Ein anderes Leben – Teil 18

Hallo ihr Lieben, tut mir leid, dass der neue Teil erst jetzt online geht, aber durch einen sehr dummen Fehler ging mir Teil 18 verloren und ich musste ihn noch mal ganz neu schreiben. Nun weiterhin viel Spaß mit Lucas und seinen Freunden!

*-*-*

Neues Jahr, neues Glück? Fast ein halbes Jahr war ich nun hier und es war so viel geschehen. Gegen vier Uhr morgens. kehrten wir in die Wohnung zurück. Mit den Eltern hatten wir aus gemacht, dass die Kids bei uns schliefen, dann wäre es nicht so spät werden dürfen.

Ich musste grinsen – Kids – meine Cousins waren in meinem Alter, aber trotzdem nannte ich sie Kids. Müde strich ich mir über das Gesicht. Die vier waren voll aufgedreht und fast nicht mehr zu bändigen gewesen.

Nur durch gutes Zureden und die Ruhe von Hyun-Woo, war endlich Stille eingekehrt. Mein Schatz schloss gerade die Tür der Jungs.

„Sie sind endlich eingeschlafen.“

„War auch ein langer Tag… und Nacht!“, meinte ich lächelnd.

„Worauf wartest du, willst du nicht ins Bett?“

„Eigentlich nur auf dich.“

Hinter vorgehaltener Hand gähnte Hyun-Woo und kam zu mir.

„Dann lass uns auch ins Bett gehen, oder willst du noch etwas…, ein Glas Wasser…Tee?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, lass mal, du bist auch müde.“

„Es macht mir nichts aus, dir noch etwas zu machen.“

Ich zog ihn zu mir her und umarmte ihn.

„Das weiß ich, Hyun-Woo, aber du brauchst deinen Schlaf, genauso wie ich. Zudem möchte ich jetzt nur noch eins, mit meinem Schatz im Arm einschlafen!“

*-*-*

Die Theke der Küche war zum ersten Mal richtig voll. Natürlich ließ es sich Hyun-Woo nicht nehmen, den perfekten Gastgeber zu spielen. Mit den Vorräten von Mutter Hae-Soon war das auch kein Problem.

So gesehen war es eine Win-Win Situation. Unsere Gäste bekamen ein tolles Frühstück und unser Kühlschrank leerte sich etwas.

„Ich bin froh, dass wir den Laden heute geschlossen halten“, meinte So-Woi und schob sich einen Löffel Reis in den Mund.

„Wieso? Zuviel getrunken? Hast du einen Kater?“, wollte ich grinsend wissen.

Jack ebenso grinsend, er hatte wohl auch mitbekommen, wie viel So-Woi gestern getrunken hatte.

„Nein, das ist es nicht! Ich hatte aber so viele Gespräche heute Nacht über meine Entwürfe und das Label, dass ich über jede Pause froh bin.“

„Es sind aber auch super coole Klamotten“, kam es von Hong-Sik.

So-Woi lächelt ihn an und hob seinen Daumen nach oben.

„Wir werden die nächsten Tage genug Arbeit bekommen“, meldete sich nun Hyun-Woo zu Wort, der neben mir saß, „so ein Tag Pause ist wirklich willkommen!“

„Ist für heute dann nichts mehr geplant?“, wollte meine Schwester wissen.

„Jack und Hyun-Woo werden euch nachher nach Hause verfrachten, was ihr dann noch macht, ist eure Sache“, antwortete So-Woi und gähnte müde.

„Wieso die beiden?“

„Weil ihr zu viele seid, um in einen Wagen zu passen. Ich gehe doch richtig in der Annahme, dass du Juen und Jae-Joong auch mitfahren?“

Die beiden nickten.

„Ich könnte den Van nehmen, da passen alle hinein“, meinte Jack, „und Hyun-Woo kann hier bleiben.“

Das war mir gar nicht recht, ich wollte meinen Freund schon dabei haben.

„Das ist gut, dann habe ich genug Zeit um hier wieder sauber zu machen“, meinte Hyun-Woo.

„Wenn wir alle zusammen abräumen, kannst du auch mitfahren“, meinte ich zu allen.

„Ich will dich bei mir haben!“, flüsterte ich ihm zu.

*-*-*

So-Woi hatte es vorgezogen, sich wieder in seine Wohnung zu verziehen. Ich saß nun mit Hyun-Woo vorne bei Jack, während die anderen sich mit Juen und Jae-Joong den Platz hinten teilten.

Jae-Joong war einfach zu faul, um noch nach Hause zu fahren und hatte bei Juen geschlafen. Juen setzten wir mitten in der Stadt ab, da er gestern mit seinem Bruder ausgemacht hatte, ihn heute zu Hause zu besuchen.

Nach dem Jahreswechsel hatte er nicht nur seine Schwägerin kennen gelernt, sondern hatte ein Bild seines einjährigen Neffen unter die Nase gehalten bekommen. Das war natürlich ein weiterer Grund zum Feiern.

Bei den Großeltern angekommen, verließen nach und nach alle müde den Wagen. Jae-Joong verabschiedete sich und trottete langsam Richtung nach Hause. Drinnen wurden wir natürlich überschwänglich begrüßt und jeder musste erzählen, was sie heute Nacht erlebt hatten.

Ich saß bei meinen Eltern und amüsierte mich ebenso über die Erzählungen, wie die anderen.

„Damit hast du ihnen eine tolle Erinnerung geschaffen“, sagte Papa mir leise ins Ohr.

„Es muss ja nicht immer Negatives passieren“, meinte ich und er nickte, „ du hast dich mit Young-Sung getroffen, hast du gesagt.“

„Ja, wir haben über seine Zukunft geredet und es ist besser gelaufen, als ich dachte.“

„Wieso?“

„Es ging natürlich um das liebe Geld. Ich wollte eigentlich, dass der gesamte Gewinn der Praxis ihm zufällt, damit war er aber nicht einverstanden.“

„Und was ist daran gut?“

„Ich hatte damit schon vorher gerechnet und war froh, dass wir uns auf einen 75/25 Deal einigen konnten. Mit dem Gewinn von fünfundzwanzig Prozent sind die Kosten für das Haus abgedeckt und für mich entstehen keine weiteren Kosten.“

Ich nickte ihm zu.

„Er hat die Möglichkeit, mit dem Geld die Schulden bei seinen Eltern abzutragen.“

„Ist das viel?“

„Schon einiges, wie ich erfahren habe. Es wundert mich nicht, dass er sich bei ihnen nicht mehr blicken lassen wollte. So ist jeden geholfen. Dein Onkel hat eine Wohnung. Wir müssen nicht mehr ins Hotel, wenn wir auf Besuch sind und ich habe dann wieder ein Lager für meine Heilkräuter.“

„Du hast gar nicht gefragt, ob ich damit einverstanden bin“, meinte ich lächelnd.

„Wieso dich fragen?“

„Schließlich gehört das Haus mir! Habe ich da nicht ein Recht mitzureden?“

Ich fing an laut zu lachen, dass Gesicht meines Vaters war köstlich. Natürlich zog es die Aufmerksamkeit der anderen auf uns und Papa musste noch einmal erzählen, über was wir gerade gesprochen hatten.

*-*-*

Onkel Sung-Ja hatte sich bereit erklärt, Mia und meine Eltern ins Hotel zu bringen. Mein Schatz und ich hatten uns entschieden, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, weil ich unbedingt mit ihm noch an Han-River sparzieren gehen wollte.

Es war zwar kalt, aber die Sonne schien. So waren wir nicht alleine unterwegs. Viele hatten wohl den Plan an diesem ersten Tag des Jahres, am Han-River zu verweilen. Mich störten die Blicke der anderen nicht, weil ich mit Hyun-Woo Hand in Hand lief.

„Was ist das für eine Insel da drüben?“, wollte ich wissen und zeigte auf das kleine Stück Land, dass mit einer interessanten Brückenkonstruktion mit dem Ufer verbunden war.

„Das ist der Seonyudo Park. Da werden Pflanzen gezüchtet, man kann gut essen gehen, oder einfach nur die Natur genießen.“

„Da ist ganz schön voll.“

„Na ja, jetzt im Winter find ich es dort nicht so interessant. Wir sollten im Frühling oder Sommer mal dort vorbei schauen, wenn du möchtest.“

Ich beobachtete ihn von der Seite lächelnd, wie er hinüber zur Insel schaute. Es war ein komisches Gefühl dies zu hören… Frühling – Sommer … Als wäre es das Normalste von der Welt, das ich hier mit ihm, als sein Freund unterwegs war und wir gemeinsam Dinge unternahmen.

Ich dachte an den Anfang zurück, wo ein schüchterner Hyun-Woo vor mir stand, aufgeregt mit seinen Augen hinter der Brille zwinkerte und nicht verstand, warum ich mich gegen seine Freundlichkeit so wehrte.

Und jetzt, liebte ich diesen Kerl über alles. Er war mir so vertraut und es tat so unheimlich gut, ihn immer um mich herum zu haben. Ich zog ihn etwas näher an mich heran, so dass sich unsere Schultern berührten. Er drehte seinen Kopf zu mir.

„Hm…?“

„Nichts…!“, lächelte ich, „ich bin einfach nur glücklich.“

„Das sieht man. Nicht nur dein Mund lächelt, sondern dein ganzes Gesicht strahlt.“

„Wundert dich das?“

Hyun-Woo schüttelte den Kopf. Ich drehte meinen Kopf wieder nach vorne und schaute, über den Köpfen der anderen Spaziergänger, den Han-River entlang. Meine Hand drückte, die seine inne hatte, etwas fester zu und mit dem Daumen strich ich sanft über seinen Handrücken.

„Ich weiß“, fing plötzlich Hyun-Woo an, „dass du nicht gerne darüber redest, aber vielleicht kann ich dir etwas helfen, deine Sichtweise zu ändern.“

„Ändern? In was für einen Zusammenhang?“, fragte ich verwundert.

„Du hast oft gesagt, wärst du nicht hier, dann wären all diese Dinge nicht geschehen.“

Ich nickte, weil ich gerade nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Klar kam dieser Gedanke, immer wieder ans Tageslicht.

„Aber sie es mal von dieser Seite. Wenn du nicht hier wärst, hätte sich für viele nichts geändert und es würde bei manchen vieles im Argen liegen.“

„Es sind Menschen gestorben…“, wand ich nun traurig ein.

„Ja, sind es, Lucas. Aber nimm zum Beispiel mich. Ich hatte einen Traumjob, für mich jedenfalls. Nie hätte ich davon zu träumen gewagt, einmal so eine Stellung, wie ich sie jetzt inne zu haben. Mein Leben wäre als Assistent so weiter gelaufen.“

Da hatte er recht.

„Juen hätte nie erfahren, dass er nun Onkel ist, würde wahrscheinlich immer noch im Haus seiner Eltern leben. So-Woi wäre nie soweit gekommen, gäbe es dich nicht. Er ist mit seinem Jack glücklich und braucht dieses Glück, nie mehr in seinen vier Wänden zu verstecken.“

Mittlerweile waren wir stehen geblieben.

„Von deinem Onkel und deiner Familie brauche ich gar nicht erst zu reden. Alle sind glücklich, dass alles bereinigt wurde, was in der Vergangenheit falsch gemacht wurde. Ich weiß, dass Menschen gestorben sind, oder verletzt wurden, aber daran trägst du keine Schuld.“

Es lief mir kalt den Rücken hinunter. Hyun-Woo wusste immer genau, was in mir vorging. Klar war ich glücklich, dass ich jetzt mit ihm hier so unbezwungen laufen konnte. Aber der Schatten der letzten vier Monate, lag immer noch über mir.

„Die Dinge sind passiert, weil sie passieren mussten, nenne es Schicksal, oder Vorsehung, es ist einfach passiert und daran hättest du nichts geändert. Ich weiß auch, dass ich einen großen Schutzengel habe und bin glücklich, dass mit nicht mehr passiert ist.“

Hyun-Woo zog mich weiter, in seinen Seitenweg, auf dem nicht so viele Menschen unterwegs waren. Vereinzelt standen dort Bänke, umrahmt von immergrünen Büschen. Ich atmete tief durch und schaute Richtung Himmel, weil ich spürte, wie erste Tränen versuchten, meine Augen zu verlassen.

„Du sagst, du bist glücklich, Lucas, dann musst du aber auch schauen, das es so bleibt. Was dich die letzen Wochen… Monate bedrückt hat… du musst versuchen, damit abzuschließen. Es bringt nichts, dir immer wieder darüber Gedanken zu machen. Denn sonst hält dieses Glück nicht langen an.“

Ich blickte ihm in die Augen und die Tränen drangen ungehindert hervor.

„Du hast bisher nicht ein Wort über meinen…, sagen wir mal, Unfall verloren.“

„Ich… ich bin einfach nur glücklich, dich wieder zu haben…“, versuchte ich mich herauszureden.

„Aber da drin“, er tippte mit seinem Finger auf meinem Herz, „ist immer noch Wirrwarr und tut weh. Kein Wunder, dass dein Körper schlapp macht, wenn du immer alles in dich hinein frisst und nicht darüber redest.“

Ich wusste ja, dass er Recht hatte, aber ich konnte das nicht so leicht ändern.

„Sich zu lieben, heißt nicht nur das Glück zu teilen, Lucas. Es bezieht auch den Schmerz und die Ängste mit ein. Ich möchte nicht nur die glücklichen Momente mit dir teilen, sondern auch, wenn es dir nicht gut geht, dass verstehe ich unter einer innigen Freundschaft, alles zu teilen, was anfällt.“

Ich schaute ihn mit großen Augen an. Eine schönere Liebeserklärung hätte er mir gar nicht machen können. Wie immer dachte ich nicht groß nach und nahm ihn einfach in meinen Arm, drückte ihn fest an mich.

„Ich will einfach nur, dass es dir wirklich gut geht, Lucas“, kam es nun fast flüsternd von Hyun-Woo.

*-*-*

Den Rest des Mittags, lag ich auf der großen Couch, meinen Kopf auf Hyun-Woos Schoss gebetet. Er hatte irgendeine Mappe in der Hand, lass darin und kraulte nebenbei in meinen Haaren. Nach dem Gespräch am Han-River hatten wir nicht mehr viel geredet. Die Wörter „alles teilen“ hallten in mir die ganze Zeit nach.

„Hyun-Woo?“

„Hm…?“

„Was hältst du davon, wenn ich hier in Seoul studiere?“

„Was…?

Ich richtete mich auf, so dass ich ihn besser in die Augen schauen konnte.

„Wie gefällt dir die Idee, wenn ich hier in Seoul Landschaftsarchitektur studieren würde?“

„Landschaftsarchitektur…? Wie kommst du jetzt darauf, …hast du dir das jetzt ausgedacht?

Ich konnte nicht anders, grinste ihn an und schüttelte den Kopf.

„Nein, nach Weihnachten hatte ich ja genügend Zeit und habe etwas im Internet gestöbert, wegen Führerschein und so.“

„Führerschein?“

Hyun-Woos Gesicht war so komisch, dass ich kichern musste. War wahrscheinlich etwas viel Input auf einmal. Er legte seine Mappe ab. Ich griff nach seiner Hand.

„Hyun-Woo, fast jeder hat mich schon gefragt, was ich in der Zukunft vorhabe. Ich habe mich einfach etwas schlau machen wollen. Schau nicht so verwundert. Mit euch zu fahren, oder den Fahrdienst zu nutzen, ist zwar schön, aber ich dachte, es wäre praktisch, wenn ich ebenso einen Führerschein besäße, oder nicht?“

Hyun-Woos Kopf schien auf Hochtouren zu arbeiten. Das merkte man daran, dass er nicht recht wusste, ob er jetzt den Kopf schütteln, oder nicken sollte.

„Das mit der Uni, das war ein zufällig. Ich habe nur gelesen, dass man als Ausländer dort studieren kann, unter anderem auch Landschaftsarchitektur. Aber ich weiß ja nicht mal, ob ich die Voraussetzungen habe, dort angenommen zu werden.“

Hyun-Woo grinste plötzlich.

„Da ist wieder der alte Lucas, gleich wieder negativ denken!“

„Hä…?“

„Lucas, du sprichst fließend koreanisch, hast hier sogar Verwandte in Seoul…“

„Aber du weißt selbst, mit dem Lesen und Schreiben habe ich so meine Probleme.“

„Probleme sind da, um sie aus der Welt zu schaffen. Lucas, es gibt Kurse, die du deswegen belegen kannst.“

„Dir würde das also gefallen?“

„Gefallen schon…“

„Aber…?“

„Hast du dir das auch genau überlegt? Die Kosten sind nicht das Problem…“

„Halt… halt, wegen der Kosten brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Meine Eltern werden sicher ihren Anteil besteuern und ich gedenke auch, einen Job anzunehmen.“

„Einen Job? Lucas, du weißt du bist gesundheitlich angeschlagen, wie willst du das bewerkstelligen? Ich weiß aus meiner Studienzeit noch, wie viele, wie ich, einen Nebenjob hatten, um das Studium zu finanzieren. Wie oft musste ich erleben, dass Studienkollegen während der Vorlesung einschliefen. Ich selbst hatte auch immer zu kämpfen. Wie willst du das dann schaffen?“

„Darüber habe ich auch schon nach gedacht und es ist mir auch etwas eingefallen. So gesehen habe ich ja schon einen Job, aber ich werde nicht dafür bezahlt.“

„Hä…?“

„Modeln…?!“

Wieder fing Hyun-Woo an zu grinsen.

„Du hast dir da schon mehr Gedanken darüber gemacht, als du hier angibst. Wie denken deine Eltern darüber?“

„Die wissen noch nichts davon, aber Mama meinte, sie hätte nichts dagegen, wenn ich hier in Korea studieren wollte.“

Hyun-Woo atmete tief durch.

„Warum frägst du nicht erst deine Eltern, bevor du meine Meinung wissen willst?“

„Wie kann ich… Hyun-Woo, du bist mein Freund, wir leben zusammen? Muss ich dann nicht erst dich fragen, ob dir das überhaupt Recht ist, es ist schließlich unsere gemeinsame Zukunft!“

Hyun-Woo lächelte gerührt.

„Okay…, die Idee finde ich gut, auch wenn ich nicht weiß, warum du Landschaftsarchitektur studieren willst.“

„Ich denke, ich bin da einfach vorbelastet. So lange ich mich erinnern kann, von klein auf, hat jeder der Erwachsenen versucht, mich der Natur näher zu bringen. Es sind die Kleinigkeiten, die mich darauf brachten. Die Pflanzen für die Wohnung zu kaufen, das nackte Grundstück um eure Firma…, Großvaters Garten. Und in den Gesprächen mit Großvater habe ich bemerkt, dass von dem vermittelten Wissen, doch anscheinend einiges hängengeblieben ist.“

„Ich merke schon, du sprühst mal wieder vor lauter Energie…, aber ich habe eine Bedingung?“

Hoppla! Verwundert schaute ich ihn an.

„Deine Eltern müssen einverstanden sein!“

„Das dürfte das kleinste Problem sein.“

„Ich würde das gerne von ihnen selbst hören.“

„Du machst gerne Nägeln mit Köpfen!

„Das habe ich von dir gelernt. Ruf doch gleich im Hotel an, ob sie Zeit hätten.“

„… okay.“

Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und wählte Papas Nummer an. Es dauerte nicht lange, bis er sich meldete.

„Hallo Lucas, alles in Ordnung?“

„Hallo Papa, ja, es ist alles in Ordnung. Ich wollte nur fragen, ob ihr jetzt Zeit hättet?“

Ich hörte kurz, wie er anscheinend mit meiner Mutter sprach.

„Ja und wenn ihr wollt, können wir später noch gemeinsam essen gehen.“

Ich wusste zwar, dass wir immer noch reichliche Vorräte im Kühlschrank hatten, aber ein gemeinsames Abendessen mit meinen Eltern war immer gut.

„Kein Problem. Wir werden uns noch umziehen und uns dann auf den Weg machen.“

*-*-*

In der Tiefgarage lief Hyun-Woo zu einem schwarzen SUV. Ich hatte bisher noch nicht gefragt, was jetzt werden würde, wo sein Auto doch in die Luft geflogen war. Ich beobachtete ihn, wie er auf seinen Schlüssel drückte und schon blinkte der Wagen.

Ich konnte mich nicht erinnern, dass Hyun-Woo einen Schlüssel abgeholt hatte, auch nicht an dieses schwarze Fahrzeug. Die meisten Fahrzeuge der Firma waren weiß. Wie immer öffnete mir Hyun-Woo die Tür, ließ mich einsteigen, bevor er sie wieder schloss.

Er selbst saß wenig später neben mir und startete den Wagen. Langsam zog das Fahrzeug an und rollte zur Auffahrt.

„Was…, was wird jetzt eigentlich aus deinem Wagen…?“

„Der ist nur noch Schrott, oder was nach dem Brand davon noch übrig ist“, antwortete mein Schatz und zog mit dem Auto auf die Straße.

„Ich bin froh, dass So-Woi mir so schnell einen Ersatz besorgt hat, seit ich einen eigenen Wagen hatte, greife ich ungern auf den Firmenfuhrpark zurück.“

„Das Auto ist … deins?“

„Ja…, zwar gebraucht, aber das ist mir egal.“

„Wie hat So-Woi so schnell…, halt ich ziehe die Frage zurück…, bei den Beziehungen.“

„Ich hoffe, dich stört es nicht…, also ich meine, Geld spielt jetzt zwar kein Rolle mehr…, aber ich möchte nicht, dass du den Eindruck bekommst, ich schmeiße jetzt mit dem Geld so um mich.“

„Bisher kam ich nicht auf den Gedanken…, aber es ist trotzdem sehr gewöhnungsbedürftig.“

Geld war auch zu Hause nie ein Thema. Wurde etwas dringend benötigt, wurde es angeschafft.  Stand eine besondere Anschaffung an, wurde lange über das für und wider gesprochen.

„Danke. Die Annehmlichkeiten, die mein neuer Job mit sich bringen, sind toll. Aber ich vergesse auch nicht, wie ich vorher gelebt habe. Die Wohnung und der Wagen kosten mich nichts und wie du schon gemerkt hast, ist für das Essen auch immer gesorgt.“

Ich erwiderte nichts darauf und hörte ihm einfach zu.

„Das Geld, das ich nun verdiene, wäre für mich alleine viel zu viel, Lucas. Es ist auch nicht wichtig für mich. Wie gesagt, habe ich meinen Status nicht vergessen. Deswegen macht es mir auch nichts aus, dir auszuhelfen, wenn ich darf.“

Auch darauf sagte ich nichts und lächelte ihn einfach nur an. Es war sinnlos, sich dagegen wehren zu wollen. Diese Hilfsbereitschaft war einfach zu tief in ihm verwurzelt. Ich schaute nach draußen und stellte fest, dass viele Läden, trotz diesem ersten Tag des Jahres geöffnet hatten.

Das Treiben auf den Gehsteigen und der Straße war enorm. So war ich froh, als wir endlich das Hotel erreichten. Wie immer kam ein Hotelboy gesprungen, dem Hyun-Woo den Wagenschlüssel überreichte.

Mittlerweile hatte ich mich auch daran gewohnt, mit Hyun-Woo zur Rezeption zu gehen, um mich dort anzumelden. Es gehörte einfach zum guten Ton und ich beobachtete die freundliche Dame hinter der Theke, wie sie das Telefon nahm, um uns anzukündigen.

Natürlich wurden wir schon erwarten und bewegten uns zur Treppe. Wie immer, wenn es möglich war, nahm ich die Möglichkeit wahr, um das Stockwerk zu wechseln. Hyun-Woo folgte mir tonlos.

Es dauerte nicht lange, bis uns geöffnet wurde. Wir wurden freudig begrüßt, obwohl es nur Stunden her war, dass wir uns gesehen hatten. Anschließend machten wir es uns auf der kleinen Sitzgruppe bequem.

Da ich nicht lange über den Grund unseres Kommens herum reden mochte, redete ich einfach Klartext.

„Ist etwas geschehen, Lukas?“, wollte Mama wissen.

„Nein Mama, keine Sorge. Bisher hat mich fast jeder gefragt, wie ich mir meine Zukunft vorstelle und Hyun-Woo meinte, ich solle zuerst mit euch darüber reden, bevor ich mich entschließe, dass zu machen, was ich in der Zukunft machen möchte.“

Meine Eltern sagten nichts darauf und schauten mich nur an. Der Blick meiner Mutter verriet mir aber auch, dass sie immer noch mit sich kämpfte, mich hier in Korea zu lassen. Aber Mütter sich so, dachte ich. Die eigenen Kinder immer in der Nähe zu wissen.

„Ich würde gerne hier in Korea bleiben und studieren.“

„Und was?“, fragte mein Vater.

„Landschaftsarchitektur!“

„Landschaftsarchitektur?“, fragte meine Mutter verwundert.

Papa wandte sich zu ihr.

„Er ist eben durch meinen Vater und jetzt auch deinen Vater vorbelastet.“

„Es ist nicht nur, weil Opa mit mir immer durch die Natur streifte, oder Großvater mir jetzt versucht, Dinge aus seinem Garten näher zu bringen. Es sind Kleinigkeiten, die mich darüber nachdenken ließen.“

„Was für Kleinigkeiten?“, wollte Papa wissen.

„Als es zum Beispiel darum ging, die Wohnung zu begrünen. Es machte mir Spaß, durch den Großmarkt zu schlendern und Pflanzen für Hyun-Woos Büro und unsere Wohnung heraus zu suchen, oder wie es mich immer wieder stört, dass das Gelände um So-Wois Firma so nackt und kahl aussieht. Ich interessiere mich für die Dinge, bin beeindruckt, von einem Garten, wie So-Wois Großmutter ihn einen hat.“

„Der ist auch schön angelegt“, pflichtete Papa mir bei, „bist du dir auch ganz sicher darüber?“

Ich nickte ihm zu, schaute aber auch zu Mama, die bestimmt wie immer Zweifel daran hatte, wenn etwas Neues auf sie zu kam.

„Ja bin ich. Es ist ja nicht nur das Studium, über das ich mir Gedanken machen muss. Es sind auch die Kosten, die Uni, die mich annimmt und einen kleinen Job, um das alles auch finanzieren zu können.“

Hyun-Woo und Papa wollten beide gleichzeitig Protest einlegen. Papa gab Zeichen, ihm den Vortritt zu lassen.

„Ich habe bereits Lucas zu gesichert, dass er sich wegen der Finanzierung keine Gedanken machen muss. Ich verdiene genug für uns beide.“

Das kommt überhaupt nicht in Frage, Hyun-Woo“, meldete sich jetzt Mama zu Wort, „wir werden uns natürlich an der Finanzierung beteiligen!“

„Das ist ihr Recht als Eltern. Aber wie gesagt, mir macht es nichts aus, meinem Freund zu helfen, seine Träume zu verwirklichen.“

Wie er das „meinem Freund“ betonte, ließ mich fast wieder dahin schmelzen und ich stellte fest, Papa schien dies auch zu gefallen, denn er grinste wieder frech.

„Ich habe bereits Hyun-Woo gesagt, dass ich So-Wois Angebot annehmen werde, für die Firma neben her zu modeln und damit etwas dazu zu verdienen, schließlich bin ich das Gesicht der Firma und zudem habe ich mich dazu entschlossen, hier den Führerschein zu machen.“

„Junge, du weißt selbst, wie stark der Verkehr in Seoul ist und das mit dem Modeln…, bist du dir da sicher?“

„Mama, es ist zwar schön, von meinen Freunden oder Hyun-Woo gefahren zu werden, oder auch den Fuhrpark des Hauses zu nutzen, aber mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und einem Führerschein, bin ich einfach mobiler.“

Mir war klar, dass Mama darüber nicht begeistert war, aber ändern konnte sie es eh nicht, wenn sie wieder in Deutschland war.

„Und das ihr und Hyun-Woo alleine alles finanzieren wollt, finde ich nicht gut, dabei fühle ich mich schlecht.“

Bevor Einwände aufkamen, hob ich beide Hände und bremste meine Gegenüber aus.

„Ich möchte einfach auch etwas beisteuern und das Modeln hat mir bisher Spaß gemacht.“

„Hast du dich schon umgeschaut in Seoul, also ich meine wegen der Universität, es gibt da viele, wie ich weiß“, wechselte Papa das Thema.

„Es gibt da die Konkuk Universität, die ein Studienprogram für Studierende aus dem Ausland anbietet. Sie liegt zentral und ist gut zu erreichen, aber ich müsste eben einen Studienplatz dort bekommen.“

„Ich sehe, du hast dir genauer darüber Gedanken gemacht und es ist ja nicht so, dass du hier alleine wärst. Du hast Hyun-Woo und deine Freunde und auch die Familie wären da.“

„Hyun-Woo hat zur Bedingung gemacht, wenn ihr einverstanden seid, ist er es auch“, warf ich noch ein.

Die Gesichtsfarbe meines Freundes wechselte zu rot.

„Das spricht für dich“, meinte Papa und wandte sich an meine Mutter.

„Was hältst du davon, Min-Ja?“

„Du weißt, ich möchte Lukas keine Steine in den Weg legen, wenn es um seine Zukunft geht.“

„Aber…?“

„Kein aber, ich mach mir eben nur Sorgen, weil unser Kind dann weit weg ist und wir ihm nicht helfen können, wenn er uns braucht.“

Sie war eben so, das konnte sie nicht einfach so wegstecken und ich verstand das.

„Ich sehe da kein Problem!“, meldete sich wieder Papa zu Wort, „mit der heutigen Kommunikationstechnik, ist es leicht zu verständigen, deine Familie ist da und er ist wie gesagt nicht alleine. Wenn das Haus fertig ist und wir es einrichten können, ist es auch kein Problem, jederzeit hier her zu kommen.“

Dass sie mit sich kämpfte, war ihr deutlich anzusehen, aber trotzdem nickte sie.

„Dann ist es beschlossen und Lukas wird hier in Seoul studieren!“

„Und ich?“, kam es von Mia, die die ganze Zeit während dieses Gespräches, schweigend bei den Eltern gesessen hatte.

„Du beendest erst mal deine Schule, bevor wir überhaupt über dieses Thema reden, Fräulein“, kam es streng von Mama.

*-*-*

Das gemeinsame Abendessen, war trotz der Versuche Mias, auch für sich etwas herauszuschlagen, eher ruhig verlaufen. Ich genoss es einfach zusammen mit meinen Eltern und Hyun-Woo zu essen.

Ich freute mich auch darüber, dass meine Eltern Hyun-Woo in ihre Gespräche einbezogen und er nicht nur still neben mir saß. Auf dem Weg nach Hause, war es still im Wagen. Der Schlafmangel, der vorher gegangen Nacht, machte sich doch bemerkbar.

Zu Hause angekommen, beschlossen wir, den Abend ruhig ausklingen zu lassen und bald ins Bett zu gehen.

Am nächsten Morgen stand ich wieder mit Hyun-Woo auf, denn ich hatte beschlossen, mit ihm in die Firma zu fahren. Irgendwie hatte ich heute keine Lust, etwas anderes zu unternehmen.

Wie immer frühstückten wir in aller Ruhe und redeten über So-Wois neuen Plänen. Später in Der Firma saß ich auf der großen Couch, während Hyun-Woo hinter seinem Schreibtisch saß und in irgendwelche Papiere vertief war. Ich saß über den neuen Entwürfen von So-Woi.

„Das finde ich etwas gewagt…“, meinte ich und hob einen Entwurf in die Luft, um ihn besser anschauen zu können.

„Was meinst du mit gewagt?“, reagierte Hyun-Woo.

„Dieses Hemd hier, es ist so gut wie durchsichtig.“

„Das ist doch sexy“, sagte Hyun-Woo und schenkte mir ein Lächeln.

„Sexy? Du musst zu geben, dass ihr Koreaner doch etwas prüde seid. Auf keinen Fall mehr Haut zeigen, als nötig.“

„Du bist auch zum Teil Koreaner.“

„Aber ich habe kein Problem, meine Ober zu zeigen.“

„Wir sind eben ein scheues Völkchen…“

Weiter kamen wir nicht, denn wir wurden von Jae-Joong unterbrochen.

„Leute ihr wisst nicht, was ich gerade herausgefunden habe.“

Total außer Atem stand er plötzlich vor uns und fuchtelte wild mit einer Mappe vor sich her.

„Guten Morgen, Jae-Joong!“, reagierte ich ihn.

„Ääh… guten Morgen ihr zwei.“

„Guten Morgen!“, sagte mein Schatz.

Ich war mittlerweile auf gestanden und hatte mir es am Rand von Hyun-Woos Schreibtisch bequem gemacht. Jae-Joong sagte nichts weiter, aber knallte einfach diese Mappe vor Hyun-Woo auf den Tisch.

„Was ist das?“, fragte Hyun-Woo.

„Das habe ich bei meinem Vater entdeckt!“

Mein Schatz nahm die Mappe und fing darin zu blättern. Aus dem Augenwinkel konnte ich entdecken, dass es sich um Entwürfe von Kleidung handelte, wie ich eben am Tisch angeschaut hatte.

„Das hast du bei deinem Vater gefunden?“

„Ja!“

„Und es einfach mitgenommen?“

Plötzlich wurde Jae-Joong verlegen.

„Ich wollte euch das unbedingt zeigen, dass sind doch Entwürfe von So-Woi, oder nicht?“

„Du hättest auch mit deinem Handy Fotos machen können! Du weißt das ist Diebstahl!“, meinte Hyun-Woo streng.

„Ich habe nichts geklaut… eher geliehen.“

„Warum besitzt Jae-Joongs Vater So-Wois Entwürfe?“, wollte ich wissen, „will er Klamotten bestellen.

„Laut dieser Mappe, sind es nicht So-Wois Entwürfe, sondern, die seines Vaters.“

„Seines Vaters? Ähneln sich die Entwürfe so sehr?“

„Nein, ich kenne die Entwürfe und es sind ausnahmslos alles Zeichnungen von So-Woi. Die Frage ist, warum bietet sein Vater diese Entwürfe als seine an und wie kommt er überhaupt da dran, die sind nicht öffentlich zugänglich!“

Hyun-Woo stand auf und lief direkt zu So-Woi hinüber, der gerade am Telefon saß. So ließ ich mich auf dessen Sofa nieder und Jae-Joong folgte meinem Beispiel. Als So-Woi auflegte, sah uns verwundert an.

Hyun-Woo legte die Mappe einfach vor ihn, ohne einen Ton zusagen. Je länger So-Woi darin blätterte, umso größer wurden seine Augen und ärgerlicher sein Gesichtsausdruck.

„Hat er noch nicht genug, muss er jetzt so tief sinken? Wo habt ihr das her?“

„Habe ich auf dem Schreibtisch meines Vaters gefunden!“, antwortete Jae-Joong.

So-Woi drückte einen Knopf seiner Telefonanlage.

„Jack, kommst du bitte schnell mal hoch!“

Er ließ den Knopf wieder los.

„Wie kommt der verdammt noch einmal an meine Entwürfe. Das sind welche, die das Haus nie verlassen haben.“

„Du meinst also, es ist jemand vom Haus?“, fragte ich.

„Wer sonst…“, antwortete er ärgerlich.

So-Woi stand auf und lief ins Vorzimmer.

„In mein Büro!“, hörte ich ihn ärgerlich rufen.

Danach kam er wieder ins Zimmer und stellte sich hinter seinen Schreibtisch. Die vier aus dem Vorzimmer betraten nun So-Wois Büro, dicht gefolgt von Jack. So-Woi hatte damals seine Meinung wohl geändert und je zwei Personen ins Sekretariat gesetzt.

Zwei Damen für sich ein junger Mann und eine Frau für Hyun-Woo und eben diese vier Personen standen nun mit Jack vor uns.

„Was ist denn passiert?“, wollte er wissen.

So-Woi nahm die Mappe und pfefferte sie vor den anderen auf dem Boden.

„DAS DA!“, rief er wütend.

Jack bückte sich und hob den die Mappe auf und schaute hinein, das Personal aus dem Vorzimmer schaute ihm über die Schulter.

„Das…, das sind alles deine Entwürfe…“

„Auch schon gemerkt!“

So-Woi war richtig sauer, ich hatte ihn in dem Ton noch nie mit Jack reden hören.

„Wer hatte alles Zugriff zu diesen Modellen?“, fragte Jack die Personen hinter sich.

„… ähm wir vier…, die Stoff und die Nähabteilung…“, antwortete der junge Mann.

„Das sind zu viele…“, seufzte So-Woi wesentlich leiser als eben.

Er lief zum großen Fenster und schaute nach draußen. Dann drehte er sich wieder zu uns.

„Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand aus der Firma die Entwürfe einfach heraus gibt. Jeder von ihnen wurde mehrfach überprüft und jeder hat die Stillschweigenvereinbarung unterschrieben.“

„Aber Fremde haben keinen Zutritt!“, sagte Hyun-Woo.

Ich schaute mir die Vier aus dem Vorzimmer genauer an. Alle zusammen schauten eher geschockt, etwas ängstlich drein und auch ich konnte mir nicht vorstellen, dass es jemand von denen war.

„Also…“, meldete ich mich zu Wort und alles schaute zu mir, „… ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemand von Personal war, die Gefahr, dass es heraus kommt, ist doch viel zu groß. Wie du siehst, sind deine Entwürfe so bekannt, dass Jae-Joong sie sofort erkannt hat. Der oder diejenige, die deinem Vater die Entwürfe gegeben hat, ist wohl keine große Leuchte gewesen!“

Ich überlegte kurz, da fiel mir ein, was mir So-Woi am Anfang erzählt hatte, wen er alles einstellen möchte.

„Es muss also jemand sein, der Zutritt zum Haus hat, aber nicht direkt hier im Haus tätig ist.“

„Ähm…, da kommen eigentlich nur die Fahrer in Betracht“, sagte Hyun-Woo.

„Das wären vier!“, meinte Jack.

So-Woi atmete tief durch und rieb sich über sein Gesicht. Dann schaute er jeden im Raum an.

„Leute, entschuldigt, dass ich ausgetickt bin. Ich würde vorschlagen, jeder geht wieder auf seinen Platz zurück, bis wir entschieden haben, wie wir weiter verfahren… und bitte Stillschweigen über die Sache, es braucht nicht das ganze Haus zu wissen!“

Die Herrschaften aus dem Sekretariat nickten und verließen als erstes So-Wois Büro.

„Jack, machst du bitte Fotografien dieser Mappe und Jae-Joong soll die Mappe dann wieder sofort zurück bringen…“

„Ich weiß nicht, ob das so gut ist“, sagte Hyun-Woo.

*-*-*

Müde rieb ich mir die Augen. Die Überwachungsvideos zu sichten war zwar eine gute Idee, aber auch sehr anstrengend.

„Lucas, wenn du lieber nach oben zu Hyun-Woo möchtest, das ist kein Problem.“

„Nein, nein, geht schon, vier Augen sehen mehr als zwei.“

Ich starrte wie Jack weiter auf meinen Monitor und versuchte etwas Verdächtiges zu entdecken. Aber den Näherinnen zuzuschauen wie sie nähten, war auf die Dauer doch langweilig. Sie taten nichts anderes, als an ihren Maschinen zu sitzen.

„Lucas, schau mal“, meinte plötzlich Jack.

Ich sah erst zu ihm hinüber und ließ mich dann galant mit dem Bürostuhl zu ihm gleiten. Er zeigte auf seinen Monitor.

„Der Fahrer hat dort nichts verloren…“, sagte er nur.

Ich sah wie ein Mann, schwarz gekleidet und einer Baseballmütze auf, den Flur entlang lief und dann durch eine Tür verschwand.

„Mist, man kann sein Gesicht nicht sehen…, was für eine Tür ist das?“

„Die führt zu den Näherinnen.“

„Wann war das?“

„Moment…“, Jack tippte etwas ein, „am neunundzwanzigsten 12,23 Uhr.

Ich rollte wieder zu meinem Monitor zurück, suchte nach der Aufnahme vom neunundzwanzigsten. Ich drückte auf den Startknopf und das Bild flackerte kurz. Wie immer sah ich nur die Näherinnen.

Mit der Maus schob ich den Wiedergabepunkte bis zur entsprechenden Zeit nach vorne.

„Hä…, der Raum ist leer, wo sind die Näherinnen?“, fragte ich verwundert, als der Überwachungsvideo weiterlief.

„Mittagspause…, die sind alle Essen!“

Also perfekt abgepasst und geplant. Jack war mittlerweile zu mir gekommen und beide starrten wir auf den Monitor. Und plötzlich die Tür auf und unser Unbekannter betrat die Nähabteilung.

Aber es passierte erst mal gar nichts, denn er blieb bei der Tür stehen, bis er sich plötzlich in Bewegung setzte. Was mir auffiel, war die komische Gangart, wie der Fahrer sich bewegte. Der Typ mit der Baseballcape zog etwas hervor und ging von Tisch zu Tisch.

„Er macht Fotos“, raunte Jack neben mir.

„Dann hätten wir schon mal den Beweis, dass es niemand aus der Firma direkt ist.“

Wir beobachteten die Type noch eine Weile, bis er wieder aus dem Bild verschwand, sprich das Zimmer verließ.

Jack raunte leise eine Uhrzeit und rollte wieder zu seinem Platz zurück. Dann tippte er etwas in seine Tastatur ein, um wenig später dann auf den Monitor zu starren. Ichbeugte mich hinüber, konnte aber nur etwas vom Flur sehen.

„Mist, er trägt einen Mundschutz, man kann nichts vom Gesicht erkennen“, sagte Jack plötzlich.

Ich war aufgesprungen und konnte gerade noch den Übeltäter sehen, wie er aus dem Bild verschwand.

*-*-*

Jack hatte alles auf eine Stick gezogen und nun waren wir wieder in So-Wois Büro und starrten gemeinsam auf dessen Monitor. Es klopfte und unsere Aufmerksamkeit richtete sich zur Tür.

„Ihr Tee…“, meinte Sora, einer der Sekretärinnen von So-Woi.

Sie stellte das Tablett mit Tassen und einer Kanne auf dem Tisch ab. Während die anderen wieder auf den Monitor starrten, beobachtete ich weiterhin Sora. Beim hinausgehen wippten ihre Schulterlangen Haare hin und her.

„Lucas?“, hörte ich So-Wois Stimme, die mich aus meinen Gedanken riss.

„Hm?“, meinte ich und schaute zu den anderen.

„Findest du Sora interessant, oder warum hast du so auf sie gestarrt.“

Etwas verwirrt starrte ich ihn an und schüttelte den Kopf.

„Nein So-Woi, wie kommst du denn darauf? Ich kann nicht sagen warum, aber…“

Plötzlich fiel es mir ein.

„Kannst du bitte an den Anfang zurück…?“

„Wieso? Wir haben doch jetzt schon so oft drauf geschaut und nichts gesehen…“, antwortete So-Woi mürrisch.

„Bitte…!“

So-Woi machte wie geheißen und man sah wieder die Person den Flur entlang laufen und im Nähraum verschwinden.

„Stopp!“, rief ich laut, so das Hyun-Woo neben mir zusammenfuhr, „Moment…!“

Die anderen schauten mich nur verwirrt an, als ich zum Vorraum lief.

„Sora, könntest du bitte noch einmal herein kommen?“, fragte ich So-Wois Sekretärin.

„… ähm ja“, meinte sie und erhob sich unsicher.

Sora kam herein und folgte mir zum Schreibtisch.

„Sora, wäre dir es möglich, dass du langsam zur Tür läufst?“

Etwas unbeholfen schaute sie mich an und machte aber dann das, was ich sagte. Das zog natürlich die Aufmerksamkeit der anderen im Vorzimmer auf uns. Die drei standen plötzlich im Türrahmen.

„Was soll das, Lucas?“, fragte So-Woi ärgerlich.

„Ja siehst du das nicht?“

„Was?“, wollte er wissen.

„Lass noch einmal die Aufnahme laufen und stopp bei der Tür.“

„Wieso, was soll das?“

„Moment, ich erkläre es dir.“

Ich ging zu den vier etwas verdutzten Vorzimmerherrschaften und bat Sora, ihre Aktion noch einmal zu widerholen. Dann forderte ich Soo-Ri, den Sekretär von Hyun-Woo neben ihr herzulaufen.

„Seht ihr denn das nicht?“, fragte ich, die nun total verwirrten drei hinter dem Schreibtisch.

Hyun-Woo schüttelte als einziger den Kopf.

„Die Gangart…, die Gangart ist verschieden“, erklärte ich und zeigte dabei auf Sora und Soo-Ri.

„Wen ihr dort in den Klamotten eines Fahrers seht, ist kein Mann, sondern eine Frau. Das mir das nicht gleich aufgefallen ist. Also ich muss mich schon sehr täuschen, dass das kein Mann ist, oder er läuft sehr tuntig!“

Juhee, die andere Sekretärin begann zu kichern und wurde dafür gleich mit bösen Blicken ihre Kollegen bestraft!

„Du meinst also, unser großer Unbekannter ist eine Frau?“, fragte Hyun-Woo.

„Das bringt uns aber nicht viel weiter“, meinte Jack.

„Jetzt schaut nicht so, zumindest ist es aber niemand aus der Firma, so ist So-Wois Äußerung, es ist niemand aus der Firma richtig.“

„Trotzdem wissen wir nicht, wer das ist…“, sagte Jack enttäuscht.

„… und trotzdem weiß die Person, wo sie hin muss“, sprach Hyun-Woo weiter.

„Wie kann sich hier jemand auskennen und nicht in der Firma arbeiten, wir haben nie Führungen oder so etwas gemacht.“

So-Woi klang ebenso enttäuscht.

„Entschuldigung…“, meldete sich plötzlich Soo-Ri zu Wort.

Alle schauten zu ihm.

„Das stimmt so nicht…“ sagte er leicht verlegen, „Jack hatte bei unserem Vorstellungsgespräch angeordnet, uns etwas herum zu führen, um uns unsere Wartezeit für das Gespräch zu verkürzen.“

Alle schauten nun zu Jack.

„Äh… auf dem Flur ist es etwas laut geworden, so dachte ich, es wird leiser, wenn die Leute im Haus verteilt sind!“

Er kratzte sich am Hinterkopf.

„Schon gut Jack, die Ruhe hier im Haus tat schon gut, ich darf an das Gegröle vor dem Haus der Fans, gar nicht nachdenken.“

Ich verstand So-Wois Enttäuschung, all das brachte uns wirklich nicht viel weiter.

„Entschuldigung…“, kam es nun von Yeo-Woo, der anderen Sekretärin von So-Woi, „ich weiß nicht, ob ich das überhaupt sagen darf…“

„Yeo-Woo, wenn es für uns hilfreich ist… raus damit!“, sagte So-Woi.

Sie trat nur ein, denn an der Tür war es recht eng zu viert.

„Wir… wir haben alle mitbekommen, dass sie viel Ärger mit ihrem Vater haben. Kann es nicht sein, dass ihr Vater versucht hat, jemand bei den Bewerbungen hier einzuschleusen? Ich weiß, wir wurden alle überprüft, das ist das gute Recht der Firmenbosse, aber hätte nicht ihr Vater jemand, der für ihn arbeitet, jemand einschleusen können. Wenn im Vorstellungsbogen eine Arbeitsstelle bei KBS auftaucht, ist das nichts besonderes, oder?“

Ich musste grinsen. Onkel Min-Chul hätte hier seine wahre Freude, so wie jeder mitdachte. Ob er mit seinen Kollegen auch so viel Glück hatte?

„Wisst ihr, wie viele sich für einen Job beworben haben?“, meinte nun Hyun-Woo.

„Sind die Bewerbungsunterlagen noch vorhanden?“, wollte So-Woi wissen.

„… liegen im Lager“, sagte Soo-Ri verschüchtert.

Bisher war mir der Sekretär meines Schatzes noch nicht groß aufgefallen. Er war nicht fiel größer als Hyun-Woo selbst und wie Juen recht dünn.

„Ihr wollt doch jetzt nicht alle Unterlagen durch schauen?“, fragte Jack.

„Warum nicht? Ich habe Zeit und mit etwas Unterstützung unseres Vorzimmers, finden wir sicher jemand, der bei KBS gearbeitet hat, oder noch arbeitet!“, meinte ich lächelnd.

*-*-*

Nie hätte ich gedacht, dass sich so viele hier beworben hatten. Und natürlich war es mühsam, jeden Lebenslauf zu lesen. Mittlerweile waren da aber schon drei Bewerber, bei denen KBS aufgetaucht war. Ein Mann und zwei Frauen.

„Das ist der letzte Karton“, sagte Soo-Ri und stellte die Kiste mit Bewerbungsmappen, mitten auf den Tisch.

„Den schaffen wir auch noch“, sagte ich aufmunternd.

Die Tür zum Meetingsraum wurde geöffnet und Jae-Joong mit Jack kamen herein. Jae-Joong trug ein Tablett mit Sandwich vor sich her, während Jack Getränke bei sich hatte. Hinter den beiden kam auch mein Schatz herein.

„Ihr habt sicher etwas Hunger!“, meinte Jae-Joong, stellte das Tablett auf einem freien Platz ab und griff sich selbst eins.

„So-Woi meinte, ihr sollt etwas Pause machen“, sprach Jack und platzierte die Getränke auf dem Tisch.

Hyun-Woo war zu mir getreten und streichelte mir sanft über den Rücken.

„Alles klar mit dir?“, fragte er mich leise.

„Ja!“, strahlte ich ihn an.

„Schon fündig geworden?“, wollte Jack wissen.

„Ja“, meinten Juhee und Sora gleichzeitig.

„Ein Mann und zwei Frauen“, fügte Yeo-Woo stolz hinzu und zeigte auf die drei Mappen, die vor mir lagen.

„Das hier…“, ich zeigte auf den Karton in der Mitte, „sind die letzten Unterlagen.

Neugierig wie Jae-Joong war, kam er zu mir und griff sich die Mappen.

„Der Mann scheidet aus…“, sagte Soo-Ri.

„… den kenn ich“, sagte plötzlich Jae-Joong und zeigte mir die Fotografie des Mannes.

„Den?“, fragte ich ungläubig.

„Ja, der arbeitet in der Abteilung meines Vaters. Er ist der Assistent des Maskenbildner, also eher der Laufbursche, die anderen reißen immer ihre Witze über ihn.“

„Hat das einen speziellen Grund?“

Neugierig wie ich war, wollte ich das natürlich wissen. Jae-Joong begann ebenso an zu grinsen.

„Nein, aber ich habe noch nie so einen tuntigen Mann erlebt, wie dieser Typ, ich weiß gar nicht, wie das die aushalten, während sie geschminkt werden. Aber auf der anderen Seite ist er ein herzensguter Kerl, ist sehr loyal und er hat immer ein Ohr offen, für andere, die Redebedarf haben.“

Hyun-Woo nahm Jae-Joong die Mappe ab und schaute sie sich genauer an.  Auch Jack kam dazu und schaute ihm über die Schulter. Die letzte Kiste wurde in Angriff genommen, aber mehr als die drei Leute, die wir schon gefunden hatten, konnten wir nicht ausmachen.

Während die Vorzimmerbrigade mit Jae-Joong und Jack die Kisten wieder ins Lager brachten, saßen Hyun-Woo und ich über den drei Mappen.

„Bei jedem steht nur, Grund für die Bewerbung „Berufliches Weiterkommen“, das bringt uns nicht wirklich weiter“, meinte mein Schatz.

„Zwei Sekretärinnen und ein Assistent…“, brummelte ich vor mich hin.

Die anderen kamen zurück und wollten wieder ins Büro gehen.

„Aber ihr habt doch noch gar nichts gegessen!“, sagte ich und schaute zu Hyun-Woo.

„Setzt euch bitte zu uns, vielleicht kommen wir gemeinsam schneller auf eine Idee, wie wir weiter verfahren werden.“

„Ich geh hoch und hole So-Woi“, meinte Jack und schon war er verschwunden, während Jae-Joong den Rest ins Zimmer schob und hinter sich die Tür schloss.

„Setzt euch bitte“, meinte ich und zeigte auf die Stühle.

Zurückhaltung pur. Klar, hier saß einer ihrer Chefs, da benahm man sich nicht wie zu Hause. So ergriff ich die Initiative und spielte den Gastgeber. Ich verteilte Gläser und Wasserflaschen und stellte jeden einen Teller hin.

Sofort sprang Soo-Ri auf.

„Sie müssen das nicht tun Mr. Demmler…“

„Das heißt du und Lucas!“, meinte ich nur und ließ mich dann neben Hyun-Woo nieder, während Jae-Joong sich ebenso setzte.

Verschüchtert ließ sich Soo-Ri auf seinen Stuhl fallen und sagte nichts mehr. Alle schauten gebannt zu Hyun-Woo.

„Ich werde ein Teufel tun und euch verbieten Lucas zu sagen, sonst ist jemand böse auf mich!“, sagte Hyun-Woo, ohne auf zusehen.

Er grinste dabei und lockerte die Stimmung damit etwas auf. Die Tür ging auf und Jack kam mit So-Woi zurück. Er schaute an und wunderte sich wohl, weil alle so ruhig da saßen.

„Keiner Hunger?“, meinte er und griff sich eins der Sandwichs, bevor er sich neben mir nieder ließ.

So nahm sich jeder etwas zu Essen und schenkte sich Wasser ins Glas ein.

„Jack hat mir schon erzählt, ihr habt drei Leute gefunden. Und jemand einen Vorschlag, was wir machen werden?“

So-Woi schaute in die Runden, aber keiner gab Antwort. Ich bis in mein Sandwich und fand es lecker. Dabei dachte ich darüber nach, warum So-Wois Vater dies tat. War er neidisch und gönnte seinem Sohn nicht den Erfolg?

War es Geldgier, weil er bemerkt hatte, damit kann man gut Geld machen? Ich kannte So-Wois Vater einfach nicht gut genug, um das beurteilen zu können. Aber besser kennen lernen, wollte ich ihn auch nicht, der Mann war mir von Anfang an, einfach nur unsympathisch.

Aber er musste immerhin die Person, die er auf uns angesetzt hatte, mit etwas ködern, eine bessere Stellung, oder Geld. Aber eine bessere Stellung für die Sekretärinnen? Mein Gedanken blieb wieder an diesem Typen hängen, dem Assistenten.

„Wenn Lucas so guckt, dann grübelt er über etwas nach“, kam es kichernd von Jae-Joong.

Hyun-Woo schaute auf und mich an.

„Da gebe ich dir recht!“, meinte er und grinste ebenso.

„Was denn…, ich schau doch ganz normal?“, beschwerte ich mich und hielt die Hand vor den Mund, weil Gefahr bestand, beim Reden, den Esseninhalt meines Mundes zu verlieren.

„Normal…“, sagte So-Woi und grinste ebenfalls.

Nun lächelte es am ganzen Tisch.

„Könntest du uns eventuell deine Gedanken mitteilen?“, fragte Hyun-Woo in einem süffisanten Ton.

Ich verdrehte meine Augen und nahm ein Schluck Wasser.

„Wenn dein Vater wirklich jemand zum Spionieren auf deine Firma angesetzt hat, dann muss er demjenigen doch etwas versprochen haben.“

„Das müsste voraus setzten der oder diejenige hier auch einen Job bekommt und das hat keiner der drei“, meinte Sora.

„Geld…, davon hat er genug“, kam es tonlos von So-Woi.

„Du denkst, es ist die Tunte“, fragte Jae-Joong.

„Nenn ihn nicht so“, beschwerte ich mich.

„Aber er tut wie eine!“

„Wieso denkt Jae-Joong, dass du … dieser…“, So-Woi nahm die Mappe in die Hand, „… dass dieser Pak Nam Soo die betreffende Person ist?“

„Frag nicht, es ist so ein Bauchgefühl. Ich kann nicht behaupten, dass ich gute Menschenkenntnisse habe, aber ich glaube an das Gute im Menschen!“

„Dass wissen wir!“, sagte Hyun-Woo lächelnd.

„… und die zwei Sekretärinnen sehen mir nicht so aus, als würden sie so etwas machen. Bei diesem…, Nam Soo heißt er? Bei dem bin ich mir nicht sicher. Ich weiß von Hyun-Woo, dass man als Assistent nicht viel verdient und so könnte es schon zutreffen, dass man ihn mit Geld gelockt hat, oder vielleicht auch einer bessere Stellung.“

Alle schauten mich gespannt an, als würden sie auf weitere Lösungen warten. Aber ich hatte sonst keine, konnte meinem Gefühl nur mehr Ausdruck verleihen.

„Wenn die Angaben von Jae-Joong stimmen, dann versucht dieser Typ durch sein Aussehen und seiner Clownerie aufzufallen. Ich weiß nicht wie ihr darüber denkt, dass macht man aber nur, um aufzufallen.“

„Ich geben Lucas Recht“, stimmte mir So-Woi zu.

„Und wenn wir ihm eine Stellung anbieten…“, fragte Hyun-Woo.

„Und uns den Feind ins Haus holen?“, kam es von Jae-Joong.

Plötzlich entbrannte eine hitzige Debatte und mein Hyun-Woo bereute sicherlich, die Äußerung von sich gegeben zu haben.

„Stop Leute!“, sagte ich etwas lauter und es wurde augenblicklich still, „ich finde Hyun-Woos Idee gar nicht so schlecht!“

So-Woi wollte schon etwas sagen, aber ich ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen.

„Wenn wir davon ausgehen, dass dein Vater ihm etwas geboten hat, was ihn dazu veranlasste, hier herum zu schnüffeln, dann kann es sich nur um Geld handeln, denn eine Stellung kann dein Vater ihm bei KBS nicht geboten haben, erst ja nicht mehr dort.“

„Hat aber anscheinend immer noch gute Beziehungen zu dem Laden!“, meinte Jae-Joong.

Er spielte sicher darauf an, dass gerade bei einem Vater, diese Mappe gelegen hatte.

„Wenn du ihm nun aber eine gute Stellung anbietest, meint ihr nicht, man könnte ihn dadurch zum reden bringen?“

„Ich gebe Lucas Recht, So-Woi“, kam es von Jack, „mich würde nämlich brennend interessieren, wie er hier herein gekommen ist, denn diese Frage ist immer noch nicht geklärt! Entweder, wir haben eine Lücke im Sicherheitssystem, oder der gute Mann muss jemanden hier drin sehr gut kennen!“

*-*-*

Am späten Mittag betraten Hyun-Woo und ich die Wohnung. Nachdem ich mich meiner Schuhe entledigt hatte, schlüpfte ich in meine Latschen und nahm direkten Kurs auf das Sofa.

„Etwas zu trinken?“, fragte Hyun-Woo, der schon wieder in der Küche stand.

„Gerne“, meinte ich und ließ mich auf die Couch fallen.

„Du warst so ruhig im Auto, über was hast du dir Gedanken gemacht?“

Hyun-Woo füllte zwei Gläser mit Wasser und kam zu mir.

„Danke“, meinte ich, nahm mein Glas entgegen und trank einen großen Schluck daraus, bevor ich es vor mir abstellte.

„Mich lässt der Gedanke nicht los, dass dieser Nam Soo jemanden aus eurer Firma kennen könnte.“

„Jetzt mach dir doch darüber keine Gedanken.“

Hyun-Woo setzte sich neben mich.

„Mir fiel ein, wir haben nur die Bewerber überprüft, die abgelehnt wurden, oder?“

„Was meinst du damit?“

„Wir haben nur die Daten der abgelehnte Bewerber durchgeschaut, wer von denen bei KBS arbeitete, oder schon gearbeitet hat. Aber von eurer Belegschaft sind wir keine Daten durch gegangen.“

„Wir waren uns einig darüber, dass es niemand aus der Firma ist. Also lass gut sein.“

„Könntest du trotzdem morgen mal schauen, ob jemand bei KBS gearbeitet hat, nur so aus Interesse.“

„Wenn es dich beruhigt, kann ich gleich nach schauen.“

„Wie, du willst doch nicht etwa noch mal in die Firma fahren, dass…“

Hyun-Woo grinste mich nur frech an und holte sein Tablet.

„Lucas, dank der Technik, habe ich direkten Zugriff auf meine Daten im Büro“, erklärte er mir und ließ sich wieder neben mir nieder.

Er gab irgendetwas ein und schon flammte eine Datenbank vor uns auf.

„Willst du jetzt alle Daten durch gehen, dass dauert doch ewig!“

„Nein, ich kann hier auch unter Suchbegriff KBS eingeben, dann erscheinen alle, die bereits bei dem Sender gearbeitet haben.“

Wieder huschte seine Hand über das Tablet und wenig später erschien die Antwort.

„Das gibt es nicht!“, kam es entsetzt von Hyun-Woo.

Ich schaute auf den Bildschirm und konnte nur einen Namen lesen. Lim Soo-Ri, der Sekretär von Hyun-Woo.

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Ein anderes Leben - Teil 18, 9.7 out of 10 based on 22 ratings

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2 Kommentare

  1. Huhu Pit, welch eine Freude, wieder was lesen zu dürfen von dir. Welch eine tolle Fortsetzung, wirklich top gelungen .
    Hoffe es geht dir gut soweit.

    VlG Andi

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  2. Hallo Andy,
    es geht mir wie immer, mal gut mal schlecht und ich versuche einfach das Beste daraus zu machen.
    Liebe Grüße Pit

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