Adventskalender – Ein anderes Leben – 14. Türchen (16 Teil)

So-Woi öffnete die Augen und sah mir direkt ins Gesicht. Ich zuckte leicht mit den Schultern, als hätte er gefragt, was er nun machen sollte. Minho war im Augenblick ein Thema für sich. Er hatte einen Freund und Mitstreiter seiner Gruppe verloren, ich hatte das noch nicht vergessen.

Sprechen konnte ich ihn ja nicht mehr, weil mir diese blöde Entführung dazwischen kam. So-Woi streckte seinen Arm aus und Jack kam her und gab ihm das Handy. So-Woi drückte die Lauttaste und legte das Ding auf seinen Bauch.

„Hallo Minho, hier spricht So-Woi.“

Hallo So-Woi…, entschuldige, wenn ich noch anrufe und störe.“

„Du störst nicht! Was hast du denn auf dem Herzen?“

„Könnte ich zu dir kommen? Mir fällt die Decke auf den Kopf! Taemin weint die ganze Zeit, ich ertrage es einfach nicht mehr. Ich weiß gerade keinen Ort, wo es ruhiger wäre, als bei dir.“

So-Wois Blick richteten sich auf mich, ich hob den Kopf und schaute zu meinem Freund. Der zuckte nur mit den Schultern und brummelte etwas, was ich nicht verstand.

„So-Woi“, hörten wir wieder Minhos Stimme.

„Ja, ich bin noch da“, antwortete So-Woi.

„Er soll kommen“, hörte ich die Stimme meines Schatzes.

„Hast du gehört Minho?“

„Seid ihr nicht alleine?“

„Nein, wir sind bei Hyun-Woo und Lucas unten.“

„Da will ich nicht stören! Entschuldige!“

„Minho, hör auf“, sagte ich, „schau dass du her kommst, dann kannst du mit uns Essen.“

„Lucas?“

„Ja! Und sag dem Sicherheitsbeauftragten, dass du zu uns willst, er wird dir den Weg weisen!“

„… okay…, dann bis gleich…bye!“

So-Woi drückte das Gespräch weg und ließ das Handy auf den Tisch vor uns gleiten. Währenddessen schaute ich wieder zu Hyun-Woo.

„Schatz, dir ist das doch recht, oder?“

Er schaute mich lange an und zuckte erneut mit den Schultern, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmete.

„Entschuldige“, meinte ich zu So-Woi und stand auf.

Leider etwas zu schnell, denn sein Kopf plumpste auf die Sitzfläche.

„Eeeh!“

Ich lief zu Hyun-Woo und nahm ihn in den Arm. Der wehrte sich etwas dagegen, ich ließ aber nicht locker.

„Was ist los?“

Er schaute mich nicht an.

„Entschuldige, dass ich nicht so begeistert bin, darüber.“

„Und was hast du dagegen, dass Minho herkommt? Weil wir in deiner Wohnung sind?“

„… in unserer…“

„In unserer… okay!“

Er schaute auf und blickte mir direkt in die Augen. Sie waren leicht glasig und zwinkerten aufgeregt hinter seiner Brille.

„Nein…, das ist es nicht. Lucas…, auch wenn ich dich damit nerve…, du bist immer noch nicht fit und wenn du dich erinnerst, nach der Beerdigungsfeier war dir nicht gut. Auch wenn ich jetzt egoistisch wirke, ich will einfach nicht, dass es dir wieder schlechter geht!“

Ich sagte nichts dazu und gab ihm einfach einen Kuss.

„Sorry, darüber habe ich nicht nachgedacht“, kam es von der Couch.

„Eure Anteilnahme in allen Ehren und ich meines das Ernst, es rührt mich wirklich, wie ihr euch um mich kümmert und für mich da seid. Aber Minho Braucht jetzt jemand! Er hat einen für ihn lieben Menschen verloren und ich kann nur erahnen, was nun in ihm vorgeht. Ich möchte einfach nur als Freund für ihn da sein, an den er sich anlehnen oder sprechen kann.“

Eine einzelne Träne rann mir über die Wange, die Hyun-Woo sanft wegwischte.

„Ich weiß, auch heute war wieder viel. Aber ich muss auch lernen, solche Sachen besser zu verkraften. Ich kann nicht ständig mit dem Gedanken herum laufen, kann ich das machen, oder ist nun gleich mein Limit erreicht. Und wie gesagt, ihr seid für mich da, auch du Juen, das gibt mir Kraft…!“

„Danke…!“, flüsterte Hyun-Woo und gab mir einen kleinen Kuss auf die Wange.

„Mein Kissen fehlt!“, meckerte jemand auf der Couch, „und überhaupt, Lucas… wie kannst du dir erlauben, aufzuhören mich in den Haaren zu kraulen?“

Jack fing an zu kichern. Hyun-Woo schaute mich gespielt empört an und schob mich von sich.

„Was denn?“, spielte ich das Spiel mit.

„Geh zu deinem Spielgefährten und lass uns unsere Arbeit machen!“

Jack und Juen grinsten mich frech an, während es von der Couch her kicherte.

Ich atmete tief durch und schüttelte den Kopf, bevor ich wieder zu So-Woi ging und meinen Platz wieder einnahm. Das Kichern an der Küchentheke, verstärkte sich, hielt aber inne, als ich mich zu den drei Herren drehte, um durch ein Lachen ersetzt zu werden, als ich wieder mich So-Woi widmete.

Es dauerte eine Weile, bis sich der Türgong in Betrieb setzte, denn die Theke war bereits fertig gedeckt. So-Woi wollte sich erheben, aber ich hielt ihn davon ab.

„Bleib liegen! Das Volk kann öffnen“, meinte ich nur und So-Woi fing laut an zu lachen.“

„Jetzt hört euch unseren Prinzen an!“, hörte ich Hyun-Woo sagen und grinste.

Schritte liefen zur Tür.

„Ja?“, hörte ich Jack sagen, Okay, soll hoch kommen, ich erwarte ihn am Fahrstuhl.

Wieder war dieses Gepiepe von der Tür zu hören und Jack verließ die Wohnung. So-Woi wollte sich hoch drücken, aber ich hielt ihn einfach weiterhin fest.

„Lucas, was soll Minho von uns denken? Hör auf!“

Ich musste kichern.

„Was soll er schon denken? Da liegen zwei super gut aussehende Typen auf der Couch und haben sich im Arm!“

„Hört, hört!“, sagte Hyun-Woo und Juen fing wieder an zu kichern.

„Super gut…“, wiederholte So-Woi meine Worte, „aha.“

Ich grinste ihn an, beugte mich vor und küsste ihn auf die Nase. Gespielt empört, drückte er mich angeekelt von sich weg.

„Ihh, er hat mir einen Kuss gegeben“, gab So-Woi in ein paar Tonlagen höher von sich, dass Hyun-Woo und Juen anfingen, laut zu lachen.

„Und ich störe wirklich nicht?“, hörte ich plötzlich Minhos Stimme.

So-Woi setzte sich auf.

„Nein, die Kleinen spielen nur…“, kam es trocken von Jack und schloss hinter sich die Tür.

Fragend schaute uns Minho an, bis Juen sich nicht mehr zurück halten konnte und losprustete. Auch Hyun-Woo drehte sich weg und hielt sich die Hand vor den Mund.

„Der Prinz und der Kleine…“, sagte ich verächtlich, bevor ich aufstand, um Minho zu begrüßen.

„Hallo Minho!“, sagte ich und umarmte ihn einfach, anstatt ihm die Hand zu schütteln.

So-Woi tat es mir gleich.

„Hallo… ich bin Juen…“, sagte unser kleiner Polizist und verneigte ich vor Minho.

„Hallo Minho“, kam es winkend von Hyun-Woo an der Theke.

„Hallo…“, kam es leicht verschüchtert von Minho.

Er fühlte sich anscheinend etwas unwohl.

„Komm, gib mir deine Jacke“, meinte ich, „und mach es dir bequem.

Ich sah seine rote Augen, lächelte ihn aber trotzdem an. Er entledigte sich seinem Schal und der Jacke und reichte sie mir.

„Setz dich“, wiederholte ich meine Aufforderung.

Während ich die Jacke zur Garderobe brachte, übernahm Hyun-Woo den Part des Gastgebers.

„Ich weiß nicht, ob du Appetit hast, aber setzt dich trotzdem zu uns“, hörte ich ihn sagen.

„Etwas könnte ich schon vertagen, ich habe heute noch nicht viel gegessen.“

Ich hängte die Jacke auf und lief zurück. Nichts mehr war von der Frohnatur zu sehen, die mit Minho bisher entgegen brachte. Aber es war auch verständlich. Während die anderen sich setzten, ging ich zu Hyun-Woo.

„Möchte jemand etwas zu trinken?“, fragte ich höflich, auch wenn ich nicht wusste, was wir da hatten.

„Setz dich Lucas“, meinte Hyun-Woo, „ich mach das schon.“

„Oookay…“, meinte ich, „der Prinz gehorcht und setzt sich.“

Während Juen hinter vorgehaltener Hand kicherte, grinsten Jack und So-Woi.

„Prinz…? Habe ich etwas verpasst?“, fragte Minho.

Ich umrundete die Theke und setzte mich zu ihm.

„Ich weiß nicht, was du von meinem Aufenthalt bisher mitbekommen hast?“

„Um ehrlich zu sein, nicht viel… man erzählt sich da so einiges, aber ob das alle wahr ist? Natürlich, das mit Back In-Jook, das weiß ich, dass hast du ja bei der Party kurz erzählt.“

„Ja, unser Lucas hat fast jedes Fettnäpfchen betreten, das er finden konnte!“

Ich lächelte So-Woi für seinen Kommentar schräg an.

„Ist ja auch egal, auf alle Fälle ist mir das alles nicht so gut bekommen. So werde ich hier von diesen Herren gepflegt und hegt, dass ich mich nicht zu sehr anstrenge.“

„Ein Prinzenleben?“, fragte Minho.

„So kann man es im weitesten Sinne nennen.“

„… und wenn der Prinz mit seinen Erklärungen fertig ist, können wir essen, es wird nämlich kalt!“, kam es von Hyun-Woo und begann Reis zu verteilen.

„Wie geht es den anderen?“, wollte So-Woi nun wissen.

„Den Umständen entsprechend…, nur Taemin verkraftet die ganze Sache nicht, wir hatten sogar schon einen Arzt da. Er weint die ganze Zeit.“

„Irgendwie verständlich. So etwas tut weh und die Frage nach dem „Warum?“ bohrt bei jedem.

„Das warum ist für uns klar…, wir dachten nur nicht, das Jonghyun zu so drastischen Mitteln greift“, meinte Minho traurig.

*-*-*

Der restliche Abend verlief eher ruhig. Ab und zu wurde gelacht, aber es gab auch traurig Abschnitte. Zu meiner Verwunderung ging es mir trotzdem ausgesprochen gut, auch wenn mich das ganze traurig stimmte.

Recht spät lag ich im Bett und Hyun-Woo lag in meinem Arm gekuschelt.

„Du kannst nicht schlafen?“, sagte Hyun-Woo leise.

„Ach ich weiß auch nicht, ich bin zwar total müde, aber in meinem Kopf ist einfach noch zu viel los.“

„Nur verständlich! Versuch doch an etwas Angenehmes zu denken, oder was du morgen machen möchtest, vielleicht schläfst du dann ein.“

„An etwas Angenehmes brauche ich nicht zu denken, wenn ich dich im Arm habe!“

Ich zog ihn noch dichter zu mir und gab ihm einen Kuss.

 

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2 Kommentare

    • Gerdsc on 14. Dezember 2018 at 00:12
    • Antworten

    Tolle Folge
    Mal ohne Schrecken

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  1. Nur bisschen verschnaufen:-)

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