Adventskalender – Ein anderes Leben – 23. Türchen (16 Teil)

Da Hyun-Woo mich bei meinen Großeltern absetzten wollte und eigentlich jeder dachte, dass ich dort sicher sei, erbat Juen einen freien Tag. Nach dem gestrigen Abend auf diesem Markt, hatte er sehr viel an seinen Vater denken müssen.

So hatte er sich entschlossen, seine Mutter zu besuchen. Wir hatten nichts dagegen und so war er noch vor uns Das Haus verlassen. Nun saß ich neben Hyun-Woo im Wagen und genoss meine Zweisamkeit mit ihm.

Kein Schatten der mir folgte, oder die ganze Zeit um mich herum war. Daran wollte ich mich gerne gewöhnen. Als wir bei meinen Großeltern ankamen, verabschiedete sich Hyun-Woo, denn er wollte gleich weiter fahren.

„Ich vermiss dich jetzt schon“, meinte ich und ließ seine Hand nicht los.

„Wir sehen uns doch später wieder, wenn wir die Weberei besuchen. Ich ruf dich vorher an, wann wir kommen und dich abholen.“

Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihn ziehen zu lassen. Kurz drückte ich ihm noch einen Kuss auf die Wange, bevor ich den Wagen verließ. Als der Wagen davon zog, winkte ich ihm noch hinter her.

Der Laden war voll, als ich ihn betrat. War auch kein Wunder, so kurz vor Weihnachten, wollte noch jeder seine Sachen holen. Mir taten meine Tanten und mein Onkel leid, weil sie nicht mal Zeit hatten, mich richtig zu begrüßen.

Während Onkel Sung-Ja den Leuten bei der Ware half, kassierte Tante Min-Su. Tante Min-Ri verpackte dann die Sachen. Ein eingespieltes Team dachte ich für mich. Aber zwischen dem Einpacken, verschwand Tante Min-Ri immer wieder und kam dann mit ein oder zwei Tüten voller Sachen zurück.

Da ich im Weg stand, lief ich nach hinten, um Großmutter oder Großvater zu finden. Dabei kam ich an einem Regal voller verpacktem Gemüse oder Obst vorbei. Jedes Päckchen war mit Namen versehen.

So war wohl vieles im Vorfeld bestellt worden und die drei hatten es gerichtet. Wann hatten sie das gemacht? Ich kam in den Raum mit dem großen Tisch und zog meine Jacke aus. Ich drehte mich gerade wieder Richtung Laden, als ich hinter mir meinen Namen hörte. Ich schaute zurück und sah Großmutter.

„Hallo Großmutter“, rief ich freudig und umarmte sie.

„Hallo Lucas, schön dass du da bist.“

„Großmutter, meinst du, ich kann nicht etwas vorne im Laden helfen…, es ist so voll.“

„Du kennst dich doch gar nicht aus, wie willst du denn da helfen?“

„Obst oder Gemüse werde ich ja noch einpacken können, oder?“

Großmutter lächelte mich an.

„Bevor du gehst, habe ich noch etwas für dich“, meinte sie.

Großmutter lief an eine Kommode und zog die oberste Schublade auf.

„Hier, damit du dich nicht dreckig machst!“, sagte sie und reichte mir etwas Grünes aus Stoff.

Ich faltete es auseinander und stellte fest, dass es sich um eine Schürze handelte. In Brusthöhe zierte der Name des Ladens.

„Park Sung-Min Gemüse und Obsthandel“, stand darauf.

Voller Stolz, zog ich das Teil an und merkte gleich, dass es doch recht knapp war.

„Du bist eben etwas größer als die anderen“, meinte Großmutter grinsend.

„Hauptsache es dient seinem Zweck“, entgegnete ich.

Großmutter half mir, den Bändel hinten zu einem Schlupf zusammen zu binden.

„Dann mal los du Aushilfeverkäufer und ging mit mir nach vorne.

*-*-*

Es waren bereits zwei Stunden vergangen, bevor der Laden das erste Mal richtig leer war. Mein Verpackservice war dankend von den Geschwistern meiner Mutter angenommen worden und ich war froh, dass ich helfen konnte.

Großvater war in den Laden gekommen und schaute ganz erstaunt, als er mich dort sah. Er ging dann zu Onkel Sung-Ja und half ihm so gut er eben konnte, für sein Alter. Immer wieder schaute er zu mir und lächelte.

Auch blieb mir nicht verborgen, dass da hin und wieder einige Damen zusammen standen und tuschelten, während sie immer wieder zu mir schauten. Dies schien auch Tante Min-Ri aufgefallen zu sein.

„Wir haben eben selten einen so gutaussehenden jungen Mann als Hilfe hier“, flüsterte sie mir grinsend zu.

„Ich sehe doch ganz normal aus“, flüsterte ich zurück.

„Ich sag nur grünen Augen.“

Auch das noch! Mein weiblicher Fanclub schien stetig zu wachsen. Nun war aber der Laden das erste Mal leer. Mein Onkel fing gleich an Waren aufzufüllen, während Großmutter mit Tee in den Laden kam.

„Oh, das kann ich jetzt gut gebrauchen“, meinte Tante Min-Su, „meine Stimme ist schon fast heiser, vom vielen reden.“

Großvater kam zu uns gelaufen.

„Und, wie macht sich mein Enkel?“, fragte Tante Min-Ri.

„Hervorragend! Scheint sich herum zusprechen, dass Lucas heute im Laden steht, da sind plötzlich Kundinnen, die ich hier noch nie gesehen habe.“

„Jetzt übertreibst du aber“, meinte ich verlegen.

Großvater lächelte nur stolz und klopfte mir auf die Schulter.

*-*-*

Nach einem viel zu ausgiebigen Mittagessen, stand ich später wieder mit Tante Min-Ri im Laden. Die Tür ging auf und mein Cousin Tae-Young kam in Sicht.

„Nanu ein neues Gesicht im Laden?“, fragte er grinsend.

„Ja, unsere neue Aushilfe“, sagte Onkel Sung-Ja.

„Macht er das auch richtig?“, versuchte mich nun Tae-Young aufzuziehen.

„Er macht das besser als du!“, bremste ihn seiner Mutter aus, „hinten steht dein Essen, wenn du fertig bist, kannst du deinem Vater helfen.“

„Aber Mama ich will…“

Sie hob ihre Hand und zeigte mit ihrem Zeigefinger auf ihn.

„Ich will, gibt es nicht, schon gar nicht einen Tag vor Heiligabend!“

Ich musste mir das Lachen verbeisen. Gab es ein Handbuch für Eltern übersetzt in allen Sprachen? Die Sprüche waren überall gleich. Ohne Widerworte verschwand Tae-Young in den hinteren Bereich.

„Bleibst du bis zum Abendessen?“, wollte Tante Min-Ri wissen.

Ich schüttelte den Kopf, während ich gerade zwei Stangen Lauch einpackte.

„Nein, ich habe noch etwas vor.“

„Wann kommen deine Eltern an?“

„Wenn ich Hyun-Woo richtig verstanden habe, kommt der Flieger so kurz nach zehn Uhr an.“

„Dann fahrt ihr sicher gleich ins Hotel und kommt nicht mehr vorbei.“

Etwas Trauriges klang aus ihrer Stimme, sie vermisste ihre Schwester wohl sehr.

„Das kann ich dir nicht mal sagen. Nach diesem langen Flug, bin ich mir nicht sicher, ob sie sich gleich ausruhen wollen, oder noch etwas unternehmen möchten.“

„Wir lassen uns einfach überraschen!“

Der Mittag zog sich etwas dahin, war aber keineswegs langweilig. Tae-Young und Hong-Sik standen nun beide im Laden und halfen mit. So hatte ich Zeit mir beide etwas genauer zu betrachten.

Während Tae-Young mit seinem grad geschnittenen Pony  und der schwarzen Brille, eher wie ein Schüler wirkte, sah Hong-Sik mit seiner Fönfrisur interessanter aus. Er stand an der Ladentür und öffnete den kommenden und gehenden Kunden die Tür und wünschte ein schönes Weihnachtsfest. Während Hong-Sik im T-Shirt muskulöser aussah, war es doch der dünn wirkende Tae-Young im Hemd, der die schweren Kisten herum trug. Er ließ es sich auch nicht anmerken, wie schwer die Kisten waren.

Erst als er einen fünfundzwanzig Kilo Sack Kartoffeln hereintrug, verzog er das Gesicht. Aber was machte ich hier. Jetzt hielt ich  schon Fleischbeschau bei meinen eigenen Cousins? Als letztes kam dann Un-Sook nach Hause. Ich musste lachen, als sie einen Knicks machte, während Hong-Sik ihr die Tür offen hielt. Aber nach ihr trat noch jemand ein.

„Juen?“, fragte ich überrascht.

„Du kennst ihn, ich dachte er käme mit Un-Sook… ein Studienkollege oder so“, sagte Hong-Sik.

„Nein, er alles andere als ein Student. Juen ist der neue Kollege deines Onkel Mim-Chul.“

Hong-Sik sah mich erstaunt an. Juen grinste breit und reichte Hong-Sik die Hand.

„Hallo ich bin Jo Juen, der Kollege deines Onkels.“

„Gibt es schon so junge Polizisten?“, fragte Hong-Sik verwundert.

„Ich bin vierundzwanzig“, meinte Juen.

Ich konnte nicht anders, als zu kichern. Die Gesichter meiner drei Cousins waren zum Schießen. Nacheinander vielen die Kinnladen nach unten. Es stimmte schon Juen war klein, schmal und hatte das Gesicht eines Schuljungen.

„Außerdem ist er ausgebildet an der Schusswaffe und kann einige Kampfsportarten sein eigen nennen“, setzte ich noch eins drauf.

Hong-Sik bekam kein Wort mehr heraus. Verblüfft zeigte er auf Juen und schüttelte den Kopf. So lustig das alles war, brannte mir eine Frage auf der Zunge.

„Warum bist du hier? Du hast doch deinen freien Tag“, wollte ich wissen.

„Naja…, es lief nicht so toll mit meiner Mutter. Mein Vater erklärte mir, dass sie eine Art von Alzheimer hat und Dinge, die erst geschehen sind, schnell wieder vergisst. Der Arzt meinte sie wissen nicht, vergisst sie es wirklich, oder verdrängt sie es.“

Ich legte meine Hand auf seine Schulter.

„Das tut mir leid Juen.“

„Danke, aber ich kenne es ja nicht anders…, naja vielleicht, dass sie mich öfter mit dem Namen meines Bruders angesprochen hat und nicht mit meinem…“

Ich schnappte mir Juen und zog ihn in den hinteren Teil des Hauses.

„Das tut mir wirklich so leid für dich Juen.“

Er wischte sich die Tränen aus den Augen.

„Muss es nicht Lucas. So gesehen… bin ich jetzt frei…, sie wird natürlich immer meiner Mutter bleiben…, auch wenn sie nicht mehr weiß wer ich bin.“

*-*-*

Hyun-Woo war genauso erstaunt, Juen bei mit zu sehen, als er mich abholen wollte. Großmutter dankte sich noch mal im Namen aller, dass ich so fleißig mitgeholfen hatte. Ich meinte nur, dass wir das jederzeit wiederholen können.

Man sprach noch kurz über die Ankunft meiner Eltern und meiner Schwester, wie es die nächsten Tage ablaufen würde, danach hatte ich mich von allen verabschiedet, traurig darüber, dass mir jetzt sicher ein tolles Abendessen entging.

So saß ich nun mit Juen bei Hyun-Woo im Wagen und fuhren zu So-Woi. Wir wollten nur mit einem Wagen zu dieser Weberei fahren. Zu meiner Überraschung standen er und Jack unten vor dem Haus und warteten auf uns.

Wie eine Weberei funktionierte, wusste ich im Prinzip vom Fernsehn schauen, aber es real mit den eigenen Augen zu sehen, war dann doch noch einmal etwas anderes. Der Geschäftsführer veranstaltete extra wegen uns eine Führung.

Mir imponierten die großen Spulen mit den verschiedenen Fäden. Es gab sogar manuelle Webstühle, an denen ganz besondere Stoffe hergestellt wurden. Wenn man sah, wie viel Arbeit darin steckte, verstand man, warum der Preis so teuer war.

Das Stofflager war noch einmal ein Hingucker für sich. Ich hatte in meinem Leben noch nie so viel Stoff auf einem Haufen gesehen, besonders nicht in dieser großen Farbauswahl.

„Der Stoff gefällt mir gut, der glänzt so schön“, meinte ich.

„Darin sind Silberfäden mit einwebt“, erklärte So-Woi.

„Lucas, wir wollen noch deine Eltern abholen…“

„Ja ich weiß, wir sind nur mit einem Wagen da.“

„Wir können auch ein Taxi nehmen“, meinte So-Woi.

„So viel Zeit wird ja noch sein, euch zu Hause ab zusetzten, bevor wir an den Flughafen fahren.“

„Wartet, ich hole schon mal den Wagen“, meinte Hyun-Woo.

„Ich geh mit“, kam es von Jack.

„Bleib hier, es reicht, wenn einer nass wird.“

Jack nickte lächelnd und Hyun-Woo verließ uns. Ich schaute So-Woi weiter zu, wie er noch ein paar Stoffe begutachtete, als es plötzlich einen lauten Knall gab und alles wackelte. Ich war schon irgendwie automatisch in Deckung gegangen.

„Was war das?“, fragte So-Woi.

„Das kam von draußen, da muss etwas explodiert sein“, mutmaßte Jack.

„Schauen wir nach!“, rief Juen und rannte los.

Wir drei folgten ihm und blieben, als wir draußen ankamen, wie angewurzelt stehen. Von unserem Auto war nicht mehr viel übrig, es brannte und lag auf dem Dach. Aber etwas anderes, Schlimmeres, kam mir in den Sinn.

„Hyun-Woo…?“, schrie ich.

*-*-*

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1 Kommentar

  1. Hallo Pit,

    Dein Adventskalender ist dir wieder super gelungen, Spannung, Romantik, eben von allen etwas. Bin sehr aufs Finale gespannt.
    Wünsche dir lieber Pit und allen anderen Autoren und Lesern einen schönen vierten Advent.

    VlG Andi

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