein. Küsschen gab es da, Berührungen, Umarmungen und es störte niemanden, das es in vielen Fällen zwei Jungs waren, die sich da gerade küssten. Im Laufe des Nachmittags kamen noch mehrere Leute dazu, die mit halfen, alles auf die vorgesehenen Plätze zu schaffen, die Halle praktisch fertig einzurichten und auch ein dazu gehörendes Fitnessstudio wurde unter der Anleitung des Trainers, Alwin heißt der, fertig eingerichtet.

Ole, den ich ja schon kannte, gab mir Unterlagen und auch einen Aufnahmeantrag für diesen Verein mit dem Namen „DoJo Flamingo Bremen“, der mich nach allem, was ich gesehen habe dort schon sehr interessiert. Durch die Jungs und ihr Verhalten ist mit schon klar geworden, das es auch als schwuler Junge ein „normales“ Leben geben kann und das will ich ja irgendwann, spätestens in ca. zwei Jahren auch mal haben.

Ole war es auch, der mir viel über das Entstehen und die Strukturen dieser Gemeinschaft erzählt hat. Die Entstehung des noch jungen Vereins kenne ich jetzt ebenso, wie die Jungs und Mädels und als ich dann sehr spät am Abend zu Hause im Bett lag, wusste ich schon einiges über diese Leutchen, die mir alle vom ersten Moment an sympathisch waren. Was genau Marvin den anderen über mich erzählt hat, weiß ich nicht, aber alle waren sehr nett zu mir und ich wurde auch bei Gesprächen nicht ausgeschlossen.

Zum Duschen und zum Schwimmen sind wir dann in diese WG gefahren, nicht weit weg ist das und ich nahm Oles Angebot, oben in der WG zu duschen, gerne an. Da unten in diesem Poolhaus, nackt mit all den anderen, das wäre dann doch Oberpeinlich geworden für mich. Später dann hat mich Marvin nach Hause gefahren. Ich war auf der Fahrt sehr schweigsam und nachdenklich und auch kein guter Gesprächspartner aber die Fahrt dauerte ja nicht lang. Um 22:00 Uhr war ich daheim, zu spät in den Augen meines Vaters, der immer Bedenken hat, wenn ich weg gehe, warum auch immer. Er meint, wenn man am Samstag spät ins Bett geht, kommt man am Sonntagmorgen nicht raus und das, obwohl ich noch nie verschlafen habe.

Jetzt, ich bin gerade dabei, meine Schuhe aus zu ziehen, kommt er aus dem Wohnzimmer zu mir in den Flur.

„Na, auch endlich mal wieder zu Hause“, meckert er mich an. „Papa, es ist Samstag, ich war mit Marvin in einem Training und morgen kann ich ja ausschlafen“, sag ich in einem normalen Ton.

„Das heißt ja dann wohl auch, dass du morgen wieder nicht mit uns in den Gottesdienst gehen wirst, oder?“, fragt er, schon fast aggressiv. „Papa, bitte nicht wieder dieses Thema“, sag ich, „das haben wir doch schon ausdiskutiert. Ich bin erwachsen und will dort zurzeit nicht hingehen.“

„Ja, das sagtest du schon, ich finde das aber überhaupt nicht gut und deinem Bruder gibst du ein schlechtes Beispiel mit deinem Verhalten. Wenn du schon erwachsen bist und nicht mehr auf uns hören willst, dann könntest du ja eigentlich auch hier ausziehen“, sagt er, „dann wirst du sehr schnell merken, dass es zum Leben nicht reicht, nur erwachsen zu sein. Ein bisschen Geld, in diesem Fall wohl mein Geld, gehört auch dazu und eigentlich könnte ich dich zwingen, mit uns in den Gottesdienst zu gehen. Ich habe gesehen, dass dich der Marvin abgeholt hat und ich glaube auch, dass der dich dazu gebracht hat, nicht mehr in die Kirche zu gehen. Seine Mutter ist geschieden und hat auch schon öfter mal was mit anderen Männern gehabt. Das ist nicht der richtige Umgang für dich, für uns.“ Jetzt redet er sich wieder in Rage, denk ich, ich muss hier weg, muss hoch.

Ich will an ihm vorbei, hoch in mein Zimmer, es ist fast 23:00 Uhr, ich bin platt und müde. „Ich möchte jetzt ins Bett“, sage ich und will an ihm vorbei. Seine Hand gräbt sich in meine Schulter, schmerzhaft und jetzt werde ich aber auch gleich stinkig. „Ich habe das Gespräch begonnen und werde es auch beenden. Wenn es dir nicht passt, dann ist dort die Türe, verstanden“, poltert er los und drückt seine Fingernägel tief in meine Schulter. Dann erst rieche ich den Alkohol, weiß sofort, dass er gut angetrunken ist und von früher weiß ich, dass er dann keine Ruhe mehr gibt, bis es richtig rund geht.

Mama kommt jetzt in den Flur, sagt: „Karl, bitte mach leise, Torben ist schon im Bett.“ Er lässt mich los, wendet sich ihr zu und raunzt sie an: „Ich habe dich nicht gerufen, Klara, geh ins Wohnzimmer, das hier ist meine Sache.“ Ich habe mich, nach dem ich seine Hand und seine Aufmerksamkeit los bin, an ihm vorbei zur Treppe geschoben und gehe auf Strümpfen kaum hörbar, nach oben. Als er sich von Mama abwendet, merkt er mein Verschwinden.

Ich habe mein Zimmer erreicht und schließe von innen ab. Einen Stuhl mit hoher Lehne schiebe ich schräg unter die Türklinke. Da es sich um sehr stabile Türen handelt, dürfte das reichen, ihn dauerhaft aus zu sperren. Ich höre ihn die Treppe rauf stampfen und dann bollert er schon an der Türe. „Mach sofort auf, sonst ist was los“, schreit er. „Die Türe bleibt zu“, sage ich ruhig, „du hast getrunken und so können wir nicht reden.“ „Wenn du nicht aufmachst, dann kannst du hier endgültig verschwinden. Wenn ich mit dem Rest der Familie morgen aus der Kirche komme, will ich dich hier nicht mehr sehen. Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, solange wird gemacht, was ich sage, BASTA.“ Wütend und brabbelnd geht er nach unten und ich höre ihn noch eine Weile mit Mama schreien.

Das hat mir noch gefehlt, was wird das morgen? Kommt er nüchtern zur Vernunft oder muss ich wirklich raus und weg hier. Verunsichert und mit langsam aufkommender Panik auf Grund der möglichen Veränderungen, überlege ich, was zu tun ist. Ich hasse solche aufgezwungenen und unnötigen Aktionen, es macht mir zunächst Angst vor den damit verbundenen Neuerungen und auch, weil ich nicht weiß, was da alles auf mich zukommt.

Marvin, den muss ich jetzt anrufen, hoffentlich ist er nicht gerade mit seiner Marie beschäftigt oder schläft schon fest. Mein Handy nehmen und Marvins Nummer drücken ist eins, mit bereits schweißnassen Fingern, man, bin ich jetzt voll die Pussy hier oder was. „Hi, Marvin hier, was geht ab so spät noch“, kommt es von ihm und ich werde etwas ruhiger. „Mein Vater hat getrunken, macht mir Stress und will mich in die Kirche zurück zwingen“, sag ich, „er hat gedroht, mich raus zu werfen morgen, wenn ich nicht mit in den Gottesdienst gehe morgen früh. Er ist voll sauer und wirkt fest entschlossen, mich hier einfach zu entsorgen. Ich wäre ein schlechtes Beispiel für Torben, sagt er zu mir und damit wäre jetzt Schluss. Wenn er alles von mir wüsste, wäre ich wohl gleich heute noch raus geflogen.“

„Bleib ganz locker“, sagt Marvin, „wer gute Freunde hat, der geht so schnell nicht unter, glaub mir.

Ich rufe zunächst mal den Ole an, das ist ein Notfall und da geht das auch mitten in der Nacht. Ich melde mich dann später noch mal. Wenn du glaubst, das er dich wirklich rauswirft, dann packe alles ein, was du in den nächsten Tagen brauchst, alles, was dir wichtig ist und denk dran, immer locker durch die Hose atmen. Bis später, Tschüss und lass dich nicht weiter provozieren. Schieß dich ein.“ Dann hat er aufgelegt. Ich beginne, Wäsche und Kleider, Schulsachen, Laptop und Sachen, von denen ich meine, dass ich sie in den nächsten Tagen brauchen werde in einer großen Reisetasche und einem guten Rucksack einzupacken. Den anderen Rucksack mit den Sachen für die Schule mache ich ebenfalls fertig. Mittlerweile ist es fast Mitternacht und es ist total ruhig im Haus. Es klopft zaghaft an meiner Türe und auf die Frage, wer dort ist, sagt mein Bruder leise: „Ich Binz, Torben, lass mich bitte mal rein.“

Ich öffne, immer darauf bedacht, keinen Lärm zu machen. Ich will ihn, den Alten, heute Abend hier  nicht mehr sehen. Torben kommt rein und ich sperre gleich wieder ab. Er setzt sich neben die geöffnete Reisetasche auf mein Bett und fragt leise: „Was hast du vor, wieso packst du Sachen ein und warum ist der Papa so sauer auf dich?“, will er wissen. Torben ist nur unwesentlich kleiner als ich, er ist recht sportlich, spielt im Verein, bei Werder, in der B-Jugend Fußball und ist recht gut. Er wiegt auch deutlich mehr als ich mit meinen gerade mal 62 Kg bei 1,83 Größe. Kurz fasse ich zusammen, was vorhin hier abging und er fragt dann auch gleich: „Was willst du tun, meinst du echt, er macht ernst?“, will er wissen. Ich überlege, soll ich ihm alles über mich sagen und wie wird er reagieren. Wir kommen immer gut miteinander aus, ich mag ihn sehr und er mich wohl auch, das weiß ich sicher.

„Es gibt da wohl noch etwas, das du wissen solltest. Ich bin mir sicher, das ich…..na, ja“, druckse ich rum, „ich bin wohl schwul……“ Totenstille, große Augen und dann: “Echt jetzt, so richtig schwul, meinst du???? Boah, wenn er das weiß, dreht er am Rad und dann, dann schmeißt er dich gewiss raus. Das wird er nie akzeptieren und was Mama dazu sagt, kann ich mir nicht ausrechnen, Scheiße. Ich will nicht, das du weg gehst und wohin willst du denn?“

„Das weiß ich jetzt nicht auf Anhieb und Marvin ist da gerade was am ausloten“, sag ich, „zur Not werde ich wohl bei Marvin bleiben“, und setze mich neben meinen Bruder.

„Den Marvin, den kann Papa nicht so gut leiden“, sagt Torben und auf meinen erstaunt fragenden Blick fährt er fort: „Er hat am Mittwoch zur Mama gesagt, das er eigentlich froh war, das Marvin nicht mehr hier aufgetaucht ist und es hat ihm nicht gefallen, das ihr jetzt wieder Kontakt habt. Seine Mutter, hat er zu Mama gesagt, wäre eine alte Bitch, eine mit einem, was immer das auch heißen soll, sehr unruhigen Unterleib. Mama war sehr sauer und hat gesagt, dass er nicht solche Behauptungen aufstellen soll. Warst du schon bei ihr oder woher hast du diese Informationen, hat sie ihn gefragt?“

Da ist er dann gleich abgehauen, mit Mama diskutiert er nicht gern, die ist ihm deutlich überlegen.“

„Gut, dass er so was noch nicht zu mir gesagt hat. Marvins Mutter ist voll OK und so eine blöde Unterstellung, das geht gar nicht. So ist er halt, fromm, selbstgerecht, scheinheilig und schnell in seinen Vorurteilen“, sag ich und beginne, Sachen einzupacken. „Morgen früh, nüchtern, weiß er vielleicht nicht mehr, was er raus gelassen hat“, meint Torben jetzt und: „Mama wird ihm schon was erzählen, von wegen, raus schmeißen, wobei ich nicht weiß, wie sie auf dein Schwul sein reagieren wird. Papa wird das auf jeden Fall nicht akzeptieren und wenn du bleibst, gibt es hier den dreißigjährigen Krieg.“

„Geh du mal ins Bett, sie werden dich früh wecken. 10:00 Uhr ist Tempel angesagt, allerdings nicht für mich“, sag ich und nach einer kurzen, aber wohltuenden Umarmung bin ich wieder allein mit meiner Ungewissheit, was meine Zukunft angeht.

Sorgfältig packe ich die Sachen ein, die ich meine, zu brauchen. Eine solche Situation habe ich mir noch nie real vorgestellt, hier raus zu fliegen, einfach so und nur, weil mich das mit der Kirche absolut nicht interessiert. Im Vorfeld des Ganzen habe ich schon mitbekommen, dass die in der Pfarrei stock Konservativ sind und das Schwule eine ungeliebte Spezies sind, die man von ihrem perversen Tun heilen muss, damit sie nicht für immer in der Hölle schmoren müssen in einem Jenseits, von dessen Existenz zumindest ich in diesem Haus gar nicht überzeugt bin. Mit einigen meiner Arbeitskollegen haben wir schon ausführliche Diskussionen über Götter und Religion gehabt und die meisten der überwiegend jüngeren Leute fahren auf das Ganze drum herum genau so wenig ab, wie ich.

Ein älterer Arbeitskollege, Arthur Engelhardt, ich schätze ihn auf 60 etwa, der ist da so, wie Papa es ist. Gott, in dem Fall Jesus, steht definitiv über allem und damit an 1. Stelle in seinem Leben und das teilt er dann auch des Öfteren mit und schimpft auf Juden, Mohammedaner und sonstige Andersgläubige und einige Zoten über Schwule waren auch schon dabei. Einmal hat er einen fiesen Spruch im Beisein unseres mit 26 Jahren noch sehr jungen Juniorchefs los gelassen. Dieser hat ihn dann mit in sein Büro genommen und als er wiederkam, sah er nicht glücklich aus.

Von dieser Stunde an hat er zum Thema Schwul einfach sein Maul gehalten. Das kommt mir jetzt erst, der Juniorchef ist Single und wenn ich drüber nachdenke, der könnte ja auch selber schwul sein. Gut aussehen tut der auch, ein Twink ebenfalls, etwa wie ich und er ist durchaus sehr hübsch, leicht rötliche Haare, nicht so rot, wie meine, Locken, nicht zu kurz, also niemand, den man fort schubsen würde, mein ich. Ich werde ihn, wann immer es mir möglich ist, ein bisschen beobachten, vielleicht fällt mir ja was auf, das meine Vermutung untermauert. Arthur ist jedenfalls genau wie mein frommer Vater, homophob und Gottesfürchtig, eine bescheuerte Mischung.

*-*-*

Mein Handy vibriert, Marvin ruft zurück. Gespannt nehme ich das Gespräch an, mal hören, was er zur Lage zu sagen hat. „Hör zu“, sagte er, „ich hole dich Morgen früh ab, bringe dich zu den anderen in die WG, dort bekommst du fürs erste mal ein Zimmer. Zu Essen gibt es dort auch und das ist zunächst mal kostenlos, gewaschen wird da. Da bleibst du zunächst mal, bis wir einen Plan haben, wie es weitergeht. Wenn deine Sippe im Tempel ist, kommen wir rüber zu dir, mit 3 oder 4 Autos, 2 davon sind Kombis und wir helfen, da es ja schnell gehen muss, auch beim Einladen deiner Sachen, mach also so viel, wie eben möglich, zusammen in Müllsäcke oder Kartons. Dein Fahrrad willst du ja bestimmt auch mit nehmen. Entweder kommt es in einen der Kombis oder du fährst mit dem Rad in die WG, so weit ist das ja nicht.“

„Ich bin jetzt erleichtert und natürlich auch sehr gespannt“, sag ich, „Danke, ich hoffe, dass du da keinen Ärger bekommst mit den Jungs in der WG.“

„Das gibt keinen Ärger“, sagt er, „schwulen Jungs in Not wird immer geholfen. Du bist nicht der Erste, der in Schwierigkeiten steckt und dem es danach dann gleich besser geht. Bei Gelegenheit wirst du da noch einiges darüber erfahren und glaub mir, das hier mit dir ist ziemlich harmlos.“

„Wer hat denn das so schnell geregelt?“, will ich wissen. „Ole, der Bruder von Marie hat das mit Jerome und Sergej so abgesprochen und auch bei allen Dingen wie Unterhalt und Kindergeld usw. wird dir geholfen. Du kannst dich einfach weiter auf deine Ausbildung konzentrieren, das andere wird dann schon geregelt“, sagt Marvin, „schau, das wir Morgen nur noch einladen müssen. Ob du ihnen einen Brief hinterlässt oder nicht, muss du selber wissen, aber deine Mutter hat es schon verdient, zu wissen, wo du bist und das es dir gut geht, Finn. Wann genau sind denn alle im Tempel, damit ich weiß, wann wir zu dir kommen können?“ „ Viertel vor 10 Uhr fahren sie immer“, sage ich „dann könntet ihr kommen.“

*-*-*

Wir verabschieden uns, nach dem ich mich nochmal bedankt habe und eine gute Stunde später leg ich mich ins Bett. Es sieht aus in meinem Zimmer wie in einer Gepäckaufbewahrung am Bahnhof und es ist alles verpackt, was mir gehört. Was zurück bleibt, kann Torben holen, der Brief an Mama ist geschrieben, den leg ich morgen in die Küche, mit den Schlüsseln, die ich wohl nicht mehr brauche. Im Brief steht auch, dass ich wohl schwul bin und dass sie mir, da ich noch in Ausbildung bin, mein Kindergeld auf mein Konto überweisen müssen. Da ich über 560,-Euro als Ausbildungsvergütung bekomme, müssen sie mir wohl keinen Unterhalt bezahlen, aber das kann man ja dann immer noch klären. Es ist schon ein beklemmendes Gefühl, alles gewesene so einfach hinter sich lassen zu müssen und neu zu beginnen, obwohl man es gar nicht will aber das muss jetzt wohl sein und es wird jetzt auch durch gezogen.

Ole, Sonntag, 10 04. 2011, 17:00 Uhr, in der Sauna mit Jerome, Sergej, Finn, Kevin und Wolfi, Alwin und Gerry, Frank, Noah und Enrico, sind auch dabei.

Zwölf  Leute sind jetzt hier drin im Schwitzkasten, draußen in Pool und Sprudelwanne sind noch Robin und Roland, Lex und Ralf, Rolf und Paul, sowie Marvin, Marie, Noah und die Zwillinge. Natascha und auch Torsten ist mit Sigrid auch da. Tom und Micha sind ebenfalls her gekommen, ebenso Mike und Dirk. Lex ist wieder ganz gesund, kann mit machen, Rico kann aber mit der verbrannten Hand nur zu schauen.

Schon heute Morgen um 9:30 Uhr haben wir uns hier getroffen. Frank und ich sind von Nordenham hier rüber gekommen, Jerome und Sergej waren über Nacht in Bremerhaven, wo sie gestern Abend bei Alwin und Gerry und dann bei Lis waren. Paul und Rolf sind mit dem Kombi von Rolf zu Hause gekommen, um sich uns an zu schließen bei einer erneuten Hilfsaktion.

Wir 6 und Lex und Ralf waren dann mit den zwei Kombis, dem SUV und meinem Golf mit Marvin zu dem Haus gefahren, in dem Marvins Freund Finn wohnt und haben dort in null Komma nix die Sachen des Jungen eingeladen und sind zurück in die WG.

Dort haben wir alles, bis auf das Fahrrad hoch gebracht und in das äußerst rechte Zimmer neben dem Wohnraum abgestellt, wo Finn mit Marvins Hilfe alles eingeräumt hat. Das Bett hatten Kevin und Wolfi vorher schon bezogen mit einer bunten, sau coolen Regenbogenbettwäsche. Auch Handtücher, Duschzeug und Hygienesachen haben die zwei dort eingeräumt. Sogar Kondome hat Kevin grinsend mit Gel neben der elektrischen Zahnbürste im Spiegelschrank deponiert.

Als alles verräumt war, gegen 12:30 Uhr, sind wir zusammen zu unserem Griechen gefahren und haben dort gegessen und Wolfi hat dieses Mal alles bezahlt. Die Leute, die an der Umzugsaktion nicht teilgenommen haben, kamen nach 14:00 in die WG, einmal, um Finn kennen zu lernen und um mit Sauna, Schwimmen und so zu relaxen nach dem gestern doch ganz schön anstrengenden Tag des Einräumens in der neuen Halle.

Es ist jetzt fast alles fertig, noch Bilder aufhängen und Sponsoren Werbung, dann könnte die Halle eröffnet werden.

Es war eine schnelle Entscheidung heute Nacht, als ich Jerome anrief wegen Finn und kurzer Hand haben wir seine Einquartierung hier beschlossen und heute dann auch problemlos umgesetzt. Ein neuer, sehr hübscher und auch netter Junge, der, obwohl noch nicht einmal geoutet zu Hause, wohl wegen religiöser Differenzen mit seinem Vater den Auszug oder besser Rausschmiss aus der elterlichen Wohnung hin nehmen musste. Da gab es keine langen Überlegungen, ob Hilfe oder nicht. Dieses Prozedere war uns ja nicht neu und da hier bei uns noch ausreichend Platz ist, wohnt er zunächst bis auf weiteres hier.

Beim Ausziehen vorhin ist der Finn wohl in leichte Turbulenzen geraten, weil alle wie gewohnt ohne was an in Sauna und Becken gingen. Eine halbseidene Schwellung beim Anblick all der nackten Tatsachen hat er dann geschickt hinter dem großen Handtuch versteckt, der leicht rote Teint war schon sichtbar, gestarrt hat aber keiner und auch untenrum passt er ganz gut zu uns, der Finn.

Ich bin überzeugt, dass er sich mit der neuen Situation relativ schnell arrangieren wird und wenn es läuft mit Verein und Training, wenn neue Leute in den Verein kommen, das er dann auch nicht ewig allein bleiben wird. Schließlich ist er ja auch ein süßes Schnittchen und das doch sehr rote Haar, die helle Haut und die süßen Sommersprossen, er macht schon was daher, finde nicht nur ich.

Die Planung für die Halleneröffnung steht im Groben, Einzelheiten zum endgültigen Ablauf werden wir in einer Sitzung des erweiterten Vorstandes am 15.04. treffen und dann am Tag drauf auch die notwendigen Bestellungen aufgeben. Das ist zeitgleich mit dem Ferienbeginn hier in Bremen. Donnerstag drauf ist dann die Bestattung von Sergejs Oma in Radebeul und der Freitag ist Feiertag vor Ostern. Das wird eine stramme Zeit werden, aber so viele Hände werden das schon schaffen, denk ich.

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Traumschiff - Teil 133, 10.0 out of 10 based on 22 ratings

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2 Kommentare

    • Andi on 21. November 2018 at 09:16
    • Antworten

    Hey Niff, und wieder hat sich das Warten auf einen neuen Teil definitiv gelohnt. Wirklich wieder gut gelungen und wieder ein neuer Charakter hinzugekommen. Bin gespannt wie es weitergehen wird.

    VlG Andi

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  1. Danke, treue Kommischreiberin

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