Adventskalender – Suddely Royal II – 4. Türchen

„Nanu, ich dachte du schläfst schon längst“, meinte Mum.

„Kann nicht einschlafen…“, antwortete ich.

Sie hob ihre Augenbraun.

„Verständlich…, auch einen Tee, das Wasser müsste noch heiß sein…“

Ich nickte und ging zum Küchenschrank, um mir eine Tasse heraus zu holen.

„Bin ich froh, dass dies alles Vater nicht mitbekommen hat. Wir sollten es ihm vielleicht auch nicht sagen“, meinte Tante Abigail zu Mum.

Diese nickte.

„Wir hatten aber ausgemacht, keine Geheimniskrämerei mehr“, wandte ich ein, „wir sollten es ihm erzählen.

„Nicht jetzt, Jack!“, sagte Mum, „sein Gesundheit mag zwar jetzt stabil sein, aber er ist alt und das könnte ihn erneut schwächen.“

Ich hielt kurz inne und schaute Mum lange an.

„Vielleicht hast du Recht. Ihr müsste das aber auch mit Onkel Henry besprechen, dass sich Molly und Jayden nichts Unvorhergesehenes heraus rutscht.“

„Da gebe ich dir Recht, ich rufe ihn gleich morgen früh an“, sagte Abigail.

„Komm setz dich“, meinte Mum und tätschelte auf den Stuhl neben ihr.

Ich ließ mich nieder und zupfte an der Schnurr meines Teebeutels, der munter in heißen Wasser auf und ab hüpfte.

„Wann kommt ihr zu Weihnachten?“, fragte nun Tante Abigail, „wie lange kannst du deinen Laden schließen?“

Mum schaute auf ihre Tasse.

„Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, ob ich den Laden nach Weihnachten wieder öffnen soll?“

„Wieso das denn?“

„Seit wir von euch zurück gekommen sind, habe ich das Gefühl jemand blockiert mich. Händler meiden mich plötzlich und die Kundschaft ist auch weniger geworden…“

„Davon hast du mir gar nichts gesagt?“, meinte ich geschockt und plötzlich wieder hell wach.

„Olivia?“, fragte Tante Abigail.

Ich schaute zwischen den zwei Frauen hin und her.

„Der Gedanke kam mir auch schon…, Beziehungen dazu hatte sie sicherlich.“

„Denkst du nicht, dass sich jetzt automatisch legt, wenn die anderen erfahren, was mit ihr passiert ist. Du weißt, so etwas spricht sich schnell herum.“

„Ich weiß es nicht. Ich mach mir mehr Sorgen, ob ich den Laden überhaupt so halten kann. Mein Vermieter hat angekündigt, dass er Anfang nächsten Jahres die Miete erhöhen will und wenn die Einnahmen weiter sinken, kann ich mir beides, den Laden und diese Wohnung nicht mehr leisten. Verliere ich den Laden, muss ich mir einen neuen Job suchen, damit ich die Miete für die Wohnung aufbringen kann und leben wollen wir ja schließlich, auch noch irgendwie. Es tut mir leid, Jack, dass ich dir nichts davon erzählt habe…, aber jetzt, mit den vielen Arbeiten vor Weihnachten, ich wollte nicht, dass du deswegen abgelenkt bist.“

Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte, aber schüttelte nur den Kopf und griff nach ihrer Hand.

„Eigentlich ist es ja die Überraschung meines Vaters und er wollte euch das zu Weihnachten sagen, aber ich denke, jetzt ist ein guter Zeitpunkt, es loszuwerden.“

„Was?“, wollte Mum wissen.

Abigail lächelte.

„Wie du vielleicht weißt, gehört einiges zu Vaters Besitzungen, was eigentlich später alles seine Kinder Erben sollten.“

„Ich will nichts von dem Erbe, schon gar nichts geschenkt!“

Mums Gesichtsausdruck versteinerte sich.

„Charlotte, jetzt hör mir doch erst einmal zu.“

Mum nickte und sagte nichts weiter.

„Zu diesen Besitzungen gehört auch ein Haus hier in London, dass rein zufällig“, Abigail lächelte bei diesen Worten, „über einen Laden und eine freie Wohnung verfügen…, beides etwas größer, als diese und dein Laden jetzt.“

Mum schaute Abigail lange an und wandte sich dann an mich. Aber ich war nun genauso ratlos und überrascht wie sie. Dann drehte sie ihren Kopf wieder zu Abigail.

„Wie gesagt, geschenkt will ich das nicht haben, ich würde genauso meine Miete dann an ihn zahlen.“

„Nicht an ihn…, sondern an Jack.“

„Jack?“

Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

„Charlotte, ich habe es selbst nicht gewusst. Als Vater damals in der Stadt war, um unser Familienbuch zu ändern, muss er wohl auch beim Notar gewesen sein und hat Jack das Haus überschrieben.“

„Er hat was?“, fragte nun ich.

„Ich weiß nur davon, weil er wohl kurz vor der Operation kalte Füße bekommen hatte und alles geregelt haben wollte.“

Mum grinste mich an. Ich verstand das nicht, warum grinste sie jetzt.

„Der alte Fuchs…“, meinte sie nur.

„Ich versteh jetzt gar nichts mehr“, sagte ich und ließ mich resigniert nach hinten fallen.

„Erinnerst du dich, an den ersten Besuch deines Großvaters?“

„Ähm ja, aber warum fragst du?“

„Erinnerst du dich, was ich zu ihm gesagt habe?“

„Du hast viel gesagt.“

Abigail kicherte.

„Ich meine im Bezug aufs Geld.“

„Das du nichts von ihm haben möchtest!“

„Und?“

„Was und?“

„Im Bezug auf dich…“

Ich dachte angestrengt darüber nach und plötzlich fiel mir es wieder ein. Mum grinste mich weiter an und ich begann zu nicken.

„Dein Großvater wünschte, alleine deine Kosten der Ausbildung zu übernehmen…“

„Und du sagtest….“, begann ich.

„… dass dies sein gutes Recht sei, als dein Großvater“, beendeten wir den Satz gemeinsam.

Abigail lachte.

„Und was hat das jetzt mit dem Haus zu tun, warum gehört das jetzt plötzlich mir?“

„Verstehst du nicht? Er wusste, dass ich das niemals annehmen würde, aber da er es auf dich hat übertragen lassen, kann ich schlecht Nein sagen, denn es ist ja für dich und deine Zukunft gedacht.“

Ich musste kichern.

„Opa ist ja ein ganz schlauer!“.

Nun lachten wir alle drei.

*-*-*

„Das Klingeln der Haustür weckte mich und ich schielte auf meinen Wecker. Es war kurz vor neun. Wer katte den Nerv, uns am Sonntagmorgen so früh uns zu besuchen? War es Onkel Henry? Ich hörte Mamas Stimme, verstand aber kein Wort. Kurz darauf klopfte es an meiner Tür und Mum schaute herein.

„Morgen! Wach genug, um Besuch zu empfangen?“, fragte Mum.

„Auch guten Morgen, wer ist es denn? Sabrina… Jayden?“, meinte ich und gähnte.

„Geh nur rein, er ist sicher sofort hell wach, wenn er dich sieht“, hörte ich Mum sagen und die Tür wurde weiter aufgeschoben.

„Taylor!?“, rief ich erstaunt, als ich meinen Freund breit strahlend das Zimmer betraten sah.

„Taylor, gebe mir deine Jacke und Schal, ich häng sie im Flur auf.“

„Danke, Mrs. Newbury, sehr freundlich von ihnen!“

„Taylor, das heißt Charlotte und du, du bist der Freund meines Sohnes!“

„Aber ich kann…“

„Doch kannst du!“

„Danke Mrs… äh… Charlotte.“

„Mit rotem Kopf zog er den beigen Schal aus und entledigte sich seiner Jacke. Beides reichte er Mum, die, ohne ein weiteres Wort, lächelnd das Zimmer verließ und die Tür hinter sich zu zog.

„Taylor…“, sagte, immer noch keines Wortes mächtig.

„Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, aber als ich heute überraschend frei bekommen habe, kam mir der Gedanke, dich zu besuchen…“

„Wow…cool!“

„Du bist mir nicht böse?“

Ich setzte mich nun auf.

„Wieso sollte ich dir böse sein? Hättest du etwas gesagt, wär ich früher aufgestanden und hätte dich am Bus abgeholt.“

„Ich bin mit dem Zug gekommen…“

„Egal“, meinte ich, schnappte seine Hand und zog ihn zu mir.

Taylor total überrascht stolperte und landete direkt auf mir. Ein „Uffz“ entfleuchte mir, denn mein Freund war nicht gerade leicht. Aber ich nutze die Gelegenheit, ihn so nahe bei mir zu haben und drückte ihm einen Kuss auf dem Mund.

„Guten Morgen“, lächelte ich ihn an, als wir uns trennten.

„Guten Morgen, Jack“, strahlte mich Taylor an.

Ich hielt ihn immer noch fest umarmt.

„Habe ich dich vermisst!“

„Ich dich auch…, wir telefonieren zwar fast jeden Abend“, meinte Taylor leise, „aber dich zu sehen… und zu spüren, ist etwas anderes.“

Ich antwortete nicht darauf, sondern zog ihn erneut zu mir, um ihn erneut küssen zu können. Plötzlich klopfte es an der Tür und Taylor sprang erschrocken auf. Mum steckte wie vorhin den Kopf herein.

„Taylor, du hast doch sicher noch nichts gefrühstückt.“

Mein Freund schüttelte zaghaft den Kopf.

„Dann bring meinen Sohn dazu aufzustehen, dann gibt es in zehn Minuten Frühstück!“

„Danke“, sagte Taylor nur und schon war sie wieder verschwunden.

Etwas unsicher schaute er wieder zu mir. Ich lächelte ihn an, spürte den vollen Tatendrang, der plötzlich in mir keimte und stand auf. Aber spätestens einen Schritt später, hing ich schon wieder an Taylor Lippen.

*-*-*

Es dauerte natürlich mehr als zehn Minuten, als mein Schatz und ich die Küche betraten. Dort blieb dieser, wie angewurzelt stehen.

„Mrs. Newbury… guten Morgen…, ich wusste nicht, dass sie hier sind“, sagte Taylor und verneigte sich leicht.

Abigail. An sie hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht.

„Morgen“, meinte ich etwas verlegen und kratze mich am Hinterkopf.

„Morgen Taylor! Morgen Neffe!“, strahlte sie uns an.

„Setzt euch Kinder, der Toast wird kalt“, meinte Mum und schenkte Tee ein.

Ich wies Taylor seinen Platz und setzte mich neben ihn.

„Wenn ich gewusst hätte, dass du heute zu Jack willst, hätte ich dich gestern schon mit hierher genommen!“, sagte Abigail.

„Aber…, aber James hat mir doch erst gestern Mittag gesagt, dass ich heute frei habe…“

„Nachdem ich James am Morgen gesagt habe, dass du Sonntag frei hast.“

Darauf sagte mein Schatz nicht.

„Stimmt, dann hätten wir eine helfende Hand mehr gehabt und mein Herr Sohn wäre dir auf ewig dankbar gewesen“, meinte Mum grinsend und biss in ihren Toast.

Ich griff ebenso nach dem Toast und legte eine Scheibe auf Taylors Teller.

„Danke“, meinte er schüchtern.

„Taylor“, kam es von Abigail und er schaute auf.

„Da du meine Schwägerin und Jack beide mit Vornamen anredest, fände ich es toll, wenn du dass bei mir auch tun würdest! Du gehörst ja jetzt sozusagen zur Familie.

„Aber…, aber… was wird ihr Vater sagen? Das ist nicht Recht!“

Abigail lächelte breit.

„Es würde mich nicht wundern, wenn mein Vater dir bald anbieten wird, Großvater zusagen!“

Mit großen Augen schaute Taylor von einem zum anderen.

„… wirklich?“

Abigail grinste.

„Dann wär das schon mal geregelt. Kinder greift zu!“, sagte Mum.

„Da wäre noch etwas…“, unterbrach sie Abigail.

„Ja? Was denn noch?“

„Ich habe auch erfahren, dass Vater Taylor auf der University College London angemeldet hat…“

Nur das Geräusch meines herunterfallenden Löffels auf den Teller war nun zu hören.

„Der Earl macht wohl gerne Nägel mit Köpfen“, meinte Mum.

„Scheint so“, kam es von Abigail.

„Du wirst in London studieren!“, strahlte ich Taylor an, nach dem ich wieder meine Fassung gefunden hatte und den Umfang des Erwähnten erfasst hatte..

Taylor dagegen saß nur starr da und schaute auf Abigail.

„… wirklich?“, war sein erstes Wort.

„Ja, Taylor, du kannst es mir ruhig glauben!“

„… aber ich weiß nicht… dass kostet sicher viel Geld…, meine Schwester…, ich muss sie erst fragen, ob sie damit einverstanden ist.

Abigail winkte ab.

„Das ist alles bereits geregelt und um das Geld brauchst du dir auch keine Gedanken machen.“

Erst jetzt ließ Taylors Anspannung nach. Er sank ein wenig in sich zusammen.

*-*-*

Da ich wusste, Sabrina würde mir nie verzeihen, wenn sie erfuhr, dass Taylor in der Stadt war und ich ihn ihr nicht vorgestellt hatte, rief ich sie einfach an. Da ich wusste, dass sie mit Garantie am Mittag nichts vorhatte, denn Jayden war ja mit seinem Vater und Molly Großvater besuchen, verabredeten wir uns zu einem kleinen Teeplausch im Cafe an der Ecke, dass in der Nähe unserer Schule lag.

Da Taylor nicht auf den Zug zurück musste, weil ich Abigail angeboten hatte, ihn mit zunehmen, war dies nun auch zeitlich möglich. Taylor war etwas aufgeregt, denn er wusste nicht, ob ihn meine beste Freundin für Recht befand, mein Freund zu sein.

Natürlich versuchte ich ihm diesen Quatsch gleich auszureden, doch seine Nervosität blieb. Als wir das Cafe betraten, kam uns warme Luft entgegen, getränkt mit dem Duft von Tee und süßen Gebäck.

Taylor machte große Augen, als er die Auslage mit den vielen Leckereien sah. Schnell war ausgesucht, was wir wollten und fanden einen kleinen Tisch am Fenster mit drei Stühlen. Es dauerte nicht lange, da bekamen wir bereits unseren dampfenden Tee und das Gebäck.

„Und du bist wirklich sicher, dass Sabrina nichts gegen mich hat?“

Ich griff nach seiner Hand.

„Taylor, du musst mir glauben, Sabrina hat bestimmt nichts gegen dich, dazu kenne ich sie schon viel zu lange, außerdem kannst du sie das gleich selbst fragen, sie kommt gerade herein.“

Das schnell Aufspringen und der umfallende Stuhl zog die Aufmerksamkeit der Nachbartische auf uns. Taylor hob mit hochrotem Kopf, seinen Stuhl wieder auf, als Sabrina uns erreichte.

„Hoppla, nicht so stürmisch junger Mann! Hallo Jack…“

„Hallo Sabrina…, darf ich dir Taylor vorstellen?“

„Das dachte ich mir, er sieht natura noch besser aus, als auf deinen Bildern“, meinte sie und hob ihre Hand, „hallo Taylor.“

Das rot war aus seinem Gesicht nicht gewichen und jetzt tat er mir irgendwie leid.

„Hallo…Sabrina.“

„Setzten wir uns doch, Sabrina, weißt du schon was du möchtest?“

„Scones, wie immer, die sind hier am besten!“

„Kommt sofort“, lächelte ich und lief zur Theke.

Ich machte meine Bestellung und lief zurück zu unserem Tisch. Natürlich redete nur Sabrina und Taylor saß da und hörte ihr zu.

„Na, über was redet ihr zwei?“, fragte ich scheinheilig, obwohl ich wusste, dass Taylor nicht zu Wort kam.

„Über deine Schandtaten, wie du reihenweise Männerherzen brichst!“

Taylor fing plötzlich an zu lachen, während ich mich setzte. Sabrina war Widererwartens plötzlich still, das hatte noch niemand fertig gebracht. Sabrinas Tee und Scones wurden gebracht mit Butter und Marmelade.

„Jack, du musst mir glauben, egal was Sabrina erzählt würde, ich hätte es nie und nimmer geglaubt.“

Schockiert ging Sabrinas Mund auf und nun war ich derjenige, der zu lachen anfing. Ich strahlte meinen Schatz an und hob meinen Daumen nach oben. Sabrina konnte man eben gut mit ihren eigenen Waffen schlagen.

„Taylor, du bist der erste, der es schafft, Sabrina zum Schweigen zu bringen!“

„Oh, entschuldige, habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein!“

„Boah, jetzt hab ich zwei von euch…“

Sie redete nicht weiter, zu tief saß wohl der Schock, dass Taylor ihr so einfach Widerworte gab. Ich dagegen war glücklich, dass mein Freund seine Scheu vor Sabrina verloren hatte.

„Bleibst du länger?“, wollte meine Tischnachbarin wissen.

„Nein, Tante Abigail nimmt ihn nachher mit nach Hause“, antwortete ich.

„Ich muss morgen um sieben wieder im Stall stehen“, fügte Taylor hinzu.

„Das wäre nichts für mich“, meinte Sabrina, „zu dem habe ich Angst vor den Viechern.“

„Das sind keine Viecher!“

Oh, da hatte sie wohl einen wunden Punkt meines Freundes gefunden.

„Pferde sind etwas Schönes! Ein Pferd ist klug, graziös… elegant! Man sagt, ein Pferd hat nur deswegen vier Beine, damit es sein großes Herz tragen kann. Hast du einmal sein Vertrauen gewonnen, hast du ein Freund fürs Leben! Sie vergessen nie etwas, aber vergeben gerne!“

Wow, jetzt war ich platt. Ich wusste ja, dass er Pferde liebte. Es war sein Hobby und jetzt machte er es zum Beruf. Aber Taylor strahlte jetzt förmlich, als er dies gerade sagte.

„Okay, aber Angst habe ich trotzdem.“

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