Adventskalender – Ein anderes Leben – 5. Türchen (Teil 16)

Verlegen lächelte mich Hyun-Woo an. Er hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt und ich machte es mir auf dem Sofa bequem.

„Eine andere Frage…, die mir schon die ganze Zeit auf der Zunge liegt.“

Nun schaute mich Hyun-Woo erstaunt an.

„Bleibt die Fläche hinter dir leer, oder kommt da auch ein Bild hin?“

Hyun-Woo drehte sich und starrte auf die kahle Stelle.

„… ich weiß nicht, so richtig konnte ich mich nicht entscheiden…“

„Du willst also kein Bild von dir und mir aufhängen?“

„Von mir und dir?“

Seine Augen zwinkerten aufgeregt hinter seinen Brillengläsern. Ich nickte.

„Aber ich kann doch nicht einfach ein Bild von dir und mir aufhängen, ohne dich zu fragen… und zudem… gibt es leider kein Bild von uns gemeinsam.“

Das letztere war deutlich leiser gesagt, als der Anfang. Ich stand auf, ging zu ihm hin und lehnte mich an den Schreibtisch.

„Dann sollten wir das bald nach holen und ich habe sicher nichts dagegen, wenn ein Bild mit dir und mir dort an der Wand hängen würde.“

Ich beugte mich hinunter und gab ihm einen Kuss. Breit lächelte er mich an. Erst jetzt bemerkte ich den breiten Bilderrahmen auf seinem Schreibtisch. Gleich zwei Bilder waren darin eingefasst.

Eins mit seiner Großmutter und Mutter und daneben prangte ich mit einem breiten Lächeln. Ich versuchte mich zu erinnern, woher diese Aufnahme herstamme, kam aber nicht darauf.

„… aber erst, wenn deine Wange verheilt ist.“

Wieder nickte ich und stand auf. Ich lief zur Tür und öffnete sie. Danach machte ich es mir auf der Couch bequem.

*-*-*

Ich musste wohl eingeschlafen sein, denn als ich die Augen aufmachte, lag ich auf dem Sofa und hatte eine Wolldecke auf mir liegen. Ich richtete mich auf. Schuhe hatte ich auch keine mehr an, die standen neben der Couch.

Hyun-Woo saß am Schreibtisch und war in irgendwelche Papiere vertieft.

„Ich bin wohl eingeschlafen… entschuldige Hyun-Woo.“

Er schaute auf und lächelte. Hyun-Woo stand auf und setzte sich zu mir.

„Weißt du, dass du wahnsinnig süß aussiehst, wenn du schläfst?“

Ich musste grinsen.

„Du bist der erste!“

„Erstens dachte ich, der Schlaf tut dir gut und zum zweiten… es macht Spaß dich beim Schlafen zu beobachten.“

Sein Lächeln wurde immer breiter.

„Möchtest du einen Tee, oder hast du Hunger?“

„Etwas zu essen könnte ich schon vertragen, aber du sollst dir keine Umstände machen, du hast sicher genug Arbeit auch ohne mich. Wo ist eigentlich mein Schatten?“

„Juen?“

Ich nickte.

„Der wird sicher noch bei So-Woi drüben sein. So-Woi wollte mit ihm einige Entwürfe durch gehen.“

„Ehrlich? Hat Juen überhaupt Erfahrung in solchen Sachen?“

„Du würdest dich wundern! Er hat sogar ein paar Vorschläge gemacht, die So-Woi sehr gefallen haben.“

„Juen? Wirklich? Ich stelle fest, dass ich überhaupt nichts über den Kerl weiß.“

„Wie denn auch, wir kennen ihn ja auch erst kurze Zeit. Ich finde aber, er ist eine richtige Bereicherung, für unsere heitere Runde. Und was das Essen betrifft, mache ich einfach eine Pause. Komm wir gehen hinüber zu So-Woi und fragen, ob sie auch Hunger haben.“

Eigentlich wollte ich lieber mit Hyun-Woo alleine bleiben, aber ich folgte einfach seinen Wünschen. So schlüpfte ich in meine Schuhe und folgte ihm ins andere Büro.

*-*-*

„Das war gut! Wenn das so weiter geht, kann ich bald Aufnahme für Mollige machen“, sagte ich und rieb mir über den Bauch.

„Du doch nicht“, lachte So-Woi.

Wir hatten uns einfach etwas kommen lassen und saßen nun mit Jack und Jae-Joong auf dem großen Sofa und leerten die Teller, die sich auf dem Tisch befanden.

„Da fällt mir ein, du wolltest mir doch etwas erzählen“, meinte ich verlegen zu Hyun-Woo, weil ich ja eingeschlafen war.

„Ja stimmt. So-Woi hatte ein längeres Gespräch mit deinem Onkel, der meinte, dass sie genügend Beweise hätten und ein Richter bereits Haftbefehle ausgestellt hat. So wie es aussieht, wird es auch Verhaftungen in den oberen Stellen geben.“

„Wirklich? Ich dachte nicht, dass das so schnell geht.“

„Dein Vater war übrigens eine große Hilfe“, sagte So-Woi.

„Mein Vater?“, fragte ich erstaunt.

„Ja! Mr. Ri hatte ihm doch die Liste mit den Medikamenten zukommen lassen. Er hat sich wohl schlau gemacht und heraus gefunden, dass mindestens die Hälfte der Medikamente auf der Liste, mittlerweile in Europa erhältlich sind. Zudem ist jetzt auch bekannt, welche Firmen daran beteiligt waren.“

„Wow…, gleich mehrere Firmen…“

„Ja leider…“

„Können wir dann endlich durch atmen…?“, fragte ich in die Runde.

„Ich denke…“, begann So-Woi, „… warten wir etwas, bis wir sicher wissen Das du wirklich außer Gefahr bist…“

Die anderen nickten.

„Was ganz anderes…“, sprach So-Woi weiter, „… ich wollte euch fragen, wer zu Jonghyuns Beerdigungsfeier mit geht?“

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Aber dies war keine Frage für mich, natürlich würde ich mitgehen. Die Jungs von Shinee waren alle so nett zu mir.

„Entschuldige, wenn ich frage, aber gibt es bei Beerdigungen hier auch bestimmte Regeln, die man beachten muss?“

Hyun-Woo nahm meine Hand.

„Lucas, dafür musst du dich nicht entschuldigen…“

Die anderen schüttelten dieses Mal ihren Kopf.

„Wir fahren gemeinsam zum Beerdigungsinstitut und zeigen dort Jonghyun unsere letzte Ehrerbietung. Das ist in einem kleinen Raum, dort steht ein Bild von ihm. Vor diesem verneigen wir uns. Dann wendet man sich zur Familie, oder den engsten Freunden und verneigt sich auch vor ihnen. Am Eingang liegt ein Buch, in das man anschließend seinen Namen einträgt und zum Schluss zeigt man noch mal seine Achtung vor dem Verstorbenen, wenn man dabei ist, wenn der Sarg verladen wird, bevor er mit der Familie dann zum Friedhof fährt.“

„Das hört sich heftig an…, ich kann nicht garantieren, dass meine Augen trocken bleiben.“

„Darüber brauchst du dir keine Gedanken machen, Lucas, dass wird wahrscheinlich hier jedem so gehen“, meinte So-Woi.

*-*-*

Als wir am Abend in die Wohnung zurück kamen, verschwand Juen sofort in seinem Zimmer. Ich setzte mich an die Theke, während Hyun-Woo irgendetwas im Kühlschrank suchte.

„Möchtest du noch eine Kleinigkeit essen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein danke, Hyun-Woo, ich habe keinen Hunger mehr, aber vielleicht ein Wasser oder Tee…“

Hyun-Woo nahm den Wasserkocher und befüllte ihn mit Wasser, bevor er ihn anschaltete, dann gesellte er sich zu mir.

„Du warst den ganzen Mittag so ruhig…“

„Sorry, ich habe viel nach gedacht. Wenn du bei mir bist, dann habe ich irgendwie die nötige Ruhe dazu.“

Hyun-Woo lächelte.

„Ich will nicht lügen…, die ganze Sache mit dem Medikamentenschwindel setzt mir schon sehr zu und auch der Tod dieses jungen Mannes, gibt mir vieles zum Denken.“

„Lucas, wenn du nicht mitkommen möchtest, dass würde sicher jeder verstehen…“

„Nein, so war das nicht gemeint, Hyun-Woo, natürlich werde ich mit gehen…, es ist einfach viel, alles zu verarbeiten.“

Hyun-Woo sagte nichts darauf, nahm nur meine Hand und streichelte über meinen Handrücken.“

Dann schaute zu Juens Tür.

„Über ihn mache ich mir auch so meine Gedanken, ob dieser Job wirklich der Richtige für ihn ist.“

„Du meinst Juen? Warum?“

„Seine Augen… ich habe seine Augen gesehen, egal, wenn er lacht, oder über etwas Fröhliches redet, seine Augen sind immer traurig…, dass mit seiner Mutter muss ihm schon sehr zusetzten.“

„Wohl nur verständlich, Lucas…, aber deine Sorge in allen Ehren …, du musst mehr auf dich aufpassen! Für dich sind all die Dinge wichtig, aber auch du bist wichtig! Du musst wirklich lernen, wo dein Limit ist, damit du keinen Schaden nimmst…“

Ich ließ mich einfach in Hyun-Woos Arme fallen und vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge.

„Wenn das so einfach wäre…“, flüsterte ich leise.

*-*-*

Die nächsten Tage verliefen ähnlich wie dieser. Die meiste Zeit war ich bei Hyun-Woo, wenn ich nicht gerade die Familie traf. Am Freitagmorgen ließ So-Woi die Firma geschlossen, Er hatte den neuen Mitarbeiter einen Tag früher ins Wochenende entlassen.

Grund war die Trauerfeier für Jonghyun. Dieses Mal war nichts mit Chic oder Glemmer. Ich hatte meinen einfachen Anzug an, den ich von zu Hause mit gebracht hatte. Wir fuhren mit unserem Van vor und stiegen gemeinsam aus.

Wieder standen eine Menge Fans hinter den Absperrungen, aber dieser Mal war es total anders. Kein Geschrei war zu hören und nur vereinzelt wurden Bilder gemacht. Ich folgte mit Hyun-Woo, So-Woi zum Eingang.

Es war eine drückende Stimmung, vereinzelt konnte man jemand weinen hören und ich konnte viele selbstgemachte Plakate sehen, auf fast allen Bildern von Jonghyun. Mittlerweile war auch ein Abschiedsbrief veröffentlicht worden

Seine Depressionen hatten ihn aufgefressen und er hatte einfach keine Kraft mehr weiter zu machen. Dieses Bild aufrecht zu halten, vor seinem Publikum, seinen Fans den Glücklichen zu spielen.

Das Kartenhaus, das er um sich errichtete, war zusammen gefallen und für ihn war es eben der einzige Weg zu gehen. Jin von BTS hatte schon recht, dass es eigentlich ein egoistisches Denken war, aber er hatte eben die Schwierigkeit an sich zu glauben und Hilfe zu erbitten.

Wie die anderen  verneigte ich mich immer wieder leicht, bevor wir das Haus betraten. Hier standen nun die Journalisten, die auch ihre Bilder machten, Mit war es egal, ob das jemand fotografierte, ich griff mir einfach Hyun-Woos Hand.

Mit ihm an der Seite fühlte ich mich einfach sicher. An den Seiten standen Holzständer, an denen große Blumenkränze hingen. Aber wir liefen so schnell an ihnen vorbei, dass ich nicht lesen konnte, was auf den Bändern stand.

Wie Hyun-Woo schon vorher erzählt hatte, betraten wir einen Raum, an dessen Rückwand  in einem großen Blumenmeer ein Bild von Jonghyun stand. Ich fragte nichts, sondern folgte einfach den anderen.

Ich machte einfach nach, was die anderen vor mir und um mich herum machten. Bevor wir den Raum verließen, stand ich neben Hyun-Woo, als er unserer beider Namen, in das Buch eintrug.

Ich war ihm nicht böse, eher das Gegenteil. Ich war froh es nicht tun zu müssen und mich eher im Hintergrund zu halten. Als So-Woi dann endlich Anstalten machte zu gehen, entdeckte ich Minho neben der Tür.

Seine Augen waren tief rot vom vielen Weinen. Ohne darüber nach zu denken lief ich zu ihm hin und umarmte ihn kurz, ohne eine Wort zu sagen. Wir nickten uns kurz zu, bevor ich dann gemeinsam mit den Anderen den Raum wieder verließ.

Wieder folgte ein Blitzlichtgewitter, aber da waren Leute, die versuchten uns irgendwie etwas abzuschirmen. Andere Trauergäste kamen uns entgegen, die ich vom Sehen her kannte, viele waren auch bei der Aftershowparty anwesend.

So verneigte ich mich leicht beim vorüber gehen und war froh, als wir endlich den Ausgang erreicht hatten. Aber es war nicht die gleiche Stelle, wo wir das betreten hatten, es war die Rückseite vom Haus.

Dort stand der Leichenwagen und auch wieder viele Reporter, die ihre Bilder schossen. Was war so toll daran, anderer Leute Trauer zu fotografieren, oder gar zu filmen. In m9ir stieg ein Unwohlsein auf.

Ich beugte mich leicht vor und flüsterte Hyun-Woo ins Ohr.

„Hyun-Woo, ich fühl mich nicht wohl…, ich geh zum Wagen…“

Erschrocken drehte er den Kopf.

„Soll ich nicht lieber mitgehen, ich kann dich doch nicht alleine zum Wagen gehen lassen. Was ist, wenn du Hilfe brauchst?“

Ich überlegte kurz.

„Ich nehme Juen mit…, der scheint sich hier auch nicht wohl zu fühlen.“

Besorgt schaute Hyun-Woo zwischen Juen und mir hin und her.

„Bleib du lieber hier bei So-Woi…, ich bräuchte nur dir Schlüssel zum Wagen.“

Er atmete tief durch und nickte.

„Okay…, warte einen Moment“, flüsterte er.

Mein Schatz drückte sich an So-Woi vorbei und flüsterte Jack etwas ins Ohr. Dieser nickte und griff in seine Jacke. Ein Schlüssel kam zum Vorschein, den er Hyun-Woo reichte. Er sagte noch etwas, aber Hyun-Woo schüttelte nur den Kopf.

Wenig später folgte mir Juen anstandslos zum Wagen. Dort angekommen gab ich Juen die Schlüssel und lehnte mich erst mal an den Wagen und atmete tief durch.

„Ist dir schlecht?“, fragte Juen besorgt.

„Nein, mich nimmt das nur sehr mit.“

„Warte, ich schließe den Wagen auf, dann kannst du dich rein setzten…“

Yuen nahm die Schlüssel und wollte den Wagen öffnen, als jemand von hinten einen Schlag mit einem Knüppel versetzte Er klappte einfach zusammen. Einen Augenblick war ich wie eingefroren, besann mich aber Besseres und wollte schreien, aber dazu kam ich nicht mehr.

Auch bei mir griff von hinten nach mir und drückte mir etwas auf den Mund. Mir wurde schwarz vor den Augen.

 

 

 

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2 Kommentare

    • Gerd on 5. Dezember 2018 at 00:12
    • Antworten

    Wow
    Jetzt kommt es im wahrsten Sinn des Wortes knüppeldick

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    • Andi on 5. Dezember 2018 at 18:45
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    Huhu Pit , lese mit Freude deinen Adventskalender, macht echt Spaß. Bin gespannt wie es weitergeht. Weiterhin eine schöne Adventszeit

    VlG Andi

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