Adventskalender – Ein anderes Leben – 8. Türchen (16 Teil)

Jack

„Entschuldigung, wir möchten gerne bitte zu Police Officer Park Min-Chul“, sagte So-Woi.

Ohne erklärende Worte waren wir zur Polizeistation gefahren. Wie Grandma vorgeschlagen hatte, ließen wir Hyun-Woo schlafen. Grandma wollte sich um ihn kümmern.

„In welcher Sache, der Kollege ist im Augenblick mit einem Fall beschäftigt“, sprach der Polizist hinter der Glasscheibe.

„… wegen der Entführung seines Neffen?“

Ich fand den Ton, den So-Woi drauf hatte, etwas harsch.

„Okay…, wie ist ihr Name…?“

„Chung So-Woi!“

„Einen Moment bitte…“

Der Mann verschwand.

„… warum bist du so genervt?“, fragte ich ihn flüsternd ins Ohr.

„Weil es mir zu langsam geht.“

„Der Mann macht nur seine Aufgabe“, sagte ich und streichelte ihm dabei über den Rücken.

„So-Woi?!“, hörte ich eine mir bekannte Stimme.

Ich drehte mich um und sah Lucas Onkel auf uns zu laufen.

„Onkel Min-Chul“, kam es von So-Woi.

Wenigstens lächelte er wieder ein wenig.

„Was führt euch her, ihr hättet doch anrufen können.“

„Mir ist da etwas eingefallen, darüber wollte ich nicht am Telefon reden, nachher werden wir noch abgehört.“

„Junge, jetzt übertreib mal nicht. Wir wissen zwar immer noch nicht, wer da alles mit drin hängt, aber ich glaube kaum, dass die jetzt so weit gehen.“

„Deinen Neffen haben sie auch entführt“, warf ich nun ein.

Onkel Min-Chul sah mich wortlos an. Er hob die Hand und wies uns an zu folgen. Dann setzte er sich in Bewegung. Einmal den Flur runter und dann um die Ecke, dort blieb er vor einer Tür stehen.

Ich konnte „Vernehmungszimmer“ auf dem kleinen Schild lesen. Lucas Onkel schob uns hinein und schloss die Tür.

„Setzt euch bitte!“

Wir machten, was ums gesagt wurde und ich ließ mich neben So-Woi nieder.

„Da wir vermuten, dass auch hier in der Station eine undichte Stelle ist, haben wir es nicht an die große Glocke gehängt, dass Lucas mein Neffe ist. Es wird immer von einem deutschen Urlauber geredet…“

„Aber was ist mit Juen? Er ist auch verschwunden?“, fragte So-Woi.

„Es ist bekannt, dass Juen einen Spezialauftrag hat und deswegen nicht anwesend ist…, es vermisst ihn deswegen niemand.“

„Heißt das…?“

„Ja, nach Juen wird offiziell nicht gesucht.“

Ich glaubte nicht, was ich da hörte. Das war ihr Kollege und sie suchten nicht nach ihm? Waren sie nicht immer angestrengt, wenn ein anderer Polizist mit der Sache zu tun hatte. Ich verstand das nicht, aber schwieg weiter hin.

„Aber was ist der Grund, warum ihr hier seid?“

„Meine Grandma hat mir erzählt, dass ihr die Vermutung geäußert habt, dass der Professor nichts mit Lucas Entführung zu tun hat.“

„Ja, das ist eine ganz komische Sache. Ein Informant hat uns zu getragen, dass Professor Kim Byung-Hwan zurück gepfiffen wurde und bis auf weiteres dieser Medikamentenhandel eingestellt wurde.“

„Hä? Heißt das, ihr könnt ihn jetzt nicht festnehmen?“, fragte ich entsetzt.

„Nein! Wir werden nur länger brauchen alles aufzudecken, es fehlen immer noch ein paar Beweise.“

„Und dieser Informant hat gesagt, der Professor hat nichts mit der Entführung zu tun?“, kam es von So-Woi.

„Er hat nur angedeutet, dass dies nicht zu dieser Gruppe passen würde…, die würden gleich kurzen Prozess machen…“

Ich schloss die Augen. Ich wollte mir nicht ausmalen, was das für Lucas hieß. Meine Sorge um ihn verstärkte sich eher noch.

„Aber So-Woi, warum fragst du nach dem Professor? Habt ihr neue Informationen?“

„Nein, das nicht, ich habe da eher eine verrückte Idee.“

Onkel Min-Chul wollte etwas sagen, aber sein Handy meldete sich. Er zog es aus seinem Jacket und nahm das Gespräch an.

„Police Officer Park Min-Chul!“

„Onkel Min-Chul, hier spricht Hyun-Woo.“

„Hyun-Woo…“

Ich schaute auf, als ich Hyun-Woos Namen hörte. Lucas Onkel drückte eine Taste und legte das Handy vor uns auf den Tisch.

„Ich…, ich habe eben… habe eine Mitteilung bekommen… die wollen 130 Millionen Won(*) …, wenn ich sie nicht zahle…, sehe ich Lucas nie wieder…“

„WAS?“

Ich fuhr etwas zusammen, als Onkel Min-Chul laut was rief. Er schloss die Augen und rieb sich die Stirn. Leise hörte ich Hyun-Woo weinen.

„Hyun-Woo hör mir zu…, versuch ruhig zu bleiben… wo bist du jetzt?“

„Immer noch bei So-Wois Großmutter.“

Wir nickten.

„Hyun-Woo, bist du alleine?“

„Ja.“

„Dann geh bitte zu So-Wois Grandma, oder zu Mr. Ri. Du sollest jetzt auf keinen Fall alleine sein!“

„Ja…“

„Wir kommen zu dir.“

Keine Antwort kam, nur schluchzen war zu hören.

„Hyun Woo?“

„…ja…?“

„Versuch dich bitte zu beruhigen und mach das was ich dir gesagt habe.“

„…okay…“

„Ich lege jetzt auf und wir sind gleich bei dir.“

„… okay…“

Lucas Onkel nahm sein Handy und drückte das Gespräch weg.

„Los kommt!“, kam es von ihm und er griff schon nach dem Türknopf.

„Halt“, rief So-Woi.

„So-Woi, wir müssen uns beeilen.“

„Ich wollte nur sagen, dass passt irgendwie zu meiner Vermutung.“

„Welche Vermutung?“

„Du hast ja sicher mit bekommen, dass wir Ärger mit unserem Sicherheitspersonal hatten.“

„Ja und?“

„Wir haben den Schuldigen entlassen…“

„Du glaubst also, dieser Typ will sich nun rächen, weil er wegen Lucas entlassen wurde.“

„Wer das so abwegig?“

Auch mich überraschte So-Wois Vermutung und musste zu meiner Schande gestehen, dass ich an diesen Kerl überhaupt nicht mehr gedacht hatte. Und jetzt wo So-Woi dies geäußert hatte, fiel mir auch wieder ein, dass der Typ, als ich ihn höchst persönlich zum Ausgang beförderte, rief, dass wir das bereuen würden.

Leider hatte ich dem Ganzen keine weitere Beachtung geschenkt. So-Woi schob mich ohne Worte zum Flur hinaus.

„Du fährst!“, meinte er nur.

*-*-*

Als wir ankamen, erwartete uns bereits Mr. Ri auf der Treppe.

„Wo ist Hyun-Woo Mr. Ri“, rief So-Woi schon beim Aussteigen.

„Bei ihrer Großmutter, Master So-Woi…, ich bringe sie zu ihnen. Police Officer Park Min-Chul…“

Er nickte Lucas Onkel zu. Ich verschloss den Wagen und folgten den Drei ins Haus. Grandma schien mit Hyun-Woo in der Bibliothek zu sein, denn Mr. Ri lief geradewegs zu dieser Tür, die offene stand.

„Ceo… ihr Enkel ist eingetroffen!“, hörte ich Mr. Ri sagen.

Er und So-Woi verschwanden mit Onkel Min-Chul im Zimmer. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich auf der Empore eine Bewegung und schaute nach oben. Dort konnte ich nur noch einen Rücken sehen, der verschwand.

Ich blieb abrupt stehen und rannte dann die Treppe hinauf, konnte aber niemanden entdecken.

„Jack?“, hörte ich Mr. Ri rufen.

Ich schaute hinunter und sah ihn am Ende der Treppe stehen. Ich schaute noch einmal den Flur hinunter und ging dann hinunter zu ihm.

„Mr. Ri, befindet sich jemand auf dem oberen Stockwerk?“

„Nicht dass ich wüsste…, oder doch, das Zimmermädchen vielleicht, dass die Zimmer reinigt. Warum fragen sie?“

„Ach nichts…“, meinte ich nachdenklich und betrat nun auch die Bibliothek.

*-*-*

Juen

Scheiße, das tat weh. Zu dem ärgerte ich mich, dass ich so wie ich lag, nicht zu Lucas sehen konnte.

„Juen“, hörte ich Lucas Stimme.

Ich hob vorsichtig den Kopf und schaute zu ihm.

„…das Seil…“

Ich wusste nicht, was er meinte.

„Das Seil bei dir.“

Mist, daran hatte ich nicht gedacht, aber ich konnte jetzt nichts tun, denn ich hörte Schritte und ließ wieder meinen Kopf sinken.

„Du bist sicher, sie sind wach?“, hörte ich jemand sagen.

„Das hat Gwang-jo behauptet“, sagte eine andere Stimme.

„Schau, die sind noch beide weggetreten.“

Die Schritte waren nicht mehr zu hören.

„Gwang-jos Bruder ist echt ein Arsch!“, war nun wieder die erste Stimme zu hören.

„Warum das denn? Lass das nicht Gwang-jo hören, du weißt doch, wie sehr er ihn immer in den Himmel hebt.“

„Er hat trotzdem nichts in der Birne. Du hast doch selber gehört, wie er geprahlt hat, dass er die Jungs ganz alleine gefesselt hat!“

„Ja und?“

„Schau, bei dem auf dem Boden liegt das Seil neben den Beinen. Was ist, wenn der aufgewacht wäre…, komm den fesseln wir richtig!“

Ich hörte die Schritte auf mich zukommen und hielt die Luft an. Unsanft wurde meine Beine hoch gerissen und ich hatte Mühe keinen Laut von mir zu geben. Dann spürte ich, wie das Seil um die Beine gewickelt wurde.

Aber nicht nur das. Jemand hob meine Arme und wurde mit den Beinen zusammen gebunden. Der Schmerz, der mir dabei in den Rücken fuhr, ließ mich aufheulen.

„Siehst du, er kommt wieder zu sich!“

Doch bevor ich die Augen richtig öffnen konnte, schlug mir der eine ins Gesicht und ich wurde ohnmächtig.

*-*-*

So-Woi

Hyun-Woo hatte sich etwas beruhigt und saß nun neben Jack auf der kleinen Couch. Als ich vorhin das Zimmer betreten hatte, war er mir weinend um den Hals gefallen. Ich stand bei Onkel Min-Chul und lass mit ihm die Mitteilung, die Hyun-Woo bekommen hatte.

„Die Nummer ist natürlich unbekannt“, meinte er und ließ das Handy sinken.

„Kann man die Nummer nicht heraus finden?“, fragte ich.

„Wir dürfen nur mit richterlichem Beschluss, Anrufe oder Mitteilungen nachverfolgen und das geht recht lange“, antwortete Lucas Onkel frustriert.

„Aber dennoch kann man es versuchen“, meinte Grandma.

„Ja…“

Min-Chul trat zur Seite und tätigte einen Anruf.

„So-Woi, was meinte vorhin Jack mit diesem Sicherheitsbeauftragten?“, fragte Grandma nun mich.

„Ach, das ist nur so ein Gedanke Grandma. Du weißt doch, dass einer von Jacks Leuten Lucas nicht erkannt hat und ihn zu Boden gedrückt hatte.“

„Lucas Verletzung an der Wange.“

„Ja. Jack hat ihn gefeuert.“

„Das ist auch recht so.“

„Ich gebe dir recht, Grandma…, mir kam nur der Gedanke, was ist, wenn dieser Gwang-jo sich jetzt an Lucas rächen will?“

„Aber daran ist doch Lucas nicht schuld“, kam es jammernd von Hyun-Woo.

„Hyun-Woo, dass wissen wir auch“, sagte Grandma.

„…aber weißt du, wie dieser Typ tickt?“, fügte ich noch an.

Hyun-Woo schüttelte den Kopf.

„Aber warum haben sie dann Juen mitgenommen?“, fragte Jack, „den hätten sie doch einfach wehrlos machen und zurücklassen können?“

Die Frage war berechtigt. An Juen hatte ich vor lauter Lucas überhaupt nicht mehr gedacht.

*-*-*

Lucas

„JUEN!“, schrie ich.

„Schau, der andere ist auch wach…, warte, dem werde ich schon das Maul stopfen!“, sagte der eine Typ und kam auf mich zu.

Ich bekam es mit der Angst zu tun. Ich versuchte mich zu bewegen, bereute es aber sofort, denn ich kippte nach hinten. Hart schlug ich mit dem Kopf auf den Boden auf. Aber nicht nur das schmerzte, sondern auch, dass der Typ mich an den Haaren hochzog.

Ich schrie laut, was aber gleich unterbunden wurde, denn der Typ band mir einen Knebel um den Mund. Dann stieß er meinen Kopf zurück und schlug mir zum zweiten Mal den Kopf an.

Es trieb mir die Tränen in die Augen.

„Was machen wir jetzt?“, rief der andere.

„Nichts, wir sollen nur nach den beiden schauen.“

„Du willst wieder gehen?“

„Ich habe dir schon auf der Herfahrt gesagt, dass ich Hunger habe…, also komm!“

„ …du hattest recht Sang-Won ist echt ein Trottel!“

„Wieso?“

„Da liegt ein Handy neben dem Jungen.“

„Scheiße! Schau bei dem anderen, ob er auch sein Handy noch hat!“

(*) ca. 100.000 Euro

 

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1 Kommentar

  1. Huhu Pit,

    also es bereitet mir jeden morgen aufs Neue eine Freude, eine weitere Folge zu lesen. Jedesmal sehr spannend. Freu mich schon auf den nächsten Teil und wünsche euch allen einen schönen zweiten Advent.

    LG Andi

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