Adventskalender – Ein anderes Leben – 7. Türchen (16 Teil)

Juen

Mein Schrei hallte nach. Ich hatte mich nicht deswegen erschrocken, weil plötzlich vor mir etwas auftauchte, sondern, weil dieses etwas sich nach Haare angefüllt hatte. Vorsichtig hob ich die Hände und beugte mich langsam nach vorne. Jetzt konnte ich auch leichte Atemgeräusche hören.

„Lucas…?“, flüsterte ich leise, weil es eigentlich nur er sein konnte, der da vor mir war.

Es kam keine Antwort. Plötzlich spürte ich wieder die Haare und mein Puls beschleunigte sich nochmals. Das war ganz sicher Lucas, denn die Haare waren kurz. Der Kopf schien zur Seite zu hängen, denn plötzlich berührte ich ein Ohr.

Von der Höhe her musste Lucas auf etwas sitzen.

Meine Hände tasteten sich über das schief liegende Gesicht, bis ich an den Schultern angekommen war. Im Gegensatz zu mir, waren seine Arme nach hinten gezogen. Also hatte man seine Hände am Rücken zusammen gebunden.

Mehr noch, ein weiteres Seil war um seinen Körper gewickelt, also an einen Stuhl gefesselt. Er reagierte nicht, aber atmete. Langsam tastete ich mich wieder zum Gesicht und versuchte den Kopf aufzurichten. Ich war wohl mit meinem Gesicht so nah an Lucas, dass ich seinen Atem in meinem Gesicht spüren konnte.

„Lucas, hörst du mich?“, flüsterte ich leise und versuchte leicht seine Wangen zu tätscheln, was mir aber nicht so richtig gelingen wollte, weil ich dabei seinen Kopf nicht halten konnte. So richtete ich mich auf und stellte ich mich direkt neben ihm, damit ich seinen Kopf gegen meinen Bauch lehnen konnte.

Was sollte ich jetzt tun, solange Lucas nicht aufwachte, konnte ich nicht versuchen ihn los zu binden. Er würde mir vom Stuhl fallen. Und was wäre, wenn dann gerade dieser Professor zurück kommen würde.

Es war sicher dieser Professor, sonst würde niemand auf den Gedanken kommen, Lucas so etwas anzutun.

*-*-*

Jack

Nach dem der Arzt gegangen war, hatte sich Grandma ebenso zurück gezogen. Weil Hyun-Woo bereits schlief, als der Arzt eintraf, hatte er keine Beruhigungsspritze bekommen, der Arzt meinte, der Schlaf täte ihm gut.

Für den Fall, dass Hyun-Woo sich wieder aufregen sollte, hatte er ein paar Pillen da gelassen. Nun saß ich ans Bettende gelehnt und So-Wois Kopf ruhte auf meinen Schoss. Sanft streichelte ich durch seine Haare.

Auch er war endlich eingeschlafen. Die Verbindungstür zu Hyun-Woos Zimmer hatte ich offen gelassen, dass ich sofort hörte, wenn dieser Erwachen würde. Ich spürte leichte Müdigkeit in mir aufkommen, beschloss aber, wach zu bleiben.

Ich schloss einfach die Augen und lauschte, aber es war nichts zu hören. Ein Klopfen ließ meine Augen sich wieder öffnen und ich stellte fest, dass ich wohl so, wie ich da saß, eingeschlafen sein musste, denn draußen wurde es bereits hell.

So-Woi lag neben mich gekuschelt. Ich streckte meinen Kopf und drehte ihn etwas und spürte jeden Wirbel. Ich versuchte etwas die Schultern in drehende Bewegungen zu setzen, was auch nicht ohne Schmerzen ging.

Gegenüber wurde langsam die Tür aufgeschoben. Grandma erschien und ich löste mich vorsichtig von So-Woi. Etwas mühsam stand ich auf, weil ich jeden einzelnen Knochen spürte und lief zu Grandma.

„Hast du etwa so die ganze Nacht so dagesessen?“, fragte Grandma.

Ich nickte ihr lächelnd zu und rieb dabei meinen Nacken.

„Wie geht es Hyun-Woo?“

„Ich weiß es nicht, ich bin selbst erst eben aufgewacht, aber ich werde gleich nach ihm sehen“, antwortete ich.

„Wenn alles in Ordnung ist, kommst du bitte nach unten, ich möchte nicht alleine frühstücken“, meinte Grandma zu mir, „natürlich nur, wenn die beiden da fest schlafen?“

Ich nickte lächelnd und Grandma zog leise die Tür hinter sich zu. So schaute ich kurz zu So-Woi, bevor ich mich in das Nachbarzimmer bewegte. Auch Hyun-Woo schien noch fest zu schlafen, seine Atmung war ruhig.

Ich zog seine Decke zu recht, deckte ihn wieder zu und ließ ihn dann alleine. Als ich in unser Zimmer zurück gekehrt war, hatte sich So-Woi wohl gedreht, er hatte nun das Kopfkissen im Arm, an dem ich mich die ganze Nacht angelehnt hatte.

Vorsichtig beugte ich mich nach vorne, stütze mich am Bett ab und gab So-Woi sanft einen Kuss auf die Wange. Er wachte dabei nicht auf, aber deutlich zeigte sich ein Lächeln auf seinen Lippen ab.

Langsam erhob ich mich wieder und ging zuerst ins Bad. Müde sah ich mein Spiegelbild an und fand, dass ich auch schon besser ausgesehen hatte. So drehte ich das kalte Wasser auf und befeuchtete mein Gesicht.

Ich griff nach der Seife, rieb meine Hände damit ein, bevor ich den Schaum in mein Gesicht verteilte. Mit viel kaltem Wasser, wusch ich den Schaum ab und griff ich nach dem Handtuch, das neben dem Waschbecken hing.

Im Normalfall hätte ich ja geduscht, aber so hätte Grandma länger auf mich warten müssen. Als ich ins Zimmer zurück kam, sah ich auf dem Stuhl Klamotten liegen. Irgendwer hatte sie wohl dort deponiert. Die Idee einige Sachen zum Wechseln bei seiner Großmutter zu lassen, war So-Wois Idee, so konnten wir hier jederzeit übernachten.

Ich entdeckte eine Jeanshose von mir und ein weiße Hemd. Vorsichtig zog ich es unter So-Wois Sachen hervor. Schnell entledigte ich mich von meinem Shirt du der Stoffhose. Beides legte ich über der Lehne ab.

Mein Blick wanderte zum Bett, weil So-Woi tief durchatmete. Schnell waren die Sachen angezogen und noch einmal schaute ich zu So-Woi, der aber friedlich schlief. Was für ein Glück ich hatte, so einen Menschen zum Freund zu haben. Lächelnd lief ich zur Tür und verließ das Zimmer.

*-*-*

Lucas

Ich musste husten, weil ich so einen bitteren Geschmack im Mund hatte. Was war geschehen? Nur wage konnte ich mich daran erinnern, dass Juen vor mir niedergeschlagen wurde, dann war da nichts mehr.

„Lucas…?!“

War das Juen? Langsam öffnete ich die Augen. Vor mir kniete Juen.

„..Juen…“

„Ja, ich bin es Lucas! Es tut mir leid…“

„Juen, bitte“, meinte ich leicht genervt, „keine Entschuldigen… boah mir tut alles weh…, meine Hände fühlen sich so taub an… Wo sind wir hier?“

„Ich weiß es nicht, Lucas, nur dass wir in einer alten Halle sind, wo die steht kann ich dir nicht sagen.“

„Hast du jemand gesehen?“

„Nein, als ich aufwachte, war hier alles dunkel…“

„Geht er jetzt nicht etwas zu weit, dieser Professor…?“

„Du denkt also auch, es ist der Professor?“

„Wer soll es denn sonst?“

Juen zuckte mit den Schultern.

„Weißt du, wie spät es ist?“

Mein gegenüber schüttelte den Kopf. Erst jetzt sah ich, dass Juens Hände zusammengebunden waren, als er versuchte, sich am Kopf zu kratzen.“

„Tut es sehr weh?“, wollte ich wissen.

„Es geht…“

„Der hat dir ganz schön eine übergezogen…, mit dem Knüppel.“

„Du hast ihn gesehen?“

„Ich habe JEMAND gesehen, nicht sein Gesicht. Bevor ich richtig reagieren konnte, hat mir jemand etwas auf den Mund gedrückt und mir wurde schwarz vor Augen.“

„Ich binde dich jetzt erst mal los…“

„Geht das denn?“

„Wieso, meine Beine konnte ich ja auch befreien…“

Juen drückte sich an meinen Knie nach oben und umrundete mich. Als er gerade anfangen wollte, mich loszubinden, hörten wir irgendwo her Stimmen.

„Scheiße“, hörte ich es hinter mir sagen, „Lucas tu so, als wärst du noch weggetreten…“

Yuen lief an mir vorbei und lief ein paar Meter, bevor er sich in den Dreck fallen ließ. Dort blieb er liegen.

*-*-*

Jack

„Hatte Lucas mit jemand anderem noch Probleme?“

Verwundert schaute ich Grandma Shin-Sook an.

„Nicht dass ich wüsste, aber warum fragst… du?“

Es fiel mir immer noch schwer sie so direkt anzusprechen.

„Ich hatte heute Morgen schon ein langes Gespräch mit Park Min-Chul. Es deutet nichts darauf hin, dass dieser Professor irgendetwas mit Lucas Entführung zu tun hat.“

„Wer jemand kaltblütig umbringen lässt, dem merkt man auch eine Entführung nicht an.“

„Du spielst auf diesen Arzt an?“

Ich nickte.

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Ach ich weiß auch nicht mehr, was ich denken soll. Mir tun die Jungs nur so leid, ich hoffe es geht ihnen gut.“

Man sah ihr deutlich an, dass dies ihre Kräfte überstieg. Sie war recht blass und hatte die Nacht wohl nicht gut geschlafen. Die Tür ging auf und ich drehte meinen Kopf. So-Woi kam herein.

„Warum hast du denn mich nicht geweckt?“, fragte er mich vorwurfsvoll.

„Damit ich mit deiner Grandma alleine sein kann und ihr über deine Schandtaten erzählen kann… guten Morgen!“

Ich weiß nicht, was mich geritten hatte, dass zu sagen, denn So-Woi blieb auf der Stelle stehen und neben mir fing jemand an zu kichern.

„Was für Schandtaten denn?“, fragte er und lief weiter zu seiner Grandma.

„Guten Morgen Grandma“, sagte So-Woi und umarmte sie kurz, „… du bist etwas blass, geht es dir nicht gut?“

Es war ihm also auch aufgefallen.

„Ich habe schlecht geschlafen, das ist alles. Komm Setzt dich! Die Suppe ist noch heiß.“

„Danke.“

Er lief um mich herum und ich spürte kurz seine Hände auf meiner Schulter.

„Morgen, du Verräter…“, meinte er leise, küsste mich auf den Kopf, bevor er sich neben mir niederließ.

Sofort schoss mir Blut ins Gesicht. Noch nie hatte So-Woi solche Zärtlichkeiten vor jemanden anderem gezeigt, schon gar nicht vor Grandma. Sie aber lachte nur, gab keinen Kommentar zu dieser Aktion.

„Sollen wir Hyun-Woo nicht lieber wecken?“, wollte meine bessere Hälfte wissen.

„Ich denke, es ist besser, wir lassen ihn schlafen“, antwortete Grandma.

So-Woi nickte und schaufelte die Suppe in sich hinein.

„Man könnte meinen, du hast schon lange nichts mehr zu essen bekommen“, raunte ich ihm zu.

„Was denn? Bei Grandma schmeckt es eben gut!“

„Ah, mein Essen ist dir wohl nicht mehr gut genug…“

Ich wusste echt nicht, was mit mir los war, warum mir die Worte so leicht über die Zunge glitten. Auf alle Fälle fing Grandma laut an zu lachen und So-Woi schaute mich verwundert an.

„Natürlich esse ich gern dein Essen. Habe ich mich je beschwert?“

„Kinder, ihr werdet euch doch jetzt nicht streiten?“

„Nein Grandma, es macht nur Spaß ihn aufzuziehen“, rutschte mir heraus.

So-Wois Blick war tödlich.

„Du scheinst gut geschlafen zu haben“, war alles, was So-Woi darauf sagte.

„Das ist aber nicht nett, Enkel. Als ich vorhin nach euch schaute, saß Jae-Yun auf dem Bett und du hast ihn als Kissen missbraucht.“

So-Woi schaute zwischen Grandma und mit verwundert hin und her.

„Du…, du hast die ganze Nacht so da… gegessen?“

Ich nickte.

„Wow“, das einzige Wort, was So-Woi heraus brachte.

Mir wurde dieses Gespräch etwas peinlich und ich änderte einfach das Thema.

„Grandma hat mich gefragt, ob Lucas noch mit jemand anderen Ärger hat.“

„Wieso?“

„Weil Lucas Onkel mir am Telefon erklärte, dass der Professor, mit dieser Sache anscheinend nichts zu tun hat.“

„Wie kommt der denn…“

Mitten im Satz brach So-Woi ab und starrte auf den Tisch.

„So-Woi…?“

Er reagierte nicht, sondern zog sein Handy heraus. Wen um alles in der Welt wollte er jetzt anrufen?

„Hallo… hier spricht So-Woi… Eun Mi, kannst du mir sagen, ob dieser Gwang-jo, den wir entlassen haben, seine Papiere abgeholt hat?“

Grandma sah mich fragen an.

„Eun Mi ist eine seiner Sekretärinnen“, flüsterte ich ihr zu.

„Nicht…, wäre es möglich mir seine Adresse aufs Handy zu schicken… ja? Danke…, nein ich weiß nicht, wann wir in der Firma erscheinen werden, denn uns ist etwas Familiäres dazwischen gekommen…, wenn etwas ist einfach mich oder Hyun-Woo anrufen…, Jack ist ebenso erreichbar.“

Ich hatte echt keine Lust heut in die Firma zu fahren, Hyun-Woo und auch Lucas waren mir jetzt viel wichtiger.

„Danke… ach so… den müssen wir leider absagen, oder ihr überlegt euch etwas… ja… danke…bye!“

So-Woi drückte das Gespräch weg und legte sein Handy auf den Tisch.

„Alle Achtung, man könnte meinen, du machst dass schon eine Weile“, meinte Grandma.

Er lächelte.

„So gesehen ja…, früher habe ich meine Termine mit Jack abgesprochen, jetzt macht das die Sekretärin für mich.“

„Warum hast du nach Gwang-jo gefragt?“, wollte ich wissen.

„Das ist nur so eine kleine Idee. Jack, fährst du mit mir zu Lucas Onkel?“

„Was möchtest du denn von dem?“, fragte nun Grandma.

„Eine Idee aus diskutieren!“

 

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