Adventskalender – Ein anderes Leben – 10. Türchen (16 Teil)

Jack

Natürlich hatten wir sofort Lucas Onkel informiert, aber der verbot uns ausdrücklich dort auf eigene Faust hinzufahren, das wäre viel zu gefährlich. Wir brauchten nicht lange, um zu entscheiden, dass wir selbstverständlich dort hinfuhren und versuchten Lucas zu befreien.

Wie wir das anstellen wollten, darüber hatte sich keiner von uns Gedanken gemacht. Jeder wollte einfach nur Lucas wieder haben, so waren wir unüberlegt in den Wagen gestiegen und losgefahren.

„Jack, bitte übertreib es nicht“, mahnte mich So-Woi und ich ging etwas vom Gas herunter.

„Fehlt uns noch, dass wir von der Polizei wegen zu schnellen Fahren angehalten werden“, sagte Jae-Joong von hinten.

Mein Blick wandert ständig zum Navi, ob ich auch richtig war. Ich hoffte so, dass meine Überlegungen richtig waren. Was machten wir, wenn wir Lucas und Juen dort nicht fanden. Eine falsche Fährte.

Es musste dieser Gwang-jo sein, denn warum würde der Professor Lösegeld verlangen, er hatte wahrscheinlich genug Geld und hätte Lucas bestimmt um die Ecke gebracht. Bei dem Gedanken, lief es mir kalt den Rücken herunter und es schüttelte mich.

Ich spürte So-Wois Hand auf meinem Schenkel, fragend schaute er mich an. Ich lächelte ihn kurz an und sah dann wieder auf die Straße. Seine Hand verschwand wieder. Meine Gedanken wanderten wieder zu diesem Gwang-jo.

Egal in welche Richtung ich dachte, immer wieder kam ich auf ihn. Wenn Gwang-jo eins und eins zusammen zählen konnte, wusste er sicher, dass wir auf der Beerdigungsfeier von Jonghyun waren.

Uns dort aufzulauern war ein Leichtes. Er kannte unsere Wagen, musste also wissen, wo wir hinliefen. Das Lucas vor uns hinaus gegangen war, war reiner Zufall. Leider! Ich verstand Hyun-Woos Gedankenspiel, dass er sich für die Entführung von Lucas schuldig fühlte.

Auch mich beschlich langsam das Gefühl mit schuld zu sein. Bisher dachte ich immer, Juen war bei ihm gewesen, was hätte ich tun sollen? Auch dass ich mich so in Gwang-jo geirrt hatte. Dass ich mich von einem Menschen so hatte täuschen lassen.

Seit ich mit So-Woi zusammen war, hatte ich gelernt, Menschen richtig einzuschätzen und bisher war ich immer recht gut damit gefahren. Bei diesem Gwang-jo hatte ich mich aber ordentlich vertan.

Das Navi gab an, dass ich rechts abbiegen musste an der nächsten Kreuzung. Die Ampel schaltete aber gerade auf gelb und so gab ich wieder Gas. Mit quietschenden Reifen fuhr ich um die Kurve.

„Jack!“, rief So-Woi laut und von hinten spürte ich eine Hand.

Hinter mir saß Hyun-Woo.

„Jack, ich möchte ebenso wie du Lucas so schnell finden wie es geht, aber wenn wir einen Unfall bauen, bringt uns das gar nichts.“

Seine ruhigen Worte brachten mich wieder herunter. Ich atmete tief durch.

„Entschuldigt…“, meinte ich nur und versuchte mich weiterhin auf die Straße zu konzentrieren, ohne aber das Navi aus den Augen zu lassen.

*-*-*

Lucas

Ich dachte, dass mit Back In-Jook wäre der schlimmste Moment in meinem Leben gewesen, als ich in die Mündung seiner Waffe schaute. Dies hier war schlimmer. Wir waren gerade um die Mauer und dachte, sie haben uns nicht gesehen, wurde es laut hinter uns.

„Die versuchen zu türmen“, hörte ich jemanden schreien.

Juen hatte mich am Armgelenk gepackt und zog mich hinter sich her. Woher wusste er, wo es hinging? Oder lief er geradewegs einfach drauf los, ohne zu wissen, wo wir hinmüssen? Nach mehreren Biegungen hatte sich meine Orientierung verabschiedet.

Vor uns kam ein Treppenhaus und ohne groß zu überlegen, zog mich Juen die Treppe hinunter, immer noch die Geräuschkulisse unserer Verfolger im Nacken.

„Juen, weißt du, wo wir hinmüssen?“, fragte ich leise.

„Wie denn, schon vergessen, ich war vielleicht bewusstlos, als wir hier her gebracht wurden!“

Ich wollte stoppen, aber Juen zog mit einer Kraft, die das unmöglich machte. Als wir unten ankamen, stoppte Juen plötzlich und ich rannte voll auf ihn drauf. Er schaute sich um und zeigte dann auf das Licht am Ende der Halle.

Wenn ich mich nicht täuschte, war das mal eine Tiefgarage oder Lager gewesen. Juen setzte sich in Bewegung und ich ruckte nach vorne, weil es heftig war. Natürlich fiel ich hin. Ich verbiss mir einen Aufschrei, aus Angst, die anderen könnten uns hören.

„Sorry Lucas…, ist dir was passiert?“, fragte Juen und half mir auf.

„Es geht…“

„Komm!“, meinte er nur.

Das Knie tat mir weh und ich humpelte ihm hinter her, so schnell es ging. Plötzlich blieb Juen stehen.

„Ich nehme dich huckepack!“, meinte er nur und ging vor mir Stellung.

„Ich bin doch fiel zu schwer…!“

„Lass das mal meine Sorge sein!“, erwiderte er nur und zog mich zu sich.

Mühsam legte ich meine Arme über seine Schulter und er drückte mich nach oben. Er griff nach meinen Beinen und rannte los. War ich ein Leichtgewicht für ihn? Wieder kam die Frage auf, woher er diese Kraft nahm. Das Licht was wir eben gesagt hatten, schien eine Ausfahrt zu sein.

Langsam kamen wir näher und meine Hoffnung stieg wieder, dass wir es wenigstens nach draußen schafften, bevor uns unsere Verfolger einholten. Ich war mir auch nicht sicher, ob sie noch direkt hinter uns waren, so oft, wie Juen abgebogen war, konnte man uns eigentlich nur schwer folgen.

Es wurde immer heller und die Ausfahrt war schon zum Greifen nah, als ich hinter uns Stimmen hörte.

„Dahinten sind sie!“, schrie einer der Verfolger.

„Ganz ruhig, Lucas, wie haben es gleich geschafft!“, kam es von Juen.

Wie sollte ich ruhig bleiben, draußen würde man uns sicher weiter verfolgen, wenn da nicht schon irgendwer auf uns wartete.

*-*-*

Jack

Noch fünfhundert Meter, dann sollte die Firma kommen. Alles was ich aber sah, waren eine Mauer und dichtes Gebüsch. Sehr verwahrlost dachte ich für mich noch und hätte fast die Einfahrt verpasst, wenn So-Woi nicht geschrien hätte.

Hart stieg ich in die Bremse und kam zu stehen. Die Reifen quietschten erneut, als ich das Stück zurück setzte. Ich gab Gas und der Wagen machte einen kleinen Satz Richtung Einfahrt.

„Und wo sollen wir da jetzt suchen, das Gelände scheint riesig!“, kam es von Jae-Joong.

„Haltet einfach Ausschau, ob ihr irgendwo etwas Auffälliges seht, einen Wagen zum Beispiel“, antwortete ich.

Ich war über die Größe des Geländes genauso überrascht, wie die anderen. Auch hatte man keinen richtigen Blick in alle Richtungen. Überall wuchs wildes Gestrüpp und verhinderte die freie Sicht.

„Stopp Jack, ich glaube ich habe dahinten Rücklichter eines Wagens gesehen“, kam es von Hyun-Woo.

Wieder hielt ich an, setzte zurück und fuhr in die Richtung, die Hyun-Woo gezeigt hatte. Und er hatte Recht, da standen bei einer Halle zwei Wagen und wenn ich mich nicht täuschte, gehörte eines der Wagen Gwang-jo, denn es hatte die gleichen Aufkleber, wie sein Wagen.

Ich ließ den Wagen ausrollen.

„Und jetzt?“, fragte Jae-Joong leise.

Darüber hatte ich nicht nach gedacht. Fast gleichzeitig sahen wie weiter hinten an der Halle aus der Versenkung kam.

*-*-*

Lucas

„Juen lass mich runter… bitte“, rief ich, las er an der Auffahrt immer langsamer wurde.

Ich strampelte etwas, und Juen ließ mich endlich los. Das Knie tat nicht mehr so weh und so begann ich gleich selbst zu rennen.

Juen war klar aus der Puste, so zog ich ihn den Rest der Rampe nach oben. Ich kniff mir die Augen zu. Heute war die Wolkendecke aufgerissen und die Sonne suchte sich ihren Weg.

„Lucas“, hörte ich jemand schreien und schaute in die Richtung, aus der ich den Ruf vermutete.

Ich traute meinen Augen nicht. In einiger Entfernung stand ein Wagen und ich konnte Hyun-Woo, Jack, So-Woi und Jae-Joong entdecken. Wie die vier uns finden konnten, war mir ein Rätsel.

„Komm Juen!“, rief ich und zog ihn weiter.

„Ich kann nicht mehr“, jammerte Juen.

Verständlich, nach dem Kraftakt. Ich zog seinen Arm über meiner Schulter und versuchte ihn zu stützen. Die anderen riefen ständig unsere Namen und winkten wie wild mit den Armen. Aber ich hörte noch etwas anderes. Es waren Sirenen. Sirenen der Polizei.

Waren wir wirklich gerettet? Aber nicht nur vor uns, sondern auch hinter uns wurde es laut. Es fiel ein Schuss und ich zog automatisch den Kopf ein. Juen und ich stoppten fast gleichzeitig. Unsere vier Freunde waren ebenso in Deckung gegangen.

„Bist du verrückt? Woher hast du die Waffe?“, hörte ich es schreien.

„Die habe ich bei dem Kleinen gefunden“, sagte ein anderer.

Ich drehte den Kopf und konnte vier Männer ausmachen. Zwei konnte ich erkennen, die waren vorhin da gewesen. Einer der anderen beiden kam mir bekannt vor, bis mir einfiel, war das nicht der Wachmann, der mich vor So-Wois Firma zu Boden gerissen hatte.

Hatte er mich entführt? Warum? Ich verstand gar nichts mehr.

„Komm!“, sagte Juen neben mir.

„Er hat aber eine Waffe!“

Juen schien das überhaupt nicht zu interessieren. Er griff wieder nach meinem Handgelenk und zog mich Richtung unserer Freunde.

„Juen…?“

„Stehenbleiben!“, schrie es hinter uns und es fiel erneut ein Schuss.

Dann ging alles sehr schnell. Juen wirbelte herum, so dass er plötzlich hinter mir war. Dann ruckte er und fiel mit einer Wucht auf mich, dass es mich zu Boden riss. Ich hörte Hyun-Woo meinen Namen schreien und gleichzeitig kamen mehrere Polizeiwagen aus allen möglichen Richtungen.

Juen lag auf mir und ich mit dem Gesicht im Dreck. Ein Polizeiwagen raste dicht an uns vorbei und scherte direkt hinter uns aus, so dass wir vor unseren Verfolgern verdeckt waren, gleichzeitig hörte ich mehrere Schüsse und ich blieb so liegen, aus Angst auch getroffen zu werden.

Mein Gott, Juen war getroffen worden, wurde mir klar. Deshalb lag er auf mir und rührte sich nicht. Noch mehr Wagen rasten an uns vorbei. Meine Hand wanderte zu Juen und rüttelte an ihm.

„Juen…Juen, was ist mir dir?“, schrie ich.

Mühsam versuchte ich mich zu drehen und Juen kullerte von mir herunter.

„Juen, sag doch was!“

Meine Stimme versagte langsam. Ich versuchte Juen zu mir zu ziehen, rüttelte ständig an ihm. Tränen liefen über mein Gesicht.

„Juen… bitte.“

Ich bekam nicht mehr mit, was um mich herum geschah. Nur noch ein Gedanke schwirrte in meinem Kopf herum. Erst hatte Jack sein Leben für mich eingesetzt und war fast draufgegangen.

Das Bild mit dem blutenden Jack kam mir wieder in den Sinn. Und nun Juen. Er hatte sich vor mich gewuchtet und die Kugel abgefangen, die auf mich gerichtet war. Leblos lag er nun in meinen Armen.

Ich tätschelte sein Gesicht, sagte immer wieder seinen Namen, aber er rührte sich nicht. Wie durch Watte hörte ich jemand meinen Namen rufen. Um uns herum standen Polizeiwagen und auch hier hörte ich nur gedämpft Stimmen.

Jemand zog an mir, Hände tauchten vor mir auf, aber ich wollte Juen nicht loslassen. Immer wieder sagte ich seinen Namen und schluchzte laut.

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