Suddenly royal II

Gedankenverloren stand ich an den Baum gelehnt. Es war zwar recht kühl und es fror mich auch leicht, aber es war mir wie immer schlicht weg egal. Jeder Tag schien hier gleich zu sein. Nur das heute etwas Schnee lag.

Ebenso Sabrina, sie trippelte unaufhörlich neben mir von einem Fuß auf den anderen. Im Hof tobten die Unterstufen und spielten Fangen. Dass dies nicht langsam langweilig wurde? Mein Blick wanderte über die Herren der Schöpfung, die sich ihren Weg durch den Hof und den Wiesen bahnten.

Einer dieser Herren, steuerte geradewegs auf uns zu. Es war Jayden, der noch kurz in der Cafeteria war. Vorsichtig balancierte er drei Becher, bei uns angekommen, verteilte er diese. Einer mit Zucker…, einer ohne“, meinte er und reichte mir einen Tee.

„Danke Jayden“, meinte ich und inhalierte den Duft meines Tees.

„Was steht heute Mittag an, Jayden?“, fragte Sabrina.

„Weiß noch nicht. Vater ist nicht zu Hause, also sturmfreie Bude“, antwortete er und ging neben mir in die Hocke, „aber da stehen jetzt so viele Kartons herum, das ist eher langweilig.

„Wann zieht ihr um?“, wollte ich wissen.

„In einer Woche. Das Haus soll verkauft werden und Papa und ich ziehen in eine normale Wohnung.“

„Also macht deine Mutter Ernst mit der Scheidung?“

„Soll sie doch. Sie will nichts mehr mit mir zu tun haben, aber das beruht auf Gegenseitigkeit.“

„Sie ist deine Mutter!“, kam es von Sabrina.

„Wenn sie so eine Mutter wäre, wie Jacks Mama, wäre das etwas anderes, Sabrina, aber du kennst meine Mutter nicht, sie ist ein Drache! Nicht mal ich kenne sie mehr, sie hat sich so verändert.“

Mir tat Jayden leid, aber diese Frau als Drache zu bezeichnen, war schon Beleidigung genug, für jeden Drachen dieser Welt. Ich musste leicht grinsen, dachte aber auch daran, dass hier nur das liebe Geld schuld war. Wie sagt man so schön, Geld verdirbt den Charakter.

„Und du Jack?“

„Was?“

„Was hast du heute noch vor?“

„Ich habe ein Date“, sagte ich grinsend.

„Kommt Taylor in die Stadt?“, fragte Sabrina.

„Nein!“

„Du gehst fremd?“, kam es erstaunt von Jayden.

„Nein!“

„Wenn seine Majestät fertig ist, uns auf den Arm zu nehmen, sag Bescheid“, sagte Sabrina und drehte sich leicht schmollend weg.

Ich konnte nicht anders und musste lachen. Auch Jayden grinste.

„Ich besuche heut Mittag meinen Großvater, der liegt doch im Krankenhaus.“

„Da will mein Vater mit mir morgen Abend hin“, meinte Jayden.

Sabrina seufzte.

„Was ist?“

„Ich will auch ein Date“, meckerte sie.

„Dann solltest du dich um schauen, hier rennen doch genug Jungs herum“, meinte ich.

„Die keinerlei Interessen an mir haben.“

„Verstehe ich nicht, du siehst doch gut aus und hast auch etwas im Köpfchen, davon gibt es nicht viele.“

Dies hatte Jayden vom Stapel gelassen und wurde feuerrot im Gesicht, als ihm bewusst wurde, dass er Sabrina gerade ein Kompliment gemacht hatte. Mit gesenktem Blick schlürfte er an seinem Tee.

„Solange ich mit meinen Baronen herum hänge, traut sie eh niemand an mich heran.“

„Was hier im Hof aber niemand weiß!“, meinte ich, „und einen dieser Barone könntest du dir angeln!“

Mit weit aufgerissen Augen starrte mich Jayden an. Er boxte mir mit der Faust gegen die Wade.

„Au.“

Seit dem kleinen Vorfall meines Outings vor der Familie, machte es mir immer wieder Spaß, ihn aufzuziehen. Seine Reaktionen waren einfach herrlich.

„Jayden? Der hat mir zu viele Verehrerinnen!“, fragte Sabrina.

„Du sprichst von meinem Cousin, der außer dir und mir, hier niemanden kennt.“

„Wie würdest du dann diesen Pulk nennen, da drüben an der alten Eiche, die uns ständig beobachten?“

Erstaunt schaute ich die gesagte Richtung und sah da wirklich fünf, sechs Mädchen stehen, die ständig zu uns herüber schauten und kicherten. Grinsend schaute ich zu Jayden, der sich nun eher hinter mir versteckte, als sich gut sichtbar zu positionieren.

„He, das wäre doch die Chance für dich“, sagte ich zu meinem Cousin, drehte mich zu ihm.

„Bloß nicht, die sind nicht anders, als die Tussis von meiner alten Schule. Die haben mich heute Morgen aus Papas Bentley steigen sehen, seither verfolgen sie mich in jeder Pause.“

„Da kann man Abhilfe schaffen!“, sagte Sabrina, lief zu Jayden und gab ihm gut sichtbar einen Kuss auf die Wange.

Die Reaktion folgte prompt. Nicht bei den Mädchen, gut bei denen knallten reihenweise die Kinnladen herunter. Nein ich meinte Jayden, denn der kippte nach hinten, saß plötzlich auf seinem Hosenboden und schaute Sabrina irritiert an.

„Siehst du, sie ziehen ab“, meinte Sabrina und gesellte sich wieder an ihren alten Platz.

Ich konnte nicht anders und fing laut an zu lachen. Jayden dagegen saß immer noch auf dem kalten Boden, hatte die Hand auf seine Wange gelegt, die Sabrina zuvor küsste.

„He, steh auf, deine Uniform wird sonst nass und dreckig!“, meinte ich und hielt ihm meine Hand entgegen.

Nur widerwillig ließ er sich hochziehen bevor er irgendwie überhaupt reagieren konnte, beendete der Schulgong die große Pause. Ohne große Lust betraten wir das alte Gemäuer und entsorgten unsere leeren Teebecher.

Wie es Onkel Henry so schnell geschafft hatte, Jayden hier in der Schule unterzubringen, war mir bis heute ein Rätsel. Auch dass er nun mit Sabrina und mir in die gleiche Klasse ging, war ein Mirakel für mich.

Gerade, als wir die Treppe zu unserem Klassenraum hinaufsteigen wollten, wurden wir gerufen.

„Die Herren Newbury bitte ins Rektorat!“, hörte ich die Stimme der Sekretärin unseres Rektors.

Ich stoppte abrupt, was zur Folge hatte, dass Jayden, der die Angewohnheit hatte, immer dicht hinter mir zu laufen, in mich hinein rannte. Ich atmete tief durch, verdrehte die Augen und wendete den Kopf.

Dort stand Miss Downhill, gekleidet wie immer. Enger Knielanger und dunkler Rock und eine Rüschchenbluse, zugeknöpft bis zum Hals. Der Dutt auf ihrem Kopf sollte ihr wohl eine gewisse Strenge verleihen.

Aber so richtig ernst nahm sie niemand an der Schule, sie befolgte ja nur die Anweisungen ihres Chefs. Sie verneigte sich leicht und wies mit ihrer Hand Richtung Rektorat.

„Habt ihr was ausgefressen?“, wollte Sabrina wissen, die auf der zweiten Stufe stehen geblieben war.

„Nicht dass ich wüsste“, meinte ich, komm Cousin, mal sehen, was der alte Herr von uns möchte.“

So ließen wir Sabrina an der Treppe zurück und folgten Miss Downhill.

*-*-*

Etwa fünf Minuten später betraten wir das Büro, des alten Herren, der wie immer hinter seinem großen, alten Schreibtisch kauerte und geschäftig tat. Groß prangte uns ein Tischschild entgegen: Direktor Emanuel Roberts.

„Mister Roberts, die Barone of Newbury…“, meinte Miss Downhill.

Er schaute auf und legte ein gekünsteltes Lächeln auf. Barone of Newbury, was sollte das denn jetzt?

„Danke Miss Downhill…“, meinte er nur, wartete bis sie sein Büro verlassen und hinter sich die Tür geschlossen hatte.

„Setzten sie sich doch bitte, die Herren“, meinte Mr. Roberts und wies auf die zwei Ledersitze vor seinem Schreibtisch.

Jayden sah mich verschüchtert an, aber ich lächelte ihn an. So setzen wir uns.

„Es freut mich, dass es sie einrichten konnten so schnell den Weg zu mir zu finden.“

Auch er setzte sich wieder. Warum sprach er plötzlich so geschwollen, dass hatte er bisher auch nie getan.

„Ich hatte bisher noch nicht die Gelegenheit sie persönlich zu begrüßen, Baron Jayden von Newbury.“

Jayden wusste wohl nicht, was er darauf antworten sollte, denn er nickte nur leicht.

„Warum ich sie her gebeten habe…, es stellt sich die Frage, wie sie in Zukunft von der Lehrerschaft angeredet werden möchten?“

Ach daher wehte der Wind, dass hatte mir gerade noch gefehlt. Ich räusperte mich.

„Mister Roberts, ich denke, meine Mutter hat mich damals nicht ohne Grund als Jack Newbury angemeldet und das würde ich auch gerne beibehalten.“

„Aber ihre gesellschaftliche Stellung…“

„Mir ist meine gesellschaftliche Stellung bewusst“, was eigentlich gelogen war, wusste ich doch erst seit Wochen, das ich ein Baron war, „aber ich wünsche keine Bevorzugung, wegen meines Titels, oder Herkunft und ich denke ich spreche auch für meinen Cousin Jayden!“

Jayden schien wohl ein Stein vom Herzen zu fallen, denn er begann aufgeregt zu nicken. Diese Antwort hatte unser Gegenüber wohl nicht erwartet. Etwas nervös schien er etwas in seinen Papieren zu suchen.

„Dann… dann“, fing er an zu stottern, „erübrigt sich wohl die Frage, ob sie eins der freiwilligen Ämter, der Kurse übernehmen möchten.“

„Ämter?“, fragte ich verwundert, davon hatte ich noch nichts gehört.

„Ja, dem Adel im Haus, steht das Recht zu, die führenden Leiterpositionen der jeweiligen Kurse der Oberstufe zu übernehmen.“

Das war mir völlig neu.

„Wie… schon gesagt, wünsche ich keine Sonderbehandlung…, ich bin einfach nur Jack… Jack Newbury.“

Ich musste mir ein Grinsen verbeisen, weil ich an Taylor denken musste, als ich ihm das gleiche sagte, Jack nicht mehr oder weniger… Langsam erhob ich mich.

„Wenn sie nichts weiter auf dem Herzen haben, Mr. Roberts, ich würde gerne in meine Klasse zurück kehren, wir schreiben morgen eine wichtige Arbeit und möchte nichts verpassen.“

„Ihr Lerneifer freut mich, Mr. Newbury, dann möchte ich sie nicht länger aufhalten.“

Er erhob sich ebenso und machte einen leichten Diener. Vor dem Rektorat blieb ich dann erst mal stehen und atmete tief durch.

„Boah Jack, ich hätte mich nie getraut, so mit meinem Rektor zu reden!“

„Du wirst lachen, es war das erste Mal.“

„Echt? Das glaube ich nicht!“

„Das kannst du ruhig glauben… Aber ehrlich, dieses Barongetue, geht mir langsam auf den Sack! Komm gehen wir zurück, sonst verpassen wir wirklich noch etwas“, meinte ich lächelnd.

*-*-*

Hätte ich vielleicht Blumen besorgen sollen? Aber was sollte Großvater mit Blumen. Ich trampelte etwas vor dem Eingang des Krankenhauses herum, um auch die letzten Schneereste, die an meinen Schuhen klebten, abzubekommen,

Es war der erste Schnee in diesem Jahr und auch noch recht viel. Nach der großen Pause hatte es wieder angefangen zu schneien und hatte bis jetzt nicht aufgehört. Jayden war seit dem Vorfall im Pausenhof noch ruhiger als sonst, beteiligte sich nicht mal am Unterricht.

Ich betrat die Lobby des Krankenhauses und warme Luft strömte mir entgegen. Mühsam entwickelte ich meinen Schal und ließ ihn lose an meinen Schultern herunter hängen.

Noch während ich den Reisverschluss meiner Jacke herunterzog, schaute ich auf die Hinweisschilder. Zweiter Stock. Nach längerem Suchen fand ich das Treppenhaus und setzte mich in Bewegung.

Abigail hatte gesagt, dass die Operation gut verlaufen war und auch Großvater sich den Umständen gut fühlte. Trotz Sport, erreichte ich, etwas außer Puste, den zweiten Stock. Noch einmal schaute meine Wenigkeit kurz auf den Zettel, den mir Mum gegeben hatte und verglich die Zimmernummern.

Schnell war die Richtung zum Zimmer gefunden und wenig später stand ich vor Großvaters Zimmer. Ich atmete tief durch und klopfte. Ein leises Herein war von drinnen zu hören. So schob ich langsam die Tür auf.

„Jack!“, rief mir mein Großvater lächelnd entgegen.

„Hallo Grandpa!“, meinte ich und schob die Tür wieder zu.

„Ich hätte nicht so schnell mit deinem Besuch gerechnet, aber es ist gut, dass du kommst.“

„Abigail hat uns deine Zimmernummer zu kommen lassen und heute habe ich nicht so viele Hausaufgaben, so dachte ich, ich geh dich gleich besuchen.“

Ich zog meine Jacke aus, denn mittlerweile war mir gut warm. Da ich direkt von der Schule hier her gekommen war, kam die Schuluniform zum Vorschein.

„Das ist lieb von dir mein Junge, wie geht es dir? Die Unform steht dir gut!“

„Mir geht es gut, na ja vielleicht etwas viel Arbeiten in der Schule, aber das ist ja normal vor Weihnachten?“

„Ich habe gehört, Jayden hat auf deine Schule gewechselt?“

„Ja, stimmt!“, lachte ich, „er ist sogar in meiner Klasse.“

„Wirklich? Vertragt ihr euch auch gut?“

„Sicherlich! Jayden hat sie sehr geändert, seit seine Mutter das Haus verlassen hat.“

„Das tut mir leid…“

„Muss es nicht Großvater, jeder hat das Recht sich frei zu entscheiden, was er tut und sie hat sich gegen die Familie entschieden. Was Jayden mir so am Rande erzählt hat, ich denke es ist besser so. Er kommt dich übrigends morgen Abend mit Onkel Henry besuchen.“

„Und was ist mit Jaydens Schwester?“

„Molly? Jayden meinte, sie ist wie ihre Mutter…, er hat sie noch nie vorher so mit ihrem Vater reden hören. Mehr kann ich dir auch nicht sagen, denn ich hatte mit Molly nicht viel Kontakt, als wir bei dir waren. So gesehen ist sie für mich weiterhin eine Unbekannte.“

Grandpa seufzte. Ich setzte mich einfach zu ihm, an den Rand des Betts und nahm seine Hand.

„Versuch dir keine Gedanken darüber zu machen, Grandpa, wer weiß, vielleicht bereut sie es später, dass sie sich so entschieden hat. Man weiß nie, was kommt.“

„Es hätte mich gefreut, sie ganze Familie vereint zu wissen, aber das war wohl Wunschdenken.“

Darauf wusste ich nichts zu sagen und drückte seine Hand nur etwas fester.

„Kommt deine… Mutter auch?“

„Das weiß ich nicht. Sie ist ja alleine in ihrem Laden, da kann sie nicht so einfach weg.“

„Warst du denn die letzten Jahre, dann immer alleine zu Hause, wenn deine Mutter arbeiten war?“

Man hörte das schlechte Gewissen in dieser Frage.

„Ja, war am Anfang etwas ungewohnt, aber die Hausaufgaben, das viele Lernen, da vergeht die Zeit schnell… und welcher Teenager möchte schon ständig seine Eltern um sich haben?“, meinte ich scherzhaft grinsend.

Etwas gequält, lächelte auch Grandpa. Da hatte anscheinend jemand wirklich Aufmunterung nötig.

„Ich freu mich auf Weihnachten. Hast du schon etwas geplant? Wo stellt ihr eigentlich den Tannenbaum hin?“

Grandpa antwortete nicht sofort, er schien sich zu sammeln.

„Die letzten Jahre haben Abigail und ich nur im Kleinen gefeiert. Einen Tannenbaum haben wir keinen aufgestellt, aber deine Tante war stets bemüht, dass das Haus weihnachtlich aussah.“

„Aber Weihnachten ohne Tannenbaum…, wo sollen wir denn die Geschenke darunter legen?“

„Du willst mir etwas schenken? Was denn?“

Bisher hatte ich mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht, dass ich meinem Großvater überhaupt etwas schenken wollte, aber das konnte ich ja schlecht sagen. Da war mein Mund mal wieder schneller als mein Gehirn.

„Wenn ich dir sage, was ich dir schenke, ist es ja kein Geschenk mehr“, versuchte ich mich zu retten.

Er lächelte wieder, dieses Mal echt.

„Und was wünscht du dir vom Weihnachtsmann?“

Meine Mutter und ich hatten all die Jahre uns nur Kleinigkeiten geschenkt. Klar hatte man in meinen Alter wünsche, oder sollte ich eher Träume sagen? Eigentlich war ich immer mit dem zufrieden, was ich hatte.

Ich kannte es bisher auch nicht anders, weil mit dem Geld was der Schuhladen meiner Mutter abwarf, wir gerade so über die Runden kamen. Für große Anschaffungen war da kein Platz.

„Eigentlich nur, dass du schnell wieder gesund wirst!“

Etwas ungläubig schaute mich Grandpa an.

„Jetzt schau nicht so, Grandpa. Ich wünsche mir wirklich nur, dass du schnell wieder auf den Beinen bist. Ich brauch sonst nichts anderes.“

Bescheidenheit sei eine Tugend sagte man, aber ob es bei mir sich um Bescheidenheit handelte, oder es lediglich der Grund war, dass ich irgendwann es aufgegeben hatte, tolle Dinge haben zu wollen, war eine ganz andere Sache. Lange schaute mich Großvater an.

„Meine Junge, mir wird immer mehr bewusst, was ich durch meine Engstirnigkeit verloren habe. All die Jahre, dachte ich, dass ich immer das Richtige mache.“

„Grandpa, das ist Vergangenheit. Wenn ich eins von meiner Mutter gelernt habe, dann ist es, nicht in der vergangenen Zeit hängen zu bleiben. Es bringt nichts und tut am Schluss doch nur weh.“

Ein Lächeln machte sich auf seinen Lippen breit.

„Es macht immer wieder Spaß mit dir zu reden, mein Junge. Ich werde mit Abigail reden, dass sie den größten und schönsten Baum heraus sucht, den es gibt.“

Ich musste lachen.

„Habt ihr denn auch so viel Schmuck dafür?“

Sein Lächeln verschwand wieder.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“, wollte ich verwundert wissen.

Er schüttelte leicht den Kopf.

„Wie du gesagt hast, es bringt nichts in der Vergangenheit zu leben!“

*-*-*

Die restliche Woche war bestückt mit lernen, Jayden helfen zu packen, oder Grandpa zu besuchen. Samstagmorgen war ich früh mit Mama aufgestanden, denn heute wollten Henry und Jayden aus dem verkauften Haus ausziehen.

Als ich ankam, wunderte ich mich doch sehr, dass nur ein kleiner LKW vor dem Haus stand. Henry freute sich mich zu sehen, er drückte mich fest zur Begrüßung.

„Sagt mal, ist der LKW da draußen nicht etwas zu klein für die ganze Sachen die ihr mitnehmen möchtet?“, fragte ich.

„Nein Jack, Zu einem ist die Wohnung viel zu klein, um all das hier unterzubringen, zum anderen, hat eh meine Nochfrau all diese hässlichen Möbel ausgesucht. Wenn man einen Schlussstrich zieht, dann richtig!“

Ich nickte nur, weil ich nicht wusste, was ich darauf sagen sollte. Beeindruckt lief ich die Treppe zu Jaydens Zimmer hinauf. Ich hörte Gekicher und traute meinen Augen nicht, als ich Jaydens Zimmer betrat.

„Wie kommst du denn hier her?“, fragte ich Sabrina, die gerade dabei war, Jayden mit seinen Socken zu bewerfen.

„Ich wollte auch helfen und da es zu Hause so langweilig ist, am Wochenende, habe ich Jayden angerufen, ob ich kommen kann.“

Ich schaute zu Jayden, der natürlich wieder rot wurde.

„Na dann, fangen wir mal an. Ich trag schon mal die Kartons nach unten“, meinte ich nur und verschwand mit dem ersten Gepäckstück die Treppe hinunter.

*-*-*

Die erste Hälfte des Morgens war gelaufen, als Onkel Henry, den Haustürschlüssel einfach in den Briefkasten in der Tür warf. Da im LKW kein Platz für Sabrina war, hatte sie sich eine Mitfahrgelegenheit bei meiner Mutter erhascht.

 

„Das war es dann wohl, mehr können und wollen wir sowieso nicht mitnehmen“, meinte er nur und drehte sich zu uns um.

„Los Kinder, einsteigen, dass muss noch alles ausgeladen werden!“

Stöhnend stieg ich zu Mama ins Auto, während der LKW vor uns bereits losfuhr. Natürlich hatte das Personal noch geholfen, welches noch vorhanden war. Die Leute taten mir leid, denn auch sie mussten sich teilweise eine neue Bleibe und vor allem einen Job suchen.

Da alle sehr mit der Madam des Hauses verbunden waren, wollte Henry wohl auch mit ihnen nichts mehr zu tun haben. Er hatte bereits eine Haushälterin gefunden, die sich um ihn und Jayden kümmern würde.

Auch wenn Onkel Henry von einer kleineren Wohnung sprach, war diese, die wir jetzt betraten, mehr als doppelt so groß als die, die Mum und ich bewohnten, Jeder hatte sein eigenes Zimmer und ein Büro gab es auch. Neben einem Wohnzimmer und Bad gab es noch eine großzügige Küche.

Wie kam man an solche Wohnungen? Gut, da diese Wohnung niemals unserer Preisklasse entsprechen würde, hätten Mum und ich nie Interesse gezeigt. Aber es war ja auch keine Mietwohnung, wie unsere, Henry hatte sie gekauft, was mit dem Geld des verkauften Hauses wohl auch kein Problem gewesen war.

Und wieder begann die Schlepperei und mir kam der Gedanke, warum Onkel Henry eigentlich keine Umzugsfirma geordert hatte und alles selbst machte. Am Geld konnte es nicht liegen, davon hatte dieser Familienzweig wohl genug.

Jedes Mal, wenn ich erneut mit etwas die Treppe hinauflief, kam mir eine ständig aufgedrehte Sabrina entgegen und trillerte irgendein Lied. Es ging mir schon fast auf die Nerven, aber ich wollte ja dem Glück …oder Unglück… meines Cousin nicht im Wege stehen.

Ich wusste einfach nicht, was ich davon halten sollte. Klar freute ich mich darüber, dass die beiden sich gut verstanden, aber Sabrina war sehr dominant, kam da Jayden nicht vom Regen in die Traufe?

Was Jayden jetzt sicherlich nicht brauchen konnte, war ein Mädchen, das ihn herum kommandiert. Ich entschloss mich, einfach abzuwarten, wie sich das ganze entwickelte. Warum jetzt schon unnötig Sorgen machen?

So ging der Rest des Vormittags auch noch drauf. Dafür war die Überraschung riesengroß, als Abigail mit zwei großen Körben plötzlich auftauchte. Schnell wurde notdürftig Platz geschaffen und schon kamen lauter Köstlichkeiten zum Vorschein.

„Abigail, wo hast du nur alle diesen leckeren Sachen her?“, fragte Mum und hatte schon die erste Schüssel in der Hand, um die Folie zu entfernen.

„Hat alles Caitlin gezaubert, ich bin völlig unschuldig.“

„Das hätte sie nicht brauchen“, kam es von Henry.

„Das ist auch nicht ihre Idee gewesen, sondern die von Vater. Er meinte, wenn er schon nicht helfen kann, dann will er wenigstens etwas beisteuern.“

Was hätte Großvater schon groß helfen können, das wäre alles zu schwer für ihn gewesen. Schon der Kraftaufwand, die Treppen der drei Stockwerke zu erklimmen, hätte schon gereicht.

„Echt, das kommt alles von Vater?“

„Ja, ich habe mich auch sehr gewundert. Aber seid ihr in den Ferien da gewesen seid, hat er sich verändert. Er strotzt vor Energie, auch wenn ihn die Operation etwas mitgenommen hat. Stell dir vor, für Weihnachten hat er einen riesigen Weihnachtsbaum geordert. Weißt du wie lange wir schon keinen Weihnachtsbaum mehr hatten?“

Ich musste grinsen. Hatte er sein Versprechen doch tatsächlich in die Tat umgesetzt.

„Du, ich muss zugeben, es ist das erste Weihnachtsfest, auf das ich mich freue“, meinte Onkel Henry und schob sich einer der kleinen Schnitten in den Mund.

Abigail schaute ihn durchdringend an.

„Es tut mir leid, dass deine Ehe in die Brüche gegangen ist“, meinte Tante Abigail plötzlich.

Mein Onkel winkte ab. Mum stellte sich zu Abigail und legte ihren Arm um sie.

„Vergiss es, Schwester, das war schon lange keine richtige Ehe mehr, eher eine Zweckgemeinschaft.“

„Das tut mir leid, dass zu hören“, meinte Mum, „hast du keine Angst, eure Scheidung könnte zu einer Schlammschlacht ausarten?“

Henry schüttelte den Kopf. Mittlerweile standen wir alle am Tisch und bedienten uns an den Leckereien.

„Nein, ist alles schon geregelt!“

„Wie geregelt?“, wollte Abigail neugierig wissen.

„Ich habe sie vor die Wahl gestellt. Haus und Titel, oder Geld! Sie hat sich gegen das Geld entschieden.“

„Titel?“, fragte nun Mum.

Mein Onkel lachte.

„Du glaubst doch nicht, dass meine Nochfrau auf ihren Titel Contess of Newbury verzichten würde. Wie würde sie dann vor ihren Freundinnen da stehen, wenn sie keinen Titel mehr besäße.“

„Gar nicht…“, rutschte mir heraus und wieder mal fing einen bösen Blick meiner Mutter ein.

Jayden dagegen, grinste mich an und hielt seinen Daumen nach oben.

„Wolltet ihr das Haus nicht verkaufen?“, fragte Abigail.

„Ja, das war meine Idee, aber ich denke mal, sie möchte wohl auch nicht, auf dieses Haus verzichten.“

„Wie kann man nur so oberflächlich sein?“, flüsterte mir Sabrina zu.

„Tja, Sabrina. Es gibt genug Menschen, denen ihr Ansehen wichtiger ist, als die Familie!“, meinte Henry.

Entweder hatte Henry ein gutes Gehör, oder Sabrina hatte zu laut geflüstert.

„Und wie regelt ihr das mit den Kindern?“, fragte Mama.

„Die sind alt genug, um selbst entscheiden zu können, für mich standen die Kinder eh nicht zur Debatte, auch wenn es mich etwas traurig stimmt, wie Sabrina treffend sagte, meine Tochter sich für das oberflächliche Leben entschieden hat.“

Darauf sagte nun keiner etwas.

„Wechseln wir das Thema“, sprach Henry weiter, „lasst uns einfach an die Zukunft denken und vor allen, lasst uns dieses tolle Minibuffet vertilgen!“

*-*-*

Es war später Mittag, als Jayden, die Wohnung, mit der letzten Kiste betrat.

„Boah, hatten wir ein Glück, draußen fängt es gerade an zu schütten!“

Automatisch liefen alle an die Fenster und schauten nach draußen.

„Uns wieder einmal ein verregnetes Wochenende“, meinte Mum und ging ihrer Tätigkeit weiter nach.

„Hast du den LKW verschlossen?“, fragte Henry Jayden.

„Oh Mist, das habe ich vergessen“. antwortete dieser und rannte aus der Wohnung.

Ich reichte Mama gerade zwei Gläser, die Abigail zu vor gewaschen hatte und sie die dann in die Vitrine stellte, als Jayden zurück kam.

„Papa…!“

Der Ton von Jayden war komisch, so drehte ich mich zu Jayden und blieb wie angewurzelt stehen. Direkt hinter Jayden, stand seine Schwester Molly, total durchnässt und tropfend.

„Mein Gott Molly!“, hörte ich Henry rufen, „wie siehst du denn aus?“

Erst jetzt fiel mir die dicke geschwollene Wange auf. Molly rannte heulend zu ihrem Vater und fiel nass wie sie war, ihm um den Hals. Im Raum war es still, keiner sagte etwas. Nur das Weinen von Molly war zu hören.

Abigail zuckte mit der Schulter, hob die Augenbraun an, als wolle sie sagen, sie wisse nicht, was zu tun ist. Mama machte ein ähnliches Gesicht.

„Ist das Jaydens Schwester?“, flüsterte mir Sabrina zu und ich nickte.

„Kind, sag doch etwas, was ist geschehen?“, wollte Henry wissen.

„Handtücher?“, fragte Mama.

„Schon im Bad“, kam es von Abigail.

Mama nickte ihr zu, schnappte sich Molly, die sich ohne Murren wegführen ließ. Beide verschwanden in einen der Räume. Abigail ließ uns ebenfalls alleine.

„Was war das jetzt?“, fragte Jayden.

„Der Instinkt der Frauen, das Richtige zu tun“, meinte Onkel Henry.

Sabrina grinste mich frech an und schon war sie ebenso verschwunden. Jayden schaute mich fragend an, aber ich konnte nur mit den Schultern zucken und den Unwissenden spielen.

„Jungs, lasst uns weiter machen.“

*-*-*

Sabrina war aus reiner Neugierde, den anderen gefolgt. Aber dennoch gut für mich, so bekam ich als erstes mit, was geschehen war. Molly und ihre Mutter schienen wohl am heutigen Tage, ins Haus zurück gekehrt zu sein.

Weil die halbe Wohnung ausgeräumt war, schien Jaydens Mutter dann einen Tobsuchtsanfall bekommen zu haben. Sie schrie herum, schmiss mit Sachen um sich und Molly bekam sogar eine Ohrfeige, welche dann aus diesem Grund weggerannt war, direkt zu ihrem Vater.

Als dies Onkel Henry später erfuhr, war es aus mit der Ruhe. Abigail und Mum konnten ihn nur mit Mühe davon abhalten, etwas Unüberlegtes zu tun. Molly dagegen, hatte ein paar Klamotten ihres Bruders verpasst bekommen, die sie nur mit Widerwillen anzog.

Das Auspacken ging gut von statten, denn die leeren, zusammengefalteten Kartons stapelten sich bereits immer höher im Eingangsbereich.

„Wir lassen dich nicht alleine dahin fahren“, hörte ich Abigail im Hintergrund sagen.

Ich drehte meinen Kopf ein wenig, um besser hören zu können.

„Und wenn sie euch ebenso etwa an den Kopf wirft? Das kann ich nicht verantworten!“

„Henry“, hörte ich nun meine Mutter reden, „deine Tochter braucht etwas zum Anziehen und falls sie hier bleiben will, auch ihre Schulsachen und anderes!“

Onkel Henry atmete tief durch und rieb sich über das Gesicht.

„Ich habe meine Kinder total im Stich gelassen, oder?“

„Wie kommst du jetzt darauf?“

„Hätte ich mehr Zeit für meine Kinder gehabt, dann wäre es nicht zu so etwas gekommen.“

Ich war froh, dass die anderen drei dieses Gespräch nicht mitbekamen.

„Schaut euch Jayden an, er ist ein Stubenhocker, hat keine Freunde und was sein Selbstvertrauen betrifft…“

„Er ist jetzt mit Jack und Sabrina auf der Schule, ich denke, das wird sich geben, dafür kenne ich meinen Jack gut genug und zudem scheint die liebe Sabrina, Interesse zu haben“, sagte Mum.

„Davon habe ich gar nichts mitbekommen.“

„Solche Dinge kann man ändern Bruderherz“, meinte Abigail.

„… ich hätte nie gedacht, dass sie so soweit geht…“, meinte er und schüttelte den Kopf.

Dann sah er die zwei Frauen wieder an.

„Können wir die Kids alleine lassen?“

„Also Henry, wirklich, die „Kids“ sind alt genug“, meinte Abigail und Mum nickte.

*-*-*

Unter einem fadenscheinigen Grund, sie würden zu dritt den LKW zurück bringen, waren die drei Erwachsenen verschwunden. Sie hatten nicht mitbekommen, dass ich das Gespräch belauscht hatte.

Während Molly alleine auf dem großen Sofa saß und vor sich hinstarrte, waren Sabrina und Jayden dabei, sich gegenseitig zu ärgern. Ich ging in die Küche, füllte den Wasserkocher auf und schaltete ihn an.

Irgendwo hatte ich vorhin beim Einräumen Teebeutel gesehen. Die Tassen mussten auch schon ihren Platz haben. Es dauerte etwas, bis ich fündig wurde. Gerade richtig, denn das Wasser hatte gerade die Temperatur, um mir den Tee zu machen.

So befüllte ich zwei Tassen, versah sie mit einem Teebeutel und lief zurück zu Molly.

„Auch einen Tee?“, fragte ich und hob ihre eine der Tassen hin.

Sie schaute auf und ich erschrak etwas, denn mir schauten zwei hasserfüllte Augen entgegen.

„Du kannst dir den Tee, sonst wo hinstecken!“, schrie sie mich an und schlug mir die Tasse aus der Hand.

Die knallte polternd auf den Wohnzimmertisch und zerbrach. Vom Lärm angelockt standen nun auch Jayden und Sabrina im Zimmer.

„Was ist passiert?“, fragte Sabrina.

Geschockt über Molly‘s Reaktion, sagte ich nichts und fing an, die Scherben zusammen zu lesen.

„Warum hat Vater den herein gelassen, der ist doch an allem Schuld und…“

„Du weißt gar nichts, oder?“, unterbrach Jayden seine Schwester laut, „es ist besser, du hältst deinen Mund!“

Molly schien genauso überrascht wie ich, dass ihr Bruder so laut und böse werden konnte.

„Hör auf so mit unserem Cousin Jack zu reden, sonst kannst du dir gleich wieder deine Klamotten schnappen und zu deiner ach so tollen Mutter zurück kehren!“

„Es ist auch deine Mutter und…“

„ …ich schäme mich, dass ich so eine Mutter habe“, unterbrach Jayden schreiend abermals Molly, „sie ist doch schuld, dass alles so geendet hat. Wäre sie nicht so Geldgeil, wäre Jacks Vater unser Onkel, Grandpas Sohn nie ums Leben gekommen!“

Oje, das hatte gesessen, Molly’s Augen füllten sich mit Tränen, meine aber ebenso. Irgendwie wurde mir jetzt flau im Magen und musste mich setzten.

„Was redest du da, so etwas würde Mama nie tun!“, sagte Molly entsetzt.

„Die Frau, die du so liebevoll Mama nennst, hat hinter Papas Rücken Dokumente fälschen lassen, wegen denen Jacks Vater in Misskredit kam und als Betrüger da stand!“

„Das ist nicht wahr…“

„Doch Papa hat noch alle Aufzeichnungen, er hat mir das gezeigt. Wenn der Betrug nicht verjährt wäre, säße deine „Mama“ jetzt im Knast.“

Während Jayden mit hochrotem Kopf, die Hände in den Seiten, schwer schnaufend, vor uns stand, wurde Molly nun ganz blass. In mir stieg die Übelkeit auf. Ich stellte meine Tasse auf den Tisch und rannte ins Bad.

„Jack…?“, hörte ich Sabrina rufen, aber da hing ich schon über der Toilette und kotzte mir die Seele aus dem Leib.

„Da sehr ihr, was ihr angerichtet habt“, hörte ich Sabrina schreien.

Wenig später tauchte sie neben mir auf.

„Mein Gott, Jack…“, sagte sie, da war ich bereits kraftlos neben der Kloschüssel zusammengesunken und weinte.

Ich wusste doch von der Sache, warum nahm mich das jetzt so mit? Mama und Großvater hatten doch mit mir darüber geredet und Großvater sich bei mir entschuldigt. Kurzatmig, versuchte ich aufzustehen, hatte aber meine Schwierigkeiten.

Erst als Sabrina und auch Jayden mich hoch zogen, kam ich wieder auf die Füße. Sabrina drehte den Wasserhahn auf und tunkte einen Lappen ins Wasser.

„Wasch erst einmal dein Gesicht ab“, meinte sie leise, während Jayden mich immer noch stütze.

„Jack… es tut mir leid, ich wollte…“

Ich hob meine Hand und er verstummte.

*-*-*

In eine Decke gehüllt, saß ich wieder auf dem Sofa und hielt mich an meinem Tee fest. Neben mir waren Sabrina und Jayden. Molly saß uns gegenüber, immer noch so blass, wie vorhin. Bisher hatte sie nichts mehr gesagt.

„Jack hat mir nie etwas darüber erzählt“, hörte ich Sabrina sagen.

„Ich habe das erst erfahren, als uns Opa zum ersten Mal besucht hat…, danach hat mir Mama alles erzählt.“

„Du wusstest davon?“, fragte Jayden erstaunt.

Ich nickte.

„Aber Mama ging davon aus, dass Henry, dein Vater mit von der Partie war“, meinte ich tonlos und starrte weiterhin in meine Tasse.

„… aber…, aber…“, Jayden verstummte, wusste wohl nicht, was er sagen sollte.

„Das ist ja wirklich heftig!“, meinte Sabrina.

Es wurde still und niemand sagte etwas, nur die Atemgeräusche waren zu hören.

„… so gesehen“, redete Jayden plötzlich leise weiter, „hat Papa doch Mitschuld.“

„Wieso?“, kam mir Sabrina zuvor.

„Er hätte alles aufklären können, aber er schwieg…“

Je länger ich Jayden kannte, um so eine positivere Meinung bekam ich von ihm. Nie hätte ich gedacht, dass er so ein kluges Kerlchen war.“

„Er hat sich bei mir entschuldigt!“, meinte ich.

„Du musst uns doch deswegen hassen!“

Ich schaute auf und sah in Jaydens glasige Augen.

„Warum soll ich euch hassen, Jayden? Du und Molly habt doch gar nichts damit zu tun… wart ihr da überhaupt schon auf der Welt? Und… eure Eltern sind nur indirekt Schuld an der Sache… hätte es an diesem Abend nicht so geregnet…, wäre der andere Fahrer nicht ungebremst in ihn hinein gefahren…, dann hätte sich vielleicht alles aufgeklärt…“

Einzelne Tränen liefen mir über die Wangen. Leise und traurig sprach ich weiter.

„Es ist geschehen …und niemand kann …mehr etwas daran ändern.“

*-*-*

Sabrina hatte ihren Arm um mich gelegt.

„Es… es tut mir… leid“, sagte plötzlich Molly.

„Schon gut Molly“, erwiderte ich, ich verstehe es… und wenn du mit meinem Schwulseins nicht klar kommst…, werde ich mich in Zukunft von dir fernhalten.“

Ich schaute auf und unsere Blicke trafen sich.

„Ich bin nach wie vor extrem Harmonie bedürftig und will nicht der Grund für irgendwelche Streitereien sein.“

Dann senkte ich wieder meinen Kopf.

„Ein Teufel wirst du“, sagte Jayden zu mir und boxte mich auf den Arm.

„Aua! Was soll das?“

„Das erste Mal in meinem Leben, habe ich einen richtigen Freund, mit dem ich über alles reden kann! Das erste Mal in meinem Leben mache ich das, was ich tun will und niemand mehr bestimmt über mich!“

Damit war sicher seine Mutter gemeint.

„Molly hin, Molly her, ich werde daran nichts ändern, weil meine Schwester Schwule Scheiße findet!“

„Das tu ich doch gar nicht“, wehrte sich Molly plötzlich, schwieg aber dann wieder.

„… und wie geht es jetzt weiter?“, wollte Sabrina nun wissen, nach dem eine kurze Pause entstanden war.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Ich werde auf alle Fälle nicht mehr zu… dieser Frau zurück gehen“, kam es leise von Molly.

„Du willst hier bei uns wohnen?“ fragte Jayden.

„Wenn Papa nichts dagegen hat…“

„Wieso sollte Papa was dagegen haben, du bist seine Tochter, er hat dich genauso lieb wie mich!“

„Ach ich weiß auch nicht. Ma…“, Molly verstummte kurz, „… sie hat so viel auf mich eingeredet, ich weiß nicht mehr, was richtig oder falsch ist. In meinem Kopf herrscht das totale Chaos.“

Das würde mir genauso gehen, eine regelrechte Gehirnwäsche, ich hoffte, dass sich das sicherlich irgendwann legen würde, wenn sie nicht mehr dieser Frau zusammen war, dachte ich für mich.

„Darf ich dich etwas fragen?“

Molly schaute ihren Bruder an.

„Was?“

„Bist du… bist du auch schwul?“

Jayden fiel die Kinnlade herunter und Sabrina fing laut an zu lachen. Abwehrend hob mein Cousin die Hände und fing an wild den Kopf zu schütteln.

„… aber du sagtest doch Freund und meintest sicher Jack damit.“

„Jack ist mein Cousin und mittlerweile ein guter Freund für mich…“

„Mama meinte, das wäre ein Grund, aber kein Hindernis“, sagte ich grinsend.

Wieder konnte ich fast seine Mandeln sehen und seine Augen wurden weit aufgerissen. Sabrina rutschte prustend von Sofa und bei Molly konnte ich ein winziges Lächeln entdecken.

„Ich… ich bin nicht schwul und zudem hat Jack doch schon einen Freund.“

Plötzlich hielt sich Jayden die Hand vor dem Mund.

„Ups…, entschuldige, dass hätte ich vielleicht nicht sagen sollen!“

„Wieso, jeder kann wissen, dass ich mit Taylor zusammen bin, ich hänge es nur nicht an die große Glocke!“

„Taylor?“, kam es von Molly.

„Ja Taylor, der bei Großvater sich um die Pferde kümmert!“

Molly ließ sich nach hinten fallen.

„Warum sind die süßesten Jungs immer vergeben oder schwul?“

Da hatte wohl noch jemand anderes ein Auge auf meinen Taylor geworfen.

„Ich bin süß?“, fragte ich gespielt erstaunt.

Sabrina kam aus dem Lachen nicht mehr heraus und rollte auf dem Teppich hin und her. Auch Jayden fing an zu kichern.

„Und zudem, dein Bruder ist auch süß und noch nicht vergeben, wenn ich das mal so sagen darf, also kann ich deine Theorie nicht bestätigen!“

Plötzlich verstummte Jayden neben mir und wurde knall rot.

„Was ist?“

„Das… das stimmt so nicht?“

„Dass du süß bist?“

Es war einfach herrlich Jayden aufzuziehen.

„Also Sabrina meinte, ich habe einen guten Geschmack!“

Etwas genervt verdrehte er die Augen.

„Nein… ich meine…, also … ich …“

„Jayden und ich sind zusammen!“, kam es plötzlich von Sabrina und richtete sich auf, etwas nach Luft schnappend.

„Ihr zwei?“, fragte Molly.

Die beiden nickten, Sabrina ließ sich neben Jayden nieder und kuschelte sich an ihn.

„Und wann wolltet ihr zwei mir sagen“, spielte ich nun den Empörten.

So fanden uns die Erwachsenen vor, die nun die Wohnung betraten. Es wurden Taschen und ein Karton auf den Boden gestellt.

„Alles klar bei euch?“, wollte Onkel Henry wissen.

Alle vier nickten wir gleichzeitig. Erst jetzt sah ich, dass Mama und Abigail recht zerzaust aussahen und Onkel Henry sich merkwürdig bewegte.

„Das sollten wir eigentlich euch fragen“, sagte ich.

Mum und Abigail ließen sich erschöpft auf den Stühlen des Esstischs nieder, während Onkel Henry sich zu uns setzte.

„Kinder…, ich muss euch da etwas erzählen.“

Damit waren wohl eher Jayden und Molly damit gemeint, so wollte ich aufstehen. Aber Jayden hatte sich an mich gelehnt und Sabrina hing immer noch angekuschelt an ihrem Freund. Ein sinnloses Unterfangen. Henry sah zu Molly.

„Da du etwas Richtiges zum Anziehen brauchtest und das Wochenende hier bleibst, haben eure Tanten und ich beschlossen, ein paar Sachen von dir zu holen.“

„Ihr ward bei dieser Frau?“, fragte Molly verwundert.

Sie hatte nicht Mama oder Mutter gesagt. Nun schaute Onkel Henry genauso verblüfft, wie seine Kids zuvor. Sein Blick wanderte zu Mum und Abigail, die zuckten aber beide fast gleichzeitig mit den Schultern. Onkel Henry räusperte sich.

„Auf alle Fälle“, sprach er weiter, „als wir am Haus ankamen, stand dort die Polizei.“

„Die Polizei?“, entfleuchte es Jayden.

„Ja, als wir das Haus betraten, sah es dort aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen…, wir wissen nicht wer die Polizei gerufen hat… ob Nachbarschaft, oder die Dienerschaft, sie hat mich jedenfalls dort stehen sehen und ist gleich auf mich losgegangen.“

„Du kannst den Kindern ruhig sagen, dass sie dich dort hingetreten hat, wo es euch Männer am meisten weh tut“, kam es von Mum und Abigail fing hinter vorgehaltener Hand an zu kichern.

Uns ging es ähnlich und ich musste mir wirklich das Lachen verbeißen, weil die Situation ja jetzt nicht so passend war.

„Ja…“, Henrys Kopf lief rot an und er hüstelte kurz…, „ Jack…, deine Mutter war dann ihr nächstes Opfer!“

Schockiert schaute ich zu Mum.

„Ja und wären Abigail und die zwei Polizisten nicht so beherzt eingeschritten, hätte ich jetzt sicher ein paar Haare weniger“, ergänzte Mum und versuchte erneut ihre Frisur zu richten.

Mir fehlten die Worte und anscheinend den anderen auch. Nur Sabrina versuchte immer noch verbissen, nicht los zu kichern. Da aber Mum und auch Tante Abigail beide lächelten, beruhigte ich mich sofort wieder.

„Was ich eigentlich damit sagen wollte…, eure Mutter wurde fest genommen…“

Molly sprang auf.

„Sie ist nicht mehr meine Mutter und ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben!“

Dann ließ sie sich überraschen direkt neben mir nieder.

„Aber Kind…“

Molly fiel ihm ins Wort.

„Jayden hat mir alles erzählt, was diese Frau alles getan hat!“

„Sie ist aber immer noch eure Mutter“, sagte Onkel Henry.

„Dafür schäme ich mich“, sagte Jayden und schaute zu Boden.

Hilflos schaute Onkel Henry zwischen uns und den beiden Frauen hin und her.

„Papa, darf ich hier bei euch wohnen…, ich will da nicht mehr hin.“

Onkel Henry erhob sich und lief zu Molly. Er ging vor ihr auf die Knie und streichelte ihr sanft über die Wange.

„Aber sicher Liebes kannst du hier wohnen…“

„Aber nicht in meinem Zimmer!“, kam es von Jayden.

Erstaunt schaute ich ihn an.

„Was denn? Ich bin achtzehn Jahre alt und habe auch Privatsphäre!“

Wie ich fingen auch Mum und Tante Abigail an zu grinsen.

„Du brauchst auf deine Privatsphäre nicht verzichten junger Mann“, dabei schaute Onkel Henry auf Sabrina, „wir werden einfach das Gästezimmer opfern und jeder hat seinen Freiraum.“

Molly fiel ihrem Vater um den Hals. Genau in dem Augenblick, fing ein Handy an, laut zu geben.

„Liebes…, das ist meins, könntest du mich kurz loslassen?“

Molly tat wie geheißen, Onkel Henry erhob sich und pfriemelte umständlich sein Handy aus seiner Hosentasche.

„Hallo?… Ja, der bin ich…Bitte? … Was?“… Ja, natürlich…Und wo? … In der Harley Street? … okay ich werde kommen… bye!“

Onkel Henry verstaute das Handy und kratze sich dann am Hinterkopf.

„Was ist passiert?“, fragte Mum.

Er seufzte.

„Olivia ist wohl sehr ausfallend geworden und hat die Polizisten recht derbe beleidigt. Und auf der Station muss sie wohl auf einen der Kollegen losgegangen sein. Sie haben sie überwältigt und ins London Psychiatrie Center gebracht.“

„Wie werden mitkommen!“, sagte Mum

„Nein, bleibt ihr doch hier bei den Kindern“, schüttelte Onkel Henry den Kopf.

„Ich werde mitgehen und Charlotte bleibt hier. Ich werde dich sicher jetzt nicht alleine lassen!“, sagte nun Abigail.

„Ich habe eine bessere Idee, Kinder, anziehen, wir gehen essen und ihr zwei, stoßt später zu uns“, sagte Mum.

Die Idee wurde von allen begrüßt.

*-*-*

Ich war gerade dabei meinen zweiten Burger zu verdrücken, als die Ladentür erneut aufging und Tante Abigail in Sicht kam. Ich hob die Hand und winkte ihr zu, damit sie uns besser finden konnte.

Direkt hinter ihr, betrat Onkel Henry ein. Er sah müde und niedergeschlagen aus, um Jahre gealtert. Irgendwie tat er mir jetzt leid. Wir rutschen etwas zusammen, damit die zwei sich setzten konnten.

„Soll ich euch etwas holen?“, fragte Mum.

Onkel Henry winkte ab.

„Einen Kaffee könnte ich jetzt vertragen“, antwortete Tante Abigail.

„Stimmt, denn könnte ich jetzt auch gebrauchen“, warf Onkel Henry ein.

Mum erhob sich und lief an die Theke. Gespannt sahen wir vier auf die Erwachsenen uns gegenüber, aber keiner der Beiden machte Anstalten irgendetwas zu sagen. Mum kam mit zwei dampfenden Bechern zurück und stellte sie auf den Tisch.

„Danke“, meinte Abigail und Mum legte Zucker, Milch und Löffel zwischen die beiden.

Auch Mum schaute die zwei jetzt an. Abigail wandte sich zu Henry.

„Ich weiß nicht, ob ich darüber reden kann, das war einfach zu heftig.“

„Aber deine Kinder haben ein Recht darauf, zu erfahren was mit ihrer Mutter geschehen ist“, sagte Abigail.

Er rieb sich über das Gesicht und atmete tief aus.

„Als wir dort ankamen, hatte man sie bereits in eine Zelle gesteckt und ihr eine Zwangsjacke verpasst und trotz Beruhigungsmittel schrie sie herum, wir konnten dass durch die verschlossene Tür hören.“

Mum legte ihre Hand auf Onkel Henrys Hand.

„Es ist zwar schlimm, aber es ist vielleicht besser so! Wer weiß was noch alles passiert wäre und jemand richtig zu Schaden gekommen wäre.“

Ich war nun verärgert, was diese Frau alles gemacht hatte, eine ganze Familie wäre dadurch fast zerbrochen. Nur dem lieben Geld willen und ihr Ansahen zu stärken. Wie konnte ein Mensch nur so sein.

„…so gesehen… hat sie ja schon jemand auf dem Gewissen…“, rutschte es mir heraus.

„Jack! So darfst du nicht reden!“, kam es scharf von Mama, „es war ein Unfall und dafür kann niemand etwas…, naja vielleicht der andere Fahrer…“

Sie war am Schluss leiser geworden und eine einzelne Träne kullerte über ihre Wange. Abigail strich ihr über den Rücken.

„Ich füll mich richtig mies“, sagte Onkel Henry.

„Vergiss es einfach, Henry“, meinte Mum und wischte sich über die Augen.

„Das meinte ich nicht…, ich habe unterschrieben, dass man Olivia dauerhaft einweist!“

*-*-*

„Und es macht dir wirklich nicht aus?“

„Abigail, sonst hätte dir das nie angeboten! Ich möchte nicht, dass du bei dem Regen noch nach Newbury fährst!“

Abigail ließ sich auf dem Sessel nieder. Ich konnte nicht anders und gähnte.

„Wenn ihr nichts dagegen habt, ich geh ins Bett“, meinte ich und winkte den beiden zu.

„Kein Problem Jack, du hast heut auch ordentlich angepackt. Gut Nacht…schlaf gut“, meinte Mum.

„Gute Nacht, Jack…“, kam es vom Abigail.

*-*-*

Nach dem Gang ins Bad, ließ ich mich ins Bett fallen, konnte aber nicht einschlafen. Es war einfach zu viel passiert. Es freute mich, dass Tante Abigail geblieben war. Ich dachte, dass sie sicher nach den Geschehnissen, jetzt einfach nicht allein bleiben sollte.

Mum hatte schon recht, bei so einem Regen sollte niemand mehr Auto fahren. Etwas traurig dachte ich an meinen Vater. Je mehr ich über ihn hörte, spürte ich, wie sich das Gefühl breit machte, dass ich ihn gerne kennen gelernt hätte.

Ich seufzte und schlug meine Decke zurück. Vielleicht half mir ein warmer Tee, oder Milch wieder herunter zu kommen. Als ich in die Küche kam, erschrak ich etwas, denn da saßen  Mum und Tante Abigail.

„Nanu, ich dachte du schläfst schon längst“, meinte Mum.

„Kann nicht einschlafen…“, antwortete ich.

Sie hob ihre Augenbraun.

„Verständlich…, auch einen Tee, das Wasser müsste noch heiß sein…“

Ich nickte und ging zum Küchenschrank, um mir eine Tasse heraus zu holen.

„Bin ich froh, dass dies alles Vater nicht mitbekommen hat. Wir sollten es ihm vielleicht auch nicht sagen“, meinte Tante Abigail zu Mum.

Diese nickte.

„Wir hatten aber ausgemacht, keine Geheimniskrämerei mehr“, wandte ich ein, „wir sollten es ihm erzählen.

„Nicht jetzt, Jack!“, sagte Mum, „sein Gesundheit mag zwar jetzt stabil sein, aber er ist alt und das könnte ihn erneut schwächen.“

Ich hielt kurz inne und schaute Mum lange an.

„Vielleicht hast du Recht. Ihr müsste das aber auch mit Onkel Henry besprechen, dass sich Molly und Jayden nichts Unvorhergesehenes heraus rutscht.“

„Da gebe ich dir Recht, ich rufe ihn gleich morgen früh an“, sagte Abigail.

„Komm setz dich“, meinte Mum und tätschelte auf den Stuhl neben ihr.

Ich ließ mich nieder und zupfte an der Schnurr meines Teebeutels, der munter in heißen Wasser auf und ab hüpfte.

„Wann kommt ihr zu Weihnachten?“, fragte nun Tante Abigail, „wie lange kannst du deinen Laden schließen?“

Mum schaute auf ihre Tasse.

„Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, ob ich den Laden nach Weihnachten wieder öffnen soll?“

„Wieso das denn?“

„Seit wir von euch zurück gekommen sind, habe ich das Gefühl jemand blockiert mich. Händler meiden mich plötzlich und die Kundschaft ist auch weniger geworden…“

„Davon hast du mir gar nichts gesagt?“, meinte ich geschockt und plötzlich wieder hell wach.

„Olivia?“, fragte Tante Abigail.

Ich schaute zwischen den zwei Frauen hin und her.

„Der Gedanke kam mir auch schon…, Beziehungen dazu hatte sie sicherlich.“

„Denkst du nicht, dass sich jetzt automatisch legt, wenn die anderen erfahren, was mit ihr passiert ist. Du weißt, so etwas spricht sich schnell herum.“

„Ich weiß es nicht. Ich mach mir mehr Sorgen, ob ich den Laden überhaupt so halten kann. Mein Vermieter hat angekündigt, dass er Anfang nächsten Jahres die Miete erhöhen will und wenn die Einnahmen weiter sinken, kann ich mir beides, den Laden und diese Wohnung nicht mehr leisten. Verliere ich den Laden, muss ich mir einen neuen Job suchen, damit ich die Miete für die Wohnung aufbringen kann und leben wollen wir ja schließlich, auch noch irgendwie. Es tut mir leid, Jack, dass ich dir nichts davon erzählt habe…, aber jetzt, mit den vielen Arbeiten vor Weihnachten, ich wollte nicht, dass du deswegen abgelenkt bist.“

Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte, aber schüttelte nur den Kopf und griff nach ihrer Hand.

„Eigentlich ist es ja die Überraschung meines Vaters und er wollte euch das zu Weihnachten sagen, aber ich denke, jetzt ist ein guter Zeitpunkt, es loszuwerden.“

„Was?“, wollte Mum wissen.

Abigail lächelte.

„Wie du vielleicht weißt, gehört einiges zu Vaters Besitzungen, was eigentlich später alles seine Kinder Erben sollten.“

„Ich will nichts von dem Erbe, schon gar nichts geschenkt!“

Mums Gesichtsausdruck versteinerte sich.

„Charlotte, jetzt hör mir doch erst einmal zu.“

Mum nickte und sagte nichts weiter.

„Zu diesen Besitzungen gehört auch ein Haus hier in London, dass rein zufällig“, Abigail lächelte bei diesen Worten, „über einen Laden und eine freie Wohnung verfügen…, beides etwas größer, als diese und dein Laden jetzt.“

Mum schaute Abigail lange an und wandte sich dann an mich. Aber ich war nun genauso ratlos und überrascht wie sie. Dann drehte sie ihren Kopf wieder zu Abigail.

„Wie gesagt, geschenkt will ich das nicht haben, ich würde genauso meine Miete dann an ihn zahlen.“

„Nicht an ihn…, sondern an Jack.“

„Jack?“

Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

„Charlotte, ich habe es selbst nicht gewusst. Als Vater damals in der Stadt war, um unser Familienbuch zu ändern, muss er wohl auch beim Notar gewesen sein und hat Jack das Haus überschrieben.“

„Er hat was?“, fragte nun ich.

„Ich weiß nur davon, weil er wohl kurz vor der Operation kalte Füße bekommen hatte und alles geregelt haben wollte.“

Mum grinste mich an. Ich verstand das nicht, warum grinste sie jetzt.

„Der alte Fuchs…“, meinte sie nur.

„Ich versteh jetzt gar nichts mehr“, sagte ich und ließ mich resigniert nach hinten fallen.

„Erinnerst du dich, an den ersten Besuch deines Großvaters?“

„Ähm ja, aber warum fragst du?“

„Erinnerst du dich, was ich zu ihm gesagt habe?“

„Du hast viel gesagt.“

Abigail kicherte.

„Ich meine im Bezug aufs Geld.“

„Das du nichts von ihm haben möchtest!“

„Und?“

„Was und?“

„Im Bezug auf dich…“

Ich dachte angestrengt darüber nach und plötzlich fiel mir es wieder ein. Mum grinste mich weiter an und ich begann zu nicken.

„Dein Großvater wünschte, alleine deine Kosten der Ausbildung zu übernehmen…“

„Und du sagtest….“, begann ich.

„… dass dies sein gutes Recht sei, als dein Großvater“, beendeten wir den Satz gemeinsam.

Abigail lachte.

„Und was hat das jetzt mit dem Haus zu tun, warum gehört das jetzt plötzlich mir?“

„Verstehst du nicht? Er wusste, dass ich das niemals annehmen würde, aber da er es auf dich hat übertragen lassen, kann ich schlecht Nein sagen, denn es ist ja für dich und deine Zukunft gedacht.“

Ich musste kichern.

„Opa ist ja ein ganz schlauer!“.

Nun lachten wir alle drei.

*-*-*

„Das Klingeln der Haustür weckte mich und ich schielte auf meinen Wecker. Es war kurz vor neun. Wer katte den Nerv, uns am Sonntagmorgen so früh uns zu besuchen? War es Onkel Henry? Ich hörte Mamas Stimme, verstand aber kein Wort. Kurz darauf klopfte es an meiner Tür und Mum schaute herein.

„Morgen! Wach genug, um Besuch zu empfangen?“, fragte Mum.

„Auch guten Morgen, wer ist es denn? Sabrina… Jayden?“, meinte ich und gähnte.

„Geh nur rein, er ist sicher sofort hell wach, wenn er dich sieht“, hörte ich Mum sagen und die Tür wurde weiter aufgeschoben.

„Taylor!?“, rief ich erstaunt, als ich meinen Freund breit strahlend das Zimmer betraten sah.

„Taylor, gebe mir deine Jacke und Schal, ich häng sie im Flur auf.“

„Danke, Mrs. Newbury, sehr freundlich von ihnen!“

„Taylor, das heißt Charlotte und du, du bist der Freund meines Sohnes!“

„Aber ich kann…“

„Doch kannst du!“

„Danke Mrs… äh… Charlotte.“

„Mit rotem Kopf zog er den beigen Schal aus und entledigte sich seiner Jacke. Beides reichte er Mum, die, ohne ein weiteres Wort, lächelnd das Zimmer verließ und die Tür hinter sich zu zog.

„Taylor…“, sagte, immer noch keines Wortes mächtig.

„Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, aber als ich heute überraschend frei bekommen habe, kam mir der Gedanke, dich zu besuchen…“

„Wow…cool!“

„Du bist mir nicht böse?“

Ich setzte mich nun auf.

„Wieso sollte ich dir böse sein? Hättest du etwas gesagt, wär ich früher aufgestanden und hätte dich am Bus abgeholt.“

„Ich bin mit dem Zug gekommen…“

„Egal“, meinte ich, schnappte seine Hand und zog ihn zu mir.

Taylor total überrascht stolperte und landete direkt auf mir. Ein „Uffz“ entfleuchte mir, denn mein Freund war nicht gerade leicht. Aber ich nutze die Gelegenheit, ihn so nahe bei mir zu haben und drückte ihm einen Kuss auf dem Mund.

„Guten Morgen“, lächelte ich ihn an, als wir uns trennten.

„Guten Morgen, Jack“, strahlte mich Taylor an.

Ich hielt ihn immer noch fest umarmt.

„Habe ich dich vermisst!“

„Ich dich auch…, wir telefonieren zwar fast jeden Abend“, meinte Taylor leise, „aber dich zu sehen… und zu spüren, ist etwas anderes.“

Ich antwortete nicht darauf, sondern zog ihn erneut zu mir, um ihn erneut küssen zu können. Plötzlich klopfte es an der Tür und Taylor sprang erschrocken auf. Mum steckte wie vorhin den Kopf herein.

„Taylor, du hast doch sicher noch nichts gefrühstückt.“

Mein Freund schüttelte zaghaft den Kopf.

„Dann bring meinen Sohn dazu aufzustehen, dann gibt es in zehn Minuten Frühstück!“

„Danke“, sagte Taylor nur und schon war sie wieder verschwunden.

Etwas unsicher schaute er wieder zu mir. Ich lächelte ihn an, spürte den vollen Tatendrang, der plötzlich in mir keimte und stand auf. Aber spätestens einen Schritt später, hing ich schon wieder an Taylor Lippen.

*-*-*

Es dauerte natürlich mehr als zehn Minuten, als mein Schatz und ich die Küche betraten. Dort blieb dieser, wie angewurzelt stehen.

„Mrs. Newbury… guten Morgen…, ich wusste nicht, dass sie hier sind“, sagte Taylor und verneigte sich leicht.

Abigail. An sie hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht.

„Morgen“, meinte ich etwas verlegen und kratze mich am Hinterkopf.

„Morgen Taylor! Morgen Neffe!“, strahlte sie uns an.

„Setzt euch Kinder, der Toast wird kalt“, meinte Mum und schenkte Tee ein.

Ich wies Taylor seinen Platz und setzte mich neben ihn.

„Wenn ich gewusst hätte, dass du heute zu Jack willst, hätte ich dich gestern schon mit hierher genommen!“, sagte Abigail.

„Aber…, aber James hat mir doch erst gestern Mittag gesagt, dass ich heute frei habe…“

„Nachdem ich James am Morgen gesagt habe, dass du Sonntag frei hast.“

Darauf sagte mein Schatz nicht.

„Stimmt, dann hätten wir eine helfende Hand mehr gehabt und mein Herr Sohn wäre dir auf ewig dankbar gewesen“, meinte Mum grinsend und biss in ihren Toast.

Ich griff ebenso nach dem Toast und legte eine Scheibe auf Taylors Teller.

„Danke“, meinte er schüchtern.

„Taylor“, kam es von Abigail und er schaute auf.

„Da du meine Schwägerin und Jack beide mit Vornamen anredest, fände ich es toll, wenn du dass bei mir auch tun würdest! Du gehörst ja jetzt sozusagen zur Familie.

„Aber…, aber… was wird ihr Vater sagen? Das ist nicht Recht!“

Abigail lächelte breit.

„Es würde mich nicht wundern, wenn mein Vater dir bald anbieten wird, Großvater zusagen!“

Mit großen Augen schaute Taylor von einem zum anderen.

„… wirklich?“

Abigail grinste.

„Dann wär das schon mal geregelt. Kinder greift zu!“, sagte Mum.

„Da wäre noch etwas…“, unterbrach sie Abigail.

„Ja? Was denn noch?“

„Ich habe auch erfahren, dass Vater Taylor auf der University College London angemeldet hat…“

Nur das Geräusch meines herunterfallenden Löffels auf den Teller war nun zu hören.

„Der Earl macht wohl gerne Nägel mit Köpfen“, meinte Mum.

„Scheint so“, kam es von Abigail.

„Du wirst in London studieren!“, strahlte ich Taylor an, nach dem ich wieder meine Fassung gefunden hatte und den Umfang des Erwähnten erfasst hatte..

Taylor dagegen saß nur starr da und schaute auf Abigail.

„… wirklich?“, war sein erstes Wort.

„Ja, Taylor, du kannst es mir ruhig glauben!“

„… aber ich weiß nicht… dass kostet sicher viel Geld…, meine Schwester…, ich muss sie erst fragen, ob sie damit einverstanden ist.

Abigail winkte ab.

„Das ist alles bereits geregelt und um das Geld brauchst du dir auch keine Gedanken machen.“

Erst jetzt ließ Taylors Anspannung nach. Er sank ein wenig in sich zusammen.

*-*-*

Da ich wusste, Sabrina würde mir nie verzeihen, wenn sie erfuhr, dass Taylor in der Stadt war und ich ihn ihr nicht vorgestellt hatte, rief ich sie einfach an. Da ich wusste, dass sie mit Garantie am Mittag nichts vorhatte, denn Jayden war ja mit seinem Vater und Molly Großvater besuchen, verabredeten wir uns zu einem kleinen Teeplausch im Cafe an der Ecke, dass in der Nähe unserer Schule lag.

Da Taylor nicht auf den Zug zurück musste, weil ich Abigail angeboten hatte, ihn mit zunehmen, war dies nun auch zeitlich möglich. Taylor war etwas aufgeregt, denn er wusste nicht, ob ihn meine beste Freundin für Recht befand, mein Freund zu sein.

Natürlich versuchte ich ihm diesen Quatsch gleich auszureden, doch seine Nervosität blieb. Als wir das Cafe betraten, kam uns warme Luft entgegen, getränkt mit dem Duft von Tee und süßen Gebäck.

Taylor machte große Augen, als er die Auslage mit den vielen Leckereien sah. Schnell war ausgesucht, was wir wollten und fanden einen kleinen Tisch am Fenster mit drei Stühlen. Es dauerte nicht lange, da bekamen wir bereits unseren dampfenden Tee und das Gebäck.

„Und du bist wirklich sicher, dass Sabrina nichts gegen mich hat?“

Ich griff nach seiner Hand.

„Taylor, du musst mir glauben, Sabrina hat bestimmt nichts gegen dich, dazu kenne ich sie schon viel zu lange, außerdem kannst du sie das gleich selbst fragen, sie kommt gerade herein.“

Das schnell Aufspringen und der umfallende Stuhl zog die Aufmerksamkeit der Nachbartische auf uns. Taylor hob mit hochrotem Kopf, seinen Stuhl wieder auf, als Sabrina uns erreichte.

„Hoppla, nicht so stürmisch junger Mann! Hallo Jack…“

„Hallo Sabrina…, darf ich dir Taylor vorstellen?“

„Das dachte ich mir, er sieht natura noch besser aus, als auf deinen Bildern“, meinte sie und hob ihre Hand, „hallo Taylor.“

Das rot war aus seinem Gesicht nicht gewichen und jetzt tat er mir irgendwie leid.

„Hallo…Sabrina.“

„Setzten wir uns doch, Sabrina, weißt du schon was du möchtest?“

„Scones, wie immer, die sind hier am besten!“

„Kommt sofort“, lächelte ich und lief zur Theke.

Ich machte meine Bestellung und lief zurück zu unserem Tisch. Natürlich redete nur Sabrina und Taylor saß da und hörte ihr zu.

„Na, über was redet ihr zwei?“, fragte ich scheinheilig, obwohl ich wusste, dass Taylor nicht zu Wort kam.

„Über deine Schandtaten, wie du reihenweise Männerherzen brichst!“

Taylor fing plötzlich an zu lachen, während ich mich setzte. Sabrina war Widererwartens plötzlich still, das hatte noch niemand fertig gebracht. Sabrinas Tee und Scones wurden gebracht mit Butter und Marmelade.

„Jack, du musst mir glauben, egal was Sabrina erzählt würde, ich hätte es nie und nimmer geglaubt.“

Schockiert ging Sabrinas Mund auf und nun war ich derjenige, der zu lachen anfing. Ich strahlte meinen Schatz an und hob meinen Daumen nach oben. Sabrina konnte man eben gut mit ihren eigenen Waffen schlagen.

„Taylor, du bist der erste, der es schafft, Sabrina zum Schweigen zu bringen!“

„Oh, entschuldige, habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein!“

„Boah, jetzt hab ich zwei von euch…“

Sie redete nicht weiter, zu tief saß wohl der Schock, dass Taylor ihr so einfach Widerworte gab. Ich dagegen war glücklich, dass mein Freund seine Scheu vor Sabrina verloren hatte.

„Bleibst du länger?“, wollte meine Tischnachbarin wissen.

„Nein, Tante Abigail nimmt ihn nachher mit nach Hause“, antwortete ich.

„Ich muss morgen um sieben wieder im Stall stehen“, fügte Taylor hinzu.

„Das wäre nichts für mich“, meinte Sabrina, „zu dem habe ich Angst vor den Viechern.“

„Das sind keine Viecher!“

Oh, da hatte sie wohl einen wunden Punkt meines Freundes gefunden.

„Pferde sind etwas Schönes! Ein Pferd ist klug, graziös… elegant! Man sagt, ein Pferd hat nur deswegen vier Beine, damit es sein großes Herz tragen kann. Hast du einmal sein Vertrauen gewonnen, hast du ein Freund fürs Leben! Sie vergessen nie etwas, aber vergeben gerne!“

Wow, jetzt war ich platt. Ich wusste ja, dass er Pferde liebte. Es war sein Hobby und jetzt machte er es zum Beruf. Aber Taylor strahlte jetzt förmlich, als er dies gerade sagte.

„Okay, aber Angst habe ich trotzdem.“

„Dann wirst du bei Taylor Reitstunden nehmen müssen“, grinste ich.

„Ja, Angst vergeht, wenn man sich ihr stellt!“, kam es nickend von Taylor.

„Und wie soll ich das bewerkstelligen, Newbury ist ja nicht gerade in der Nachbarschaft.“

„Du bist Jaydens Freundin, meinst du, er möchte dich nicht seinem Großvater vorstellen?“

„Sabrina ist Jaydens Freundin?“, fragte Taylor überrascht.

Stimmt, das hatte ich ihm noch nicht erzählt, wie vieles, was an diesem Wochenende vorgefallen war.

„Ich denke, der hat jetzt ein paar andere Probleme, als mich mit nach Newbury zu nehmen.“

Wieder verstand Taylor nicht, worüber wir redeten und sah mich fragend an.

„Entschuldige, das konnte ich dir noch nicht erzählen“, meinte ich zu ihm.

„Du musst dich doch nicht entschuldigen, Jack, das sind Familienangelegenheiten.“

Ich griff nach seiner Hand.

„Zu dieser Familie, gehörst du jetzt auch, du bist mein Freund!“

Er war wieder am rot werden.

„Oh Gott, wie romantisch“, säuselte Sabrina und schob sich ein Stück ihrer Scones in den Mund.

„Tante Olivia ist dir doch bekannt?“

„Das du noch Tante sagst…“, kam es von Sabrina.

Ich winkte ab.

„Ja, die Mutter von Jayden. Ich hatte zum Glück nicht viel mit ihr zu tun, sie kann Pferde nicht ausstehen.“

„Die sie bestimmt auch nicht…“

Sabrina kicherte. Ich beugte mich etwas zu Taylor und begann leise zu erzählen. Taylors Augen wurden immer größer.

„Das glaub ich jetzt nicht…, wirklich?“

Sabrina und ich nickten fast gleichzeitig.

„Wie kann ein Mensch nur so sein?“, wollte Taylor wissen.

„Leute die nicht genug in den Hals kriegen, denen Ansehen und Geld wichtiger sind, als die eigenen Familie!“, erklärte Sabrina gefrustet.

Das Jayden unter dieser Frau litt, war ihr wohl auch nicht verborgen geblieben.

*-*-*

Traurig hatte ich dem Auto, mit Abigail und Taylor hinterher gesehen und Mum mich in den Arm genommen. Aber es waren auch nur noch ein paar Tage bis Weihnachten, bis ich ihn wieder sah. Also einen Grund zum freuen.

An diesem Abend, beschlossen Mum und ich noch etwas anderes. Wir entschieden gemeinsam, Mamas Schuhladen zu Weihnachten zu schließen. Sie setzte, in den nächsten Tagen, so gut sie konnte, die meisten Schuhe auf Rabatt, um wenigstens vor Weihnachten noch einen großen Teil der Schuhe loszuwerden.

Sabrina und ihre Mutter hatten wohl kräftig Werbung dafür gemacht, denn der Laden war plötzlich jeden Mittag voll. Wenn ich Mama nicht helfen konnte, stellte sich Tante Abigail zur Verfügung und half gerne.

Als wir zum ersten Mal das Haus betraten, mein Haus, waren wir doch angenehm überrascht. Das etwas größer von Tante Abigail, wie sie meinte, stellte sich als doppelt so groß heraus. Laden, sowohl auch die Wohnung.

Da die Wohnung, nach Auszug des Vorgängers komplett renoviert worden war, mussten wir fast nichts machen. Für unsere alte Wohnung war schnell ein Nachfolger gefunden, so kamen wir ohne Probleme aus dem Vertrag.

Beim Laden stellten wir fest, dass der Besitzer, wohl froh darüber war, das Mama zum nächst möglich Zeitpunkt kündigte. Der Verdacht, dass er aus diesem Grund die Miete erhöht hatte und eventuell da auch Olivia ihre Hände im Spiel hatte, konnten wir ihm aber leider nicht nachweisen.

Zwei Tage vor Weihnachten, hatte Mum den Laden dann zum letzten Mal geöffnet. Die Schule war für dieses Jahr vorbei und meine Noten wie erwartet recht gut. So konnte ich problemlos ganz für meine Mutter da sein.

Wir boten Tee und Plätzchen an und Sabrina und ihre Mutter ließen es sich nicht nehmen, an diesem letzten Tag, ebenso zu helfen. Man beteuerte immer wieder, wie schade es wäre, das Mum den Laden schließen würde.

Davon hatte man aber vorher nichts gemerkt. Abigail war nicht da, sie hatte eine andere Aufgabe übernommen, nämlich Großvater aus dem Krankenhaus zu abzuholen. Er wurde heute entlassen.

Ich war gerade dabei, neuen Tee zu kochen, als vor dem Laden eine große schwarze Limousine hielt. Als dann plötzlich Tante Abigail in mein Blickfeld trat, ließ ich alles liegen und stehen und zwängte mich an den Leuten vorbei nach draußen.

Gerade als ich den Laden verließ, öffnete Abigail die Hintertür und mein Großvater kam ins Blickfeld.

„Grandpa“, rief ich, während ich fast Tante Abigail umstieß, als ich Großvater heraus helfen wollte.

„Nicht so stürmisch, junger Mann!“, meinte Tante neben mir.

„Ja, so sicher bin ich noch nicht auf den Beinen“, fügte Grandpa hinzu, als er endlich stand.

Trotzdem begrüßte ich ihn mit einer Umarmung.

„Das ist also der Laden deiner Mutter“, meinte er und schaute sich um.

„War…, heute ist ja der letzte Tag geöffnet“, erinnerte ich ihn.

Er schaute zu seiner Tochter.

„Und du bist sicher, dass Olivia nicht ihre Finger im Spiel hatte?“

Geschockt sah ich Abigail an. Hatte sie sich gegen unsere Entscheidung gestellt und Großvater alles erzählt? Abigail schaute zu mir.

„Dein Onkel hat beschlossen, seinen Neustart, ohne irgendwelche Geheimnisse zu begehen und deinem Großvater alles erzählt.“

Wieder sah ich zu Großvater, der aber lächelte.

„Gehen wir hinein, oder darf ich nur durchs Schaufenster schauen?“, fragte er.

Auch ich lächelte nun und führte ihn in den Laden.

*-*-*

Mum schloss die Ladentür und drehte das Eingangsschild auf geschlossen.

„Das war es dann wohl“, meinte sie und drehte sich zu uns.

Sie lächelte zwar, aber schaute traurig. Ich ging zu ihr hin und umarmte sie.

„Es tut mir leid, Charlotte…“, kam es von Großvater.

„Du musst dich nicht entschuldigen, Joseph. Es kommt alles so wie es kommen muss. Wer weiß für was es gut ist.“

„Aber es ist dein Laden, den du unter größter Mühe aufgebaut hast“, sagte nun Abigail.

Sabrina und ihre Mutter hatten aufgehört, das benutzte Geschirr in die Körbe zu räumen, es machte einfach zu viel Lärm.

„Stimmt…, aber um es mit Jacks Worten zu sagen, wenn man voran kommen will, muss man das Alte gehen lassen. Dank Joseph habe ich die Möglichkeit dazu. Danke Joseph wirklich herzlich Dank!“

Nichts mehr war von der Bitterkeit zu hören, dass ihr der verhasste Schwiegervater einen Neustart ermöglichte. Warum, wusste ich nicht. War sie es einfach leid?

„Nichts zu danken Charlotte, ich tu es gerne!“

Mum nickte. Ihren Gesichtsausdruck, konnte ich aber nicht deuten.

„So, räumen wir noch zusammen und machen sauber, dann kann ich morgen den Schlüssel abgeben und dann heißt es Weihnachtsferien“, sagte sie und klopfte mir auf die Schultern.

„Ich habe bereits Weihnachtsferien“, entgegnete ich und streckte ihr die Zunge heraus.

„Tze, kaum Baron und schon eins auf faul machen“, kam es von Sabrina.

„Sabrina!“, kam es entsetzt von ihrer Mutter und Großvater lachte.

Während ich mich um die leeren Schuhkartons kümmerte und dabei ein Gespräch mit Großvater begann, kümmerten sich die Damen darum, dass der Laden sich langsam leerte. Am Schluss standen neben dem Eingang die Karton mit den restlichen Schuhen, ein paar Mülltüten und die Körbe mit dem Geschirr. Gerade als wir aufbrechen wollten, klopfte es an der Ladentür.

„Wir haben geschlossen“, rief Mum laut.

„Ähm Mum, das ist Onkel Henry.“

„Was will der denn hier?“, fragte sie.

„Jetzt, wo die Arbeit getan ist“, meinte Tante Abigail.

Großvater lächelte und Mum schloss die Ladentür auf.

„Junger Mann wir haben geschlossen“, meinte sie nur und Onkel Henry begann zu lachen.

„Das ist aber schade…, kann ich die Damen dafür zum Essen einladen?“

Mum zog die Tür ganz auf und Onkel Henry kam herein. Sein Blick viel auf Großvater.

„Oh, hallo Vater, ich wusste gar nicht, dass du hier bist!“

„Hallo Henry, ja das hat sich so ergeben.“

„Du meinst das Ernst, mit der Einladung?“, meinte Mum.

„Aber sicher“, antwortete Onkel Henry.

„Auf mich und Vater wirst du verzichten müssen, denn wir werden jetzt aufbrechen. Bis Newbury ist es noch ein Stück zu fahren“, sagte nun Abigail.

„Und ich werde nach Hause gehen, es sind ja nur Damen eingeladen“, spielte ich empört geziert.

Alles begann zu lachen. Allgemeine Aufbruchsstimmung begann.

„Jayden wäre arg böse, wenn ich dich nicht mitbringen würde“, entgegnete Onkel Henry.

„So, da bin ich mir nicht ganz sicher. Der will doch sicher jemand anderes sehen.“

Mein Blick fiel auf Sabrina, die mir sogleich die Zunge heraus streckte.

„Die Damen sind natürlich auch eingeladen“, meinte Onkel Henry.

„Oh, da werde ich den jungen Mann endlich mal kennen lernen, der dir den Kopf verdreht hat?“, kam es von Sabrinas Mutter und wieder ging ein Lachen durch den Laden.

*-*-*

„So, der Laden ist Geschichte, die Koffer sind gepackt, fehlt eigentlich nur Sabrina, wo bleibt sie den nur?“

Ich grinste Mum an. Seit sie wusste, wie es weitergehen würde, hatte sich ihre Verfassung grundlegend verändert. Das ewig traurige Gesicht war verschwunden, der grübelnde Ausdruck darauf verblasst.

Da der Umzug des Ladens und auch der Wohnung zu viel gewesen wäre, hatten wir einfach beschlossen, die Wohnung noch einen Monat länger zu nutzen und dann Ende Januar völlig die Zelte hier abzubrechen.

Dafür mussten wir zwar die Mieterhöhung in Kauf nehmen, da der liebe Vermieter auch die Miete der Wohnung anhob, aber das war uns schlichtweg egal. Es war heraus gekommen, dass wir die einzigen Mieter im Haus waren, deren Geldbeutel mehr geschröpft werden sollte.

Abigail und Henry bestanden zwar darauf, dass wir einen Anwalt nehmen und gegen diese Unverschämtheit, wie sie es nannten, angehen sollten, aber darauf hatten wir keine Lust.

Mum meinte nur, wenn dieser Mann zusätzliche Forderungen stellen würde, dann würde sie mit dem Anwalt drohen und die Sache publik machen. Der Türgong ging und ich erhob mich von meinem Küchenstuhl.

„Das wird sicher Sabrina sein…“, meinte ich und lief zur Wohnungstür.

Ich wollte schon einen Spruch loslassen, als ich die Tür öffnete, aber ich stockte.

„…Gregory?“

Gregory Hamilton, ein weiteres Glanzstück meiner Klasse. Was hieß Glanzstück. Er war eher auch einer diese unscheinbaren Klassenkameraden, die wie ich nicht weiter auffielen.

„Hallo… Jack…“

„Öhm…hallo Gregory… es ist gerade etwas unpassend, wir sind gerade dabei uns abreisefertig zu machen…“

„… das… weiß ich.“

„Hä…?“

„Schatz, sag Sabrina, wir können gleich los.“

Mum erschien im Flur.

„Oh, … ich dachte es ist Sabrina.“

„Nein, Gregory aus meiner Klasse.“

„Hallo Mrs. Newbury.“

„… und was möchte er?“

„Das habe ich noch nicht gefragt…“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Ähm…“, begann Gregory, „ ich… ich habe von Sabrina erfahren, dass sie nach Newbury fahren und wollte fragen, ob sie noch eine Mitfahrgelegenheit hätten?“

„Von Sabrina?“, fragten Mum und ich gleichzeitig.

Ich wusste nicht, dass Sabrina sonst noch Kontakte in unserer Klasse pflegte.

„Ich… ich wohne bei den O‘ Sullivans zur Miete…, habe dort ein kleines Zimmer. Da habe ich gehört…, dass Sabrina mit ihnen nach Newbury fährt.“

„Aha…“, kam es erstaunt von Mum.

Ich wusste zwar, dass bei Sabrinas Eltern es einen Untermieter gab, aber ich hatte nie nach ihm gefragt, oder war mir bewusst, dass sich es hierbei um Gregory handeln würde.

„Entschuldigen sie Mrs. Newbury…, ich glaube das war eine blöde Idee…, ich werde wieder gehen.“

Er drehte sich schon um.

„Halt Gregory, warte doch“, meinte Mum, und stand nun neben mir.

Er hielt in seiner Bewegung inne und drehte den Kopf.

„Könnte ich den Grund erfahren, was du in Newbury möchtest?“, wollte Mum wissen.

Ich war einfach nur sprachlos und konnte mich an diesem Gespräch gerade nicht beteiligen. Was um alle Welt war in Sabrina gefahren, ihm eine Mitfahrgelegenheit anzubieten, ohne uns zu fragen?

„Ähm… es ist kurz vor Weihnachten und ich möchte… wollte… dachte, ich könnte meine Großeltern… besuchen.“

Nach einer kurzen Schweigesekunde, trat Mum in Aktion. Sie griff nach seinem Arm und zog ihn in die Wohnung.

„Komm erst einmal herein“, meinte sie.

Wortlos schloss ich die Tür, hinter den beiden. Ich folgte ihnen in die Küche, wo Mum ihn einfach auf einen Stuhl drückte.

„Jack, stellst du die mal auf den Flur?“, fragte Mum und zeigte auf die Taschen, die auf dem Tisch standen.

Beherzt und etwas genervt, zog ich Taschen vom Tisch und trug sie in den Flur. Ich wollte gerade zurück in die Küche, als es erneut an der Tür klingelte. Stinkig zog ich die Tür auf und fand wie erwartet, Sabrina vor.

„Kannst du mir sagen, was dir einfällt, Gregory zu sagen, er kann bei uns mitfahren?“, fuhr ich sie im Flüsterton an.

„He…was? Welcher Gregory?“, meinte sie und stellte ihre zwei Taschen ab.

„Gregory Hamilton, der Typ aus unserer Klasse, sitzt bei uns unserer Küche“, ich zeigte in die Richtung der Küche, „und fragt ob er mitfahren kann!“

„Davon weiß ich nichts!“, kam es trotzig zurück, aber ebenso geflüstert.

Verwundert schaute ich sie an.

„Aber wieso…?“

Sabrina drückte sich an mir vorbei und stürmte in die Küche. Na toll! Ich zog ihre Taschen in die Wohnung und schloss erneut die Wohnungstür.

„Gregory, kannst du mir sagen, was du hier bei Jack verloren hast?“, hörte ich Sabrinas laute Stimme aus der Küche.

Ich atmete tief durch. Warum das mir, fragte ich mich und folgte ihr. Dort fand ich Sabrina vor, wie sie mit den Händen in die Seiten gedrückt, vor Gregory stand.

„Halt Stopp! Bevor das hier jetzt ausartet, setzen!“, sagte Mum bestimmend, „DU auch Jack!“

Warum fuhr sie mich jetzt an. Als ich mich setzte, bemerkte ich Gregorys traurigen Blick, der jetzt Richtung Boden wanderte.

„Wenn ich das richtig verstehe, hast du Gregory nicht gesagt, er soll fragen, ob er mitfahren kann, Sabrina!“

„Nein…, ich…!“, kam es laut von Sabrina.

Mum hob die Hand und meine beste Freundin verstummte.

„Okay, also ist Gregory von sich aus hergekommen, um zu fragen?“

Gregory und Sabrina nickten beide. Dabei sah ich, dass es bei Gregory Tränen tropfte.

„Ich geh besser…“, meinte er fast unhörbar und wollte sich erheben.

„Gregory…?“, meinte ich nur und hielt ihn am Arm fest.

„Ich… ich wollte kein Ärger machen…. Entschuldigen sie bitte…“

Mum trat neben Gregory und drückte ihn wieder auf seinen Stuhl. Sabrina, die wohl auch bemerkt hatte, dass Gregory weinte, hielt ihm ein Papiertaschentuch entgegen.

„Ich… ich sah nur die Chance… meine Großeltern zu sehen…, ich habe kein Geld… um die Bus oder Bahnfahrt zu zahlen, es ist alles so teuer… und trampen…, da bekomme ich Ärger mit Großvater, wenn er das erfährt…“, hauchte Gregory.

„Und deine Eltern?“, fragte Mum.

„Mein Vater… ist tot… und… und meine Mutter kenne ich nicht.“

Geschockt sah ich zu Sabrina, die wohl genauso ahnungslos wie ich war, sie zuckte mit den Schultern und hielt ihre Hände dabei hoch.

„Jack, werfe den Wasserkocher an, Sabrina hol die Tassen aus dem Schrank!“

„Aber Mum, wir wollten doch…“

„Jack, das ist jetzt wichtiger!“, fiel sie mir ins Wort und setzte sich neben Gregory.

„So und nun mal langsam von Anfang an, Gregory und zieh die dicke Jacke aus, dir muss doch warm sein!“

Mühsam und umständlich entledigte er sich seiner Jacke und legte sie über seine Beine. Dabei starrte er die ganze Zeit auf den Tisch. Dann atmete er tief durch.

„Meine…, meine Großeltern bezahlen die Schule… Sabrinas Vater und mein Vater waren Freunde gewesen, deswegen wohne ich da.“

„Das habe ich nicht gewusst“, kam es von Sabrina, die die Tassen zu mir neben den Wasserkocher stellte.

„Es war der Wunsch meiner Großeltern, dass niemand davon erfuhr und deine Eltern waren so gut und haben Stillschweigen gewahrt“, meinte Gregory und schaute zum ersten Mal wieder auf.

Seine roten Augen blinzelten wild hinter der dicken Brille.

„Aber warum soll das niemand wissen, daran ist doch nichts Schlimmes?“, fragte Mum.

Gregorys Blick wanderte zu Mum. Der Wasserkocher meldete Bereitschaft und ich verteilte das Wasser in die Tassen, während Sabrina die Teebeutel in jede Tasse gab.

„Meine Mu…, die Frau meines Vaters, hat uns direkt nach meiner Geburt sitzen lassen… und mein Vater musste mich alleine Großziehen und als…“, wieder fingen die Tränen an zu laufen, „… und als Dad, Logan Hamilton, an Krebs erkrankte, haben meine Großeltern, die Erziehung übernommen.“

Sabrina und ich schauten uns an. Das hatte wirklich keiner gewusst.

„Das tut mir leid, Gregory. Natürlich kannst du mitfahren und deine Großeltern zu Weihnachten sehen. Es wird zwar etwas eng werden, aber irgendwie gehen.“

„… danke! Ich… ich habe nur diese Tasche… die kann ich auf den Schoss nehmen.“

Mum klopfte ihm auf die Schulter, während wir mit unseren Teebeutel im heißen Wasser spielten.

„Gibt es nicht so etwas wie Waisenrente?“, fragte Mum plötzlich in die Stille.

Gregory atmete erneut tief durch.

„Meine Großeltern sich nicht reich und bezahlen schon die Schule und mit der Rente…, davon gebe ich den O‘ Sullivans die Hälfte, sie kochen ja für mich und Sabrina Mutter  kümmert sich um meine Wäsche… und der Rest…, damit komme ich gerade so über die Runden.“

Mum schaute zu Sabrina.

„Sorry, davon wusste ich nichts… Ich sehe Gregory meist nur in der Schule…, er hat einen separaten Eingang und zu Hause, laufen wir uns so gut wie nie über den Weg. Meine Eltern haben wir mir wirklich nichts erzählt.“

„Ist ja schon gut.“

*-*-*

Während der Fahrt, war es sehr ruhig im Wagen. Sabrina hatte sich zu Mum nach vorne gesetzt, so blieb mir nichts anderes übrig, als die Rückbank mit Gregory zu teilen. Da er meine Größe hatte, ließ die Beinfreiheit sehr zu wünschen übrig.

Sein rechtes Bein, lehnte gegen mein linkes Bein. Das waren aber auch schon die einzigen Berührungspunkte, sonst saß er auf seiner Seite, direkt hinter Mum zusammen gekauert und starrte die ganze Zeit zum Fenster hinaus.

Kaum hatte Mum die Schnellstraße befahren, fuhr sie auch schon wieder herunter.

„Ich muss noch tanken gehen“, meinte sie, hielt den Wagen bei der Zapfsäule an und stieg aus.

Hatte sie nicht gestern den Wagen noch vollgetankt? Verwundert folgte ihr mein Blick und blieb an Gregory haften. Trotz Sabrinas großer Taschen, war für Gregorys kleines Handgepäck und Jacke noch Platz gewesen.

So saß er wie ich zwar leicht schräg, wegen der langen Beine, hatte aber vor sich etwas Platz. Wie schon gesagt, war Gregory genauso unauffällig in der Klasse wie ich, so hatte ich mir ihn nie näher in Augenschein genommen.

Es gab keine sichtbaren Kennzeichen, ob er Sport trieb, oder nicht. Durch die dicke Winterbekleidung konnte man keine Muskeln erkennen. Er hatte die gleiche Haarfarbe, aber seine Haare waren kürzer, als meine.

„Entschuldige, wenn ich neugierig bin“, kam es plötzlich von Sabrina.

Gregory und ich zuckten zusammen, als wären wir beide bei etwas erwischt worden. War da ein leichtes Grinsen auf Sabrinas Lippen.

„Weißt du denn gar nichts, von deiner Mutter?“

Gregory drehte seinen Kopf zu uns. Diese Frage fand ich nun auch interessant.

„Nein, nicht sonderlich, dieses Thema wurde und wird zu Hause ausgespart. Das einzige, was ich in einem Streit zwischen Dad und meinen Großeltern mal mitbekommen habe, dass sie aus reichem Hause stammen soll.“

„Nie Interesse gehabt, sie zu finden?“

„Warum sollte ich sie finden wollen, sie will mit mir doch nichts zu tun haben. Das wird sich bis heute sicher nicht geändert haben!“

Oh, das war bitter, da hatte einer so ziemlich an etwas zu knabbern. Von der Mutter abgelehnt, das konnte große Narben hinterlassen. Um das zu wissen, brauchte ich nicht Psychiatrie zu studieren.

„Zudem haben mir meine Großeltern verboten, nach ihr zu suchen. Sie wollen mit dieser Frau nichts mehr zu tun haben.“

„… verständlich…“, rutschte mir heraus.

Auf diese Äußerung hin, schaute mir Gregory, direkt in die Augen. Er hatte dieselbe Augenfarbe wie ich, grün. Sabrina hatte sich wieder nach vorne gedreht.

„… tut mir leid, Gregory…, wenn ich das früher gewusst hätte, dann…“

„Dann was? Würde das etwas zwischen uns ändern…? Sicher nicht!“

Das kam sehr bissig herüber, war wohl auch so gemeint. Aber er hatte Recht. Sabrina und ich haben uns nie sehr darum bemüht, jemanden in der Klasse näher kennen zu lernen und von deren Seite, war das Interesse an uns ebenso gleich null.

Das änderte jetzt auch nichts daran, dass nun Jayden zu uns gekommen war. Gut, seit einige gesehen haben, dass vor der Schule, Jayden aus einem Bentley gestiegen war, bemerkte ich schon interessierte Blicke, in unsere Richtung.

Aber trotzdem gab es keinerlei Kontaktaufnahmen, es blieb bei den Blicken.

„Das kannst du nicht sagen, Gregory! Man weiß nie was kommt und jetzt, wo Jack und ich dich etwas kennen, kann sich das schnell ändern.“

Da Gregory darauf nichts sagte, blieb dieser Ausspruch einfach im Raum stehen. Halt, wir waren im Wagen. Ich musste über meine Gedanken grinsen. Sie bleiben einfach im Innenraum des Wagens stehen. Mum machte sich bemerkbar, in dem sie wieder einstieg.

„So fertig, sorry, ging etwas länger, aber bei zu viel Tee muss ich immer auf die Toilette.“, sagte sie und startete den Motor.

Das war mir neu und nie aufgefallen. Zügig zog sie auf die Schnellstraße, um sich wenig später auf die Autobahn, Richtung Newbury einzuordnen.

*-*-*

„Gregory, wo in Newbury musst du hin?“

„Wenn sie… mich bitte an der Kings Road heraus lassen würden. Von da an kann ich laufen, ist nicht mehr weit.“

„Wir können dich vor der Haustür absetzten.“

„Machen sie sich bitte keine weiteren Umstände, Mrs. Newbury…, es ist lieb von ihnen, dass sie mich überhaupt mitgenommen haben.“

„Wenn du meinst… Dann kannst du wenigstens Weihnachten mit deinen Großeltern verbringen.“

Wenig später verließ Mum den Kreisverkehr und bog in die Kings Road ein. Nach kurzer Suche, fanden wir sogar einen Parkplatz. Wir stiegen alle aus. Gregory entnahm dem Kofferraum, seine wenige Habseligkeiten und zog sich wieder dick an.

„Dann wünsche ich ihnen und ihrer Familie ein schönes Weihnachtsfest, Mrs. Newbury“, meinte Gregory zum Schluss und hob seine Hand.

„Das wünschen wir dir auch, Gregory“, antwortete Mum und schüttelte seine Hand.

Aber sie ließ sie nicht wieder los.

„Gregory…, wenn die Festtage vorbei sind, würde ich dich gerne zu uns zum Tee einladen.“

„… aber, …aber Mrs. Newbury…, das geht doch nicht… ich… ich.“

„Babberlabab, keine Widerworte, du bist eingeladen! Jack, lass dir seine Nummer geben, damit wir noch den genauen Termin ausmachen können.“

Ich nickte nur und horchte meiner Mutter. Ich war einfach nur fassungslos, über das, was meine Mum gerade gemacht hatte. Erst jetzt ließ sie Gregorys Hand wieder frei. Ich reichte ihm mein Handy und er tippte seine Nummer ein.

*-*-*

„Endlich seid ihr da!“, hörte ich Tante Abigail von der Tür aus rufen, als wir ausstiegen.

„Vater ist schon ganz ungeduldig“, meinte sie, als sie und die Treppe entgegen kam.

„Hallo Abigail“, sagte ich und wir umarmten uns herzlich zur Begrüßung.

„Hallo Jack… Sabrina…“

Mum hatte den Wagen umrundet und die beiden Frauen begrüßten sich genauso herzlich.

„Hätte mir im Sommer jemand erzählt, dass ich Weihnachten in Newbury verbringen würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.“

Abigail lachte.

„Charlotte, es geschehen eben noch Wunder zu Weihnachten.“

„Da gebe ich dir Recht!“

Die beiden liefen die Treppe hinauf, während ich immer noch bei Sabrina am Wagen stand.

„Echt noble Hütte“, kam es von ihr.

„Hütte…, tzis, warte mal ab, bis du dein Zimmer gesehen hast.“

Sie seufzte.

„Dann lass uns mal unsere Sachen hineinschleppen und mein Zimmer begutachten.“

„Öhm, brauchst du nicht…, das wird gebracht…“

„Hä?“, schaute mich Sabrina fragend an.

„Ich sag nur Dienerschaft…, ging mir aber beim ersten Besuch genauso…“

„Jack, Sabrina, wo bleibt ihr?“, hörte ich Mum rufen.

Wir folgten den zwei Damen, die Treppe hinauf.

„Willst du nicht erst zu deinem Taylor?“

Meine gute Laune verflog etwas.

„Der ist nicht da…“

„Wie, der ist nicht da?“

„Wir haben gestern Abend noch telefoniert, da hat Taylor erzählt, dass er heute Vormittag, mit James unterwegs wäre, Besorgungen machen.“

„Ach so und ich habe mich so gefreut, ihn wieder zu sehen.“

„Hey, ist er mein oder dein Freund?“

Sabrina lachte laut, als wir ins Haus traten und gleich wieder stehen blieben. Im Innenkreis, der gewundenen Treppe nach oben, stand ein riesiger Tannenbaum, der bis fast an die Decke reichte. Mit vielen Lichtern, aber ohne Baumschmuck.

Davor standen Großvater mit Abigail und Mum.

„Das nenn ich mal einen Baum“, sagte Sabrina neben mir.

„Da muss ich dir Recht geben…, hallo Großvater“, sagte ich, lief zu ihm hin und umarmte ihn genauso, wie ich es vorher bei meiner Tante getan hatte.

„Hallo junger Mann, es freut mich, dich wieder zu sehen“, meinte Großvater lächelnd.

Auch Sabrina wurde begrüßt und sie machte einen leichten Knicks.

„Junge Dame“, begann Großvater, „wir mögen zwar von einem alten Adelsgeschlecht abstammen, aber hier muss man sich weder verneigen, oder einen Knicks machen. Wer etwas anderes sagt, kommt in den Kerker!“

„Ihr habt einen Kerker?“, fragte Sabrina schockiert.

Mum und Abigail fingen an zu lachen.

„Ich dachte“, sprach Großvater weiter, „das Schmücken übernehmt sicher ihr, es ist genug Schmuck da.“

Er zeigte auf Kisten, die etwas unterhalb der Treppe standen und ich jetzt erst bemerkte.

„Oh ja, das wird sicher lustig“, meinte Sabrina.

*-*-*

„Das muss ich dir lassen, Jack, du hast nicht übertrieben, die Zimmer sind wirklich geil. So ein großes Bett hätte ich zu Hause auch gerne.“

Ich musste lachen. Sabrina lag bäuchlings auf meinem Bett und zappelte mit ihren Beinen hin und her.

„Da bekommst du ja nicht mal mehr deine Zimmertür auf!“, grinste ich sie an, während ich meine Tasche vollends auspackte.

„Da könntest du recht haben. Aber wirklich, es ist hier sehr schön.“

„Warte ab, wenn du mit Jayden ausreiten gehst, das wird noch viel schöner!“

„Ich kann doch gar nicht reiten.“

„Das lernst du schnell…, Taylor hat es mir auch bei gebracht. Wann kommt Jayden?“

„Es kann später werden. Das war alles was er gesagt hat, sein Vater muss noch irgendetwas regeln. Deswegen wollte er auch, dass ich bei euch mitfahre.“

„Aha, davon weiß ich nichts.“

Ich legte meine Taschen gerade in den Schrank, als mir etwas einfiel.

„Scheiße…“, sagte ich laut.

„Was ist?“, fragte Sabrina und setzte sich auf, „etwas vergessen?“

Ich schloss die Schranktür.

„Nein, aber wenn Gregory zu uns kommt, erfährt er ja, wer ich bin.“

„Na und? Schlimm? Früher oder später kommt das eh heraus.“

„Meinst du nicht, er ist von mir enttäuscht, weil ich ihm nichts gesagt habe?“

„Warum bitte schön, soll er von dir enttäuscht sein? Hallo? Bisher sind wir wie Fremde miteinander umgegangen. Wieso sollte er dann wissen, dass du adelig bist. Niemand aus der Schule weiß das.“

Sabrinas Gedankengänge waren richtig.

„Wo sind die denn?“, hörte ich auf dem Flur draußen eine mir bekannte Stimme.

Vergessen war der Gedanke von eben und ich begann zu grinsen. Meine Tür wurde geöffnet und Jaydens Gesicht kam ins Blickfeld.

„Molly, ich habe sie gefunden“, rief er in den Flur und kam ins Zimmer.

Dann sah Jayden zu Sabrina.

„Was hast du denn im Bett meines Cousins verloren?“

„Das ist so herrlich weich“, antwortete Sabrina und ließ sich nach hinten fallen, aber um sich gleich wieder aufzurichten.

„Aber sag mal, begrüßt man so seine Freundin?“

Ich musste kichern. Umständlich verließ Sabrina mein Bett und fiel ihren Schatz um den Hals.

„Hallo mein Knuddelhase“, meinte sie und drückte ihm einen Kuss auf den Mund.

Knuddelhase! Ich drehte mich weg und hielt die Hand vor den Mund, um nicht laut loslachen zu müssen. Dann kam auch schon Molly herein und Sabrina und mein Cousin ließen von einander ab.

„Tante Abigail meinte nur ihr seid oben in euren Zimmern, aber sagte nicht, in welchen“, erklärte Molly und begrüßte nun auch Sabrina.

Eine Umarmung. Hoppla, die beiden schienen sich in der kurzen Zeit besser angefreundet zu haben.

„Wir haben die gleichen Zimmer, wie beim letzten Mal“, meinte ich.

„Dann schlaf ich sicher wieder neben an“, sagte Jayden.

„Du kannst auch gleich hier schlafen…, bei mir, dann brauchst du dich nachts nicht mehr heimlich zu mir herüber schleichen!“

Jayden wurde rot und streckte mir die Zunge heraus, während Molly und Sabrina anfingen zu kichern.

„Na na, wer wird denn gleich…“, grinste ich ihn an, „aber mal ehrlich, mein Zimmer ist groß genug und wenn die Erwachsenen unten mal für sich sein wollen, können wir uns ruhig hier alle treffen.“

„Und in deinem Bett liegen!“, sagte Jayden und zeigte mir den Vogel.

„Warum nicht, wird sicher lustig!“

*-*-*

„Boah, habe ich dich vermisst!“

Engumschlungen standen Taylor und ich vor der Pferdebox von Tiara. Es war zwar erst ein paar Tage her, als wir uns in London gesehen hatten, aber mir kam das vor, wie eine Ewigkeit.

„Ich dich auch, das kannst du mir glauben“, erwiderte Taylor und ich gab ihm einen Kuss auf die Nasenspitze.

Er begann zu kichern, ich wusste mittlerweile, dass dies kitzelte.

„Und du bleibst wirklich bis am Dreikönigstag?“, fragte Taylor erneut.

„Ja, ja, ja, ja, wann glaubst du mir das endlich.“

Er lächelte verlegen. Plötzlich spürte ich warme Luft am Nacken und zog etwas den Kopf ein, weil es sich komisch anfühlte. Als ich den Kopf drehte, sah ich den Grund. Tiara hatte ihren Kopf aus der Box gestreckt und an mir geschnuppert.

Ich entließ Taylor aus seiner Fessel und hob langsam die Hand, bevor ich ihr über die Nüstern streichelte.

„Da freut sich wohl noch jemand, dass du wieder da bist“, meinte Taylor und ließ mich bei der Stute stehen.

„Was für ein Rasse ist das eigentlich?“, wollte ich wissen.

„Tiara?“

„Ja.“

„Ein englisches Vollblut, wie die anderen vier Pferde auch. Hier in England meist für den Reit und Rennsport gezüchtet, werden aber mittlerweile auch in Amerika zur Züchtung anderer Pferdesorten verwendet. Sie gibt es am meisten als brauner Fuchs, oder als Rappen, ganz selten sogar als Schimmel.“

„Rappen sind schwarz, oder?“

„Ja!“, sagte Taylor und kam mit ein paar Karotten zurück, die er mir liebevoll lächelnd in die Hand drückte.

„Ich muss noch zwei Boxen sauber machen, sonst ist James böse mit mir. Durch unseren morgendlichen Ausflug habe ich etwas Zeit verloren. Aber du kannst ruhig etwas hier bleiben, mit Unterhaltung geht es besser.“

Hörte ich da etwa Traurigkeit? Taylor hatte, während er mit mir sprach, das Pferd aus der Nachbarbox heraus geführt und es im Gang fest gemacht.

„Bist du oft alleine?“, fragte ich leise.

„Ich?“ Nein! Die Pferde sind bei mir, die sind gute Zuhörer.“

Aber sie geben keinen Rat, wenn man es nötig hat, dachte ich für mich. Ich stellte fest, dass ich über Taylor noch recht wenig wusste. Aber das konnte man ja ändern.

„Hast du heute Abend noch etwas vor?“

„Kommt darauf an…, ich muss pünktlich am Tor sein, wenn meine Schwester mich abholt. Du kannst mich ja wieder begleiten.“

Konnte ich, aber danach stand mir nicht der Sinn. Ich hätte meinen Freund gern um mich.

„Und…“, ich gab Tiara eine weitere Karotte, „wenn du heute Abend hier bleibst?“

„Hier bleiben? Ich schlafe ungern bei James, der schnarcht nachts immer.“

Ich lief zur Tür der Box und lehnte mich darauf.

„Ähm…, ich meinte eher…, du könntest auch… bei mir schlafen.“

Taylor, der gerade mit dem Besen das Streu zusammen schob, stolperte fast über seine eigenen Füße.

„Bitte was?“, fragte er mit großen Augen.

Da  sein Gesicht rot anlief, also hatte er meine Frage wohl verstanden. Ich musste grinsen. Er kam zu mir.

„Ähm… Jack… ich habe noch nie…“, flüsterte er leise.

Bevor ich darauf etwas sagen konnte, wurde die Stalltür aufgezogen. Taylor machte regelrecht einen Satz nach hinten.

„Taylor, hast du schon die zwei Boxen fertig?“, hörte ich James Stimme.

„Bin gerade dabei“, antwortete Taylor und James kam in mein Blickfeld.

„Oh, der junge Herr ist hier. Hallo Jack, freut mich sie wieder zu sehen. Wollen sie ausreiten?“

„Hallo James. Nein ich habe Tiara nur besucht“, meinte ich und gab ihr eine weitere Karotte.

Das komische Lächeln, das James Gesicht zierte, konnte ich nicht recht deuten, aber sicherlich dachte er sich seinen Teil. Er wandte sich wieder zu Taylor.

„Wenn du hier fertig bist, meldest du dich bitte bei Caitlin, sie hat nach dir verlangt!“

„Caitlin? Okay mache ich.“

James nickte und verschwand wieder aus dem Stall.

„Wir sehen uns später!“, meinte ich, drückte ihm Kuss auf den Mund und verließ ebenso das Gebäude.

*-*-*

„Das ist ganz schön viel Schmuck“, meinte Sabrina neben mir.

„Du der Baum ist groß, da werden wir einiges brauchen“, merkte ich an, während ich die nächste Kiste hervor zog und öffnete.

„Hallo Kids, habt ihr alles, was ihr braucht?“, hörte ich Tante Abigails Stimme hinter mir.

„Vielleicht eine Leiter…, Jack ist zwar groß, aber bis ganz rauf kommen wir nicht“, meinte Jayden.

Sabrina fing an zu kichern.

„Jack kann dich ja auf seine Schulter nehmen“, meinte sie und nun fing auch Molly an zu kichern.

„Sonst noch was?“, fragte ich.

„Eine Leiter ist kein Problem“, meinte Tante Abigail nur.

„Was ist in den drei Holzkisten?“, fragte ich, die ich nun hinter den Kartons entdeckte.

„Welche?“, wollte Tante Abigail wissen und trat neben mich.

„Die…, lass mich überlegen…, ah ja, in der großen müssen die Krippenfiguren drin sein und die mittlere enthält die Spitze.“

„Und die Kleine?“, fragte nun Jayden.

Tante Abigail lächelte, beugte sich etwas vor und bekam die kleine Kiste zu greifen.

„Wenn ich mich recht entsinne…, das ist eine ganz besondere Kiste.“

Ich sah nun auch, dass diese Kiste etwas anders aussah, als die größeren. Das Holz war edler und mit Schnitzereien verziert. Sie öffnete den Verschluss und öffnete den Holzdeckel.

„Ja…, das sind unseren Kugeln, die jeder von uns bei der Geburt bekommen hat“, sagte Tante Abigail fast flüsternd.

Nun sah ich auch, dass jede Kugel mit Namen versehen war.

„Hm, ich denke, diese Tradition sollten wir weiter führen und auch für euch Kugeln anfertigen lassen.“

Ich nahm Papas Kugel vorsichtig heraus. Die goldenen Buchstaben mit Isaac stachen von der roten Kugel besonders hervor.

„Boah, sind die schön“, meinte Sabrina neben mir.

„Darf ich Papas Kugel haben“, fragte Molly.

Tante Abigail reichte ihr die ganze Kiste.

„Ich werde mich um die Leiter kümmern“, meinte sie und verschwand.

Ich hatte ihre traurigen Augen bemerkt. Die Kugel meines Vaters legte ich behutsam zurück und zog die restlichen Kisten unter der Treppe hervor. Ich wollte gerade die große Holzkiste hervor ziehen, als die Tür zum Flur erneut aufflog.

„Jemand da…?“, hörte ich eine vertraute Stimme.

Einen Strohballen kam in Sicht und denn dahinter Taylor.

„Hier ist das Stroh für die Krippe“, meinte er nur und blieb vor uns stehen. Ohne den Ballen abzulegen.

„Hallo Taylor“, kam es von Sabrina, die sich sofort grinsend neben ihn stellte.

Mein Schatz wurde schon wieder rot.

„Hallo Sabrina… oh…hallo Mr. Ja…yden…, Mrs. Newbury.“

Er nickte beiden zu und war dabei immer leiser geworden. Ich ging zu ihm hin, nahm ihn den Strohballen ab, den ich neben den Tannenbaum ablegte. Dann griff ich nach seiner Hand, die in einem Handschuh steckte.

„Taylor, ich habe dir schon ein paar Mal gesagt, du gehörst jetzt zur Familie. Molly und Jayden haben sicher auch nichts dagegen, wenn du sie bei Vornamen nennst und das Mr. und Mrs. weglässt.“

„… entschuldige…, das ist alles so ungewohnt und ich weiß immer noch nicht, ob es dem Duke und auch dem Earl recht ist.“

Molly hängte sich bei Sabrina ein.

„Jungs können richtig süß sein, wenn sie schüchtern sind“, meinte sie und beide fingen sie an zu kichern.

„He, seid nicht so gemein zu Taylor“, sagte nun Jayden, worüber ich mich wunderte, dass er für Taylor Partei ergriff.

„Dann lasst uns mal mit dem Schmücken beginnen“, meinte ich nur.

„Ich geh dann mal wieder…“, meinte Taylor neben mir.

Er wollte schon gehen, aber ich ließ seine Hand nicht los.

„Kannst du nicht bleiben und helfen?“, fragte ich etwas enttäuscht.

Als er antworten wollte, kam Tante Abigail wieder in den Eingangsbereich.

„Ah, hier bist du Taylor, könntest du bitte die Leiter bringen, damit auch im oberen Bereich den Baum schmücken kann?“

„Wird sofort erledigt, Mrs…“

Er hielt inne.

„Abigail…!“

Sie lächelte ihn an.

„Ich habe mit James gesprochen. Da im Stall für heute alle Arbeiten erledigt sind und er dich nicht mehr braucht, kannst du dann den anderen helfen, den Baum zu schmücken.“

„… wirklich?

Tante Abigail nickte.

„Ähm danke…, ich hol sofort die Leiter“, und schon war er verschwunden.

„Danke“, strahlte ich meine Tante an.

„Nichts zu danken, junger Mann. Da fällt mir ein, dass da noch etwas fehlt.“

„Was denn?“

„Ich glaube, ich muss mit Taylor noch mal kurz ausleihen…“

*-*-*

„Und die hat Papa wirklich gebaut?“, fragte Molly.

„Ja, zusammen mit Jacks Vater“, antwortete Tante Abigail.

Gemeinsam standen wir vor Taylor, den eine große Krippe in Händen trug.

„Aber jetzt helft Taylor erst mal das Ding hinzustellen, das ist doch sicher schwer.“

Daran hatte ich gar nicht gedacht, ich war nur stolz, etwas von Papa zu sehen. Erst jetzt sah ich, dass Taylor mit Spinnweben verziert war. War wohl schon lange nicht mehr gereinigt worden, da wo die Krippe jetzt lagerte.

„Es geht“, seufzte Taylor, „wo soll ich es abstellen?“

Sofort war ich bei ihm und half ihm die Krippe zu halten.

„Also direkt neben die Treppe würde ich sie nicht stellen, da wird sie zu sehr verdeckt“, meinte Sabrina.

„Aber auf der anderen Seite steht sie wenn du aus der Bibliothek kommst im Weg, nicht das jemand drüber stolpert“, kam es nun von Molly.

„Ich sehe schon, ihr werdet das irgendwie schon hinkriegen, dann kann ich euch ja beruhigt alleine lassen“, meinte Tante Molly.

„Ja, geh ruhig“, sagte ich, „wir sind genug.“

„Ach so, ich habe Caitlin gesagt, sie soll euch Tee machen und von ihrem tollen Gebäck vorbei bringen.“

„Danke“, sagten wir im Chor.

„Und ich dachte, ich kann euch helfen.“

Mum kam die Treppe herunter.

„Nein Mum, wie ich schon deiner Schwägerin versicherte, wir sind genug.“

„Okay, Abigail, was hältst du von einem kleinen Sparziergang?“

„Nichts dagegen einzuwenden. Hier werden wir ja nicht gebraucht!“

Das klang jetzt richtig vorwurfsvoll, aber beide Damen grinsen und liefen gemeinsam die Treppe wieder nach oben.

 

„Also ich würde vorschlagen, wir schmücken erst den Baum und dann stellen wir die Krippe auf“, meinte Jayden.

„Erst mal stellen wir die Krippe ab“, sagte ich und half Taylor, das Ding zum Boden zu befördern.

„Nehmen wir eine Farbe oder soll der Baum bunt werden“, fragte Sabrina, die nun wieder bei den Kartons stand.

„Es ist zumindest genug von allem da“, meinte Molly neben ihr.

Wir standen nun alle um die Karton herum?

„Hm, ich weiß nicht…“, sagte ich und kratzte mich am Hinterkopf.

„Wie sieht denn die Spitze aus?“, wollte Jayden wissen.

„Moment“, sagte ich und griff nach der Holzkiste.

Dabei übersah ich leider Taylors Fuß und stolperte. Ich sah schon im Geiste, die Spitze in tausend Stücke zerspringen und versuchte mich etwas zu drehen, was zur Folge hatte, dass ich auf dem Hintern landete, was höllisch weh tat.

„Pass doch auf!“, kam es von Sabrina, die mir die Kiste abnahm.

Mit Schmerzverzogenen Gesicht, rieb ich am meinem Hintern.

„Danke auch…“, meinte ich nur.

Natürlich war Taylor neben mir sofort in die Knie gegangen.

„Hast du dir etwas getan?“

„Nein…, geht schon, nur mein Hintern tut etwas weh.“

„Komm, ich helf dir auf“, sagte Taylor lächelnd und zog an meiner Hand.

„Boah, ist die aber schön“, hörte ich Sabrina sagen, „ob das echtes Gold ist?“

„Ich denke schon“, sagte Molly.

„Die sieht voll edel aus…, Jack pass ja auf, wenn du die oben drauf steckst!“

Ich schaute Sabrina an.

„Wer sagt denn, dass ich die oben drauf stecke?“

„Du bist der größte!“

„Und? Jayden braucht nur eine Stufe höher steigen, dann ist er auch so groß wie ich.“

„Darf ich?“, fragte Taylor und entnahm vorsichtig die Spitze aus der Kiste.

Vorsichtig und nur mit einer Hand haltend, kletterte er die Leiter hinauf, bis er fast oben angekommen war. Dann steckte er die Spitze langsam auf das obere Baumende. Strahlend stieg er wieder herunter.

Andächtig standen wir nun da und betrachteten die Spitze.

„Man könnte meinen, die hat Lichter drin, so wie die strahlt“, sagte Jayden.

„Danke Schatz“, hauchte ich Taylor ins Ohr und küsste ihn auf die Wange.

„Abigail schau dir das an, da denken wir, der Baum wird geschmückt und was machen die…knutschen da herum…so geht das aber nicht meine Herren!“

Mum! Sabrina und Molly fingen natürlich wieder an zu kichern.

„Knutschen? Mum, kann es vielleicht sein, dass du nicht weißt, was knutschen ist?“

Ohne auf ihre Antwort zu warten, wirbelte ich Taylor herum, der darauf nach hinten kippte, ich ihn aber auffing. Ich beugte mich über ihn und küsste ihn innig, obwohl Taylor mich hartnäckig versuchte, wegzudrücken. Das hatte zur Folge, dass nun alle anfingen zu lachen.

„Charlotte, ich fürchte, dieser Punkt geht an deinen Sohn“, sagte Tante Abigail und lief die Treppe herunter.

Taylors Kopf, der nun wieder etwas benommen neben mir stand, leuchte fast so rot wie die Christbaumkugeln.

„Ich sag‘s ja, die Jugend, ich werde zu alt für so etwas!“

Frech grinste ich Mum an, die nun dickeingepackt mit Tante Abigail an uns zur Haustür vorbeilief.

„Bis später, Kinder!“, meinte diese und ging hinaus.

Ich winkte Mum zu, aber es kam keine Bemerkung von ihr. Als sie die Tür hinter sich zu gezogen hatte, spürte ich einen Knuff in die Seite.

„Musste das sein?“, sagte Taylor.

Ich grinste ihn nur an.

„Was ist los Jayden?“, hörte ich Sabrina fragen.

Der stand mit offenem Mund da und schaute uns an.

„Ich…, ich habe Jungs…, noch nie so küssen gesehen“, gab er stotternd zur Antwort.

„Dann gewöhn dich dran!“, sagte ich.

*-*-*

Wir hatten uns für goldene und rote Kugeln entschieden. Bunt würde hier nicht her passen. Die Schachteln mit den Kugeln leerten sich langsam und das Endergebnis konnte sich wirklich sehen lassen.

„Schön!“, meinte ich nur.

„So einen tollen Baum habe ich noch nie gesehen!“, flüsterte Taylor neben mir.

Ich lächelte ihn an.

„Wir haben uns immer noch nicht entschieden, wo wir die Krippe hinstellen“, sagte Sabrina.

Keiner von uns wusste so recht die Antwort.

„Was haltet ihr davon? Wir räumen erst die Kartons und die Schachteln weg und wenn alles leer ist, können wir besser entscheiden, wo wir die Krippe hinstellen“, schlug ich vor.

Ein allgemeines Nicken ging durch die Runde.

„Wo kommen die hin?“, fragte ich Taylor.

„Lass mal, die kommen auf den Speicher. Da macht ihr euch nur dreckig.“

„Wir helfen dir, da geht es schneller! Zudem war ich noch nie auf dem Speicher!“

„Ich wusste gar nicht, dass das Haus einen Speicher hat“, sagte Jayden.

So war Taylor überstimmt und schnell waren die Schachteln wieder in den Kartons verstaut. Jeder griff sich eine oder zwei Kisten und nun folgten wir Taylor nach oben. Vor der Wand am Ende der Treppe blieb er stehen.

Er griff nach einem kleinen Hebel, der mir bis jetzt noch nicht aufgefallen war und schon sprang ein Stück der Wand auf.

„Eine Geheimtür…, cool!“, sagte Jayden.

Taylor beugte sich nach vorne und griff durch die Öffnung und schon wurde es dahinter hell. Als ich ihm dann mit meinen Kartons folgte, offenbarte sich vor mir eine kleine Holztreppe nach oben.

Wie im Entenmarsch, liefen die anderen hinter mir her.

„Ich hätte nie gedacht, dass hier hinter der Wand eine Treppe versteckt ist“, sagte Molly zu ihrem Bruder.

„Du echt, ich habe das noch nie gesehen und wir waren früher ja oft hier. Ich dachte, ich kenne jeden Winkel im Haus.“

Daran hatte ich nicht gedacht. Molly und Jayden waren früher ja oft hier und ich wusste nicht mal etwas über die Familie. Oben angekommen, sah ich einen großen Raum, vollgestellt, mit alten Möbeln, Kisten und andere Dinge, die irgendwann mal auf einem Speicher enden.

„Molly, schau mal, da ist die alte Holzeisenbahn. Ich habe mich schon gefragt, wo die abgeblieben ist“, kam es von Jayden, als er seine Kartons abgestellt hatte.

„Und hier steht das Puppenhaus, mit dem ich immer gespielt habe“, sagte Molly.

Ich stand mit Molly nur da und beobachtete die beiden, während Taylor die Kartons schön zusammen stellte.

„Du hast das noch nie gesehen?“, fragte Sabrina leise.

Ich schüttelte den Kopf. Sie setzte sich in Bewegung und schaute sich auch um. Ich dagegen blieb stehen und Taylor kam zu mir.

„Was ist? Nicht neugierig?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Alles klar mit dir?“, fragte nun Taylor

Ich schaute ihm nickend, in die Augen und versuchte zu lächeln.

„Mir wird nur immer wieder bewusst, wie wenig ich über die Familie weiß.“

„Was ist das hier?“, fragte Molly.

Sie zeigte auf eine große alte Holztruhe, die ein dickes Schloss zierte.

„Weiß ich nicht…“, meinte Taylor, „da müssen sie… du ähm Tante Abigail fragen.“

Ich merkte schon, wie schwer sich Taylor mit der Umstellung tat, aber das war etwas, was er nur alleine bewerkstelligen konnte. Ich vermochte ihm nur Hilfestellungen zu geben.

„Leute, unten wartet noch eine Krippe auf uns“, erinnerte Sabrina.

„Sabrina hat Recht, wir sollten unten fertig werden. Wegen der Truhe können wir immer noch fragen“, meinte ich.

*-*-*

„Richtig schön, Kinder“, meinte Tante Abigail, die nun mit Mum vor Tannenbaum stand.

Ein Wagen fuhr vor und Harry, der Hausdiener kam von der Küche gelaufen.

„Der Duke ist zurück“, meinte er nur und öffnete die schwere Holztür.

Draußen war es mittlerweile schon dunkel und kühle Luft strömte herein. Harry half Grandpa aus dem Wagen. Es hatte wieder zu schneien begonnen und es sah so aus, als ob wir dieses Jahr seit langer Zeit mal wieder eine weiße Weihnacht bekamen.

„Nanu, was macht ihr denn alle in der Eingangshalle“, meinte Grandpa.

„Die Kinder haben den Weihnachtsbaum fertig geschmückt und ich finde er sieht richtig toll aus“, antwortete Tante Abigail.

Wir wollten gerade Platz machen, damit sich der alte Herr, den Baum anschauen konnte, als ein weiterer Wagen vorfuhr.

„Nanu, wer kommt denn noch?“, wollte Mum wissen.

„Das wird Papa sein, der war noch einmal in der Stadt, um etwas zu erledigen“, kam es von Molly.

„Er scheint aber noch jemand im Wagen zu haben“, stellte Grandpa fest.

Mittlerweile waren wir alle zur Haustür gelaufen. Onkel Henry war ausgestiegen und ganz Gentleman öffnete er die andere Tür. Die unbekannte Person stieg aus.

„Sophia, das ist aber eine Freude“, sagte Abigail und schritt ins Freie, um ihre Schwester wohl zu begrüßen.

„Das nenn ich mal ein Empfangskomitee, das wäre doch nicht nötig gewesen“, erwiderte Tante Sophia.

„Wer ist das?“, flüsterte mir Sabrina zu.

„Die älteste Schwester meines Vaters…“

„Ist die immer so pompös angezogen?“, fragte Sabrina verwundert und ich zuckte mit den Schultern.

Außer Onkel Henry hatte wohl niemand gewusst, dass Tante Sophia mit uns das Weihnachtsfest verbringen wollte. Der Tannenbaum war zur Nebensache geworden und ich verzog mich schnell mit Taylor nach draußen, während alle anderen nach drinnen strömten.

„Hast du deine Schwester angerufen?“, fragte ich und steckte meine Hände in die Hosentaschen.

Natürlich hatte ich weder Jack, Schal noch Handschuhe an. Ohne zu denken, hatte ich Taylor einfach hinaus geschoben, der immer noch seine Arbeitsjacke und Handschuhe trug.

„Wieso angerufen?“, fragte er verwundert.

„Öhm… ich habe dich heute Mittag gefragt, ob du gerne hier bei mir bleiben würdest“, antwortete ich etwas enttäuscht.

Er zierte sich etwas.

„Ich…, ich weiß nicht, ob das Recht ist.“

„Wieso?“

„Ich fühl mich nicht wohl dabei…“

„Aber das schmücken hat dir doch auch Spaß gemacht.“

„Ja schon…“

Ich trat näher an ihn heran und legte meine Stirn an seiner Schulter ab.

„Ich will doch nur mit dir zusammen sein“, sagte ich leise und spürte, wie die Kälte langsam durch meine Klamotten kroch.

„Ich doch auch“, sagte Taylor und ich spürte, wie er seine Arme um mich legte.

„Aber du fühlst dich da drinnen nicht wohl?“

Ich spürte, wie er nickte.

„Dann fahr ich eben mit zu dir!“, meinte ich und hob meinen Kopf.

„Jack… Taylor, kommt rein, es ist kalt“, hörte ich meine Mutter von der Tür rufen.

„Das geht doch nicht, du kannst hier doch nicht weg.“

„Warum…?“

„Jack, du hast keine Jacke an!“, vernahm ich die mahnenden Worte von Mum.

„Ja Mum…“, rief ich genervt zurück.

„Bleib bitte…“, bettelte ich.

„Jack!“

Mums Ton war nun böse. Ich griff mir einfach Taylors Hand und zog ihn mit hinein.

„Du hast Mum selbst gehört, wir sollen rein kommen, sie hat dich auch gerufen.“

Nur widerwillig ließ sich Taylor wieder ins Haus ziehen.

*-*-*

„Meine Schwester war nicht so begeistert, dass ich einen Abend vor Heiligabend hier bleiben würde“, erklärte Taylor, als er sein Handy wieder verschwinden ließ.

„Wieso, du hast hier doch sicher schon öfters übernachtet?“

„Ja, bei James, aber nicht bei dir im Haus!“

„Sie weiß aber über mich Bescheid, oder?“

„Ja, weiß sie. Dass ich schwul bin, weiß sie schon länger, sie war lange Zeit, die einzige, die davon wusste, bis mein Schwager mal zufällig ungewollte belauschte.“

„Ungewollt?“

Taylor hatte seine Jacke ausgezogen und setzte sich auf den Stuhl am Schreibtisch, während ich am Fußende meines Bettes saß.

„Wir wussten nicht, dass er auf dem Sofa lag, als wir uns am Küchentisch unterhielten.“

„Und wie hat er darauf reagiert?

„Verärgert…“, sagte Taylor traurig.

„Jetzt sag nicht, dass er so ein homophobes Arschloch ist?“

„Nein, du verstehst falsch! Er war enttäuscht, dass ich ihn nicht ins Vertrauen gezogen hatte. Ich war doch wie ein kleiner Bruder für ihn.“

„Oh, ach so, aber warum ist deine Schwester dann dagegen, dass du bei mir übernachtest?“

„Sie kennt dich eben nicht und… und du gehörst… zu den Adligen…und…“

„Halt, halt, Stopp! Du hast ihr hoffentlich gesagt, dass ich anders bin, mit Mum alleine in London lebe.“

„Ja, habe ich doch, sie hat mir aber nicht geglaubt!“

Ich sah ihn lange an und überlegte.

„Bist du jetzt böse?“, fragte Taylor verschüchtert.

Ich zog meine Stirn in Falten und schüttelte den Kopf.

„Warum schaust du dann so komisch?“

„Ich… ich überlege, was man da machen kann. Am besten, wir gehen zu Mum und fragen nach Rat.“

„Ähm… es ist besser wenn du alleine gehst…“

„Du kommst mit Taylor, du bist mein Freund!“

„… so meinte ich das nicht. Ich müsste duschen und andere Sachen anziehen…, meine Sachen liegen alle drüben bei James. Ich rieche nach Stall, so möchte ich nicht bleiben!“

Deswegen hatte er sich nicht zu mir gesetzt.

„Okay, du gehst rüber ins Nebengebäude und holst deine Sachen und ich geh zu Mum hinüber. Duschen kannst du auch hier.“

„Ähm…“

Taylor wurde rot.

„Ich schau dir schon nichts ab und außerdem hast du mich auch schon ohne gesehen!“, grinste ich ihn an und stand auf.

Er kam zu mir und wir umarmten uns. Taylor hatte Recht, er müffelte wirklich etwas nach Stall. Das war mir vorhin draußen nicht aufgefallen.

„Du willst mich wirklich bei dir haben, oder?“

Ich schaute ihn an.

„Klar! Ist es nicht normal, wenn die Möglichkeit besteht, dass ich meinen Schatz, bei mir haben möchte? Bis nächsten Herbst ist es noch lange.“

„Herbst?“

„Darf ich dich daran erinnern, dass du nächstes Jahr in Herbst beginnst zu studieren?“

„Ähm… ja und?“

„Ist dir vielleicht der schon mal der Gedanke gekommen, dass wir dann vielleicht zusammen wohnen.“

„Nein… echt?“

„Ich sehe schon, du hast darüber noch nicht viel nachgedacht.“

Er schüttelte den Kopf.

„… ich …ich hab‘s ja noch nicht mal meiner Schwester gesagt.“

„Nicht? Aber Abigail meinte doch, mit deiner Schwester wäre alles schon geregelt.“

„Warum hat sie dann nicht mit mir darüber gesprochen?

„Da fragst du mich zu viel. Du gehst deine Sachen holen und ich zu Mum!“

*-*-*

Das Gespräch mit Mum hatte etwas länger gedauert. Als ich in mein Zimmer zurück kam, saß Taylor immer noch auf dem Stuhl am Schreibtisch, nur das jetzt eine Tasche vor ihm lag.

„Ähm, was ist, worauf wartest du?“, fragte ich verwundert und schloss meine Tür hinter mir.

„Auf… dich.“

„Sorry, das Gespräch hat etwas länger gedauert. Du hättest doch schon duschen können.“

„Ich kann doch nicht einfach…“

„Och Taylor“, seufzte ich, „doch du kannst, oder muss ich dir dabei vielleicht helfen?“

Sein Gesicht wurde tief rot, aber er lächelte schüchtern. Ich ging einfach zu ihm hin, zog ihn zu mir hoch und trotz des Stallgeruchs, der immer stärker zu sein schien, küsste ich ihn lange und innig.

Etwas außer Atem, ließ ich von ihm ab und verlor mich fast in seinen wundervollen Augen.

„Ich …ich konnte heute Mittag nicht weiterreden…, wegen James…ich wollte dir doch sagen…, dass ich noch nie…“

„… mit einem Jungen etwas gehabt hast?“, beendet ich seinen Satz.

Verwundert schaute er mich an.

„Taylor, ich habe dir damals schon gesagt, dass ich noch nie einen Freund hatte. Du bist der erste Kerl den ich umarme, mit dem ich küsse, geschweige denn andere Dinge vielleicht mache! Wir gehen das langsam an, okay?“

Er nickte.

„Und jetzt geh bitte duschen, es riecht nach Stall!“

Er grinste.

„Ähm, hast du ein Handtuch für mich?“

„Liegen im Bad.“

„Okay…, dann geh ich mal duschen.“

„Mach das…“

Er gab mir einen kleinen Kuss und verschwand im Bad. Ich wollte mich gerade am Schreibtisch niederlassen, da fiel mir etwas ein. Ich folgte ihm ins Bad und er erschrak regelrecht als er mich sah.

Er stand gerade da und hatte seinen Pulli halb über den Kopf gezogen, hielt aber nun in der Bewegung inne.

„Kleine Vorsichtmaßnahme!“, meinte ich, lief zur Tür zu Jaydens Zimmer und schloss ab.

„Nicht, dass er plötzlich neugierig vor dir steht“, kicherte ich.

„Aha…“, gab Taylor von sich.

„Übrigens, geiler Sixpack“, meinte ich und zeigte auf seinen blanken Bauch.

Er streckte mir die Zunge heraus und ich verließ das Bad wieder. Wenig später lag ich auf meinem Bett und hatte den Laptop vor mir stehen. Ich suchte im Internet, ob ich morgen, noch irgendwo in Newbury Geschenke kaufen konnte.

Aber ich merkte schnell, dass morgen auch hier, wie in London, die meisten Geschäfte bereits am Mittag des Heiligen Abend schlossen. Mum hatte nämlich vorgeschlagen gemeinsam morgen Taylor nach Hause zu bringen und seiner Schwester und deren Mann unsere Aufwartung zu machen.

So sollten sich selbst ein Bild über mich machen und vielleicht so ihre Vorurteile abbauen. Mums Ideen waren doch immer die Besten. Dagegen hatte ich keinerlei Ideen, was man den beiden schenken konnte.

Die Tür zum Bad ging auf und ich musste schwer schlucken. Taylor hatte wie ich damals nur das Handtuch um die Hüften gebunden.

„Du Jack, wenn es dir nichts ausmacht, möchte ich erst etwas ausdünsten, bevor ich mich wieder anziehe.“

Mit einer Hand rubbelte er sich über die Haare, die noch recht feucht schienen. Im Schein der Nachtischlampen glänzte sein Body. Er bemerkte mein Blick und hielt inne.

„Ist etwas?“

„Wow!“, war das einzige, was ich raus brachte.

„Was denn?“

„Ich…“, ich setzt mich auf, „ ich wusste nicht, dass man durch die Arbeit mit den Pferden einen solchen Body bekommt.“

Er schaute an sich herunter. Nichts war mehr anzumerken, von der Schüchternheit, die er vorhin an den Tag gelegt hatte.

„Das?“

Er zeigte auf sich und ich nickte. Fasziniert schaute ich auf das Sixpack, die wohlgeformte Brustmuskulatur und auch die dicken Oberarme. In seinen dicken Klamotten, war mir das nie aufgefallen.

Natürlich bemerkte ich auch die Beule, die das Handtuch um seine Hüften leicht verformte.

„Du siehst doch auch gut aus“, meinte er nur und rubbelte seine Haare weiter.

„Ich treib zum Ausgleich etwas Sport mit Julien.“

„Julien?“

„Mein Schwager. Der legt sehr viel Wert auf sein Aussehen und so gehe ich oft mit ihm Joggen, wenn es die Zeit erlaubt, oder stemme mit ihm ein paar Gewichte. Es fühlt sich gut an und hilft mir ohne große Schmerzen meinen Arbeitstag zu bewältigen.“

Und sieht verdammt gut aus, dachte ich für mich, krabbelte umständlich aus dem Bett, bis ich vor ihm zum stehen kam.

„Muss ich jetzt auch Sport treiben?“

„Wieso, du segelst doch, das ist doch auch Sport.“

Ich grinste und strich langsam über seine nackte Brust, Richtung Bauch.

„Ich… hab aber nicht so einen Body wie du.“

Er hatte das Handtuch sinken lassen und lächelt mich an.

„Du gefällst mir so wie du bist“, meinte er und legte seine Arme um mich.

Natürlich spürte ich seine Erregung, die gegen mein Heiligtum drückte.

„Danke…“, hauchte ich und gab ihm einen Kuss.

Doch bevor wir das Ganze intensivieren konnten, rüttelte es an Jaydens Badezimmerzugang.

„Och Jack, ich muss auf die Toilette, brauchst du noch lange?“, war seine Stimme aus seinem Zimmer zu hören.

Klar, er wusste ja nicht, dass Taylor bei mir geduscht hatte.

„Einen Moment noch!“, rief ich.

„Meine Sachen…?“, meinte Taylor.

„Die holen wir einfach hier ins Zimmer“, sagte ich und schob ihn Richtung Bad.

Wenig später schloss ich Jaydens Tür auf und öffnete sie.

„Du kannst“, rief ich ins Zimmer und ging das meinige zurück.

Ich hörte hinter mir, wie die Tür aufgezogen wurde.

„Das wird auch langsam Zeit!“

Ich drehte meinen Kopf und sah, dass Jayden nur in Shorts herumlief. Ruckartig blieb ich in meiner Bewegung stehen und drehte mich.

„Du bist wirklich sicher, dass du mit Sabrina…“

„GEH!“, fuhr er mich an und ich verließ lachend das Bad.

„Was war denn?“, fragte Taylor, als ich die Badezimmertür hinter mir verschloss.

Leicht enttäuscht stellte ich fest, dass er bereits seine Jeans trug, aber sein Anblick war immer noch lecker. Erneut ging ich zu ihm und begann ihn wieder zu küssen. Doch dieses Mal, klopfte es an meiner Zimmertür.

Taylor drückte sich von mir weg und griff nach seinem T-Shirt.

„Ja?“, rief ich genervt.

Hatte man hier nie seine Ruhe. Die Tür öffnete sich und Grandpa schaute herein.

„Ah…, habe ich richtig vermutet. Ich wollte mit euch zwei Jungs reden“, meinte er und betrat das Zimmer.

Etwas betreten stand Taylor nun neben mir. In Jeans, Shirt, barfuß und leicht feuchten Haaren. Ich entschied mich, ganz normal zu tun.

„Natürlich Grandpa, komm setzt dich“, meinte ich und zog den Schreibtischstuhl zu recht.

Er ließ sich darauf nieder, während ich Taylor zum Bett schob und wir uns beiden auf dessen Rand setzten.

„Abigail hat meine Weihnachtsgeschenke ja schon vorweg genommen, so habe ich eigentlich gar keine Überraschungen mehr für euch.“

Ich wusste erst nicht recht, was ich darauf sagen sollte.

„Mister Newbury, ich wollte mich noch persönlich bei ihnen bedanken…“

„Taylor!“

Mein Schatz verstummte und Grandpa fing breit an zu lächeln.

„Du bist jetzt der Freund meines Enkels…, was hältst du davon einfach Grandpa zu sagen und dieses Mr. und Duke wegzulassen?“

„Sind sie sicher?“

Grandpa nickte.

„…ähm gerne!“

„Und wegen mir brauchst du dir keine Gedanken machen, Grandpa. Du hast Mum eine zweite Chance gegeben und wenn sie glücklich ist, dann bin ich es auch. Zudem bekomme ich in der neuen Wohnung ein riesiges Zimmer, dann könnte ich vielleicht auch so ein großes Bett wie hier aufstellen!“

„Das freut mich zu hören. Aber ich wollte Taylor eigentlich fragen, ob er seine Schwester und ihren Mann am zweiten Feiertag zu uns zum Tee einladen könnte, wie ich von Abigail gehört habe, bekommen wir ja noch einen Gast.“

An Gregory hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht. Taylor sah mich fragend an.

„Erkläre ich dir später“, meinte ich nur und winkte ab, bevor ich mich wieder Grandpa widmete.

„Ich habe einen besseren Vorschlag, Grandpa. Mum und ich haben beschlossen, Taylor morgen selbst nach Hause zu bringen, da könnte ich sie doch einladen?“

„Das ist wirklich eine gute Idee, machen wir das so. Ihr kommt in einer halben Stunde zum Essen?“

„Klar, wir lassen uns doch nicht Caitlins gute Küche entgehen.“

Ich spürte, wie sich Taylor  neben mir versteifte und seufzte.

„Grandpa, könntest du mir noch einen Gefallen tun?“

„Ja, welchen denn?“

„Erzähl Taylor bitte, dass er hier wirklich überall willkommen ist…“

„Hätte ich ihn sonst nicht zum Essen eingeladen?“

*-*-*

Mum holte uns zum Essen ab. Da sich Taylor immer noch etwas zierte, hatte ich ihm, da wir fast die gleiche Größe hatten, ein Hemd geliehen. Doch auch das gute Zureden von Mum half nicht, Taylor blieb nervös.

Mit Mum in der Mitte, liefen wir dann gemeinsam die Treppe hinunter. Im Speisezimmer angekommen, saßen bereits Grandpa mit Onkel Henry mit Tante Sophia am Tisch. Mum ließ sich neben den beiden nieder, während ich wieder direkt neben Grandpa. Taylor setzte sich neben mich und nickte Grandpa zu.

Man hörte Getrampel und Stimme im Flur und Tante Abigail was sagen. Dann hörte das Getrampel auf und wenig später erschien sie mit meinen Cousins und Sabina im Gefolge. Abigail setzte sich zwischen Grandpa und Sophia, während die anderen drei neben Taylor Platz nahmen.

„Ich wollte mich noch mal bedanken, dass ihr den Baum so schön geschmückt habt“, begann Großvater.

Wir lächelten ihn an.

„Hier sind ein paar neue Gesichter, das ist mir vorhin gar nicht aufgefallen.“

„Das ist Jaydens Freundin Sabrina, sie gehen mit Jack in eine Klasse“, erklärte ohne Aufforderung, Onkel Henry.

„Und das ist“, ich legte meine Hand auf Taylors, „mein Freund Taylor.“

Was Tante Sophia dachte, wusste ich nicht, sie lächelte nur breit.

„Ich finde es toll, wenn wieder Leben in dieser Bude ist“, meinte sie und schaute ihre Geschwister an.

„Warum hast du eigentlich nie geheiratet, Sophia“, fragte plötzlich Mum.

Interessiert schauten wir fünf auf unserer Seite nun wieder zu Tante Sophia.

„Ach weiß du Charlotte, das ist nichts für mich, ich wollte es probieren, aber dann sein lassen, das ist einfach nicht meine Welt, auch wenn ich zugeben muss, euch um eure Kinder zu beneiden.“

„Hört, hört“, meinte Onkel Henry neben ihr.

Grandpa schaute zu Abigail.

*-*-*

„Noch etwas länger an diesem Tisch und ich hätte Frostbeulen bekommen“, meinte Jayden.

„Geht es denn immer so eisig zwischen den Erwachsenen zu, hier draußen habe ich jedenfalls nie etwas mit bekommen“, kam es von Taylor.

„Nur wenn Tante Sophia da ist“, meinte Molly.

„Also wenn jetzt jedes Essen so abläuft, lass ich mir das Essen aufs Zimmer kommen“, sagte Sabrina.

„Sabrina, wir sind hier nicht im Hotel“, meinte ich.

„Aber möglich wäre das“, sagte Jayden.

„Ja, setz ihr ruhig noch Flausen in den Kopf…, sind wir jetzt alle fertig können wir los?“

Genervt schaute ich in die Runde. Taylor und ich hatten beschlossen, nach dem Essen noch sparzieren zu gehen. Natürlich bekamen die anderen Wind davon. So hatten wir uns nun dick eingepackt, vor dem Haus getroffen.

„Wartet, ich hab ein paar Fackeln für euch“, hörten wir es von der Tür her rufen.

Dort stand Tante Abigail und Mum. In schnellen Schritten lief Taylor die Treppe hinauf und nahm ihr die Dinger ab.

„Passt auf euch auf und bleibt nicht zu lange weg“, meinte Mum, bevor sie wieder im Haus verschwand.

Tante Abigail folgte ihr kurz darauf und Taylor kam zu uns zurück und verteilte die Fackeln.

„Ich würde vorschlagen, wir zünden erst mal nur zwei an, ich weiß nicht wie lange die Teile halten.“

Jeder fand den Vorschlag richtig und so wurden erst einmal nur zwei Fackeln angezündet. Jayden, mit Molly und Sabrina liefen voran und Taylor und ich folgten ihnen. Sie schlugen den Weg zur Straße ein.

„Fast etwas romantisch“, meinte ich leise zu Taylor, der die zweite Fackel trug.

Natürlich hatte ich mir seine andere Hand geschnappt. Gab es etwas schöneres, als mit seinem Freund Händchenhaltend sparzieren zu gehen. Ich musste grinsen, klar gab es etwas Schöneres, aber den Gedanken verwarf ich gleich wieder, wir wollten das langsam angehen.

„Du, was meinte dein Grandpa vorhin mit dem Besuch? Gibt es noch einen Verwanden, den ich nicht kenne?“

„Nein, Grandpa meinte sicher Gregory, einen Klassenkamerad, der bei Sabrina wohnt und den hat Mum eingeladen.“

„Ach so und der wohnt bei Sabrina? Wieso denn?“

„Sein Vater lebt nicht mehr und seine Mutter ist einfach abgehauen, da haben seine Großeltern ihn aufgezogen. Die leben übrigens hier in Newbury.“

„Hm, es gibt wohl mehrere so wie mich, dessen Eltern einem im Stich gelassen haben.“

Mist, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht.

„Tut mir leid, Taylor, ich wollte dich nicht daran erinnern.“

„Nicht schlimm Jack, das ist nun schon so lange her und erinnern kann ich mich eh nicht, da war ich einfach zu klein.“

„Gregorys Mutter ist nach der Geburt abgehauen…“

„Autsch, das ist heftig.“

„Ja und kurz bevor wir hier herfahren wollten, stand er plötzlich vor der Tür und fragte, ob er hier mit nach Newbury fahren könne, seine Großeltern besuchen, weil er nicht genug Geld für den Bus oder Zug hätte.“

„Das ist wirklich bitter. Ich wohne zumindest mit meiner Schwester zusammen, das hat mir über vieles hin weggeholfen.“

„Naja, jetzt ist er wenigstens über Weihnachten bei seinen Großeltern und Mum hat ihn eben eingeladen zum Tee zu uns zu kommen.“

„He, was trödelt ihr so“, rief Sabrina.

Ich wusste schon warum ich mit Taylor alleine laufen wollte.

„Wir gehen sparzieren, ich wollte keinen Sprint hinlegen!“, rief ich zurück.

Taylor kicherte neben mir.

„Wir folgen euch schon, keine Sorge!“

So trotteten wir gemächlich weiter.

„Du hast vorhin gesagt, du willst mich morgen nach Hause bringen.“

„Ja, war der Vorschlag von Mum und ich finde ihn gut, dann lerne ich deine Schwester kennen und sie mich. Was mir einfällt, ich würde gerne ein kleines Präsent mitbringen, weißt du, was ich deiner Schwester und ihren Mann schenken könnte.“

„Da bin ich ehrlich überfragt… und du willst das wirklich machen?“

„Ja, warum nicht.“

„Ich weiß nicht…, für mich ist das alles so neu, in meinem Kopf ist irgendwie totales Wirrwarr.“

„Das geht mir doch genauso!“

„Das merkt man dir aber nicht an. Du wirkst immer so selbst bewusst und weißt immer was du machen willst.“

„Taylor, dass sieht wirklich nur so aus und um ehrlich zu sein, ich weiß auch nicht, warum ich so wirke, normalerweise bin ich ein ganz ruhiger Typ, der ständig am Grübeln ist.“

Mein Freund fing neben mir an zu kichern.

„Was?“

„Ich kann mir das jetzt irgendwie nicht vorstellen, du und ruhig. Bisher habe ich nichts davon bemerkt.“

Ich blieb stehen.

„Das liegt vielleicht daran, dass du bei mir bist und mich total wohl und sicher bei dir fühle.“

Taylor lächelte mich an und bedanke sich mit einem Kuss.

„Boah, jetzt stehen die da hinten und knutschen auch noch herum, so wird das nie was“, hörten wir Sabrina rufen.

*-*-*

Ich weiß nicht wie lange wir gelaufen waren, aber es war eine gute Idee, nur zwei Fackeln anzuzünden, denn die ersten hatten nicht lange gehalten. Das Haus war immer noch hell erleuchtet.

Taylor wollte gerade die Fackeln am Boden ausdrücken, als ich am Boden etwas Schimmern sah.

„Schatz, warte, da liegt etwas“, meinte ich nur.

„Huuu, jetzt ruft er ihn schon Schatz“, äffte mich Sabrina nach.

Ich drehte mich zu ihr um.

„Neidisch? Oder soll ich zu ihm Knuddelhase sagen?“

„Pff“, bekam ich nur als Antwort.

„Jack, da hat jemand seine Geldbörse verloren, oder gehört die jemand von euch?“

„Nein, mit so einem Ding würde ich nicht herum laufen“, meinte Molly.

Das Ding war vollkommen Goldfarben.

„Gib mal her“, meinte ich.

Ich öffnete das Ding und durchsuchte es. Etwas viel Geld dachte ich für mich. Dann wurde ich fündig. Einen Ausweis, den ich herauszog. Sophia Hamilton Contess of Newbury.

„Ach Tante Sophias ihrer ist das“, meinte Jayden, „das hätten wir uns eigentlich gleich denken können. Komm lass uns rein gehen, irgendwie wird mir langsam kalt.“

Die Mädels stimmten zu uns steckte die Karte zurück in die Geldbörse, während Taylor nun die Fackeln im Sand ausdrückte. Ich blickte immer noch auf dieses goldene Ding in meinen Händen, während die anderen schon die Treppe hinaufliefen.

„Was ist?“, fragte Taylor, der ohne Fackeln wieder zurück kam.

Ich schaute den anderen hinter her, bis sie die Tür geöffnet hatten, dann wandte ich mich wieder zu meinem Schatz.

„Ich habe dir doch vorhin erzählt, dass Gregory, direkt von seiner Mutter nach der Geburt verlassen wurde.“

„Ja… hast du, aber wieso kommst du da jetzt darauf?“

Ich hielt ihm die Geldbörse unter die Nase.

„Gregory heißt Hamilton mit Nachname…“

Taylor sah erst auf die Börse, dann mich mit großen Augen an.

„Jack…?“, hörte ich es von der Tür her jemand rufen.

Tante Sophia stand an der Tür und wir liefen ihr entgegen.

„Ja?“

„Jayden meinte, du hast meine Geldbörse gefunden?“

„Ja habe ich, sie ist wohl beim Aussteigen aus dem Auto gefallen.“

„Gott sein dank hast du sie gefunden.“

„Morgen hätte sie sicher einer von uns gesehen.“

„Aber wenn sie jemand geklaut hätte?“

„Wer soll denn hier mitten in der Nacht herum laufen?“

Mittlerweile hatten wir sie erreicht. Sie war etwas schlichter angezogen, als noch vorhin beim Essen. Ich reichte ihr die Geldbörse.

„Trotzdem…, du bist ein Schatz! Danke Jack!“

„Nichts zu danken!“

„Abigail hat für euch Tee richten lassen“, sagte sie noch bevor sie uns alleine stehen ließ.

Ich wollte ihr folgen, aber Taylor stoppte mich.

„Meinst du wirklich…, also ich meine wegen Gregory?“

Er flüsterte.

„Ich weiß es nicht.“

„Und was willst du machen?“

„Taylor, auch das weiß ich nicht, aber lass uns erst mal hinein gehen, bevor meine besorgte Mutter noch kommt und uns persönlich rein zieht.“

*-*-*

„Ach hier bist du, warum sitzt du mit Taylor alleine in der Bibliothek und nicht bei den anderen im Wohnzimmer. Da kommt so eine tolle Tanzshow.“

Mum. Ich sah sie nicht an, sondern starrte von meinem Sessel aus ins Feuer des offenen Kamins. Taylor saß mir gegenüber und hatte wie ich eine Tasse Tee in der Hand. Er schaute zwischen mir und Mum hin und her.

„Ist etwas?“

Ich sagte darauf nichts und sie setzte sich mit mir auf die Sessellehne.

„Ich weiß nicht…, wie ich das sagen soll?“

„Was?“

Ich schaute sie an und dann zu Taylor.

„Soll ich Wache stehen?“, fragte er.

„Was ist denn mit euch beiden los, was meint Taylor mit Wache?“, wollte Mum wissen.

„Taylor…, machst du die Tür zu, ich denke, wir müssen mit Mum darüber reden.“

Taylor stand sofort auf und lief zur Tür.

„Habt ihr etwas angestellt?

Sie schaute Taylor hinterher, der nun die Tür schloss.

„Mum… es ist wegen Tante Sophia…“

„Die?“, sprach Mum verwundert, „die hat sich gerade bei mir bedankt, was für einen tollen Sohn ich doch hätte, weil du ihre Geldbörse gefunden hast. Was ist mit ihr?“

Taylor hatte sich mittlerweile wieder in seinen Sessel gesetzt.

„Ich… ich habe in die Geldbörse hinein geschaut, um zu wissen, wem der gehört.“

„Das ist ja wohl klar, dass so ein Ding nur Sophia gehören kann, oder?“

„Das ist es nicht, ich habe ihren Ausweis gefunden…“

„Und da stand sicher drauf Sophia Contess of Newbury. Na und? Ich habe es damals abgelehnt, bei der Namensänderung nach der Hochzeit den Titel eintragen zu lassen.“

„Da stand aber noch ein Familienname.“

„Wie noch ein …Familienname?“

Da stand Sophia Hamilton Contess of Newbury“, kam es nun von Taylor, zu dem nun Mum sah.

Sie zuckte mit ihren Schultern.

„Hm…, hat sie nicht was bei Essen gesagt, sie hat es probiert, also ich meine, dass sie wahrscheinlich geheiratet hat und hat sich wieder scheiden lassen?“

„Taylor hat Recht“, sagte Mum, „aber dann würde der Name nicht drin stehen.“

Mein Schatz schaute mich mit großen Augen an.

„Du verstehst nicht, was ich meine, oder Mum?“

„Was soll ich verstehen?“

„Hamilton!“

„Sorry Jack, ich steh absolut auf dem Schlauch.“

„Mum, erinnerst du dich an Gregorys Nachnamen?“

„Ähm…

„Gregory Hamilton! Und die Frau, also seine Mutter soll aus reichen Haus stammen.“

Mum schaute zwischen Taylor und mir hin und her. Plötzlich fing sie an zu lachen.

„Das ist jetzt nicht euer Ernst, oder?“

Mir war nicht zum Lachen und schaute sie ernst an.

„Jack, das vergisst du ganz schnell wieder, das ist sicher ein ganz dummer Zufall, Sophia würde nie…“

Mum brach mitten im Satz an. Sie stand auf.

„Ich muss wohin…“, sagte sie und schon hatte sie das Zimmer verlassen.

„Mum…!“, rief ich hier hinter her, aber es kam keine Reaktion.

Dafür erschien Grandpa.

„Ah hier seid ihr, ich habe mich schon gewundert, dass ihr nicht bei uns im Wohnzimmer sitzt. Was ist denn mit deiner Mutter, sie ist gerade so schnell an mir vorbei gelaufen.“

„Ähm…, ich glaube sie hat etwas vergessen… hallo Grandpa…, ja, uns war das nach dem Sparziergang etwas zu laut und weil das Feuer hier so schön brennt, haben wir uns hier hin gesetzt“, versuchte ich das Thema zu ändern.

Ich stand auf und setzte mich zu Taylor auf seine Lehne.

„Setz dich doch zu uns“, meinte ich.

„Um ehrlich zu sein, deswegen bin ich auch hier, es ist mir zu laut da drüben.“

Taylor und ich grinsten, während sich Großvater auf dem Sessel nieder ließ.

„Soll ich ihnen…, ähm…, dir auch einen Tee holen?“, fragte Taylor.

„Lass mal Junge, danke, aber wenn ich jetzt noch einen Tee trinke, muss ich heute Nacht zu oft auf die Toilette… ich hätte mich viel früher hier her setzt sollen, es ist wirklich schön ruhig. Sabrina hat ein doch etwas lautes Organ und ihr Lachen ist etwas grell.“

Nun musste ich lachen.

„Ja, ich kenn Sabrina nicht anders“, sagte ich.

„Kennst du sie schon lange?“

„Eigentlich seit ich auf die Schule gehe. Sie war die einzige, die nicht so abgehoben wie die anderen war.“

„…abgehoben?“, fragte Grandpa.

„Ja, ich meine die Jungs und Mädels, die den ganzen Tag nur übers Geld und deren Reichtum…, also ich meine den Reichtum deren Eltern reden. Das liegt mir absolut nicht.“

„Aber das liegt nicht daran, weil ihr nicht viel Geld hattet?“

Hatte da jemand plötzlich wieder ein schlechtes Gewissen?

„Nein Grandpa. Es gefiel mir einfach nicht, wie die mit ihrem Reichtum protzen, Schmuck oder teure Uhren trugen.“

„Ähm“, mischte sich Taylor ein, „ist es in der Schule nicht verboten, so etwas zu tragen? Deswegen haben wir doch alle die gleiche Uniformen angehabt, das man den sozialen Unterschied nicht bemerkt.“

„Eine gute Idee, finde ich!“, meldete sich Grandpa zu Wort.

„Meinst du, da hält sich einer an unserer Schule daran. Also im Unterricht schon, da siehst du nichts, aber in den Pausen, da wird der Reichtum herum gezeigt. Da bist du nur interessant, wenn du solche Dinge trägst.“

„Das ist traurig zu hören.“

„Nicht schlimm, Grandpa. Ich war ganz froh uninteressant zu sein, so hatte ich wenigstens meine Ruhe. Stell dir mal vor, Jayden wurde von Onkel Henry in die Schule gebracht, mit seinem Bentley und schon folgte eine Traube Mädchen, die das gesehen hatten, ihm den ganzen Tag durchs Haus?“

„Echt?“, fragte Taylor.

„Ist das so?“, kam es von Grandpa.

Ich nickte.

„Wenn du mich fragst, ist dass alles sehr oberflächlich, so wie Tante… Olivia… entschuldige, das ich davon anfange.“

„Du musst dich nicht entschuldigen, Jack. Du hast ja recht, mir war nur nicht bewusst, dass das schon in der Schule anfängt.“

„Ich denke schon viel früher. Leider…“

„Und dieser Gregory, der uns besuchen kommt, den deine Mutter eingeladen hat? Abigail hat mir erzählt, dass er bei seinen Großeltern lebt.“

Taylor schaute mich an.

„Nein Gregory lebt nun in London, hat ein kleines Zimmer, bei Sabrinas Eltern. Er geht zwar in meine Klasse, aber ich habe nicht so… Kontakt zu ihm.“

„Wieso? Das verstehe ich jetzt nicht.“

Bevor ich eine Antwort geben konnte und ich wusste auch gerade nicht, wie ich das erklären sollte, standen plötzlich Tante Abigail mit Mum im Zimmer.

„Mum…, Tante Abigail.“

„Oh, Vater, du bist auch hier?“, kam es überrascht von Tante Abigail.

„Ja, da drüben war es mir…, etwas zu laut.“

„Ach so…“

„Euch wohl auch, oder warum seid ihr hier?“

Sie und Mum schauten uns an, wir wiederum zu Grandpa. Es herrschte kurz eine Stille. Dann machte ich etwas, was später hoffentlich nicht bereute. Aber in diesem Augenblick empfand ich es als richtig.

Ich stand auf, ging zur Tür, schob die zwei Damen ins Zimmer und schloss die Tür.

„Was soll das?“

„Mum bitte…“

Ich zog den Stuhl vom Schreibtisch zu Grandpa.

„Tante Abigail setzt dich bitte und Taylor, machst du bitte Platz für meine Mutter.“

„Sicher doch“, meinte dieser und stand sofort auf.

„Jack, wenn es sich um die Sache von vorhin handelt, ich habe dir gesagt, vergiss das schnell wieder.“

„Du hast es wohl nicht vergessen, oder warum bist du sofort zu Abigail gelaufen und jetzt wieder hier?“

Mum sagte darauf nichts und setzte sich nun in den Sessel.

„Kinder, Kinder, ihr werdet doch jetzt nicht anfangen zu streiten, was ist denn los?“, fragte nun Grandpa.

Taylor hatte sich hinter Mums Sessel verzogen, während ich mich zu Mum auf die Lehne setzte.

„Wir haben gesagt, keine Geheimnisse mehr“, begann ich.

Ich schaute Tante Abigail und dann zu Mum.

„Was für Geheimnisse?“, fragte Grandpa.

Ich drehte mich wieder zu ihm.

„Grandpa, du sagtest vorhin, du verstehst nicht, warum ich zu Gregory bisher so wenig Kontakt hatte.“

Er nickte.

„Jack, bist du dir sicher, ob du das erzählen willst?“

„Sicher bin ich mir nicht, aber ich empfinde es als richtig. Und besteht nur ein Fünkchen Hoffnung, dass da etwas Wahres dran ist, muss ich was machen, ich kann nicht still da sitzen und gar nichts tun.

Grandpa sah mich immer noch fragend an.

„Wenn du meinst…, also ich weiß nicht recht.“

„Grandpa“, sprach ich einfach weiter, „Gregory war zu uns gekommen, um zu fragen, ob er bei uns mitfahren durfte. Mum und ich hatten dann die Vermutung, Sabrina hätte ihm etwas gesagt und deswegen kam er zu uns.“

„Das hat er nicht?“

„Nein! Wie ich dir schon sagte, lebt Gregory bei den O’ Sullivans. In einem kleinem Zimmer mit separaten Eingang, genau genommen. Sabrina hat uns erzählt, dass sie eigentlich ihn so gut wie nie zu Gesicht bekommt, außer eben in der Schule. Ich wusste zwar von einem Untermieter, aber nicht, dass es sich um Gregory handelt.“

„Bis dahin kann ich dir folgen, Junge. Aber wo liegt nun das Geheimnis, dass du mir sagen willst?“

„Gleich, lass mich bitte weiter erzählen.“

Grandpa nickte mir zu.

„Als etwas später Sabrina zu uns kam, habe ich sie natürlich mit Vorwürfen überschüttet, warum sie eine eigentlich für uns fremde Person sagt, sie könne bei uns Mitfahren.“

„Was sie nicht hat?“

„Nein, Gregory hat dies alles bei einer Unterhaltung zwischen Sabrina und ihren Eltern aufgeschnappt. Da kam ihm die Idee, bei uns mitfahren zu wollen, damit er zu Weihnachten seine Großeltern sieht.“

„Aber warum wohnt er bei den O‘ Sullivans und nicht bei seinen Eltern?“, fragte Grandpa.

„Grandpa, als Gregory geboren wurde, ließ seine Mutter ihn  und seinen Vater kurz darauf sitzen.“

„Der arme Junge.“

„Dann hat ihn sein Vater alleine groß gezogen, ist aber später an Krebs erkrankt und gestorben.“

Grandpa schaute mich geschockt an.

„Da haben seine Großeltern, die hier in Newbury leben, die Erziehung übernommen und ihn später ermöglicht, in London zur Schule zu gehen. Da Gregorys Vater und die O‘ Sullivans befreundet waren, haben diese Gregory ermöglicht, bei ihnen in London zu wohnen.“

„Das ist wirklich ein armen Junge, was er alles durchmachen musste“, sagte Grandpa nachdenklich, schaute dann aber wieder zu mir.

„Aber warum ist das ein Geheimnis, das ist doch nicht schlimm?“

„Das ist es nicht, Grandpa. Natürlich haben Sabrina und ich ihn gefragt, ob er schon mal nach seiner Mutter geforscht hat.“

„Wann habt ihr das gemacht, davon habe ich gar nichts mitbekommen“, fragte Mum.

„Da warst du ihn der Tankstelle bezahlen.“

„Als du mit mir telefoniert hast?“, wollte nun Tante Abigail wissen.

Mum nickte.

„Ich wollte mich nur vorher absichern, ob ich jemand zum Tee einladen kann.“

„Wieso?“, fragte ich.

„Ich kann doch nicht einfach jemand Fremdes zu deinem Großvater einladen, ohne vorher zu fragen, zudem hat mich die Geschichte von Gregory mitgenommen und ich wollte ihn einfach etwas aufmuntern.“

Eine kurze Stille trat ein und ich suchte nach dem roten Faden, den ich jetzt verloren hatte.

„Ach so, er hat uns dann erzählt, dass seine Großeltern verboten haben, nach dieser Frau zu suchen, weil sie mit ihr nichts mehr zu tun haben wollen.“

„Verständlich“, sagte Großvater.

„Aber er hat in einer früheren Unterhaltung zwischen seinem Vater und seinen Großeltern mitbekommen, dass diese Frau wohl aus einer reichen Familie stammen musste, sonst wusste er nichts.“

„Ich gebe zu, das ist alles sehr geheimnisvoll, aber ich verstehe immer noch nicht, warum ihr mir das nicht gleich erzählt habt?“, sagte Grandpa.

Ich atmete tief durch und stand auf.

„Ich habe… vorhin Tante Sophia Geldbörse vor dem Haus gefunden und habe nachgeschaut, ob ich vom Besitzer in der Börse etwas finde. Da habe ich Tante Sophias Ausweis gefunden, wo draufstand, dass sie Sophia Hamilton Contess of Newbury heißt.“

„Hamilton?“, fragte Tante Abigail und wurde ganz weiß im Gesicht.

„Sophia ist verheiratet?“, fragte Grandpa Tante Abigail, die abwehrend ihre Hände hob.

„Davon weiß ich nichts, Vater!“

„… und Gregory…“, sprach ich einfach weiter, „heißt ebenso Hamilton mit Familienname…“

Grandpa schaute mich an, als hätte er von all dem, was ich gerade gesagt hatte, nichts verstanden.“

Stille kehrte ein und nur das Knistern des Feuers war zu hören. Grandpa senkte seinen Kopf.

„Ich weiß, das Sophia eine Lebefrau ist und kein Respekt vor Geld oder anderen hat. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie zu so etwas im Stande wäre.“

Plötzlich fing Tante Abigail sarkastisch an zu lachen. Verwundert schauten wir sie an. Sie stand auf und lief zum Fenster.

„Deine ach so liebe Tochter! Obwohl sie schon so viel Mist gebaut hat, stehst du immer noch zu ihr, nimmst sie in Schutz, obwohl sie dich schon so viel Geld gekostet hat!“

So hatte ich Tante Abigail noch nie reden hören. Sie drehte sich um und wandte sich direkt an Grandpa.

„Du hast dich immer gewundert, dass ich nie geheiratet habe.“

„Was hat das mit Sophia zu tun?“, fragte Grandpa verwundert.

„Viel…, sehr viel sogar! Ich habe damals jemanden kennen gelernt, einen sehr sympathischen Mann. Er kam aus guten, aber bescheidenen Elternhaus, hatte aber eine tolle Position in einer Firma inne. Und da ich zu Hause nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen wollte, wandte ich mich an meine ältere Schwester und fragte sie nach Rat, wie ich dir vielleicht deinen zukünftigen Schwiegersohn vorstellen könnte.“

Grandpa sagte nichts, starrte sie nur an.

„Aber der Schuss ging nach hinten los, denn deine ach so liebe Tochter spannte mir den Mann aus. Wie sie das geschafft hat, weiß ich bis heute nicht.“

„Deswegen hast du nie geheiratet?“, rutschte mir heraus.

„Jack!“, mahnte mich Mum.

„Ach lass ihn doch Charlotte, er hat Recht. Daraufhin waren alle Männer für mich Luft.“

„Alles… nur… wegen Sophia?“, stotterte Grandpa.

Seine Augen wurden traurig, sehr traurig.

„Ich traue das meiner Schwester sehr wohl zu und…“, auch Tante Abigail bekam glasige Augen, „ und… Logan, den einzigen Mann, in den ich mich je verliebt habe…, hieß auch Hamilton mit Nachname.“

„Oh Abigail“, meinte Mum und ging zu ihr hin.

Ich schaute zu Taylor, der bis jetzt den Mund gehalten hatte. Er beugte sich zu mir vor.

„Was haben wir da losgetreten?“, flüsterte mir Taylor zu.

„Davon wusste ich nichts Taylor.“

Mum hatte Tante Abigail in den Arm genommen, weil sie leise zu weinen begann.

„Habe ich in der Erziehung meiner Kinder so versagt? Warum ist alles schief gelaufen?“

Ich schaute zu Grandpa, der Richtung Feuer sah.

„Ich habe immer versucht, euch ein guter Vater zu sein, streng, aber gut. Ich dachte, nachdem eure Mutter davon gelaufen war, könnte ich das alles alleine schaffen…, da habe ich mich wohl geirrt.“

Er stand auf und verließ das Zimmer.

„Vater?“, rief Tante Abigail mit verweinter Stimme.

Kurz darauf, hörten wir die schwere Haustür ins Schloss fallen. Tante Abigail wollte ihm nachlaufen, aber Mum hielt sie zurück.

„Er ist nur leicht angezogen und wird sich da draußen den Tod holen.“

„Wo ist seine Jacke?“, fragte ich.

„Was hast du vor?“, fragte Taylor.

„Schatz, hol du unsere Jacken aus unserem Zimmer, ich hol die von Grandpa.“

„Okay“, meinte Taylor und verschwand ebenso aus dem Zimmer.

„Da kann man richtig neidisch werden“, sagte Tante Abigail.

„Du auch?“, kam es von Mum, beide lächelten.

„Hä…was?“

„So liebevoll du deinen Freund gerade Schatz genannt hast…“

Mit rotem Kopf und ohne etwas zu sagen, verließ ich die Bibliothek.

*-*-*

Es hatte aufgehört zu schneien, der Himmel aufgerissen und bitter kalt.

„Wo ist er nur hingelaufen?“, fragte Taylor und sah wie ich in alle Richtungen.

„Der Mond scheint und man kann sehen wo man hinläuft.“

„Toll, dann kann er überall hingelaufen sein. Du, da stehen noch die restliche Fackeln, nehmen wir die mit?“

„Gute Idee.“

Nach einer viertel Stunde, trafen wir uns wieder am Stall.

„Auch nichts?“

Taylor schüttelt den Kopf und ich überlegte, wo wir noch nach schauen konnten. Da fiel mir etwas ein.

„Komm, ich weiß wo er vielleicht sein könnte“, und lief los.

„Wo willst du hin?“

„Zum Bootshaus!“

„Wieso zum Bootshaus?“

„Weil da irgendwie alles seinen Anfang genommen hat.“

Es dauerte eine Weile, bis wir dort angekommen waren. Der Mond schien zwar, aber dennoch war schnell eine Wurzel oder Zweig übersehen.

„Du hattest Recht, da steht er“, flüsterte Taylor.

„Grandpa…?“, rief ich.

Er reagierte nicht und Taylor schob mich in seine Richtung.

„Grandpa?“, sagte ich nun etwas leiser, als ich nun direkt hinter ihm stand.

Ich umrundete ihn und sah im Schein des Mondes, dass ihm Tränen über die Wangen verliefen.

„Ich habe alles falsch gemacht, oder?“

„Quatsch!“, sagte ich und zog ihm etwas umständlich die dicke Jacke an.

Ich holte den dicken Schal aus meiner Jackentasche und band ihm ihn um den Hals.

„Was hättest du anders machen können?“

Er seufzte und wischte sich die Tränen aus den Augen.

„Ich habe deine Großmutter enttäuscht und sie in die Arme dieser Frau getrieben…, hätte ich deinem Vater mehr vertraut, würde er wahrscheinlich noch leben und die Geschichte wiederholt sich anscheinend immer wieder, sonst hätte Sophia nicht ihren Jungen im Stich gelassen, so wie es meine Frau mit ihren Kindern gemacht hat.“

Langsam wurde ich ärgerlich, warum suchte er nun die Schuld bei sich?

„Das ist doch Bullshit, Grandpa!“

„Jack!“, hörte ich Taylors mahnende Stimme.

Ich war etwas lauter geworden, aber brachte fertig, dass Grandpa mir jetzt in die Augen sah.

„Deine Frau hat sich für jemand anders entschieden, hätte aber auch weiter hin zu dir halten können, dass war alleine ihre Entscheidung, so wie es auch Tante Sophias eigene Entscheidung war, Gregory im Stich zu lassen, um ihr ach so tolles Leben weiter zu führen.“

Grandpa entgegnete nichts.

„Papa ist nicht durch deine Schuld gestorben, daran war dieser Idiot Schuld, der ihm in die Karre gefahren ist und er wäre nie in Misskredit gekommen, wenn Onkel Henrys Frau nicht die Dokumente fälschen hätte lassen!“

Ich hatte mich in Rage geredet. Taylor trat neben mich und zupfte an meinem Jackenärmel.

„Was? Habe ich nicht Recht?“

„Ähm… du brauchst nicht so zu schreien…“

Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Taylor hatte Recht, aber ich war wütend. Wo hatte das liebe viele Geld die Familie hingebracht?

„Entschuldige…“

„Du brauchst dich bei mir nicht entschuldigen…, aber vielleicht bei deinem Grandpa…?“

„Lass gut sein Taylor…, Jack hat Recht. Das liebe Geld macht nicht glücklich, es verdirbt die Menschen nur. Mich auch.“

Resigniert schaute er zu Boden.

„Das stimmt nicht… Grandpa“, sagte Taylor plötzlich, „… sie ermöglichen mir mit ihrem Geld, dass ich studieren darf… sie … du …ach Mensch! Du hast Jacks Mum geholfen, einen neues Geschäft zu finden, du finanzierst auch Jacks Studium! Was ist daran schlecht? Schlecht ist immer nur, wenn man sich für den falschen Weg entscheidet, nicht das Geld!“

„Taylor…!“, sagte ich verwundert und lächelte ihn an.

„Es tut mir weh, wenn ich deinen Grandpa sehe, wie er unter diesen Sachen leidet. Es ist nicht Recht! Ich war froh, als er mir damals die Möglichkeit gab, hier meine Lehre zum Pferdewirt zu beginnen. Nie habe ich mir Gedanken darum gemacht, wie viel Geld er wohl hat. Ich bin glücklich mit meiner Schwester und meinem Leben!“

Nun liefen auch bei Taylor die ersten Tränen.

„Ach Taylor“, meinte Grandpa und griff nach Taylors Hand.

Ich griff mir die andere.

„Joseph…?“

Ich zuckte zusammen, als ich Mums Stimme plötzlich hörte. Eine Taschenlampe flammte in unsere Nähe plötzlich auf und ich konnte Mum und Tante Abigails Umrisse erkennen.

„Mum, woher wisst ihr, wo wir sind?“

„Sagen wir mal, eine laute Stimme hat uns zu euch geführt.“

Taylor nahm die Fackeln, die er sich unter dem Arm geklemmt hatte und zündete sie an. Danach steckte er sie in den Boden, während die zwei Frauen an uns heran getreten waren.

„Joseph, ich habe nie dich persönlich für alles verantwortlich gemacht“, sprach Mum weiter, „Es war die Familie, die Traditionen, naja, vielleicht auch das Geld. Dich trifft keine Schuld, du hast das gemacht, was du für richtig hieltst.“

„… und es war leider das Falsche.“

„Vater, wie kann man wissen, ob es richtig ist, oder falsch?“, fragte Tante Abigail.

„Ich habe von meinem Enkel gelernt, das man öfter seinem Herz vertrauen soll, als auf seinen Verstand… stimmt doch, oder?“

Ich nickte lächelnd.

„Und man kann daran nichts ändern, es ist alles passiert!“

Grandpa nickte nun auch.

„Was ist jetzt aber mit Gregory?“, fragte Taylor.

*-*-*

Tante Abigail verteilte den Tee.

„Danke Abigail“, meinte Grandpa, ich glaube, wir sollten mehr Sessel anschaffen, zwei sind eindeutig zu wenig.“

„Ach was, die Stühle tun es auch“, meinte sie.

„Aber noch einmal darauf zurück zu kommen, was Taylor gefragt hat, was machen wir jetzt wegen Gregory?“

Alle schauten bedrückte ins Feuer.

„Ist… ist das jetzt auch ein Enkel?“, fragte Taylor.

„Stimmt Taylor. Die Zahl meiner Enkel wächst stetig, wer hätte das gedacht.“

Er hatte das mit einem Lächeln gesagt.

„Wollt ihr Tante Sophia darauf ansprechen?“, fragte ich.

„Was soll das bringen? Meinst du sie ändert plötzlich ihre Meinung und kümmert sich um ihren Sohn?“, kam es verbittert von Tante Abigail.

Ich zuckte mit den Schultern und schaute zu Mum, die immer noch nachdenklich ins Feuer schaute.

„Ich denke nicht, dass Sophia die Geburtsurkunde hat fälschen lassen, damit ihr Name nicht darauf erscheint. Joseph, gehe ich recht in der Annahme, dass du auch Gregory helfen wirst?“

„Hör auf in meinen Gedanken zu stöbern!“

Mum lächelte.

„Ich dachte nur, in dem neuen Haus, in das Jack und ich ziehen werden, da ist doch so eine kleine Dachwohnung.“

„Du willst Gregory allein in die Dachwohnung ziehen lassen?“, fragte ich erstaunt.

Sie drehte sich zu mir.

„Jack, er wäre nicht alleine, du und ich sind ja auch noch da, er kann jederzeit zu uns kommen, er ist ja schließlich dein Cousin und mein Neffe und kann sich zurück ziehen, wenn er den Wunsch, hat alleine zu sein.“

„Du willst dich um ihn kümmern?“, fragte Tante Abigail.

„Warum nicht? Ich weiß auch nicht, warum mich seine Geschichte so sehr rührt, aber hat er nicht auch Recht auf etwas Glück und vor allem auf Familie?“

Mum hatte dabei ihre Stirn in Falten gelegt und Tante Abigail sagte nichts darauf.

„Also wollt ihr Tante Sophia nichts sagen?“, fragte ich nun.

„Ich…“, begann Grandpa zu sprechen, „werde ihr irgendwann ins Gewissen reden, aber nicht jetzt! Ich finde, wir kümmern uns jetzt erst mal selbst um Gregory. Wie Taylor treffend bemerkte, er ist mein Enkel. Zudem wird es eh heraus kommen, spätestens, wenn Gregory hier öfter verkehrt.““

„Er muss nur noch wollen!“, sagte Taylor.

*-*-*

Die Nacht mit Taylor zu verbringen war herrlich. Es war nichts geschehen, wir lagen nur eng umschlungen im Bett und kuschelten. Seine nackte Haut an meiner zu fühlen, war einfach nur toll.

Genauso am nächsten Morgen. Die Augen zu öffnen und ins Gesicht des Menschen zu schauen, in den man sich verliebt hat. Ich lächelte und strich ihm eine Strähne aus seinem verschlafenen Gesicht.

Er streckte sich und gähnte.

„Chloe, ich will noch nicht aufstehen!“, murmelte er.

Wer war Chloe?

„Taylor…?“, flüsterte ich leise und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

Er zuckte zusammen, wich etwas zurück und schaute mich mit großen Augen an.

„Oh, entschuldige, ich dachte, ich wär zu Hause.“

„Chloe ist deine Schwester?“

„Ja.“

„Und ich dachte schon einer deiner vielen Liebschaften“, sagte ich und kicherte.

Er setzte sich empört auf.

„Hör mal, ich hatte nie irgendwelche Liebschaften, schon gar nicht mit irgendeinem Weibstück!“

Ich zog meine Decke über den Kopf und fing laut an zu lachen. Das bereute ich aber sofort, denn ich spürte einen Finger an meiner Seite. Natürlich entfuhr mir ein Schrei und schneller als mir lieb war, saß Taylor über mir.

Das Rätsel, wer wohl der stärkere von uns beide war, wurde gelöst. Eisern hielt er meine Handgelenke fest.

„Jack Joseph Lewis Baron of Newbury, untersteh dich, mich je wieder zu ärgern“, sagte Taylor, beugte sich nach vorne und biss mir leicht in die Nase.

„Aua…!“

„Komm du Mimöschen, das hat doch gar nicht weh getan?“

Meine Badtür wurde aufgerissen und Jayden stand plötzlich in unserem Zimmer.

„Jack, alles in Ordn…?“

Er brach seine Frage ab, als er Taylor auf mir sitzen sah.

„Oh sorry, ich wusste nicht das Taylor bei dir ist…, dachte dir wäre etwas geschehen.“

Taylor war mittlerweile von mir herunter gestiegen und hat sich wieder auf seinen Platz gesetzt.

„Sag mal, sitz du hinter der Tür und lauschst?“, fragte ich ihn leicht genervt.

Taylor fing an zu kichern.

„Dein Schrei war laut genug, da braucht man nicht zu lauschen“, kam es von der Badtür.

Dort stand Sabrina. Sie hatte wir Jayden ein Shirt und eine Shorts an. Ich musste grinsen, denn so hatte ich sie noch nie gesehen.

„Oh, guten Morgen Sabrina, du hast bei Jayden geschlafen?“

„Ja, so wie du zusammen mit Taylor die Nacht verbracht hast. Gleiches Recht für alle. Und ich muss sagen, jetzt verstehe ich, warum du dich für Taylor entschieden hast. Er sieht richtig lecker aus!“

Erschrocken versuchte Taylor seinen nackten Oberkörper mit der Decke zu verstecken.

„Das ist jetzt auch nicht mehr nötig“, kicherte ich, wir saßen beide nur in Shorts da.

Es klopfte an der Tür. Was war hier denn los, hier war mehr los als auf einem Bahnhof. Genervt rollte ich mit den Augen.

„Ja?“, rief ich.

„Jack? Ist alles in Ordnung mit dir?“

Die Stimme von Mum. Die Türklinke wurde herunter gedrückt. Während ich leichtsinnigerweise vergessen hatte, die Badtür abzuschließen, die Zimmertür war zu. Hilflos rüttelte Mum an meiner Klinke.

Ich stand auf und zog die Decke mit mir, was zur Folge hatte, dass Taylor nun wieder nur in Shorts da sah. Er griff nach meinem Kopfkissen und verdeckte erneut seinen nackten Oberkörper.

Meiner einer verhüllte seine Körper mit der Decke und schloss die Zimmertür auf.

„Guten Morgen Mum, wie du siehst geht es mir gut.“

Sie war im Gegensatz zu uns schon angezogen. Sie schaute in den Raum.

„Was ist das hier…, eine Pyjamaparty?“

Sabrina und Taylor fingen an zu kichern.

„Wie du siehst“, ich öffnete kurz meine Decke, „hat keiner von uns einen Pyjama an…, also keine Pyjamaparty.“

„Eine Orgie… oh Gott!“

„Muuuuuuuuumm!“

Nun fingen alle an zu lachen, außer mir natürlich.

„Zieht euch an und kommt zum Frühstück herunter, wir haben ja noch etwas vor“, meinte Mum nur und ging wieder, Richtung ihrem Zimmer.

Ich dachte beim Tür schließen, noch so etwas wie Sündenpfuhl zu hören.

„Deine Mama ist einfach cool“, meinte Sabrina.

„Weiß ich“, sagte ich und ließ mich so wie ich war wieder aufs Bett nieder.

„Ähm… wer benutzt zuerst das Bad?“, fragte ich und versuchte dabei ernst zu wirken.

„Ich lass euch den Vortritt, Sabrina wollte eh gerade zurück in ihr Zimmer“, sagte Jayden und schob bereits Sabrina zurück ins Bad.

„Okay, man lasse uns dann nun alleine!“

„Der spinnt doch!“, hörte ich Jayden sagen, als er die Tür hinter sich zuzog.

Taylor grinste nur und zog mich wieder zu sich.

*-*-*

Später trafen wir die beiden zusammen mit Molly auf der Treppe wieder.

„Boah, das ist ja nicht auszuhalten, ihr seid auch so gut gelaunt…Morgen…!“, kam es von Molly.

Da hatte sie wohl Jayden und Sabrina mit gemeint.

„Guten Morgen Molly und danke der Nachfrage, wir haben auch sehr gut geschlafen“, sagte ich und machte einen kleinen Diener.

Die anderen kicherten und folgten wie ich Molly die Treppe hinunter.

„Guten Morgen Kinder!“

Das war die Stimme von Onkel Henry. Wir drehten uns alle um.

„Guten Morgen“, schallte es einstimmig zurück.

Onkel Henry lächelte und als er uns erreichte, liefen wir weiter. Ganz ungewohnt für mich, er trug einen einfachen Jogginganzug. Das hatte ich bis jetzt noch nicht an ihm gesehen. Molly war die erste, die am Esszimmer angekommen war und drückte die Tür auf.

Wir strömten hinein und setzten uns an den Tisch. Grandpa, Tante Abigail und Mum waren schon da, von Tante Sophia keine Spur.

„Guten Morgen Kinder…Henry“, sagte Grandpa lächelnd.

„Morgen Vater!“, kam es von Onkel Henry, der sich nicht setzte, seine Teller schnappte um zum kleinen Buffet damit zu gehen.

„Ich sehe, ihr habt gut geschlafen?“, fragte Grandpa.

Ein allgemeines Nicken ging durch die Runde.

„Soll ich dir etwas mitbringen?“, fragte Taylor leise neben mir.

„Gerne! Danke! Etwas Ei und Toast.“

„Kommt sofort“, meinte Taylor, schnappte sich meinen Teller und stand wieder auf.

Dabei sah ich, wie Sabrina Jayden durchdringend anstarrte.

„Oh man Taylor…“, sagte er nur und griff nach Sabrinas Teller.

Mum und Abigail finden herzhaft an zu lachen, während mein Schatz beim Essen stand und nicht verstand.

„Du hast auch gut geschlafen?“, fragte ich nun Grandpa, neben dem ich wie immer saß.

„Etwas wenig, aber ja.“

Ich schaute ihn an.

„Es sind mir noch ein paar Dinge durch den Kopf gegangen.“

Ich hob den Kopf etwas schräg, aber nickte dann nur.

„Was steht heute noch an“, unterbrach uns Onkel Henry, „gibt es in der alten Kapelle noch diesen Abendgottesdienst?“

„Kapelle?“, fragte ich.

„Ja, Taylors Schwester wohnt doch in dem kleinen Dorf in der Nähe, Enborne, dort gibt es auch eine Kapelle, aber ob es den Gottesdienst noch gibt, weiß ich nicht“, erklärte mir tante Abigail.

„Den gibt es noch!“, meinte Taylor, der sich gerade wieder neben mich setzte und mir den Teller vor mich stellte.

„Lust, mit in den Gottesdienst zu gehen?“, fragte Onkel Henry.

Mum schaute zu mir und ich nickte.  Wir waren nur einmal zu Weihnachten in der Westminster Kathedrale gewesen, die war aber so voll, das wir es in den Folgejahren unterließen und Weihnachten für uns zu Hause alleine feierten. Nach dem Frühstück, traf ich mit Mum draußen im Wagen, während Taylor im Stall verschwunden war.

„Hat Taylor etwas gesagt, was wir besorgen könnten?“

„Nein“, antworte ich, „er war leider keine große Hilfe.“

„Was besorgen wir dann? Weil auf geradewohl will ich jetzt nicht nach Newbury fahren, da ist bestimmt die Hölle los.“

Ich überlegte kurz und sah Tante Abigails Dekoration um die Eingangstür.

„Kennst du einen Blumenladen in Newbury?“, fragte ich.

„Ja, aber warum willst du das wissen?“

„Wie wäre es mit einem Weihnachtsgesteck, mit einer Kerze drauf.“

„Hm, meinst du?“

„Ja, es ist etwas Einfaches, oder willst du ihnen etwas Teures schenken? Ich dachte, wir wollten ihnen zeigen, das wir ganz normal sind.“

„Gut du hast Recht, also hinein ins Auto“, sagte Mum und stieg ein.

*-*-*

Da ich bis jetzt erst zweimal durch Newbury gefahren war, gab es natürlich viel zu sehen. Mum schien sich tatsächlich auszukennen. Auf alle Fälle wirkte es so auf mich. Sie hatte sich einen Parkplatz, Nähe einer großen Kirche ausgesucht.

Dann spürte ich wieder, wie kalt es doch war, denn wir mussten ein gutes Stück laufen. Mum und ich liefen die ganze Zeit stumm nebeneinander her. Sie schien über irgendetwas nach zudenken. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte ich, aber sie reagierte nicht.

„Mum?“, sagte ich etwas lauter.

Sie zuckte etwas zusammen und schaute zu mir.

„Hast du etwas gesagt?“

„Ja, ob mit dir alles in Ordnung ist?“

„Ja, alles in Ordnung, ich habe nur etwas nachgedacht.“

„Etwas ist gut.“

Sie schaute mir in die Augen und verdrehte ihre leicht.

„Jack, in den letzten zwei Wochen ist so viel passiert, ich habe noch gar nicht richtig Zeit gehabt, über alles in Ruhe nachzudenken.“

„Muss man darüber nachdenken?“

„Ich denke schon. In dieser Familie ist so viel passiert, Menschen mussten leiden deswegen, so einfach steck ich das nicht weg.“

„Da geht es mir nicht anders.“

„Dann wirst du verstehen, wenn ich etwas im Gedanken bin.“

„Und über was hast du gerade nachgedacht.“

„Über Sophia.“

„Den härtesten aller Brocken…“

„Wie meinst du das?“

„Es ist schlimm seinen Vater zu verlieren, so wie bei mir, durch einen Autounfall, oder eben bei Gregory, der seinen Vater durch Krebs verlor. Damit kann man lernen umzugehen…, aber dass einen die eigene Mutter im Stich lässt, ist etwas, was ich gar nicht verstehe!“

„Darüber habe ich nach gedacht. Als du mich damals fragtest, wer Sophia sei und ich meinte, sie ginge über Leichen, um das zu bekommen, was sie will, habe ich das eigentlich mehr zum Spaß gesagt.“

„Aber gemerkt, dass sie wirklich so eine Person ist, es zählt nur das, was ihr wichtig ist.“

Mum nickte.

„… und Gregory war ihr nicht wichtig und dass ist so sche… sorry!“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen…“

„Je mehr ich nun über diese Familie weiß…, ich verstehe dich nun, warum du nicht wolltest, dass ich Papas Familie kennen lerne.“

„Es war trotzdem ein Fehler es dir zu verschweigen.“

„Du wolltest mich nur beschützen, oder?“

Ich lächelte sie an.

„Kann man jemand vor so etwas beschützen?“

Sie war stehen geblieben.

„Mum, ich kann es nur immer wieder betonen, wie schön es war, als wir beide nur uns hatten, okay?“

„Du wünscht dir diese Zeit zurück?“

„Das habe ich nicht gesagt und es gibt jemand, der hat zu mir gesagt, ich soll nicht in der Vergangenheit leben, das tut am Ende nur weh… Gehen wir weiter?“

Nun lächelte auch sie wieder.

„Nein.“

„Ähm wieso? Wir wollten doch zu diesem Blumengeschäft.“

„Tun wir doch, wir stehen bereits davor!“, grinste sie mich an.

*-*-*

„Ist alles in Ordnung mit dir?“

Ich saß mit Taylor hinten im Wagen, während Mum zu Taylor nach Hause fuhr. Ich schaute ihn an.

„Deine Hand ist ganz kalt!“

„Geht schon“, antwortete ich.

„Ich denke, mein Sohn ist etwas nervös“, kam es von vorne.

„Mum!“

„Warum bist du nervös?“

Ich druckste etwas herum.

„Ich…ich…, fing ich an zu stottern, „was ist, wenn deine Schwester mich nicht mag?“

Nun fing Mum an zu lachen.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Schwester etwas gegen dich haben könnte, dazu kenne ich sie zu gut.“

Zweifelnd schaute ich ihn an.

„Aber das werden wir ja gleich selbst herausfinden, da vorne das zweite Haus…, da bin ich zu Hause.“

Mit großen Augen schaute ich nach vorne. Mum setzte den Blinker und der Wagen wurde langsamer. Ich fühlte mich, als hätte ich etwas Schlimmes angestellt und würde gleich dafür bestraft werden.

Nervös lief ich leicht versetzt hinter Taylor her, der seine Schlüssel herauszog. Mum hatte sich bei mir eingehängt und schaute über das Anwesen, das sich hinter dem Haus erstreckte.

„Schön ist es hier, so ruhig, weit weg vom Stadtlärm.“

„Das Haus gehört der Familie meines Schwagers“, meinte Taylor und schloss die Tür auf.

„Chloe, wir sind da!“, rief er in den Flur.

Oh man, mir war im Augenblick gar nicht wohl. Am liebsten hätte ich mich wieder ins Auto gesetzt. Mum sah mich aufmunternd an.

„Auf in den Kampf!“, flüsterte sie mir zu und schob mich ins Haus.

*-*-*

„Contess, wenn sie ihr Geschäft eröffnet haben, müssen sie mir unbedingt Bescheid geben“, meinte Chloe zu Mum.

„Du und dein Schuhtick“, kam es von Julien, Taylors Schwager.

Alle lachten, außer mir.

„Chloe, ich darf sie doch mit ihrem Vorname ansprechen?“

„Ja, natürlich.“

„Also ich denke, wo jetzt ihr Bruder und mein Sohn zusammen sind, könnten wir doch dass sie weglassen. Wie mein Sohn bin ich nicht besonders erpicht darauf, mit Titel angeredet zu werden. Ich bin Charlotte Newbury und wie mein Sohn immer sagt, nicht mehr oder weniger.“

Nun musste ich doch grinsen.

„Das macht ihnen… oh verzeih, das macht dir nichts aus?“

„Nein, überhaupt nicht. Jack ist in seiner Schule auch nur als Jack Newbury angemeldet, obwohl er sicher Vorteile hätte, wenn ich ihn mit dem ganzen Namen eintragen lassen hätte.“

„Wirklich? Wie ist denn der ganze Titel?“

„Jack Joseph Lewis Baron of Newbury!“, verkündete Taylor stolz und griff nach meiner Hand.

Verschüchtert versuchte ich zu lächeln.

„Joseph ist der Vorname des Dukes of Newbury und mein Vater hieß Lewis.“

„Leben deine Eltern noch?“, fragte Chloe neugierig.

„Sie leben zwar noch, aber wohnen in Schottland. Leider sehen wir uns nur sehr selten.“

„Das ist aber schade. Taylor hat nie seine Großeltern kennen gelernt, beide Seiten haben sich nach dem Verschwinden unserer Eltern, von uns abgewandt.“

„So hat jede Familie ihr Päckchen zu tragen… dein Bruder erzählte mir, dass ihr Zimmer vermietet, mit Möglichkeit zum Reiten?“

„Ja! Wir haben jetzt über die Weihnachtsfeiertage geschlossen, aber nach Weihnachten sind wir bis unters Dach ausgebucht“, verkündete nun Julien stolz.

Chloe sah mich durchdringend an.

„Taylor, du hast mir nicht erzählt, dass du dir einen solchen ruhigen Freund herausgesucht hast?“, sagte sie plötzlich, ohne ihren Blick von mir zu wenden.

Ich spürte, wie sämtliches Blut meines Körpers ins Gesicht schoss.

„Das ist er normalerweise nicht“, sagte Taylor, „er ist heute nur extrem schüchtern, ich verstehe es ehrlich auch nicht.“

Eigentlich hatte ich keinen Grund, mich nicht bei dieser Unterhaltung nicht zu beteiligen. Chloe und Julien hatten mich und Mum herzlich empfangen und in keinster Weise etwas gezeigt, dass mich darauf schließen lassen könnte, dass sie etwas gegen mich haben könnten.

„Jack hat Angst, ihre beide könntet etwas gegen ihn haben!“, sagte nun Mum und ich wäre am liebsten im nächsten Mauseloch verschwunden.

Julien und Chloe fingen beide an zu lachen. Sie stand auf, kam zu mir und ging auf die Knie. Chloe griff nach meiner Hand.

„Jack, wenn es eins gibt, was mich und Taylor am meisten verbindet, das ist es unser Vertrauen ineinander. Ich hatte bisher immer vollstes Vertrauen in meinen kleinen Bruder, dass er das Richtige tut!“

„Aber…, aber Taylor sagte, du warst nicht so begeistert, dass er bei mir übernachten will.“

Chloe fing an zu lachen, ließ aber meine Hand nicht los. Das Lachen war anstecken, so entspannte ich mich ein wenig und lächelte ebenso etwas.

„Aber doch nur, weil ich so neugierig war, wenn sich Taylor ausgesucht hat und ich muss sagen, ich bin angenehm überrascht!“

Angenehm überrascht?

„Ähm, wieso.“

Chloe stand wieder auf setzte sich neben Julien zurück.

„Taylor mag zwar ein Meister sein, wenn es um Pferde geht, aber in technischen Sachen…, wie soll ich sagen…“

„… hat er zwei linke Hände“, beendete Julien den Satz und grinste frech.

„Das stimmt doch gar nicht!“, protestierte Taylor.

„Ha, soll ich Charlotte von der Lampe im Flur erzählen?“

Mum und ich schauten nun zu Taylor, der plötzlich ganz klein wurde.

„Was war mit der Lampe?“, fragte nun ich.

Julien lacht erst mal laut, bis er Chloe ihm in die Seite knuffte.

„Er… er sollte eine Glühbirne auswechseln…“

„Ja und? Das ist doch nicht schwierig“, sagte Mum.

„Na ja, dachte ich auch, aber Taylor hat solange an der Glühbirne gedreht, bis er das Glas in der Hand hatte und es platze. Vor schreckt hat er dann die ganze Lampe von der Decke gerissen!“

Geschockt schaute ich zu Taylor.

„Julien, du bist gemein! Wie lange willst du mir das noch vorhalten?“

Mum hielt ihre Hand vor den Mund, aber ich sah deutlich ihre Lachfältchen.

„Und was hat das jetzt mit mir zu tun?“, fragte ich.

„Tja, wenn es darum geht, Bilder mit dem Handy zu machen, bekommt das Taylor auch nicht hin“, erklärte Chloe, „und ich habe bis zum heutigen Tag noch kein klares Bild von dir gesehen.“

„Ach so…, dann… dann hast du nicht gegen mich?“

„Aber wieso sollte ich denn gegen dich etwas haben, ich lerne dich doch erst kennen.“

Ich atmete tief durch und schaute zu Taylor, der nun schmollend neben mir saß.

„Schatz, wenn du jemals ein technisches Problem haben solltest, dann komm bitte zu mir, ich helfen dir gerne“, meinte ich und griff nach seiner Hand.

„Er sagt Schatz, wie süüüß!“, kam es im hellen Ton von Chloe, dass ich befürchten musste, dass mein Trommelfell in Mitleidenschaft gezogen wird.

*-*-*

Mum grinste immer noch. Mittlerweile setzte schon die Dämmerung ein, als wir zurück fuhren. Morgen würde ich Taylor wieder sehen. Pferde kennen keine Sonntage und Feiertage. Aber da er seinen Job liebte, machte er es gerne.

„Also ich finde die beiden sehr nett und du merkst, mit welcher Leidenschaft sie das Haus führen.“

„Da gebe ich dir Recht!“

„Und sind alle Zweifel vom Tisch, was die beiden betrifft?“

„Sorry, ich weiß nicht, was mich geritten hat. Ich war noch nie in so einer Situation.“

„Und wirst auch nicht so schnell wieder in so eine kommen.“

„Hä…?“

Mum sah kurz zu mir herüber und fing an zu lachen.

„Sag mal, wie viel Freunde willst du dir suchen?“

Ich verdrehte die Augen, als ich verstand was ich meinte. Das Tor zum Grundstück kam in Sicht und Mum lenkte ruhig den Wagen in die Einfahrt.

„Keinen! Diese eine reicht mir völlig. Aber etwas anderes, ich habe Gregory noch keine SMS geschickt, wann wir ihn zum Tee einladen.“

Mum stoppte den Wagen.

„Ich überlege auch schon die ganze Zeit, wie wir das bewerkstelligen sollen. Einfach hingehen, sagen, hallo wir sind deine Tante und Cousin, herzlich willkommen in der Familie…“

Weiter sprach sie nicht, sondern setzte den Wagen wieder in Bewegung. Ich musste grinsen, aber fand plötzlich diese hirngespinstige Idee nicht mal so schlecht. Der Wagen rollte aus und blieb neben Onkel Henrys Bentley stehen.

„Du ich finde die Idee nicht mal so schlecht!“

Mums Wagen machte einen kleinen Hüpfer und der Motor war aus.

„Bitte?“

War Mum vor Schreck von der Kupplung gerutscht?

„Hinzugehen und zu sagen wer wir sind.“

Mum sah mich entsetzt an.

„Da fliegen wir im hohen Bogen heraus, wenn du deine Verwandtschaft mit deiner Tante Sophia preisgibst.“

„Bist du sicher?“

„Nein, bin ich nicht, aber ich möchte es auch nicht darauf ankommen lassen!“

„Hast du einen besseren Vorschlag?“

„Nein, aber…“

„Was aber?“

„Jack, ich weiß es nicht! Es mag zwar stimmen, dass man mit der Wahrheit am weitesten kommt, aber in diesem Fall…“

Sie schüttelte den Kopf. Es klopfte an meiner Scheibe und ich fuhr zusammen. Sabrina stand vor dem Wagen.

„Wollt ihr da Heilig Abend drin verbringen?“, rief sie.

*-*-*

Ich kam mir vor, wie in einem Luxushotel. Der Tisch war hochherrschaftlich gedeckt, plötzlich lag da goldenes Besteck und große Kerzenleuchter standen auf dem Tisch. Mum hatte mich gezwungen eine Krawatte und Jacket zu tragen.

Im Nachhinein war ich ganz froh, denn jeder am Tisch war besser angezogen. Natürlich fiel Tante Sophia wieder aus dem Rahmen und ich überlegte, ob man das Licht nicht drosseln konnte, denn ihr Paillettenkleid funkelte extrem.

Auch das Essen war eine Premiere für mich, denn solche Dinge hatte ich noch nie gegessen. Als kalte Vorspeise wurde eine Lammpastete mit Minzsauce gereicht. Es war etwas gewöhnungsbedürftig, aber schmeckte zum Schluss es richtig gut.

Nach der Gemüsesuppe mit Käse stellte sich bereits das erste Völlegefühl ein. Als der Salat gereicht wurde, war ich froh, dass es doch recht wenig war, aber auch diese Kombination von Salat, Birne und Avocado mit gebratenem Speck war mir neu.

„Du bist so still?“, sagte Grandpa zu mir, während die anderen sich alle unterhielten.

„Ich bin fasziniert, von diesem Essen.“

„Es schmeckt dir?“

„Wären sonst die Teller leer?“

Grandpa nickte mir lächelnd zu.

Als das Salatgeschirr abgeräumt worden war, stand vor mir nur noch ein großer Teller. Die Tür zur Küche ging erneut auf und Harry kam mit zwei Platten zurück, dicht gefolgt von Ruby, die ebenso zwei Platten trug.

Als diese auf den Tisch aufgetragen waren, wurden meine Augen groß und wusste nicht, was ich essen sollte. Tante Abigail erklärte, was da alles auf den Tisch abgestellt wurde und Harry zusammen mit Ruby kamen mit weiteren Sachen.

Einen reichverzierten Braten, ein saftiger Schinken, oder sollte ich von den Rebhuhn probieren. Ich entschloss mich, von jeden etwas zu probieren, aber mein Plan wurde von Tante Abigail durchkreuzt. Sie legte mir große Fleischstücke auf den Teller.

Mum grinste mich an und ich spürte zum ersten Mal, dass meine Hose eng wurde. Mir blieb nur eins übrig, ich reduzierte Kartoffeln und das Gemüse, das ich mir selbst schöpfen konnte.

Nach fast einer Stunde war auch dieser Spuk vorbei und der Tisch abgeräumt.

„Also wenn ihr nichts dagegen habt, vertrete ich mir etwas die Beine“, und erhob mich.

„Ich schließe mich an“, meinte Mum lächelnd und stand ebenso auf.

Die Idee fand bei allen Anklang und so verließen bis auf Grandpa und Tante Sophia, die Esszimmer.

„Na, wie hat es dir bisher das Essen geschmeckt?“, fragte Mum, die sich bei mir eingehängt hatte und wir gemeinsam vor das Haus getreten waren.

Es hatte wieder begonnen zu schneien.

„Gut…, aber es ist so viel!“

Mum musste lachen.

„Wird dir nicht kalt?“, fragte ich.

Sie hatte ein langes Schulterfreies Kleid an.

„Jetzt wo du es sagst.“

Ganz Gentleman zog ich mein Jacket aus und legte es ihr um.

„Danke Jack, lieb von dir, aber in dem dünnen Hemd wird dir sicher auch schnell kalt.“

„Wir bleiben ja nicht ewig hier draußen. Für das bisschen ertrage ich es gerne.

Mum schmiegte sich an meine Schulter und schaute traurig.

„Alles in Ordnung?“

„Ach, ich dachte gerade an deinem Vater, er war immer so zuvorkommend, wie du jetzt und ihm hätte das heute Abend sicher auch gefallen.“

Ich wusste nichts darauf zu sagen und schwieg einfach. Eine gefühlte und schweigende Ewigkeit später, betraten wir wieder das Haus. Alle standen vor dem Weihnachtsbaum und unterhielten sich über die Geschenke, die den Boden vor dem Baum zierten.

Ich bekam meine Jacke zurück, beschloss sie aber nicht wieder anzuziehen. Hier drinnen war alles gut gewärmt.

„Feiert ihr Weihnachten immer so?“, hörte ich Sabrina fragen.

„Nein“, antwortete Jayden, „also ich meine…, die letzten Jahre haben wir zu Hause gefeiert. Als ich klein war, wurde hier gefeiert, aber daran kann ich mich nicht mehr richtig erinnern.“

„Ich bin auf alle Fälle pappsatt!“

„Es gibt noch Nachtisch!“, sagte ich grinsend und Sabrina sah mich gequält an.

*-*-*

Ich stand hinter dem Sessel, in dem Grandpa saß. Er blätterte in dem Album, das er von mir geschenkt bekommen hatte. Ich hatte im Vorfeld so viele Bilder von mir gesammelt und abfotografiert, wie möglich.

So konnte er sich nun in Ruhe, die Bilder von den letzten achtzehn Jahren betrachten.

„Danke Jack, das bedeutet mir sehr viel.“

„Es freut mich, dass es dir gefällt.“

„Willst du dich nicht setzten.“

„Grandpa, nach diesem tollen Essen bin ich ganz froh etwas stehen zu können. Außerdem dachte ich eigentlich Onkel Henry wollte noch kommen.“

Kaum hatte ich meine Erklärung beendet, kam die betreffende Person auch schon in die Bibliothek gelaufen. In Händen trug er drei große Tassen.

„Vater!“, meinte er und reichte ihm eine.

Grandpa legte das Album zur Seite und nahm die Tasse dankend entgegen. Auch ich bekam eine Tasse in die Hand gedrückt.

„Was ist das?“

„Ein Hot Toddy, nach einem Spezialrezept von Caitlin! Darauf freue ich mich schon den ganzen Abend“, erklärte Onkel Henry und setzte sich in den anderen Sessel.

„Und was ist da drin?“, fragte ich, während ich an meiner Tasse roch.

Es roch stark nach Alkohol, aber trotzdem angenehm.

„Das mein Junge, ist ein Englischer Grog aus Whisky und Brandy, sowie schwarzem Tee, der mit Honig sowie Gewürznelken, Muskat und Zimt gewürzt wird“, erklärte Grandpa mir und nahm einen Schluck.

Vorsichtig probierte ich das Getränk in meiner Tasse ebenso. Es war gut heiß und ich musste Husten, denn ich war den Alkohol nicht gewohnt.

„Und?“, strahlte mich Onkel Henry an.

„Gewöhnungsbedürftig, aber gut.“

„Wird dir schon warm?“

„Nein…“

„Das kommt noch“, hörte ich Mum hinter mir sagen, die gerade die Bibliothek betrat. Auch sie hatte so eine Tasse in der Hand.

„Verführt ihr meinen Sohn etwa zum Alkohol trinken?“

„Nein, würden wir nie tun“, Charlotte“, grinste sie Onkel Henry an.

Grandpa lächelte ebenso.

„Mum sorry, wenn du etwas dagegen hast, ich…“

„Jack, du bist achtzehn Jahre alt, natürlich darfst du Alkohol trinken“, unterbrach mich Mum.

„Er trinkt keinen Alkohol?“, fragte Grandpa verwundert.

Ich schüttelte den Kopf. Schnell war das Thema vergessen, denn die drei kamen wieder auf das Essen zu sprechen. Ich hörte einfach nur zu und nippte hin und wieder an meiner Tasse. Mum hatte Recht, es stellte sich eine gewisse Wärme in meinem Körper ein.

Ich sah aufs Feuer und verfiel meiner Gedankenwelt. Gregory fiel mir wieder ein. Dieses Problem war immer noch nicht gelöst und mir fiel im besten Willen auch nicht ein, wie man es hätte lösen können.

„Alles in Ordnung mit dir?“, riss mich Grandpa aus meinen Gedanken, „du bist so ruhig.“

„Stimmt“, mischte sich Onkel Henry ein, „du warst den ganzen Abend schon so ruhig, das kenne ich gar nicht von dir.“

Als würde mich Onkel Henry auch gut kennen.

„Ich habe mir Gedanken über Gregory gemacht?“

Mum sah mich fragend an.

„Gregory?“, ich dachte dein Freund heißt Taylor“, fragte Onkel Henry verwundert.

„Nein Gregory geht in meine Klasse und stammt hier aus Newbury und kommt übermorgen zum Tee zu uns.“

„Und warum habt ihr ihn eingeladen?“

Stimmt, Onkel Henry wusste ja nichts von der ganzen Sache. Sollten wir ihn einweihen? Fragend schaute ich zu Grandpa und Mum.

Ich saß mittlerweile auf einem Stuhl und hatte meine zweite Tasse hot Toddy in der Hand. Onkel Henry schwieg, nach dem ich meine Erzählung beendet hatte und schaute ins Feuer.

„Ich bin ja viel gewohnt von meiner Schwester und ich habe sie schon oft aus prekären Situationen gezogen, aber das hätte ich jetzt nicht gedacht.“

„Davon weiß ich ja nichts!“, sagte Großvater erstaunt.

„Du weißt vieles nicht Vater und sei froh, dass du es nicht mitbekommen hast! Ich will meine Schwester nicht schlecht machen, dazu habe ich nicht das Recht, schon alleine was in der Vergangenheit passiert ist.“

Spielte er jetzt auf meinen Vater an? Ich hatte mittlerweile meine Krawatte ausgezogen, die Ärmel hochgekrempelt und das Hemd etwas aufgeknöpft, denn mir war jetzt richtig warm.

„Aber dass sie ihr eigenes Kind im Stich lässt, schlägt jedem Fass den Boden aus!“

„Es ist so wie es ist, Henry, daran kann man jetzt auch nichts mehr ändern“, sagte Mum.

Onkel Henry seufzte.

„Sie ist die Älteste von uns und sie hat sich nie was sagen lassen“, sinnierte Onkel Henry ins Feuer schauend.

„Hast du je deinen Bruder oder Abigail ernst genommen?“, fragte Mum.

Ihr Ton hatte sich geändert.

„Kinder, ihr werdet doch nicht wieder anfangen zu streiten?“, kam es von Grandpa.

„Sicher nicht Joseph, aber Isaac hat mir Geschichten von seiner Kindheit erzählt, wo seine Geschwister nicht immer ganz fein zu ihm waren.“

„Das ist Vergangenheit!“, sagte ich und hob meinen Zeigefinger.

Upps, das wollte ich gar nicht laut sagen. Was war plötzlich mit mir los? Ich begann zu kichern.

„Jack hat Recht!“, sagte Grandpa.

„Da verträgt wohl einer den Alkohol nicht“, grinste Onkel Henry.

Wie den Alkohol nicht vertragen?

„Es ist schon spät, ich werde mich zurück ziehen und Jack nehme ich am besten gleich mit.“

„Aber meine Tasse ist noch nicht leer!“, beschwerte ich mich und trank den Rest in einem Zug aus.

„Jack!“

Ich schaute zufrieden in meine Tasse und grinste. Leer!

*-*-*

Wie ich in mein Bett gekommen war, wusste ich nicht. Auch nicht, warum ich so schreckliche Kopfschmerzen hatte. Auch schmerze meine Schulter und ich spürte den gleichmäßigen Atem, der über meine nackte Brust streifte.

Es war wirklich schön mit Taylor morgens aufzuwachen. Halt, hatten wir Taylor nicht gestern heimgebracht. Ich riss die Augen auf und sah nach unten.

„Jayden?“, rief ich schockiert und fuhr hoch, was ich gleich wieder bereute.

Ich hielt meinen schmerzenden Kopf. Der plötzliche Entzug seines Kopfkissens und mein lautes Rufen weckten Jayden natürlich.

„Was ist denn los?“, fragte er verwundert.

„Das sollte ich…“, meine Stimme war zu laut und ich redete leiser weiter, „das sollte ich dich fragen! Was suchst du verdammt nochmal in meinem Bett?“

Mein Cousin setzte sich auf. Nun bemerkte ich, auch er hatte nur Shorts an. Wieder bemerkte ich, dass Jayden doch ein leckeres Kerlchen war. Er selbst, schaute gerade durchs Zimmer und kratzte sich am Kopf.

„Ich weiß auch nicht recht“, bekam ich als Antwort.

„Du musst doch wissen, wie du in mein Bett gekommen bist?“

Immer noch schaute er sich um und rieb sich, mit beiden Händen, durchs Gesicht. Er schien zu überlegen.

„Papa hat uns so etwas Tolles zu trinken gebracht.“

„Du hast also auch von dem Grog von Caitlin probiert?“

Jayden nickte und schaute mich an.

„Du bist ganz schön blass um die Nase!“

„Boah, mein Kopf tut auch weh.“

„Dann hast du auch probiert?“

„Probiert? Ich habe zwei Tassen getrunken…“

Jayden fing an zu kichern.

„Dann wundert mich nichts mehr. Der Alkohol geht durch den süßen Honig sofort ins Blut und wenn man das nicht gewohnt ist…“

Ich ließ den Kopf hängen und schloss die Augen.

„… bin ich nicht“, murmelte ich.

Jayden kicherte weiter.

*-*-*

Als Jayden und ich zum Frühstück kamen, war der Raum überraschend leer. Ich nahm mir wie gewohnt meinen Teller und füllte ihn etwas, bevor ich mich setzte.

„Oh, die Herren sind schon wach“, hörte ich es von der Tür und schaute auf.

„Morgen Mum“, sagte ich nur und ließ mich auf dem Stuhl nieder.

„Und, deinen Rausch gut ausgestanden?“, fragte Mum und wuschelte mir durch die Haare.

Vorwurfsvoll schaute ich sie an, weil ich glaubte jedes einzelne Haar zu spüren.

„Er hat Kopfschmerzen“, sagte Jayden gutgelaunt und setzte sich neben mich.

„Dann werde ich mal deine Tante fragen, ob sie etwas gegen deine Kopfschmerzen hat.“

„Tante Sophia?“, fragte Jayden belustigt.

„Die sicher nicht…“, antwortete Mum, „Die ist heute in aller Herrgotts Früh abgereist.“

Ruckartig drehte ich meinen Kopf, wurde aber sofort von diesen sich darin befindeten kleinen Schmerzteufel zu Recht gewiesen.

„Abgereist?“, fragte ich gedämpft.

„Ja!“

„Hat sie gesagt warum?“

„Der einzige, der schon wach war, euer Großvater, hat sie mit einer Einladung zu einer anderen Weihnachtsfeier abgespeist!“

Mum schien verärgert, zumindest hörte sie sich so an.

„Ich werde mal nach Abigail sehen“, meinte sie dann nur noch und verschwand wieder.

Dafür kamen Molly und Sabrina herein. Auch sie sahen nicht besser aus, als ich. Anscheinend machte der gestrigen Umtrunk, Jayden als einzigen nicht zu schaffen.

„Morgen“, brummelte Sabrina und ließ sich neben Jayden auf den Stuhl fallen.

„Morgen!“, strahlte Jayden und formte seinen Mund schon zur Kussform.

„Wie kann man schon so früh am Morgen so wach und gut gelaunt sein?“, beschwerte sich Molly über ihren Bruder.

„Ich weiß gar nicht, was ihr habt!“, sagte Jayden und bis von seinem Toast ab.

So richtig verfolgte ich deren Unterhaltung nicht mehr. Mein Gedanke hing an dem, was Mum erzählt hatte. Ob Tante Sophia unser Gespräch belauscht, oder von Grandpa wie er so schön ausdrückte, zur Brust genommen?

Ich wusste es nicht, konnte mir auch nicht vorstellen, dass Grandpa es getan hatte. Fakt war, sie war weg und es würde zu keinem überraschenden Treffen zwischen Mutter und Sohn kommen.

Eigentlich sollte sich durch diesen Punkt bei mir eine gewisse Erleichterung einstellen, aber es tat sich nichts. Denn das Problem, wie wir es Gregory und seinen Großeltern beibringen sollten, war immer noch nicht richtig gelöst.

Wir hatten uns zwar entschieden, die Wahrheit zu erzählen, war aber selbst nun nicht mehr so von dieser Idee überzeugt. Würde das nicht sein ganzes Leben verändern? Ich selbst erfuhr es ja grad selbst, wie es ist ein Baron zu sein.

„Da bin ich ja froh, dass ich die ganze Packung Kopfschmerzmittel mitgebracht habe, wenn ich euch Mädels anschaue.“

Mum riss mich mit ihrem Zurückkommen aus dem Gedanken.

„Wer braucht alles eine?“

Sabrina und Molly hoben ihre Hände, so tat ich es auch.

*-*-*

Gerne wäre ich jetzt bei Taylor gewesen, aber ich wusste, dass ich ihn nur von der Arbeit ablenken würde und ich wollte nicht, dass er deswegen Ärger mit James bekam. Ich wusste auch nicht, was James darüber dachte, dass ich mit Taylor zusammen war.

Er war ein Mensch, den ich nur sehr schwer einschätzen konnte. Da musste ich mich wohl ganz auf Mums Meinung verlassen, die James wohl sehr mochte. Ich lag auf meinem frisch gemachten Bett und hatte alle viere von mir gestreckt, als es an meiner Tür klopfte.

Ich setzte mich auf und rief „Herein!“

Die Tür öffnete sich langsam und Grandpa kam in mein Blickfeld.

„Hallo Grandpa!“, sagte ich und rutschte an den Rand meines Bettes.

„Hallo mein Junge, deine Mutter erzählte mir, dass dir der Grog von gestern nicht so bekommen ist.“

„Ach geht schon wieder“, log ich, denn die Tablette hatte ihre Wirkung noch nicht gestartet.

Er schloss die Tür hinter sich. Ich stand auf und zog den Stuhl von meinem Schreibtisch zum Bett, bevor ich mich wieder auf meine Bettkante niederließ.

„Ich konnte gar nicht glauben, als mir Charlotte erzählt, dass du eigentlich gar keinen Alkohol trinkst.“

„Stimmt, auch wenn ich es jederzeit könnte. Aber ehrlich, es schmeckt mir nicht so sehr.“

Grandpa hatte sich mittlerweile auf seinen Stuhl gesetzt.

„Also hat dir der Grog gestern auch nicht geschmeckt?“

„Doch Grandpa, ich war sogar angenehm überrascht. Nur dachte ich nicht, dass es mir so nachhängen würde.“

„Das tut mir leid.“

„Muss es nicht, Grandpa. Das nächste Mal trinke ich einfach langsamer.“

„Du meinst, das hilft?“, lächelte mich Grandpa an.

„Ich weiß es nicht, muss es eben probieren.“

„Warum ich dich eigentlich aufsuche, ist wegen Gregory.“

Ah, da war ich wohl nicht der einzige, der sich Gedanken über den neuen Verwandten machte.

„Was ist wegen Gregory?“, fragte ich und verknotete meine Beine zum Schneidersitz.

„Ich bin mir nicht sicher, ob es gut ist…, wie sagt man so schön? Mit der Tür ins Haus fallen?“

„Du bist dir also auch unsicher, Gregory zu sagen, wer seine reale Mutter ist?“

„Das habe ich nicht gemeint. Dass er es erfahren muss, ist klar, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das gleich erzählen wollen.“

„Zumindest würde er hier nicht mit seiner Mutter zusammentreffen, wie ich gehört habe, ist Tante Sophia wieder abgereist.“

„Ja, sie findet wohl Freunde wichtiger, als ihre eigene Familie“, meinte Grandpa ärgerlich.

Ich hob die Schultern und stellte den Kopf schief.

„Sie wird sich wohl nie ändern, oder?“

Er sah zum Fenster und schüttelte den Kopf.

„Grandpa, es ist ihre Entscheidung Freunde wichtiger zu finden, als die Familie! Aber deswegen finde ich, soll ein anderer nicht darunter leiden. Ich kenne Gregory zwar nicht richtig, aber ich war doch sehr angetan, von seiner Geschichte.“

Grandpa wandte sich wieder zu mir und nickte.

„Mir gefällt Mums Idee, ihm zu ermöglichen, bei uns zu wohnen und ihn auch finanziell zu unterstützen. Es stimmte auch mich traurig, dass er nicht einmal Geld hatte, um seine Großeltern zu Weihnachten zu besuchen.“

„Hoppla, hattest du nicht gesagt, du magst den Reichtum nicht?“

„Nur, wenn er so zur Schau gestellt wird! Wenn man damit jemand helfen kann, ist das etwas anderes.“

„Okay und wie gedenkst du dann vorzugehen?“

„Ich weiß zwar nicht, was Mum vorhat, aber ich würde ihm das gerne sofort erzählen, im Beisein seiner Großeltern.“

„Du bist sicher, dass ist gut?“

„Bin ich nicht, aber ich möchte das mit Gregory nicht mit einem Geheimnis beginnen.“

„Okay, ich will dir da nicht drein reden, mein Junge. Ich vertraue dir da voll und ganz!“

„Und wenn es doch schief geht?“

Grandpa machte eine kurze Atempause und lächelte dann wieder.

„Wenn es trotzdem schief gehen sollte, dann hast du es wenigstens versucht und brauchst dir nichts vorzuwerfen!“

*-*-*

Mit gemischten Gefühlen lief ich Richtung Stall. Mir fehlte Taylor. Als ich vom Fenster aus sah, dass James mit dem Wagen wegfuhr, hatte ich mir schnell etwas übergezogen und war hinunter gelaufen.

Ich stoppte. Warum machte ich das eigentlich heimlich. Jeder wusste doch, dass ich mit Taylor zusammen war. Auch wenn er zu arbeiten hatte, konnte ich ihn doch jederzeit sehen? Ich beschloss für mich, damit aufzuhören, über andere nachzudenken.

Vielleicht malte ich zu schwarz, dass Taylor wegen mir Ärger bekommen könnte, wenn ich ihn bei der Arbeit besuchte. Ich setzte meinen Weg zum Stall weiter fort. Es war angenehm ruhig, nur der Schnee unter meinen Schuhen knirschte etwas.

Am Stall angekommen, zog ich das schwere Holztor auf. Sofort strömte mir warme Luft entgegen.

„James, hast du etwas vergessen?“, hörte ich Taylor rufen.

„Ähm… ich bin es… Jack.“

Wie aus dem Nichts, tauchte plötzlich Taylor vor mir auf.

„Jack“, rief er über das ganze Gesicht strahlend, „ich hab mir schon Sorgen gemacht, weil ich heute noch nichts von dir gehört habe.“

Mittlerweile war er bei mir angekommen. Aber keine Umarmung folgte, kein Kuss.

„Sorry, ich habe da gestern Abend wohl was getrunken, was mir nicht bekommen ist.“

„Dann solltest du besser im Bett bleiben…“

Ich fiel ihm um den Hals.

„Ich habe dich so vermisst!“

„Ich dich doch auch“, murmelte er mir ins Ohr

„Kannst du heute Nacht nicht wieder da bleiben?“

Taylor drückte mich etwas von sich weg.

„Du Jack, ich weiß nicht ob das gut ist.“

Wieder die alte Leier.

„Wieso da denn? Das Thema hatten wir doch jetzt schon oft genug“, sagte ich genervt und ließ ihn los.

„Grandpa hat nichts dagegen!“

„Es ist nicht wegen Grandpa…“, er senkte seinen Kopf.

„Es geht um James. Seit ich mit dir zusammen bin, benimmt er sich so komisch.“

„James?“

Taylor nickte.

„Das verstehe ich nicht!“

„Ich doch auch nicht…, er ist viel empfindlicher geworden…, nichts kann ich mehr richtig machen, manche Sachen muss ich sogar zweimal erledigen, weil er nicht zufrieden ist.“

Ungläubig schaute ich ihn an. Ich wollte darauf etwas sagen, hielt aber dann doch meinen Mund. Ich nickte nur und hob die Hände.

„Ich geh dann mal wieder und lege mich wieder hin. Man sieht sich“, meinte ich traurig und ließ Taylor einfach stehen.

*-*-*

Tränen kullerten über meine Wangen und tropften auf mein Kissen. Hatte James vielleicht etwas gegen Schwule? Gönnte er mir mein Glück mit Taylor nicht? Ich verstand auf einmal die Welt nicht mehr.

Es klopfte an meiner Tür, aber ich gab keine Antwort. Ich wollte einfach alleine sein. Es klopfte wieder und genervt drückte ich meine Augen zu.

„Ja?“, rief ich.

Ich schaute weder zur Tür, noch erhob ich mich. Vergraben in meiner Bettdecke blieb ich einfach liegen. Ich hörte, wie sich jemand Zugang zu meinem Zimmer verschaffte. Dann wurde die Tür weder geschlossen.

„Jack?“

Das war Mums Stimme.

„Jack…, können wir reden?“

Genervt atmete ich tief durch und setzte mich auf.

„Über was willst du mit mir reden?“, meinte ich trotzig und bemerkte erst jetzt, dass da neben Mum auch Tante Abigail stand.

„Ist irgendetwas passiert?“, fragte ich und schaute die beiden verwundert an.

Mum setzte sich neben mich auf die Bett kannte, während Tante Abigail am Bettende stehen blieb. Ich bekam ein ungutes Gefühl. Mum nahm meine Hand und streichelte mir über die Wange.

„Du hast geweint…“

Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Was war hier los?

„Taylor war eben bei mir…“, sagte nun Tante Abigail.

Ah, daher wehte der Wind, hatte er sich jetzt über mich beschwert, oder was? Langsam fing in mir alles an zu bröckeln.

„Taylor macht sich Sorgen um dich und denkt jetzt du bist sauer auf ihn.“

Mit großen Augen schaute ich Tante Abigail an und dann Mum.

„Warum sollte ich sauer auf ihn sein…, doch wohl eher auf seinen Chef!“

„Du meinst James, oder?“, fragte Mum.

„Auf wen sonst… Grandpa bestimmt nicht! Kann ich etwas dafür, dass dieser James, etwas gegen Schwule hat?“

Mum und Tante Abigail schauten sich kurz an und nickten sich zu.

„James hat nichts gegen Schwule…“, sagte Mum.

„… und es hat einen Grund, dass er sich so benimmt“, beendete Tante Abigail den Satz.

„Und was für einen Grund hat der Herr, dass ich meinen Taylor nicht sehen darf? Warum muss mein Freund ausbaden, dass wir zusammen sind?“

„Es hat niemand gesagt, dass du nicht mit Taylor zusammen sein darfst“, meinte Mum sanft.

„Ich möchte dir ein wenig über James erzählen“, fuhr Abigail fort.

„James ist nun schon fast fünfzig Jahre bei uns. Dein Vater war gerne bei ihm, weil er die Pferde über alles liebte. Wir waren damals alle eingeladen, als er geheiratet hatte und auch als sein Sohn getauft wurde.“

Und was hatte das jetzt mit Taylor und mir zu tun?

„Vor vier Jahren“, erzählte Abigail weiter, „fand man seinen Sohn erhängt hier in der Nähe.“

Geschockt schaute ich Tante Abigail an.

„In seinem Abschiedsbrief erwähnte Clifferton, so hieß James Sohn, dass er schwul  wäre und mit dieser Schande nicht leben könnte. Kurze Zeit darauf, zerbrach auch die Ehe von James, seine Frau war von einem Tag auf den anderen verschwunden.

Ich war mit Mum alleine. Tante Abigail war gegangen. Ich musste das für mich erst richtig verarbeiten. James hatte seinen Sohn verloren an Weihnachten vor vier Jahren, nur weil dieser schwul war und damit nicht umgehen konnte.

„Ich denke“, sagte Mum leise, „wenn James euch beide so sieht, dann tut ihm das nur noch mehr weh. Aber nicht weil ihr beide zusammen seid, sondern weil er an seinen Sohn erinnert wird und jetzt vielleicht…“

Sie lächelte etwas.

„… vielleicht der seine Probleme hätte lösen können und James einen Schwiegersohn hätte.“

„Nur deswegen benimmt er sich so komisch?“

Mum nickte.

„Soll ich deswegen jetzt von Taylor wegbleiben und warten bis er nächstes Jahr nach London zieht?“

Meine Mutter legte ihre Stirn in Falten.

„Jack, jetzt übertreibst du es aber etwas. Niemand verlangt von dir, dich von Taylor fern zu halten.“

„Was soll ich aber tun? Ich will nicht, dass wegen mir Taylor mit Mehrarbeit bestraft wird!“

„Taylor wird nicht bestraft!“

„Wie soll ich es denn sonst nennen?“

„Abigail wird versuchen mit James reden und du junger Mann benimmst dich wie immer, okay?“

Ich blies Atem scharf in die Luft.

„Normal? Wie soll ich das bitte anstellen? Mein Freund will nicht bei mir bleiben, traut sich nicht mal mehr mich zu umarmen, geschweige denn mich zu küssen!“

Mums Mundwinkel zuckten leicht nach oben und plötzlich fing sie an zu lachen. Was soll denn das jetzt?

„… hast du Entzug?“

„Ja, mach dich ruhig lustig über mich! Danke schön!“

Ich ließ mich auf mein Kissen fallen und zog die Decke über den Kopf.

„Jack…“, kam es lachend von Mum und zog mir wieder die Decke weg.

„Mit normal meine ich, dass du Taylor triffst, wann du möchtest und es seine Arbeitszeit erlaubt. Ich möchte den fröhlichen Jack wieder sehen…, nur vielleicht solltet ihr eben dabei vielleicht etwas Rücksicht auf James nehmen und keine Kussorgien vor ihm veranstalten!“

„Als würden wir so etwas machen.“

Mum grinste immer noch.

„Ich erinnere an die Herbstferien, als ihr euch zum Abschied innig umarmt und abgeknabbert habt.“

„Das ist ja wohl auch etwas anderes.“

„Kann man sehen wie man will, also gebt ein wenig acht, in nächster Zeit, okay?“

Durchdringend schaute mich meine Mutter an.

„Jaaaa… okay!“

„Gut, dann kann ich Caitlin auch sagen, dass wir heute Abend einen Gast mehr zum Essen haben“, grinste sie mich an.

*-*-*

Wie beim letzten Mal, hatte Taylor auch wieder bei mir geduscht. Nur mit Handtuch um die Hüften, saß er nun neben mir am Bettrand und hielt meine Hand.

„So etwas hätte ich echt nicht gedacht“, meinte Taylor.

„Ich kenne ihn jetzt schon drei Jahre, habe aber nie etwas über sein Privatleben erfahren. Na ja um ehrlich zu sein, es hat mich auch nicht interessiert und habe nie gefragt.“

Ich schaute Taylor an.

„Danke!“, meinte ich nur.

Mir kamen verwunderte Blicke entgegen.

„Für was?“

„Dass du da bist“, antwortete ich um fiel ihm um den Hals.

Ich spürte, wie Taylor mir durch die Haare streichelte.

„Das hat dir zu gesetzt, oder?“

„Dir etwa nicht?“

„Doch schon…“

„Aber…“

„Es tut mir leid, wenn ich mit der Gesamtsituation noch nicht richtig umgehen kann, Jack. Das ist plötzlich alles sehr neu für mich. Alle sind nett zu mir und behandeln mich auch, als gehöre ich zur Familie.“

„Das tust du doch auch!“, meinte ich und drückte ihn noch fester.

„Es ist gewöhnungsbedürftig…, gib mir da bitte etwas Zeit. Ich kann nicht einfach umstellen und die vergangenen drei Jahre abschütteln. Ich bin hier angestellt und dass alle hier sind meine Herrschaften, wo ich mit Respekt auftreten soll und dass galt bisher genauso für James, auch wenn er nicht den Herrschaften angehört.“

„Du bekommst alle Zeit die du brauchst, Taylor und ich sage dir auch immer wieder, ich bin nicht mehr, oder weniger als du!“

„Das brauchst du nicht! Ich liebe dich auch so!“

*-*-*

Mit Taylor im Arm hatte ich herrlich geschlafen. Umso mehr schmerze es mich, ihn wieder ziehen zu lassen, denn die Pflicht rief. Als Taylor gegangen war, hatte ich mich selbst fertig gemacht. Auf dem Weg nach unten traf ich auf Onkel Henry, der wohl das gleiche Ziel wie ich hatte. Das Esszimmer.

„Guten Morgen Onkel Henry!“

Wohl aus dem Gedanken gerissen, schaute er erschrocken auf.

„Ah, guten Morgen, Jack! Gut geschlafen?“

„Ja habe ich.“

Schweigend folgte ich ihm dann in den Essraum, wo wir Mum und Tante Abigail vorfanden. Grandpa hatte wohl wie immer schon gefrühstückt. Trotzdem setzte ich mich auf meinen Platz und saß auf meiner Seite alleine.

„Guten Morgen Sohnemann, aus dem Bett gefallen?“

„Äh… nein, Taylor musste in den Stall.“

Tante Abigail lächelte mich an und schenkte mir einen Kaffee ein.

„Es geht doch nichts über ein gutes Frühstück“, sagte Onkel Henry, der sich mit einem vollbeladenen Teller, neben Mum setzte.

„Ob du dass nicht bereuen wirst?“

„Charlotte, du redest schon wie Olivia…“

Onkel Henry stoppte abrupt. Eine kurze Stille trat ein.

„Verzeih…“, meinte er dann nur.

„Du musst dich nicht entschuldigen, Henry. Ich denke, das liegt uns im Blut, die Männer daran zu erinnern, wenn sie etwas Unvorteilhaftes tun. Zu dem denke ich…, du wirst Olivia auch mal geliebt haben, oder hättest du sie sonst geheiratet?“

Henry schaute Mum an, als wäre er bei etwas erwischt worden.

„Du magst Recht haben, Charlotte…, aber ich weiß selbst nicht mehr, wann dieses Gefühl verloren gegangen ist.“

„Warum hast du dich dann nicht früher von ihr getrennt?“

Er lächelte und schaute zur Decke hinauf.

„Bequemlichkeit…, die Kinder…“, er schaute wieder zum Mum, „die Beziehungen meiner Frau…, such dir etwas aus.“

Ich stand auf und holte mir nun auch etwas zu essen.

„Wirst du dich scheiden lassen?“, fragte Tante Abigail.

Mir fiel der Löffel, mit dem ich mir etwas Rührei schöpfte herunter und das war nicht gerade leise.

„… ähm… Entschuldigung.“

Mum lächelt, warum wusste ich nicht, das Thema, was die drei drauf hatten, war nicht zum Lachen.

„Um ehrlich zu sein“, sprach Onkel Henry weiter, „ ich weiß es nicht. Olivias Familie ist mächtig und ich weiß nicht, ob ich mich gegen sie wehren kann.“

„Du denkst, sie werden dir einen Strick drehen, weil du sie einweisen hast lassen?“, fragte Tante Abigail.

„Wer ist Olivias Familie, ich kenne sie nicht“, meinte Mum, während ich mich wieder setzte und zu essen begann.

„Olivias Familie?“ beantwortete Onkel Henry nun die Frage, „sie ist eine alte schottische Familie, die in England ihrer Fühler an den wichtigsten Positionen ausgestreckt hat. Sie ist nicht adelig, aber reich.“

Wieder wurde mir bewusst, wie wenig ich über die Familie wusste. Doch kam es mir in den Sinn, dass es für Onkel Henrys Frau dann ein leichtes gewesen sein muss, gegen Mum vorzugehen, sprich den Vermieter zur Mieterhöhung zu bewegen.

„Denkst du, sie holen sie wieder heraus?“, fragte Mum.

„Ich denke, rein rechtlich ist das gar nicht möglich, Henry ist ihr Ehemann“, warf Tante Abigail ein.

„Aber bei der Macht, die sie verfügen, ist alles möglich“, sagte Onkel Henry.

„Du hast meine volle Unterstützung!“, meinte Mum lächelnd.

Wenn ich daran dachte, wie Mums Einstellung in den vergangenen Wochen über Papas Familie geändert hatte, war phänomenal. Was mich aber zu einer anderen Frage brachte.

„Entschuldigung, wenn ich eure Unterhaltung unterbreche“, begann ich, „wo kann ich die Fotoalben der Familie finden?“

„Was willst du denn mit denen?“, fragte Mum.

„Ich wollte mir Bilder von Papa anschauen.“

„Die werden sich auf dem Speicher befinden“, erklärte Abigail, „wenn ich nachher etwas Zeit habe, werde ich dir sie herunter holen.“

„Mach dir keine Umstände, Tante Abigail, ich weiß ja jetzt, wo der Speicher ist, ich schaue einfach selbst nach.“

„Das ist lieb von dir Jack, denn ich muss mich noch um die Teetafel für heute Mittag kümmern.“

„Dabei kann ich dir doch helfen?“, sagte Mum, „ich komm mir vor, als wäre ich zum Nichtstun verdonnert.“

„Und ich werde etwas sparzieren oder reiten gehen“, kam es von Onkel Henry, „… gibt es eigentlich noch das rote Haus?“

„Ich glaube ja…, zwei ältere Damen sollen es führen, habe ich gehört.“

Das rote Haus, Großmutter, Mist, das hatte ich ja total vergessen.

„Ja, das tun sie…“, rutschte mir heraus.

Mum schaute mich durchdringend an. Sollte ich jetzt den beiden sagen, dass ihre Mutter dort lebte.

„Woher weißt du das?“, fragte Onkel Henry.

„Ähm… ich bin da schon hin geritten“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Hatte das einen bestimmten Grund?“

Hilflos schaute ich zu Mum, die mit den Schultern zuckte.

„Ähm… heute ist wohl wirklich der Tag der Wahrheit…“, sagte ich eher zu mir, als zu den anderen.

„Welche Wahrheit?“, wollte Tante Abigail wissen.

„Ich bezog das, auf das Gespräch mit Gregory heute Mittag…, aber… wir hatten gesagt keine Geheimnisse mehr…“

„Jack, von was redest du?“, fragte Onkel Henry.

„Die Frauen…, also ich meine die beiden sich um das rote Haus kümmern…, eine davon… ist eure Mutter.“

*-*-*

Tante Abigail hatten beide schnell den Essraum verlassen und Mum war ihrer Schwägerin gefolgt. Ich war noch etwas sitzen geblieben und dachte darüber nach, ob es gut war, dass zu erzählen. Als Harry mit Caitlin auftauchte, um die benutzten Sachen abzuräumen, verließ ich ebenso den Raum.

Ratlos stand ich da, was ich nun machen sollte. Mich entschuldigen? Für was? Ich hatte nichts Unrechtes getan. So hielt ich an meinem ursprünglichen Plan fest  und lief die Treppe hinauf. Als ich gerade die versteckte Tür zum Speicher erreicht hatte, kam Sabrina um die Ecke.

„Morgen Jack, schon so früh wach?“

„Das könnte ich dich auch fragen…, guten Morgen.“

„Was hast du vor?“

„Ich wollte auf den Speicher und nach den Familienalben schauen.“

„Kann ich mit?“

„Willst du nicht frühstücken?“

„Hab keinen Hunger.“

Ich atmete durch.

„Dann geh halt mit, wenn du möchtest.“

„Ist irgendwas, hast du schlecht geschlafen?“

Ich hatte den Mechanismus der Tür gefunden und sie sprang auf. Ich zog sie auf und betrat die erste Stufe, der schmalen Stiege.

„Ach ich weiß auch nicht. Ich habe gerade Onkel Henry und Tante Abigail etwas erzählt, worauf sie das Frühstück einfach verlassen haben.“

Mittlerweile waren wir oben angekommen.

„Hast du irgendwelche schrecklichen Geheimnisse, von denen ich nichts weiß?“, fragte mich Sabrina schockiert.

„Quatsch! Als ich das erste Mal hier war, habe ich Briefe von meinem Papa und seiner Mutter gefunden.“

„Das wollte ich eh fragen, es wandert mich, das hier niemand von deiner Grandma redet.“

Ich schaute mich um und sah einen Stofflappen. Ich nahm hin und klopfte über die Sitzfläche des Schaukelstuhls, das gleiche tat ich bei der alten Truhe.

„Setz dich!“, meinte ich und Sabrina tat wie befohlen. Ich ließ mich auf der Truhe nieder.

„Meine Grandma hat ihren Mann und ihre Kinder, als diese noch jung waren… verlassen.“

„Was? Aber warum denn?“

„Sie hat sich wohl in jemanden anderen verliebt…, eine Frau…“

Mit großen Augen schaute mich Sabrina an.

„Das gab es da schon?“

„Was?“, fragte ich verwundert.

„Ähm… ich meine schwul und lesbisch.“

Ich konnte nicht anders und fing an zu lachen.

„Was denn?“, wollte Sabrina leicht angesäuert wissen.

Sabrina, dass gibt es schon sehr lange, dass zieht sich durch die ganze Geschichte der Menschheit.“

„Woher weißt du das?“

„Internet?“, fragte ich stirnrunzelnd.

„Und was hat das alles mit den Briefen deines Vaters zu tun?“

„Die Briefe waren mit einem Absender versehen…, eine Haus, das rote Haus, hier ganz in der Nähe. Da dachte ich mir…“

„Da dachtest du, du gehst da einfach mal nach schauen, oder? Ich kenn dich zu gut Jack“, unterbrach mich Sabrina.

„Ja ich bin hingegangen…, das heißt ich bin dort hin geritten. Und du wirst es nicht glauben, ich habe da wirklich meine Großmutter gefunden.“

„Echt jetzt?“

Ich nickte.

„Und warum bist du dann so komisch drauf…, weil sie nicht hier ist?“

Nun schüttelte ich den Kopf.

„An das habe ich noch gar nicht gedacht. Ich habe, als das Gespräch am Frühstückstisch auf das rote Haus kam, Onkel Henry und Tante Abigail erzählt, dass ihre Mum dort lebt…“

„Und dann sind beide aufgestanden und verschwunden.“

Wieder nickte ich.

„Dann verstehe ich, warum du so drauf bist und niemand über deine Grandma redet. Und was gedenkst du jetzt zu tun?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Sprich das Thema bitte unten nicht an, ich weiß nicht, wie die anderen reagieren.

„Weglaufen…, das haben sie doch schon getan.

Ich seufzte.

„Ich denke, ich werde jetzt Familienalben suchen…, so wie ich es ursprünglich vorhatte.“

*-*-*

Nachdem Sabrina und ich, bei der Suche nach den Alben genug Staub aufgewirbelt hatten, beschlossen wir beide, mit unserem Fund nach unten zu gehen. Schwer beladen kamen wir im Esszimmer an, wo wir Molly und Jayden vorfanden.

„Was habt ihr denn da?“, fragte Molly.

„Guten Morgen“, lächelte ich sie an.

„…Morgen“, grummelten die Geschwister fast gleichzeitig.

Jayden bekam dafür ein Küsschen von Sabrina, nachdem sie ihren Pack Alben auf den Tisch gelegt hatte.

„Fotoalben der Familie Newbury“, beantwortete ich nun Molly’s Frage.

„Oh ehrlich, da will ich auch reinschauen“, sagte Jayden und schon war das Frühstück vergessen.

„Ess erst mal fertig, die Bücher laufen dir schon nicht weg!“, meinte ich, ließ mich neben Sabrina nieder um das erste Album zu nehmen.

„Willst du nicht nach den Jahreszahlen gehen?“

Sie tippte auf den Cover eines Albums, wo man eine Jahreszahl lesen konnte.

„Du hast recht…“

So sortierten wir die Bücher erst nach den Jahreszahlen und nahmen uns das Älteste zu erst. Ich schlug es auf und ein Familienbild prangte uns entgegen.

„Boah sieht Grandpa da noch jung aus“, sagte Jayden und zeigte auf die Jungversion von Grandpa.

„Das muss wohl Papa sein“, kam es kichernd von Molly, die nun ihrerseits ihren Finger auf die Fotografie hielt und auf einen kleinen Jungen in kurzen Hosen zeigte.

„Das könnte nach der Taufe aufgenommen sein“, sagte Sabrina neben mir.

„Wie kommst du da drauf?“, fragte ich.

„Das Baby dort, hat ein Taufkleid an und wird wohl dein Vater sein!“

Ich ging näher ran, um das Bild besser zu sehen.

„Wird wohl so sein“, meinte ich dann.

„Hallo Kinder, was macht ihr?“, wurden wir von einer bekannten Stimme unterbrochen.

Grandpa stand in der Tür.

*-*-*

„Das war bei den ersten Reitversuchen, eures Vaters“, sagte Grandpa und lächelte die Geschwister an.

Molly fing an zu lachen.

„Papa sieht lustig aus, in den kurzen Hosen“, meinte sie.

„Früher war es eben so, dass man in jungen Jahren kurzen Hose trug, erst die älteren bekamen lange Hosen“, erklärte Grandpa.

„Und im Winter?“, fragte ich entsetzt.

„Da hatte man lange und dicke Wollunterhosen drunter.“

„Boah bin ich froh, dass wir heute anziehen können was wir wollen.“

„Lustig sah es trotzdem aus“, sagte Jayden.

Grandpa sah auf die Uhr.

„Schon so spät. Kinder ich habe noch etwas zu tun, ihr müsste leider ohne mich weiter schauen. Aber wir können das mal ruhig fortsetzten. Ich habe mir auch schon lange nicht mehr die alten Bilder angeschaut.“

„Kein Problem Grandpa“, meinte ich und strahlte ihn an.

Wenig später hatte er uns verlassen. Kaum war die Tür geschlossen, beugte sich Jayden etwas vor.

„Habt ihr gemerkt, nicht ein Bild von Grandma ist zu finden“, sagte er und zeigte auf eine leere Stelle im Album.

Ich dachte, man redet hier nicht über sie.

„Da hier keiner über sie redet und kein Gemälde von ihr hängt, ist es doch nur verständlich, dass in den Alben auch keine Fotos von ihr sind“, meinte Sabrina.

„Woher weißt du das denn wieder?“, wollte Jayden wissen.

„Das hat mir vorhin Jack erzählt.“

Molly und Jayden schauten zu mir.

„Sie hat mich gefragt, warum hier niemand von Grandma spricht“, versuchte ich mich zu verteidigen.

„Aber wie seid ihr auf Grandma gekommen?“, fragte Molly.

Gequält schaute ich die beiden an und nach langem überlegen erzählte ich den beiden, was sich beim Frühstück zu getragen hatte. Dann war erst mal Ruhe am Tisch.

„Denkst du, Dad ist jetzt zu ihr geritten?“, fragte Molly ihren Bruder.

„Das weiß ich doch nicht. In seinem Zimmer ist er auf alle Fälle nicht, da habe ich vorhin nach geschaut.“

„Irgendwie, wiederholt sich doch alles!“, sagte plötzlich Sabrina.

Entsetzt schaute ich sie an.

Sie wird doch jetzt nicht von Gregory anfangen. Halt, sie konnte nicht wissen, dass Tante Sophia, Gregorys Mutter war, ich hatte es ihr noch nicht gesagt.

„Deine Mutter ist da nicht anders, oder?“, sagte Sabrina zu Jayden.

War Sabrina von allen guten Geistern verlassen? So etwas sagt man doch nicht!

„Sabrina“, kam es von Molly, „ich weiß zwar, was sie getan hat, aber sie ist immer noch unsere Mutter.

Hört, hört! Vor kurzer Zeit hatte sie noch anders geredet.

„Lass mal gut sein, Molly, Sabrina hat ja Recht, so gesehen hat sie uns im Stich gelassen. Keine normale Mutter, würde ihre Kinder wegen Geld vernachlässigen oder verlassen.“

Jayden schaute zu mir. Dachte er jetzt an meine Mutter, ich erinnerte mich, dass er sagte, dass er gerne eine Mutter hätte, wie meine. Dann kam mir Gregory wieder in den Gedanken. Auch dessen Mutter hat ihn verlassen.

Irgendwann würden die drei mir gegenüber von der ganzen Sache eh erfahren, spätestens, wenn Grandpa Gregory als seinen Enkel begrüßen würde. Jaydens Blick wurde fragend.

„Du sagst ja gar nichts dazu“, meinte er.

„Was soll ich groß dazu sagen…, in der Familie ist schon genug geschehen…, das soll jetzt aber kein Vorwurf sein! Ich…, ich habe gerade über etwas nachgedacht, dass euch auch betrifft.“

„Uns?“, fragte Sabrina.

„Ja, dich auch, Sabrina. Gregory wohnt schließlich bei euch.“

„Gregory? Was ist mit dem?“

„Wer ist Gregory?“, wollte Molly wissen.

„Ich habe euch doch erzählt, dass Mama einen Klassenkameraden von uns eingeladen hat, der hier bei seinen Großeltern zu Besuch ist.“

„Ach so der.“

„Jack, weißt du wieder mehr als ich?“, beschwerte sich Sabrina.

„In diesem Fall ja, aber ich wäre froh, es nicht zu wissen.“

„Was meinst du?“, fragte Jayden.

„Ihr erinnert euch doch noch an unseren Sparziergang und dass ich diese glitzernde Geldbörse gefunden habe.“

„Ja, die von Tante Sophia. Was ist mit der?“

„Ich habe doch ihren Ausweis heraus gezogen und da stand drauf: „Sophia Hamilton Contess of Newbury“.“

„Tante Sophia ist verheiratet?“, fragte Molly.

„Sie hat an Weihnachten doch so etwas gesagt“, kam es von Jayden.

„Hamilton?“, quietschte Sabrina, das Jayden neben ihr zur Seite wich, als sie aufsprang.

Sie schien wohl kapiert zu haben, was ich meinte.

„Boah, quietsch mir doch nicht so direkt ins Ohr“, beschwerte sich Jayden und rieb sich über sein Ohr.

„Du meinst, Gregory…?“, fragte Sabrina im gleichen schrillen Ton.

Ich nickte nur und Sabrina ließ sich wieder auf ihren Stuhl fallen. Jayden schaute verständnislos zwischen uns hin und her. Ich atmete tief durch.

„Gregory wurde von seiner Mutter ebenso im Stich gelassen, sogar direkt nach der Geburt und sein Familienname ist Hamilton.“

Geschockt schauten mich nun die Geschwister an.

„Das kann doch aber auch ein Zufall sein“, warf Jayden ein, der nun auch begriffen hatte, was ich meinte.

Ich schüttelte den Kopf.

„Tante Abigail hat erzählt, dass sie sich damals in jemand verliebt hat, aber nicht wusste, wie sie es Grandpa bei bringen sollte.“

Sabrina kicherte, was ich jetzt etwas unpassend fand. Mein vorwurfsvoller Blick ließ sie verstummen.

„Was hat Tante Abigail jetzt damit zu tun?“, fragte Molly.

„Tante Abigail hat sich dann an ihre Schwester gewandt, Tante Sophia und ihr den jungen Mann vorgestellt. Gregorys Vater.“

„Aber wieso heißt dann Tante Sophia Hamilton mit Nachname und nicht Tante Abigail?“, wollte Jayden wissen.

„Weil unsere liebe Tante Sophia Gregory Vater wohl interessant fand und ihn Tante Abigail ausgespannt hat.“

„Scheiße!“, entfleuchte es Molly.

„Das kannst du laut sagen“, meinte ihr Bruder.

„Hat sie doch“, kam es von Sabrina und sie begann wieder zu kichern.

Ich verdrehte genervt die Augen.

„Das heißt, Gregory ist unser Cousin?“, fragte Molly.

Molly schien wohl am schnellsten die ganze Situation zu erfassen.

„Unser Cousin?“, wieder holte Jayden die Frage.

„Ja und er weiß das nicht und heute Mittag ist er zum Tee eingeladen.“

„Oh man, ist das alles kompliziert“, sagte Sabrina.

„Weiß das Grandpa schon“, fragte Molly leise.

„Es wissen alle und nun auch ihr.“

*-*-*

Ich hatte mir meine Jacke geholt, mich dick eingepackt und nach draußen gelaufen. Am Stall sah ich Taylor fegen und wollte schon zu ihm laufen, besann mich aber Besseres. So lächelte ich nur und winkte ihm zu.

Er winkte zurück und ich schlug meinen Weg ein, den ich schon vorher im Sinn hatte. Etwa eine Viertelstunde später und paar Stolperer später, befand ich mich an See. An den Rändern war er schon etwas angefroren und Schnee bedeckte die Eisflächen.

Ich lief weiter, am Bootshaus vorbei. Vor mir waren Bäume, aber auch größere Schneeflächen. Vor allem waren da keine Spuren. Wer sollte hier auch herlaufen? Ich setzte meinen Weg fort und lief am Rand des Sees entlang.

Nach diesen Gesprächen am Morgen, war ich irgendwie froh jetzt alleine zu sein. Halt, das war so nicht ganz richtig. Hier mit Taylor sparzieren zu gehen, wäre sicher auch ganz schön. Aber er musste halt arbeiten, dagegen konnte man nichts tun.

So im Gedanken lief ich einfach weiter. Noch immer dachte ich darüber nach, wie das heute Mittag ablaufe könnte. Sollte ich es Gregory alleine sagen, oder es auch den Großeltern mitteilen?

Ein weiteres Problem hatte sich aufgetan, denn als Sabrina von der ganzen Sache erfuhr, war sie nicht mehr davon abzubringen, mit zu Gregory fahren. Da Mum auch nichts dagegen hatte, schließlich wohnte ja Gregory bei ihren Eltern, hatten alle meine Einwände keinen Zweck.

Ich musste mir eingestehen, dass ich mit der ganzen Situation überfordert war. Dass ich es den Hamiltons erzählen musste, war mir klar, aber das wie machte mir mehr als Kopf zerbrechen.

Vor allem, ich wusste nicht, wie Gregory und seine Großeltern reagieren würden. Die Konsequenzen wurden mir nur langsam bewusst, was alles danach geschehen könnte. Aber Mum hatte Recht, Gregory hatte ein Recht auf seine Familie.

Ohne zu merken war ich an den Schluss des Sees angekommen und sah die großen Tannenbäume in meiner Nähe, von denen Mum so geschwärmt hat. Das war Papas Lieblingsort gewesen, hatte Mum erzählt.

Das erste Mal in meinem Leben wünschte ich mir, dass mein Vater hier wäre. Könnte er mir einen Rat geben? Wüsste er, was zu tun ist? Natürlich hatte ich mir früher schon gewünscht, Papa wäre da, aber noch nie war der Wunsch so dringlich.

Ich stampfte weiter durch den Schnee und hatte die Tannenbäume bald erreicht. Unter den Tanne war der Boden Schneefrei, zu dicht war da grün über mir. Mein Blick fiel auf den See, das Bootshaus, das jetzt gegenüber lag.

Mum hatte auch erzählt, dass Papa ein Familienmensch war und wohl genauso harmoniebedürftig gewesen war, wie ich, sonst wäre er wohl in der Nacht nie zu seinem Elternhaus gefahren.

Mir blieb nichts anders übrig, als die Dinge auf mich zu zukommen zu lassen. Ich musste das Gregory und auch dessen Großeltern erzählen, egal, was danach passierte.

*-*-*

„Wo warst du, du siehst ja richtig durch gefroren aus?“, fragte mich Mum, als ich das Haus wieder betrat und sie im Flur antraf.

„Ich war sparzieren, bin einmal um den See gelaufen.“

„Das ist weit.“

„Hat aber gut getan!“

Sie lächelte. Ich schälte mich aus der Jacke, die mir Mum abnahm. Ich hörte oben Geräusche und schaute die Treppe hinauf.

„Oh, hallo Jack, dich habe ich gesucht!“, rief mir Onkel Henry entgegen, der die Treppe herunter kam.

Mich gesucht? Mum lächelte nur.

„Deine Mutter erzählte mir, dass dir das ganze heut Morgen etwas zu gesetzt hat…“

Mittlerweile war er bei uns angekommen.

„… und ich wollte mich einfach entschuldigen, weil ich einfach so weggelaufen bin, das hätte ich nicht tun sollen.“

Ich wusste nichts darauf zu entgegnen und nickte nur.

„Das gilt auch für mich“, hörte ich Tante Abigails Stimme, die anscheinend gerade aus Richtung Küche zu uns stieß und jetzt in mein Sichtfeld kam.

Was hatte Mum zu den beiden nur gesagt?

„Ähm…, ihr müsst euch nicht entschuldigen…, ich versteh das … irgendwie.“

„Nein, so etwas macht man nicht, besonders nach dem du so ehrlich zu uns warst.“

„Ich…“, verlegen kratze ich mich am Kopf, „ … ich dachte nur ihr solltet das wissen.“

„Du schleppst ganz schön viel mir dir herum“, sagte Mum plötzlich, „warst du deswegen sparzieren?“

Ich nickte ihr zu.

„Mensch Junge“, sagte Onkel Henry, klopfte mir dabei auf die Schulter, „mir tut das alles so leid! Eigentlich ist es an uns Erwachsenen, sich um alles zu kümmern.“

„Ich gebe Henry Recht“, mischte sich nun auch Tante Abigail ein, „du hast in den letzten Wochen, so viel für die Familie getan. Mir kommt die Frage auf, wie du das alles verkraftest?“

Ich schaute die drei an und zuckte mit meinen Schultern.

„Ich… ich weiß es nicht. Ich tu einfach das, was ich denke, was Recht ist.“

„Aber es belastet dich, sonst hättest du nicht so einen weiten Sparziergang gemacht“, sagte Mum.

„Weiten Sparziergang?“, kam es von Onkel Henry.

„Er ist einmal um den See gelaufen“, erklärte Mum.

„Das ist weit!“, meinte Tante Abigail.

Verlegen hob ich abwehrend meine Hände.

„Du bist dir wirklich sicher, Dass du das heute Mittag machen willst?“, fragte Mum.

Ich nickte.

„Wie du schon sagtest, auch Gregory hat ein Recht auf seine Familie und ich denke, so wie er jetzt lebt, ist das kein Zustand!“

„Dein Sohn wirkt so erwachsen“, sagte Tante Abigail gerührt.

„Er ist erwachsen“, lächelte Onkel Henry und klopfte mir erneut so auf die Schulter, dass es langsam weh tat.

*-*-*

Das Mittagessen war zwar wieder reichhaltig, aber dieses Mal ganz einfach gehalten, worüber ich ganz froh war.  Ich hatte wirklich die Befürchtung, nach diesen Tagen bei Grandpa, zugenommen zu haben.

Nun lag ich auf dem Bett. Der Tag bis jetzt war wieder angefüllt mit Dingen, die mich zu Hause nicht beschäftigt hätten. Zu Hause, noch so ein Thema. Achtzehn Jahre hatte ich mit Mum in dieser Wohnung gelebt.

Nächsten Monatsende war das dann Geschichte. Wir würden in das neue Haus ziehen und ein völlig neues Leben beginnen, dank Grandpa. Da kam mir wieder Gregory in den Sinn. Würde er mit in das Haus ziehen wollen?

Trotz des Vorhabens, ihm alles zu erzählen, war die Unsicherheit immer noch da. Ich würde Wunden öffnen, die vielleicht schon geschlossen waren, oder sie noch größer machen. So konnte ich wirklich nur hoffen, dass ich das richtige mache. Es klopfte.

„Ja, herein!“, rief ich und setzte mich auf.

Mum kam herein.

„Na, schon fertig?“

„Brauch nur noch meine Schuhe anziehen.“

„Dann mach mal…, dann auf in den Kampf.“

„Kampf? … so konnte man es wirklich nennen.“

„Jack, ich sehe dir an, dass dich das zu sehr beschäftigt. Wir können das Ganze immer noch abblasen.“

„Und dann?“, ich rutschte vom Bett, „spätestens wenn die Schule anfängt sehe ich Gregory wieder und ich weiß, ich werde mich mies fühlen, weil ich nichts unternommen habe.“

„Du hast ja Recht, aber ich mache mir halt meine Sorgen.“

„Das ist lieb von dir, aber wir sollten wirklich langsam los. Wir wissen nicht wie lange wir brauchen und du weißt, Grandpa nimmt seine Mahlzeiten gerne pünktlich ein.“

Mum lächelte. Wenig später, auf dem Weg nach unten kam uns Jayden entgegen.

„Auf Sabrina müsste ihr wohl verzichten, die hat sich in den Kopf gesetzt, reiten zu lernen, ich hole gerade ihren Schal und Handschuhe.“

Die Idee fand ich gut, auch wenn ich jetzt gerne dabei gewesen wäre, schon alleine, weil ich dann in der Nähe von Taylor gewesen wäre.

„Dann werden wir wohl ohne sie losfahren, bis später“, meinte ich und winkte ihm symbolisch zu.

Als wir ins freie traten, kam uns kühle Luft entgegen. Die Wolkendecke war aufgerissen und vereinzelt war blauer Himmel zu sehen. Mir fiel ein, dass wir noch den Wagen vom Schnee befreien mussten, war dann aber doch sehr überrascht, dass das jemand bereits getan hatte.

„Toller Service“, meinte ich lächelnd und stieg ein.

Mum nickte und folgte mir. Eine ganze halbe Stunde brauchten wir bis Newbury und weitere zehn Minuten, bis wir das Haus der Hamiltons gefunden hatten. Ohne ein Wort zu verlieren, stiegen wir aus und traten an die Haustür.

Mum betätigten den Klingelknopf und dann hieß es warten. Drinnen hörte man, wie jemand eine Treppe herunter rannte und wenig später öffnete die Tür vor uns sich.

„Hallo Gregory!“, begrüßte Mum unser gegenüber.

„Hallo Mrs. Newbury… Jack. Ich bin gleich fertig.“

„Dürfen wir noch kurz herein kommen?“, fragte ich.

„Aber natürlich, meine Großeltern wollten dich doch kennen lernen!“

„Aha…“, gab ich von mir und trat mit Mum ein.

Wie nicht anders erwartet, sah auch hier alles etwas altertümlich aus. Die Wände zierten ebenso Röschentapeten, wie bei Grandma und die Möbel, die ich zu sehen bekam, waren dunkel und massig.

Nachdem wir uns unserer Jacken entledig hatten, führte uns Gregory in einen der Räume. Dort saßen schon seine Großeltern, als hätten sie nur auf uns gewartet. Der Großvater erhob sich scherfällig.

„Mr. und Mrs Hamilton“, sagte Mum und streckte ihre Hand aus.

„Mr. Newbury, danke für die Einladung an unseren Enkel.“

Sie schüttelten sich die Hände.

„Nichts zu danken“, erwiderte Mum nur und trat nun zu der Großmutter, die auf dem Sofa  saß.

„Hallo…, ich bin Jack“, meinte ich unsicher und schüttelte ihm ebenso in der Hand.

„Du gehst also mit unserem Gregory in die Klasse?“

Ich nickte und endlich ließ er meine Hand wieder los. Sein Händedruck war stark.

„Und benimmt sich mein Enkel in der Schule?“

Er war genauso unauffällig wie ich, aber das konnte ich wohl schlecht sagen.

„Großvater!“, kam es von Gregory.

„Bisher ist Gregory noch nie negativ aufgefallen“, antwortete ich nur.

Er war mir bisher noch nie großartig aufgefallen, warum denn auch?

„Dann bin ich ja beruhigt. Gregory erzählte du bist recht gut in der Schule.“

Mittlerweile hatte Mum neben Gregory Großmutter Platz genommen und ich noch schnell auch Mrs. Hamilton die Hand geschüttelt.

„Ich kann mich nicht beklagen, er bringt immer gute Noten nach Hause!“, kam es nun von Mum, bevor ich antworteten konnte.

Es entstand eine kurze Pause. Gregory hatte seine Winterschuhe gerade angezogen, als ich meinen ganzen Mut zusammen genommen hatte, um mein Vorhaben in die Tat um zusetzten.

„Mr. und Mrs. Hamilton…, Gregory…, bevor wir aufbrechen, möchte ich noch etwas erzählen.“

Während Gregory mich fragend anschaute, legte der Großvater seine Stirn in Falten. Mrs. Hamilton machte eher einen ängstlichen Gesichtsausdruck.

„Also… ich…, Gregory… es geht um deine Mutter.“

Plötzlich stand der Großvater auf und baute sich bedrohlich vor mir auf.

„Verlasst sofort mein Haus!“, fuhr er mich an, so dass ich etwas zurück wich.

„Mr. Hamilton, würden sie bitte meinen Sohn aussprechen lassen!“

Mum hatte nun auch einen recht strengen Ton drauf.

„Ich verstehe sie, aber bitte hören sie sich ihn an, sie können uns dann immer noch vor die Tür setzten!“

„Großvater…, was ist los?“, kam es verständnislos von Gregory.

„Ach mein Junge“, flüsterte Mrs. Hamilton leise und begann zu weinen.

Mum machte etwas für mich Überraschendes. Sie griff nach der Hand von Mrs. Hamilton.

„Du hast fünf Minuten!“, herrschte mich Gregorys Großvater an.

Er wandte sich ab und lief zum Fenster.

„Mr. Hamilton, sie müssen mir glauben, ich verstehe sie voll und ganz…, ich habe selbst von der ganzen Sache vor kurzem erfahren.“

„Das soll ich glauben, ihr reiches Pack, seid doch alle gleich! Als Gregory mir deinen Namen nannte, habe ich gleich gewusst, wo das hinführt, aber meine Frau meinte, ich solle abwarten.“

„Sie tun meinem Sohn Unrecht, Mr. Hamilton. Er wusste bis vor kurzen nicht, von welcher Familie sein Vater abstammte, der kurz nach seiner Geburt, bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist! Weder, dass die Familie adelig ist, noch dass er selbst einen Titel besitzt.“

Mit großen Augen schaute mich Gregory an.

„Darf ich den Grund erfahren?“, kam es nun sichtlich ruhiger von Mr. Hamilton.

„Weil ich nach dem Tod meines Mannes, aus privaten Gründen, nichts mehr mit dieser Familie zu tun haben wollte. So habe ich meinen Sohn alleine groß gezogen. Wir wohnen in London, in einer kleinen Wohnung und ich führe eine kleine Schuhboutique, die uns bisher ernährt hat.“

Ungläubig schaute er zwischen Mum und mir hin und her.

„Darf ich mal erfahren, um was es hier geht?“, fragte nun Gregory sauer.

Ich hatte mir ja vieles ausgemalt, aber dass es so heftig verlief, hatte ich mir nicht vorgestellt.

„Darf ich es ihrem Enkel erklären?“, fragte ich Mr. Hamilton.

„Edward, bitte!“, kam es von Gregorys Großmutter.

Mr. Hamilton schloss die Augen und atmete tief durch, dann sank er etwas zusammen. Er hob  die Hand und schien wohl damit sagen zu wollen, dass ich sein Einverständnis hatte. Gregory schaute mich dagegen sauer an.

„Ich muss aber leider… etwas ausholen…, damit sie das alles verstehen, was ich sagen möchte. Um ehrlich zu sein, ich kenne zwar Gregory, aber das bezieht sich nur auf die Schule. Ich wusste auch von einem Untermieter bei Sabrinas Eltern, den O’Sullivans, aber nicht, dass es sich dabei um Gregory handelte.“

Ich machte eine kurze Pause, aber es kam keinerlei Reaktion meines Gegenübers. Nur Gregory schaute mich fassungslos an.

„Ich war traurig, als ich Gregorys Geschichte hörte, ich konnte es ihm nach fühlen, weil ich selbst ohne Vater aufgewachsen bin. Auch dass sie nicht über seine Mutter reden, überrascht mich nicht…, meine Mum und ich sind ebenso fassungslos über ihr Verhalten.“

Nun schaute mir Mr. Hamilton direkt in die Augen.

„… und nur… durch einen dummen Zufall, habe ich erfahren… an Weihnachten… wer Gregorys Mutter ist…“

Mir war nun kalt und warm zu gleich. Die eiskalten Hände, die ich ständig aneinander rief waren feucht.

„Du … du kennst meine Mutter?“, fragte Gregory komisch heißer.

Ich nickte und Mrs. Hamilton schluchzte.

„Warum bist du wirklich hier?“, kam es scharf von Gregorys Großvater.

„Weil ich finde… Gregory… hat ein Recht darauf zu wissen, wer seine Mutter ist. Was er daraus macht, das ist alleine seine Entscheidung.“

„Mr. Hamilton“, mischte sich nun meine Mum wieder ein, „ich habe es auch erst vor zwei Tagen erfahren, dass meine Schwägerin, die Mutter ihres Enkels ist! Niemand von uns wusste es… nicht mal ihr eigener Vater…, Gregorys anderer Großvater…“

Jetzt war die Katze aus dem Sack. Gregory schaute fassungslos zwischen uns hin und her. Seine Augen wurden glasig, erste Tränen liefen über seine Wangen.

„Ihr habt das gewusst?“, krächzte er vorwurfsvoll seine Großeltern an.

Mrs. Hamilton nickte.

„… und nichts gesagt…“, fügte er noch hinzu.

Seine Kräfte schienen ihn zu verlassen, denn plötzlich saß er auf dem Boden. Durchdringend sah er mich an. Ich ließ mich vom Stuhl gleiten, kniete vor ihm hin.

„Gregory, es tat mir so weh, dich bei uns so traurig zu sehen und ich wollte dir nur die Möglichkeit geben, ebenso glücklich zu werden.“

„Glücklich? Sieht hier irgendwer glücklich aus?“, fuhr er mich heißer an.

Ich atmete tief und lange durch und griff nach seinen Händen. Er riss sich los stand wieder auf und rannte aus dem Zimmer. Ich hörte, wie er die Treppe hinauf rannte. Auch ich erhob mich.

„Lass ihn bitte, Jack…, er braucht seine Ruhe“, hörte ich Mums Stimme.

„… ich…, ich wollte ihm doch nur sagen, dass er nicht mehr alleine ist… und wir ihm helfen möchten…“

„Dazu kann er sich entscheiden, wenn er dafür bereit ist.“

Verzweifelt schaute ich sie an.

„Jack, seine Mutter hat ihn verlassen, sein Vater, den er sicher liebte, ist gestorben. Was seine Großeltern nicht entscheiden konnten, hat er mit sich selbst ausmachen müssen. Du musst ihn schon verstehen…, dass alles ist wie ein Schlag in sein Gesicht!“

„Sie reden, als würden sie das kennen…“, kam es von Mr. Hamilton.

„Keine Sorge, Mr. Hamilton, ich habe das am eigenen Leib oft genug zu spüren bekommen…, aber ich hatte aber Jack…, der mir viel geholfen hat.“

Darauf sagte er nichts. Nur das leise Wimmern von Gregorys Grandma war zu hören. Mum schaute mich an.

„… in der Familie meines Mannes ist vieles schief gelaufen und andere haben es ausbaden müssen und ich habe nur versucht in all den Jahren das Beste, daraus zu machen, damit es meinem Jack gut geht…“

Sie sagte dies in einem leichten traurigen Ton, aber ich konnte auch etwas Stolz erkennen.

„… so wie ich denke, dass sie ebenfalls nur das Beste für Gregory wollen. Jack wollte mit ihnen reden, weil er Gregory helfen will, er ist nun mal so, es war seine alleinige Entscheidung.“

Nun blickte Mr. Hamilton zu mir.

„Du scheinst zu wissen, was du möchtest“, meinte er.

„… nicht direkt, aber ich versuche das Beste daraus zu machen.“

„Und wie stellst du dir das vor? Wie willst du Gregory helfen?“

„Weil der Vermieter unserer Wohnung und für den Laden die Miete nächsten Monat erhöhen will, müssen wir raus…, weil es einfach zu viel ist und meine Mutter verdient nicht so viel, als das wir uns das leisten können.“

„Aber dann sitzt ihr ja auf der Straße“, kam es entsetzt von Mrs. Hamilton.

„Nicht ganz. Der Vater meines Vaters hat uns ermöglicht, eine andere Unterkunft zu finden, in der rein zufällig auch ein Laden dabei ist und da wäre… eine kleine Wohnung frei… für Gregory.“

„Ich möchte keine Geschenke von dieser Familie!“, kam es trotzig von Gregorys Großvater.

Ich musste lächeln.

„Sie reden wie meine Mutter.“

Nun musste Mum auch grinsen.

„… ich habe gesagt, dass ich für die Wohnung und das Geschäft genauso Miete an meinen Schwiegervater zahle, weil ich nichts geschenkt haben will.“

„Und wie hat ihr Schwiegervater reagiert?“, fragte nun Mrs. Hamilton.

„Mum kann keine Miete an ihn zahlen, weil ihm das Haus nicht mehr gehört.“

Ich sah, dass dies Mrs. Hamilton nicht verstand.

„Der Duke of Newbury versteht zwar, dass ich nichts von ihm annehmen werde, aber er bestand darauf, Jack zu helfen, wo immer er kann. So hat er ihm das Haus überschrieben, wo ich, weil es um die Zukunft von Jack geht, schlecht nein sagen kann.“

Dass er damit Fehler wieder gut machen wollte, davon sagte Mum nichts. Mrs. Hamilton nickte.

„Und nun will er auch Gregory unterstützen und sie wollen ihn bei sich aufnehmen?“

„Ja…, er ist für sich, kann aber jederzeit zu uns kommen.“

„Sie wollen das wirklich auf sich nehmen?“

„Warum nicht? Er ist doch Familie!“

Ich schaute zu Mr. Hamilton, der nichts mehr gesagt hatte. Sein Blick war kritisch.

„Mr. Hamilton, mit dem Geld, das Gregory sparen würde, weil er ja keine Miete an mich zahlen muss,  könnte er sie an den Wochenenden öfter besuchen. Ich weiß, dass er es gerne tut, sonst hätte er sich nicht so bemüht, mit uns fahren zu können.“

Sein Blick änderte sich nicht, auch nach dem ich das gesagt hatte.

„Dürfte ich bitte noch einmal versuchen, mit Gregory zu reden?“

„Bist du dir da sicher?“, fragte Mum und auch Mrs. Hamilton sah mich fragend an.

„Ja, ich will dass es Gregory besser geht. Schau Jayden an, was sich für ihn verändert hat.“

„Wer ist Jayden?“, fragte Mr. Hamilton.

„Ein weiterer Cousin von mir.“

„Wie viele seid ihr denn?

„Mit Gregory wären wir jetzt vier! Jayden hat noch eine jüngere Schwester namens Molly.“

„Jack, du gehst jetzt zu Gregory und ich werde den Hamiltons die Familie erklären.“

„Ähm… ja, nur…?

„Willst du jetzt auf einmal nicht mehr?“, kam es von Mr. Hamilton.

„Nein, das ist es nicht…, wo muss ich denn hin? Ich kenne mich hier nicht aus?“

„Treppe rauf, zweites Zimmer links!“

*-*-*

Während ich die Treppe hinauf lief, hörte ich Mum unten reden. Oben angekommen, schaute ich mich kurz um. Zweites Zimmer links hatte er gesagt. Vor der besagten Tür des Zimmers, lauschte ich erst mal, ob ich drinnen etwas hören konnte.

Ich klopfte, aber nichts war zu hören. So klopfte ich abermals und lauschte wieder. Keine Reaktion kam. So drückte ich die Türklinke hinunter und schob die Tür etwas auf.

„Gregory?“

„Was willst du, lass mich alleine!“, hörte ich Gregorys verweinte Stimme.

„Gregory, bitte! Darf ich rein kommen und mit dir reden?“

Ich machte einen Schritt nach vorne, um Gregory sehen zu können. Er lag auf einem Bett und hatte das Gesicht im Kissen vergraben.

„Was gibt es da noch zu reden?“

„Vieles!“

Er zuckte zusammen, er hatte anscheinend bemerkt, dass ich nun im Zimmer stand. Ich schloss hinter mir die Tür und suchte eine Sitzmöglichkeit. So wie bei mir, gab es da nur dem Stuhl vor dem Schreibtisch.

Ich sah mich weiter im Zimmer um, während ich mich darauf niederließ. Gregory richtete sich auf und setzte sich hin.

„Was soll es da noch viel zu reden geben?“

Er hatte seine Brille nicht mehr auf und wischte sich über seine Augen. Ich stutze. Mit dem Wirren Haar, sah er fast aus wie ich.

„Was ist…, warum starrst du mich so an?“

„Ähm…, weißt du, dass wir uns verdammt ähnlich sehen?“

„Hä?“

„Mit deinen wirren Haaren und ohne Brille, ähnelt dein Aussehen meinem!“

Darauf sagte er nichts, er versuchte nur, seine Haare glatt zu streichen.

„Gregory, es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe…, aber ich wollte nur ehrlich sein.“

Als er darauf nichts sagte, erzählte ich ihm, was seit den Ferien im Herbst alles passiert war. Auch das ich mit Taylor zusammen war. Er hörte die ganze Zeit zu, ohne mich zu unterbrechen.

Nur an seiner Gesichtsmimik erkannte, dass es ihm nicht egal war, was ich da alles erzählte.

„Diese Familie ist durch geknallt!“, war das erste, was er nun sagte.

Ich nickte.

„Und dein Großvater will mich nun kennen lernen?“

„Es ist auch dein Grandpa!“

Er seufzte, rieb sich durchs Haar, dass es wieder wirr ab stand.

„Hast du eigentlich nur die Brille?“

„Nein, ich habe auch Kontaktlinsen, die ich aber nicht lange tragen kann, ich bin es noch nicht gewohnt.“

„Dann mach sie rein.“

„Warum?“

„Damit du etwas siehst, wenn wir wieder hinunter gehen und ich die Reaktion sehen will, wenn sie uns beide nebeneinander sehen.“

„Du bist verrückt!“

Es war das erste Mal, dass ich Gregory lächeln sah.

„So wie der Rest der Familie“, grinste ich zurück.

Er Stand auf, hielt aber inne.

„Ihr wollte mich wirklich bei euch wohnen lassen?“

„Ja.“

„Und ich müsste nichts bezahlen?“

„Ja!“

„Und in der Schule würden wir uns auch kennen?“

„Ja, du bist schließlich mein Cousin.“

Er verschwand kurz aus dem Zimmer.

*-*-*

Mum verschluckte sich an ihrem Glas Wasser, dass sie gerade trank, als wir beide gemeinsam wieder den Wohnraum betraten. Mrs, Hamilton fing a zu lächeln.

„Wow, seht ihr euch ähnlich“, sagte Mum.

„Das ist mir vorhin schon aufgefallen“, sagte Mr. Hamilton.

Er schien sich beruhigt zu haben, stand auf und trat vor mich.

„Jack, ich möchte mich bei dir entschuldigen, dass ich vorhin so unwirsch zu dir war?“

„Sie brauchen sich doch nicht bei mir zu entschuldigen, ich verstehe sie doch.“

„Deine Mutter hat uns alles erzählt, so verstehe ich auch ein wenig dich, warum du Gregory unbedingt die Wahrheit sagen wolltest.“

„Sie sind mir nicht mehr böse?“

„Nein, wie gesagt, ich verstehe jetzt deine Beweggründe.“

Ich lächelte erst ihn dann Gregory an.

„Es bleibt nur die Frage, ob uns unser Enkel verzeihen wird, dass wir ihm nichts erzählt haben.“

Mrs. Hamilton sah Gregory erwartungsfroh an.

„Großvater, ich bin euch nicht böse und möchte mich entschuldigen, dass ich euch vorhin das angefahren habe.“

„Und wärst du damit einverstanden, bei Jack und seiner Mutter einzuziehen, denn deine Großmutter und ich hätten nichts dagegen.“

Gregory lächelte wieder.

„Nein habe ich nicht, würde mir sogar gefallen und Jack könnte mir beim Lernen helfen, oder Hausaufgaben mit mir zusammen machen.“

Mist, das war ein Eigentor, aber wenn es einem guten Zweck diente, warum nicht.

„Jungs, wir sollten langsam aufbrechen, euer Großvater hat seinen Tee gerne pünktlich.“

„Pünktlichkeit ist wichtig!“, sagte Mr. Hamilton.

Ich drehte mich zu Gregory.

„Hast du einen ähnlichen Pullover wie ich?“

„Ja, aber der ist etwas bedruckt.“

„Was hast du vor, Junior.“

„Mir einen kleinen Spaß machen!“, grinste ich in die Runde.

*-*-*

Bei der Verabschiedung war auch Mrs. Hamilton aufgestanden, meine Hände in dir ihre genommen und sich noch einmal bei mir bedankt. Nun saßen ich wieder neben Mum, Gregory hinten und waren auf dem Rückweg. Er war nervös und Mum grinste die ganze Zeit neben mir.

„Jack, du bist ein Glückskind, weißt du das?“

„Wieso“, fragte ich und schaute zu ihr hinüber.

„Als Gregorys Großvater aufstand und sich vor dir aufbaute, dachte, er macht dich einen Kopf kleiner!“

„Mein Großvater verabscheut Gewalt“, kam es von der Rückbank.

„Bedrohlich sah er aber trotzdem aus. Aber ich verstehe es, deine Großeltern haben viel auf sich nehmen müssen, wegen… deiner Mutter.“

„Ist sie da?“

„Deine Mutter?“, fragte ich.

„Ja…“

„ Nein, sie ist nach dem Heilig Abend einfach abgereist, in aller Herrgotts Frühe.“

Gregory atmete tief durch.

„Gregory, eins verspreche ich dir“, kam es nun von Mum, „du brauchst sie nicht zu treffen! Das verspreche ich dir!“

„Meine Mutter scheint wohl nicht sehr beliebt zu sein.“

„Sagen wir mal so…, sie ist schwierig im Umgang und hat sich seit damals nicht verändert.“

„Aha…“

*-*-*

Als wir ausstiegen, sah ich Taylor, gerade aus dem Stall kommen.

„Taylor!“, rief ich.

Er schaute auf und sah zu uns herüber. Erst lächelte er, blieb aber dann rück artig stehen. Verwundert kam er auf uns zu.

„Du… du hast noch… einen Bruder…, davon hast du… gar nichts erzählt!“, stotterte er.

Mum fing an zu lachen und umrundete den Wagen. Ich grinste ebenso und gab Taylor ein Küsschen auf die Wange zur Begrüßung.

„Taylor, darf ich dir Gregory meinen Cousin vorstellen? Gregory, das ist Taylor mein Freund.“

Beide schüttelten sich stumm die Hände.

„Verblüffend…“, sagte mein Schatz dann nur, „er würde wirklich als dein Zwillingsbruder durchgehen!“

Gregory lächelte nun verlegen und bevor wir die Unterhaltung fortsetzen konnten, wurde am Haus die Tür geöffnet. Tante Abigail trat heraus. Wie machte sie das nur, stand sie immer hinter einem Fenster versteckt, um zu sehen, wer vorfuhr?

„Hallo zusammen“, rief sie und kam die Treppe herunter.

Sie schaute zwischen mir und Gregory hin und her.

„Ich habe nicht gewusst, dass die beiden sich so ähnlich sehen, Charlotte du hast gar nichts gesagt… hallo Gregory, ich bin Abigail, deine Tante.“

„Bisher trug er auch eine Brille und hatte einen Mittelscheitel“, meinte Mum und stellte sich neben Abigail.

„Hallo“, sagte Gregory und schüttelte verschüchtert Tante Abigails Hand.

„Okay, dann fehlen nur noch Taylors Schwester und ihr Ehemann.“

„Mist, ich wollte ja noch duschen gehen“, kam es plötzlich von Taylor.

„Solltest du, so lass ich dich nämlich nicht an den Tisch!“, grinste Tante Abigail.

Sofort verschwand Taylor wieder. Gerne hätte ich ihn wieder bei mir duschen lassen, aber leider musste ich mich um Gregory kümmern. Ich hatte ihm versprochen, nicht von seiner Seite zu weichen.

„Dann mal rein in die gute Stube, mir wird kalt“, sagte meine Tante und lief die Treppe bereits hoch.

Ehrfürchtig bestieg Gregory neben mir die Treppe hoch.

„Ich habe schon von dem Anwesen gehört, aber hier war ich noch nie“, flüsterte er mir zu.

„Dann hast du jetzt die Gelegenheit, dir alles anzuschauen“, sagte ich zu ihm und gemeinsam betraten wir das Haus.

*-*-*

Nachdem die erste Aufregung sich über den Familienzuwachs gelegt hatte, verteilte sich die Anwesenden etwas, um noch auf Taylors Schwester Chloe und ihr Mann zu warten. Während Mum mit Charlotte sich weiter um die Teetafel kümmerten, saßen Gregory und ich mit Grandpa, in der Bibliothek.

„Der Rest war vom ausreiten noch nicht zurück.

„Ich kann nur immer wieder betonen, wie leid mir das alles tut, ich wusste wirklich nichts von dieser ganzen Sache.“

Gregory nickte nur, aber sagte nichts. Man merkte Grandpa an, dass es ihn sehr belastete. Er war etwas weiß um die Nase und tat mir wie immer leid, war doch sein einziger Wunsch, die Familie vereint zu wissen.

Das Anliegen war gut, aber die Folgen rissen alte, aber auch neue Wunden auf. Ich legte meine Hand auf die seine und drückte sie etwas. Grandpa lächelte mich darauf an. Das sich Gregory nach wie vor unwohl fühlte, war auch ihm nicht zu verdenken, saßen da doch plötzlich wildfremde Menschen bei ihm, die behaupteten seine Familie zu sein.

„Jack hat erzählt, du gehst in seine Klasse, darf ich fragen, ob du schon weißt, was du nach der Schule machst?“, fragte Grandpa.

Gregory schaute mich kurz an.

„Wie Jack möchte ich Informatik studieren.“

„Das weißt du?“

„Du bist einer der besten in der Klasse, wie soll man das nicht wissen. Alle reden da drüber.“

„Davon habe ich nichts mitbekommen.“

Grandpa folgte unserer Unterhaltung, blieb aber stumm.

„Wie denn auch, du hängst nur mit Sabrina herum, nun auch mit dem Neuen…“

Das hatte sich in keinster Weise vorwurfsvoll angehört, eher wie eine Feststellung.

„… Jayden, auch ein Cousin von dir. Er ist mit seiner Schwester und Sabrina ausreiten. Aber wie ich Grandpa schon erzählte, bisher dachte ich, ich bin uninteressant und war froh, das von mir keiner etwas wollte.“

Gregory grinste. Ein echtes Grinsen, das ich bisher noch nicht an ihm gesehen hatte.

„Du weißt wirklich nicht, was man über dich in der Schule redet, oder?“

Erstaunt schaute ich ihn an und zuckte mit meinen Schultern. Grandpas Zustand hatte sich anscheinend etwas gebessert, denn er hatte wieder Farbe im Gesicht. Zudem grinste er nun ebenso.

„Das würde mich interessieren, was redet man denn, über meinen Enkel?“, sagte er nun.

„Das reicht von einem unehelichen Sohn eines hochgestellten Professoren, bis zu Bestechungsgeldern, an die Lehrerschaft.“

„Was?“, entrutschte es mir entsetzt.

Grandpa fing laut an zu lachen.

„Das du vor Weihnachten zum Rektor gerufen wurdest, dann auch noch mit dem… ähm mit Jayden, hat natürlich für noch mehr Gesprächsstoff und Vermutungen geführt.“

Ich schaute zu Grandpa.

„Davon weiß ich wirklich nichts.“

„Es traut sich niemand, ihn anzureden, weil man nicht weiß, woher er kommt, oder stammt.“

„Man hält ihn für arrogant?“, wollte Grandpa wissen.

„Ich würde eher unnahbar sagen.“

Bisher war mir Gregory nie groß aufgefallen, er gehörte zur Klasse und das war es auch schon, so wie viele andere in der Klasse auch. Aber, dass er so viel redet, hätte ich nie erwartet, schon gar nicht, dass er so gut über mich Bescheid weiß.

„Ich lerne viel, in den Sommermonaten segle ich als Ausgleich und seit kurzen weiß ich, dass ich ein Baron bin, mehr gibt es von mir nicht zu berichten. Keine Leichen im Keller…“

„… bist du sicher?“, unterbrach mich ein lächelnder Grandpa.

„Grandpa!“

„Ich sage nur Folterkammer…“

„Grandpa jetzt falle mir doch nicht in den Rücken, die habe ich ja nicht mal gesehen!“

„Ihr habt hier eine Folterkammer?“, fragte Gregory überrascht.

„Die Räumlichkeiten sind noch vorhanden, aber es stehen keine Foltergeräte mehr drinnen. Früher war dieses Haus wohl ein Teil einer Festung, aber davon sind nur noch Mauern übrig“, erklärte Grandpa.

„Und sie sind… und du bist der Duke of Newbury?“

„Ein Titel, aber ich habe keinerlei Privilegien deswegen. Ich bin ein normaler Bürger der Stadt Newbury.“

„Jack meinte, ich besäße auch einen Titel?“

„Ja, Gregory Hamilton, Baron of Newbury“, antwortete ich.

„Echt?“

Grandpa und ich nickten beide.

„… durch die Blutsverwandtschaft deiner Mutter, hast du diesen Titel automatisch bei deiner Geburt bekommen, so wie Jack auch…, aber leider lief es bei euch beiden anders.“

Der letzte Teil des Satz kam traurig herüber.

„Wenn ihr beiden nichts dagegen habt, werde ich mich noch etwas zurück ziehen, bis die anderen da sind.“

Wie Gregory nickte ich nur, während Grandpa schwerfällig erhob und das Zimmer verließ. Ich ließ mich in Grandpas Sessel rutschen, auf dessen Lehne ich die ganze Zeit gesessen hatte.

„Das ist alles so krass, wenn mir das jemand erzählen würde, ich könnte es nicht glauben“, gab Gregory von sich.

Ich sah immer noch zur Tür, in der Grandpa verschwunden war. Mein Blick wanderte wieder zu meinem Gegenüber.

„Ich hoffe, du bist nicht sauer auf Grandpa, er wusste wirklich nichts und zudem ging mir das am Anfang nicht anders. Aber es ändert sich auch nichts. Naja, vielleicht in der Schule.“

„In der Schule?“

„Du hast vorhin von meinem Besuch beim Rektor gesprochen. Du wirst nicht glauben, wie freundlich dieser plötzlich zu uns war, und fragte, ob Jayden und ich mit Titel angeredet werden möchten. Außerdem wollte er wissen, ob wir irgendein Schüleramt in der Schule übernehmen möchten, was dem Adel vorbehalten ist.“

„Echt? Das hätte ich nicht gedacht, aber ich wusste schon immer, dass der Adel, in dieser Schule bevorzugt wird. Was hast du dem Rektor geantwortet?“

„Ich habe gesagt, ich möchte mit normalen Namen angeredet werden und wünsche keinerlei Sonderbehandlungen. Jayden schloss sich mir an.“

„Wirklich, du hättest doch viel mehr Möglichkeiten…“

„… Gregory“, unterbrach ich ihn, „ich möchte durch meine Leistungen weiter kommen und nicht durch irgendwelche Beziehungen, oder weil ich dem Adel angehöre. Du kannst ja diese Möglichkeiten nutzen, wenn du möchtest.“

Gregory schüttelte den Kopf.

„Ich bin wie du froh, wenn ich meine Ruhe habe.“

„Aber woher weißt du, was in der Klasse gesprochen wird?“

„Ich sitze zwar meist alleine, aber in der Nähe ist immer jemand, der sich unterhält. Da schnappt man schon so einiges auf.“

„Du hast das Gerede geglaubt?“

„Eigentlich nicht, aber es hat mich abgehalten, dich anzusprechen.“

„Warum wolltest du mich ansprechen?“, fragte ich verwundert.

„Weil du in den meisten Fächern gut bist und es dir anscheinend sehr leicht fällt, die guten Noten zu schreiben. Und ich… ich brauch Hilfe…, wenn ich studieren will, alleine schaff ich das nicht.“

Ich wusste gerade nicht, was ich auf Gregorys Offenbarung sagen sollte, aber es wurde mir abgenommen, weil es im Flur laut wurde.

„Ein schöner Freund bist du, du hättest mich wenigstens warnen können Jayden Newbury!“

Das war die Stimme von Sabrina.

„Wie oft soll ich noch sagen, ich habe den Ast nicht gesehen!“, entschuldigte sich Jayden.

Angelockt von dieser Unterhaltung, standen Gregory und ich auf und gingen in den Eingangsbereich. Dort standen Molly und Jayden vor dem Weihnachtsbaum, gemeinsam mit Sabrina, die sich den Hintern rieb.

„Bist du vom Pferd gefallen?“, fragte ich belustigt.

Alle drei schauten nun zu uns.

„Nein, ich habe eben einen Ast übersehen, bin erschrocken und dabei ausgerutscht!“

Man sah, das Jayden und Molly versuchten, sich das Lachen zu verbeißen.

„Hallo Gregory“, sprach Sabrina weiter.

Nun hatte Gregory die volle Aufmerksamkeit.

„Dich habe ich schon in der Klasse gesehen“, sagte Jayden überrascht.

„Ich habe dir doch gesagt, Gregory ist in unserer Klasse… Gregory, das ist Molly, Jayden und Sabrina kennst du ja schon.“

„Hallo“, war das einzige, was Gregory sagte.

„Du bist unser Cousin?“, fragte Molly.

„… ähm scheint so“, antwortete er verlegen.

„Oh Gott!“, quiekte Sabrina.

Wir fuhren durch die Schrille der Stimme etwas zusammen.

„Was?“, meinte Jayden, der neben ihr Stand und sich wieder mal das Ohr rieb.

„Dann häng ich jetzt mit drei Baronen in der Schule herum, da denkt doch jeder, ich sammle die!“

„Wer soll denn wissen, dass wir Barone sind? Von mir erfährt keiner was“, kam es von Jayden.

„Und einer Baroness, du vergisst, dass ich nach den Ferien an eure Schule wechsle“, fügte Molly hinzu.

Ich konnte nicht anders und musste lachen, während sich Sabrina ihr Gesicht mit den Händen verdeckte und den Kopf schüttelte. Mum und Tante Abigail kamen aus dem Esszimmer.

„Taylors Schwester kommt…“, sie schaute sich um, „ist Taylor nicht bei euch?“

An ihn hatte ich die ganze Zeit nicht mehr gedacht und ich wunderte mich wieder, wie Tante Abigail wusste, dass jemand angefahren kommt.

„Der kommt gleich nach, hat er gesagt“, erklärte Molly.

„Gut.“

„Tante Abigail, woher weißt du eigentlich“, fragte nun ich neugierig, „wann jemand ankommt? Jedes Mal stehst du an der Tür.“

„Ich kann Hellsehen.“

Mum fing unkontrolliert an zu lachen und ich schaute sie mit großen Augen an. Die anderen kicherten nun auch.

„Quatsch! Am Tor ist eine Kamera angebracht, der Monitor dazu, steht in der Küche. Kommt jemand an, wird mir das von unserem Personal mitgeteilt.“

„… Hellsehen…!“, sagte neben ihr Mum und lachte weiter, „der war gut!“

Sie hob ihren Daumen nach oben, während Tante Abigail die große Eingangstür aufzog.

*-*-*

Als ich ebenso nach draußen trat, sah ich gerade, wie mein Schatz seine Schwester umarmte. Ihr folgte Julien, sein Schwager. Ganz Gentlemen stellte er auch Molly und Jayden vor, die neben Mum und Tante Abigail standen.

„Noch mehr Verwandte?“, fragte Gregory, der neben mich getreten war.

„So gesehen ja, das ist die Schwester von Taylor und sein Schwager.“

„Deine zukünftige Verwandtschaft also“, grinste Gregory.

„Richtig!“

Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und drehte den Kopf. Grandpa war auch nach unten gekommen. Der Pulk vor uns begann sich zum Eingang zu bewegen, so machten Gregory und ich Platz.

Weiteres Hände schütteln war angesagt und ich war froh, als endlich die Eingangstür geschlossen wurde. Danach wurde sich ausführlich über den Weihnachtsbaum unterhalten und die Diskussion kam auf, ob man eher eine Tanne, oder doch lieber eine Kiefer verwenden sollte.

Nach dem über diesen Punkte ausführlich geredet wurde, sich jedoch niemand richtig durchsetzten konnte, beschloss man endlich, die Teetafel aufzusuchen, der eigentliche Grund, dass unsere Gäste hier waren. Ich schob Gregory vor mir her.

Mit zwölf Personen war der Tisch gut gefüllt, aber noch nicht voll. Was mich wunderte, das der Tisch ganz einfach gedeckt war. Nachdem Mum und Tante Abigail so viel Zeit damit verbracht hatten, sich um die Teetafel zu kümmern, hätte ich mehr erwartet.

Wie immer saß ich neben Grandpa, nur dieses Mal saß Gregory neben mir und nicht Taylor, der zwischen seiner Schwester und seinem Schwager Platz genommen hatte. Auf dem Tisch standen Apfelkuchen, Gebäck und Sandwiches.

Natürlich wurde auch am Tisch munter weiter geredet. Während sich Onkel Henry ausführlich für an den Geschäftspraktiken von Julien und seiner Frau interessierte, Tante Abigail mit Mum über die selbst gemachten Sandwiches diskutierten, hörte ich Grandpa zu, wie er mit Gregory sprach.

Ich hielt mich etwas zurück, hatte ich doch am Mittag genug geredet, als wir bei Gregorys Großeltern waren. Neben dem Gespräch, wanderten meine Augen durch die Runde und blieben bei Taylor haften, der gerade in ein Sandwich biss. Als er meinen Blick bemerkte, lächelte er mir breit zu.

„Du bist so still mein Junge“, riss mich Grandpa aus meinen Gedanken.

Ich lächelte ihn an.

„Ich bin nur unter die Zuhörer gegangen“, erklärte ich und hoffte, dass sich Grandpa damit zufrieden gab.

„Ist wirklich alles in Ordnung mit dir, du bist wieder etwas blass um die Nase.“

Ein Wunschgedanke.

„Das Gespräch mit Gregorys Großvater war etwas anstrengend…, ich bin nur etwas müde.“

Gregory nickte wissend.

„Ich hätte dich niemals alleine dahin gehen lassen sollen!“

„Ich war nicht alleine, Mum war bei mir“, was natürlich die Aufmerksamkeit von Mum und auch Tante Abigail auf uns zog.

„Du weißt wie ich das meine, mein Junge. Ich hätte das selbst, in die Hand nehmen sollen. Schließlich trage ich die Verantwortung für die Familie.“

„Joseph, ich denke, das Ganze hat auch seine Grenzen, du solltest, wie Abigail schon gesagt hat, aufhören, Sophia immer wieder in Schutz zu nehmen. Was Jack betrifft“, Mum schaute kurz zu mir, „er war sein alleiniger Wunsch das zu machen, weil er wollte, dass Gregory ein Teil dieser Familie wird.“

Darauf sagte Grandpa nun nichts, legte nur seine Hand auf meine und drückte sie. Die Tür zur Küche ging auf und Harry erschien. Er lief neben Tante Abigail und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Erschrocken schaute sie zu ihm.

„Gut, danke!“, meinte sie und Harry verschwand wieder.

„Charlotte…, ich denke, es ist besser du schnappst dir Gregory und Jack und verschwindest nach oben!“

„Warum das denn?“

„Sophia ist im Anmarsch!“

*-*-*

„Meine Mutter?“, fragte Gregory.

„Was will denn die hier?“, wollte ich wissen.

„Jack, das ist ihr Elternhaus“, ermahnte mich Mum.

„Das meine ich nicht, warum taucht sie so plötzlich auf?“

„Ich habe sie angerufen!“

Das kam von Onkel Henry.

„Du hast was?“, fragte Tante Abigail.

„Ich war sauer auf sie… und am Telefon… entschuldigt, es ist mir so rausgerutscht.“

Mum stand auf.

„Jack… Gregory…“, meinte sie nur.

Taylors Augen waren traurig, als sich unsere Blicke kurz trafen. Tante Abigail hatte sich ebenso erhoben, wie auch Grandpa.

„Gregory, es ist vielleicht besser so, dass du nicht gleich auf sie triffst!“, sagte Tante Abigail und schob ihn vor sich her, Richtung Tür.

*-*-*

Nervös saß Gregory neben mir auf dem Bett, während Mum an meiner Zimmertür hin und her lief. Unten waren laute Stimmen zu hören, aber nicht zu verstehen, was gesagt wurde.

„Jungs, ihr bleibt hier, ich gehe da runter…“, meinte Mum nur und war schon aus dem Zimmer verschwunden.

Mums Name wurde gerufen, dann wurde das Gespräch wieder unverständlich.

„Ich… will sie nicht sehen“, flüsterte Gregory neben mir.

Ich griff nach seiner Hand.

„Musst du auch nicht, Gregory, wenn du nicht willst!“

„Ihr habt nur Ärger wegen mir…, ich hätte nie bei euch mitfahren sollen. #Das war eine saudumme Idee!“

„Halt Stopp!“, sagte ich und drehte mich mehr zu ihm.

„Du hast uns keinen Ärger gemacht, wenn dann deine Mu…, die Frau da unten, die dich auf die Welt gesetzt hat… sie alleine trägt die Schuld an dieser Sache hier und nicht du!“

Ich hatte mich etwas in Rage geredet und Gregory war etwas zurück gewichen.

„Entschuldige…, es ärgert mich nur, wenn jemand Scheiße baut du andere müssen es ausbaden.“

„Du… bist also… nicht sauer auf mich?“

„Ich, wieso denn? Ich bin höchstens sauer auf Sophia, die uns den ganzen Mittag versaut hat!“

Meine Zimmertür wurde aufgerissen und Gregory und ich fuhren zusammen. Herein kam Sabrina, dicht gefolgt von Jayden und Molly. Direkt hinter sich schlossen sie die Tür wieder.

„Boah, ichdachte, die gehen sich gleich an die Gurgel“, meinte Sabrina und ließ sich auf den Stuhl fallen.

„Wären sie auch, wenn Jacks Mama nicht dazwischen wäre“, sagte Jayden.

„Meine Mum?“

Jayden und Molly nickten.

„Deine Tante ist wie eine Furie in Haus gestürmt und gerufen, wo ist er? Wo ist er?“, sagte Sabrina.

„Ja und Tante Abigail wollte sie rauswerfen!“, kam es von Molly.

„Und dann ging es erst richtig los“, fuhr Jayden fort, „ Tante Sophia beschuldigte Abigail ein Erbschleicher zu sein und sie nur hier wäre, weil sie alles für sich haben wollte. Dann fing Onkel Henry an, dass Sophia wohl still sein könne, weil sie schon genug Geld bekommen hätte, um ihre Wettschulden zu tilgen.“

„Sie wettet?“, fragte ich erstaunt.

Gregory, neben mir, sagte nichts.

„Sophia wollte unserem Vater dann eine Ohrfeige geben, dann ist deine Mutter eingeschritten. Dann sind ein paar unschöne Schimpfworte gefallen und…“

„Und was?“, fragte ich Jayden.

„Hat uns Grandpa nach oben geschickt.“

„Und was ist mit Taylor?“

„DER? Der hat sich seine Schwester nebst Mann gekrallt und ist schnell verschwunden“, sagte Sabrina, die mit ihren Dauerwellen spielte.

„Scheiße!“

Gregory schaute mich an. Ich weiß nicht, was mich ritt, ich ließ seine Hand los und lief wütend zur Tür.

„Jack, was hast du vor?“, rief mir Sabrina hinter her, aber ich verließ das Zimmer, ohne zu antworten.

Sauer rannte ich die Treppe hinunter und folgte den lauten Stimmen, in die Bibliothek. Als ich ins Zimmer kam, standen dort alle und fuhren sich an.

„Es reicht!“, schrie ich, „hast du nicht schon genug kaputt gemacht!“

Im selben Augenblick verstummte alles im Zimmer.

„Was hast du kleine Schwuchtel zu melden?“, fuhr mich Sophia an, „ich hätte meinen damals Bruder gleich hinter Gitter bringen sollen, dann wär so etwas wie du erst gar nicht hat auf der Welt!“

„Schwuchtel?“, schrie ich, „und was bist dann du? Deinen eigenen Sohn im Stich lassen, das eigen Fleisch und Blut und…“

Weiter kam ich nicht, sie haute mir eine runter. Aber auch sie wurde nun gestoppt, denn Mum war auf sie zu getreten, hatte ausgeholt und wenige Sekunden später wurde Sophia von Mums Faust nieder gestreckte und ging zu Boden.

„Wage es nie wieder Hand an meinen Sohn zu legen, oder ihn zu beschimpfen!“, sagte Mum sauer.

„Du hast mich geschlagen!“

„Und du hast meinen Sohn geschlagen!“, schrie Mum laut.

Sophia und auch wir anderen zuckten zusammen.

„Pack deine Sachen und verschwinde! Reicht es nicht, dass du unser Leben zerstört hast? Musst es jetzt auch noch dein Sohn los sein…?“

„Er ist nicht mein Sohn…!“, kam es nun eine Dezibel leiser von Sophia.

Ich stand nur da und hielt meine Wange. Tante Abigail hatte ihren Arm um mich gelegt.

„Sophia, du bist so armselig. Gregorys Großvater hat mir die Geburtsurkunde gezeigt, da stand dein Name drin! Kehre einfach in deine Welt zurück, wo du hingehörst und lass uns in Ruhe!“

So aufgebracht hatte ich Mum noch nie erlebt, geschweige denn, dass sie jemanden mit einem Faustschlag niederstrecken konnte. Sophia erhob sich mühselig, niemand half ihr auf.

„Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt! Ihr werdet von meinem Anwalt hören!“, schrie sie nun wieder und rannte aus dem Zimmer und Onkel Henry hinter her.

„Und wenn schon…“, sagte Mum verächtlich.

Ich sah wie Grandpa sich auf einen der Sessel niederließ und in sich zusammen sackte.

„Grandpa!“, rief ich.

*-*-*

Mum und ich saßen im Wohnzimmer bei den Hamiltons. Gregory hatte erzählt, was vorgefallen war. Auch das Grandpa anschließend einen Schwächeanfall hatte und der Notarzt meinte, dass es besser wäre, in zur Beobachtung ins Krankenhaus zu bringen. Abigail war mit Grandpa ins Krankenhaus gefahren.

„Diese schreckliche Frau“, hörte ich Mrs. Hamilton sagen.

„Ich sagte gleich, sie wird sich nie ändern!“, meinte darauf Mr. Hamilton.

„Großvater, lass es einfach“, sagte Gregory.

„Nimmst du diese… Frau jetzt auch noch in Schutz?“, fuhr Mr. Hamilton seinen Enkel an.

„Nein Großvater, tu ich nicht! Können wir es einfach so halten wie immer und nicht mehr über diese Person reden?“

Mr. Hamilton schien einsichtig zu sein und nickte nur.

„Ich weiß, dass das heute alles nicht so geplant war, aber ich mache Charlotte und Jack keinen Vorwurf deswegen!“

Erstaunt blickte Mr. Hamilton seinen Enkel an und auch ich war etwas verwundert. Plötzlich trat Gregory so selbst bewusst auf.

„Ja, Mrs. Newbury, sie sind an dem Verhalten dieser Frau nicht schuld“, kam es Mrs. Hamilton.

„Großmutter…!“, kam es von Gregory.

Er schaute sie durchdringend an.

„Ja…, entschuldige.

„Charlotte, ich heiße Charlotte“, sagte nun Mum, „Gregory ist schließlich mein Neffe.

Mrs. Hamilton lächelte nun und griff nach der Hand meiner Mutter.

„Aber nur, wenn sie mich Isabelle nennen!“

„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragte nun Mr. Hamilton.

„Wenn du nichts dagegen hast, werde ich bis ins neue Jahr bleiben, Großvater. Ich habe schon mit Charlotte gesprochen, ich kann mit ihnen dann nach London zurück fahren.“

„Selbstverständlich kannst du hier bleiben, dein Großvater hat nichts dagegen, oder Edward?“

„Nein, habe ich nicht!“

Er versuchte etwas zu lächeln, aber es sah irgendwie gequält aus.

„Und wir werden langsam aufbrechen“, sagte Mum und stand auf, „man erwartet uns sicher schon.“

„Mr. Hamilton“, sagte Mum und schüttelte ihm die Hand.

„Edward ist mein Name…Edward.“

„Ich weiß“, lächelte Mum.

Ich war auch aufgestanden und schüttelte den Großeltern die Hände. Gregory nickte ich nur zu.

„Wir telefonieren“, meinte er noch, als er uns zur Haustür brachte.

Wieder nickte ich nur und folgte Mum zum Auto.

*-*-*

„Du bist so still“, meinte Mum neben mir.

„Am liebsten würde ich nach Hause fahren.“

Mum seufzte.

„Und ich bereue, dass du diese Familie kennen gelernt hast.“

Ihr Ton war verbittert.

„Es hat sich nichts geändert und davor wollte ich dich schützen.“

„Das verstehe ich ja Mum, aber hätte ich dann Grandpa… kennen gelernt, oder Jayden und Taylor…“

Ich verstummte, weil mir Taylor wieder in den Sinn kam.

„Was ist?“

Ich raufte mir die Haare.

„Was sollen Chloe und Julien nur von uns denken?“

„Das wir eine ganz normale Familie sind, in der es auch Streit gibt!“

„Mum… bitte“, meinte ich gefrustet.

„Was denn? Das stimmt doch. Nur weil diese Familie Geld hat, ist sie nicht anders als alle anderen Familien in diesem Land!“

„Was ist, wenn sie nun ihrem Bruder seinen Umgang mit mir verbietet?“, fragte ich verzweifelt.

„Jack, zum ersten, Taylor ist alt genug um entscheiden zu können, mit wem er zusammen ist und zweitens kann ich mir nicht vorstellen, dass dies Chloe tun würde, so schätze ich sie nicht ein.“

„Die haben sicher einen schlechten Eindruck von uns.“

„Jack, jetzt hör doch auf dich verrückt zu machen.“

Ich schwieg und hatte Mühe, meine Tränen zurück zu halten. Was war, wenn ich jetzt Taylor, wegen dieser blöden Sache verlor? Ich sah nach draußen und bemerkte, wie wir an der Einfahrt zum Gut vorbei fuhren.

„Mum…, du hast die Einfahrt verpasst.“

„Habe ich nicht!“

„Da stand doch aber gerade Manor Newbury.“

„Da werde ich jetzt bestimmt nicht mit dir hinfahren.“

Fragend schaute ich sie an.

„Ich werde bestimmt nicht, den ganzen Abend deine verrückten Ideen anhören und auch nicht deine Heulattacken ertragen!“

„Aber…, aber…“

„Was?“

Sie lachte.

„Jack, du müsstest dich mal sehen, du erfüllst gerade total das Klischee der Schwulen, fehlt nur noch, dass du anfängst mit deiner Hand vor dem Gesicht zu wedeln und mit den Augen klimperst!“

Für wenige Sekunden herrschte Stille im Wagen, nur das Motorengeräusch war zu hören. Dann fingen wir beide fast gleich zeitig an laut zu lachen, welches sich verstärkte, als ich mit meiner Hand vor dem Gesicht nach Luft wedelte.

„So gefällst du mir schon besser. Jack, wenn du nichts dagegen hast, lassen wir es die nächsten Tage ruhiger angehen, denn ich denke, wir hatten über Weihnachten Aufregung genug.“

Ich hob abwehrend meine Hände.

„Absolut nichts dagegen!“

„Gut, dann kann ich ja umkehren!“

„Muuum!“

*-*-*

Grandpa schien es schon wieder besser zu gehen, hörten wir als wir zum Haus zurück gekehrt waren, mit ein bisschen Ruhe, würde er wieder ganz der Alte sein. Schweren Herzens hatte ich mich von Taylor getrennt.

Er wollte den Abend mit seiner Schwester und deren Mann verbringen, dass hatte ich zu akzeptieren. Aber Mum hatte Recht, die drei hatten nun wirklich keine schlechte Meinung von uns und es wurde noch einige Zeit über Sophia diskutiert, bis wir schließlich heim kehrten.

Nun lag ich auf meinem Bett und genoss die Stille um mich herum. Niemand hatte bisher wie ein wilder an einer meiner Türen geklopft, oder mein Zimmer einfach so betreten. Mir fiel etwas ein.

Ich schaute mich im Zimmer um und entdeckte, nach was ich Ausschau gehalten hatte. So stand ich auf, ging zum großen Bücheregal und entnahm eine kleine Kiste. Mit ihr setzte ich mich wieder aufs Bett und öffnete sie.

Vor mir lagen die Briefe meines Vaters von seiner Mutter. Ich hätte auch gerne die gelesen, die mein Vater geschrieben hatte, um vielleicht mehr über ihn zu erfahren. So konnte ich es aber nur erahnen, was er Grandma geschrieben und mit dem was sie darauf geantwortet hatte.

Erneut nahm ich einen Brief und begann ihn zu lesen.

„… es freut mich zu hören, dass du jemanden kennen gelernt hast und vielleicht ergibt sich ja die Möglichkeit, dass du mir diese Frau vorstellst…“

Mum erzählte, dass sie die Frau nie kennen gelernt hat, so war es anscheinend nie zu dieser Begegnung gekommen. Dies stimmte mich etwas traurig. Es war schlimm genug, dass sich Grandpa und seine Frau sich getrennt hatten, aber das Olivia mit Hilfe von Sophia auch noch den Rest der Familie auseinander brachten, war einfach unverzeihlich.

Nur wegen dem Ansehen und des Geldes wegen. Nicht ohne Grund konnte ich die reiche Sippschaft in meiner Schule auch nicht leiden, denn genau so etwas, hasste ich zu tiefst. Heraus hängen zu lassen, wer man war und wie viel auf dem Bankkonto der Eltern sich ansammelte.

Mir wurde immer mehr bewusst, wie schön ich es doch mit meiner Mutter erwischt hatte. Die vergangene Zeit mit ihr war trotz mancher Entbehrungen immer herrlich.

„… aber danke der Nachfrage, mir geht es gut. Emily liest mir jeden Wunsch von den Augen ab. So glücklich war ich noch nie in meinem Leben…“

Sie war also nie glücklich gewesen mit Grandpa und trotzdem brachte sie vier Kinder zur Welt. Es war ja auch eine andere Zeit, ohne Internet und Computer. Vorstellen konnte ich es mir trotzdem nicht.

Ich zog den Block und Stift aus der Laptoptasche, die ich dort schon immer deponiert hatte und überlegte, wie ich meinen Brief an Grandma beginnen sollte. Die Idee, den zu schreiben hatte ich von Taylor. Er meinte, so könnte ich ihr alles schreiben, was in meinem Herzen vorging.

Und da war wieder, dieser glückliche Gedanke. Mein Taylor. Ich hatte einen Traum von Freund, in den ich mir über alles verliebt hatte. Nicht nur, dass er verdammt gut aussah, er hatte auch ordentlich was auf dem Kasten.

Er war weder Weltfremd, noch zeigte er Naivität, wie ich es bei Jayden öfter erlebt hatte. Einziger Wehrmutstropfen, wir sahen uns zu wenig, aber auch das würde sich in Zukunft ändern.

Mit Hilfe von Grandpa wollte ich den Führerschein machen und falls mir Mum ihren Wagen nicht borgen wollte oder konnte, wäre immer noch die Möglichkeit den Bus oder den Zug zu nutzen.

Zulange lebte ich in meiner kleinen Welt, die aus Mum, die Segelei und Sabrina bestand. Mehr konnte ich leider nicht vorweisen. Und mit der Aussicht im Herbst nächsten Jahres mit dem Studium zu beginnen zu können, hielt mich auch nicht mehr von diesem Vorhaben ab. Ich nahm also den Stift und schrieb los, was mir in den Gedanken kam.

Hallo Grandma!“

*-*-*

Am nächsten Morgen fand ich leider niemanden vor. Ich hatte nach Tante Abigail gesucht, weil ich ja einen Briefumschlag und eine Marke brauchte. So lief ich in die Küche und fand dort Harry und Caitlin vor.

„Guten Morgen Jack, was wünschen sie, etwas Besonderes zum Frühstück?“, begrüßte mich Caitlin, als sie mich bemerkte.

Etwas peinlich berührt, bekam mein Gesicht wieder Farbe. Harry lächelte etwas.

„Guten Morgen. Nein, danke Caitlin. Ich wollte nur fragen, ob sie vielleicht wissen, wo sich meine Tante Abigail befindet.“

„Sie müsste sich um diese Zeit in ihrem Arbeitszimmer befinden“, antwortete Harry, mit seiner dunklen Stimme.

„Und… und wo wäre das, ich kenne mich in diesem großen Haus immer noch nicht aus.“

„Wenn sie wünschen, bringe ich sie zu ihr.“

„Das wäre nett von ihnen, Harry!“

„Mr. Newbury, sie müssen mich nicht mit sie anreden, ich gehöre…“

„Zum Personal, das habe ich jetzt schon oft genug gehört und bin es langsam leid. Genauso wie für die anderen, bitte ich darum, du und Jack zu sagen. Zum einen bin ich es außer in der Schule nicht gewohnt, dass ich mit meine achtzehn Jahren mit sie angeredet werde, und zum andere sehe ich für mich keinen besonderen Grund, dies hier auch zu machen. Also Jack und du bitte!“

Ich atmete tief durch.

„Wenn sie wünschen…“

Caitlin hüstelte etwas und lächelte mich dann an.

„… wenn du wünschst!“

*-*-*

Harry hatte sich verzogen und ich stand nun vor Tante Abigails Arbeitszimmer. In diesem Teil war ich noch nie gewesen, noch hatte ich gewusst, wie viele Zimmer es hier hinten noch gab. Ich konnte vier weitere Türen ausmachen.

So klopfte ich an die Tür und wartete, dass man mich einließ. Ein „Ja“ war von drinnen zu hören, so öffnete ich die Tür. Vor einem Computer sitzend, traf ich Tante Abigail an.

„Jack? Das ist aber nett, brauchst du irgendetwas?“

„Ja, ich brauche wirklich etwas. Hättest du für mich eventuell einen Umschlag mit Marke, ich würde gerne einen Brief wegschicken.“

„Klar kannst du das haben, aber sag mal, schreibst du keine Emails?“

„Doch“, grinste ich, „mir war einfach nach einem Brief.“

„Gut“, lächelte sie mich an.

Sie zog eine Schublade ihres Schreibtischs auf und zauberte etwas später das Gewünschte hervor.

„Ähm… da wäre noch eine Frage.“

„Die wäre?“

„Gibt es hier irgendwo einen Briefkasten?“

*-*-*

Mein Retter war Taylor, der sich bereit erklärte, meinen Brief mitzunehmen und bei sich im Ort später einzuwerfen. Eine traurige Seite hatte diese Rettung aber auch, ich würde eine weitere Nacht ohne meinen Schatz verbringen.

Das Geheimnis der vier weiteren Zimmer, war auch schnell gelüftet, denn Tante Abigail hatte eine kleine Führung arrangiert. Neben ihrem Zimmer und einem Bad war da auch noch Grandpas Zimmer, der ebenso über ein eigenes Bad verfügte.

In Grandpas Zimmer verharrte ich noch etwas, als ich die Wand mit den vielen Bildern sah. Ich entdeckte mein Foto, dass er von mir zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, neben dem meines Vaters.

Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte man uns für Zwillinge halten können. Klar hatte ich laufend zu hören bekommen, dass ich wie mein Vater aussehe, aber diese Ähnlichkeit hätte ich nicht für möglich gehalten.

Mein Magen meldete sich und ich sah auf die Uhr. Ich war den Morgen auf dem Zimmer geblieben und hatte die Zeit mit Internet und lesen weiterer Brief verbracht. Es war schon Mittagszeit und die anderen saßen sicher bereits am Tisch.

Umso mehr überraschte es mich dann, dass ich der erste im Esszimmer war. Etwas traurig schaute ich auf Grandpas Stuhl, der leer war und ließ mich auf meinem Stuhl nieder. Die Tür ging auf und Mum kam lächelnd herein.

„Abigail, ich komme zwar gerade aus dem Krankenhaus, aber mir geht es soweit gut, dass ich alleine laufen kann!“

Das war Grandpas Stimme. Ich sprang auf und lief zu Mum, die immer noch an der Tür stand. Im Eingangsbereich sah ich dann auch Tante Abigail mit Grandpa, der mich nun anlächelte, als er mich bemerkte.

„Hallo Jack!“

„Hallo Grandpa…, ich wusste nicht, dass du wieder da bist, niemand hat mir etwas gesagt.“

Dann sah ich, dass wir noch einen weiteren Gast zum Mittagessen hatten. Hinter Tante Abigail stand da auch noch Gregory. Fragend sah ich zu Mum.

„Ja, du hast heute Morgen einiges verpasst. Aber nach dem wir alle fanden, dass du Ruhe brauchst, nach dem gestrigen Tag, haben wir dich in Ruhe gelassen“, erklärte mir Mum.

Und ich hatte mich schon gewundert, warum es in meinem Zimmer nicht wie sonst, wie auf einem Durchgangsbahnhof zuging,

„Dass ihr Grandpa nach Hause holt, hättest du mir aber schon erzählen können“, sagte ich vorwurfsvoll, „und wie kommt Gregory hier her?“

„Das hört sich so an, als hättest du etwas dagegen, dass Gregory hier ist“, kam es von Tante Abigail.

„Nein, das stimmt nicht, ich hätte nur gern Bescheid gewusst… na ist jetzt auch egal.“

Mum hängte sich bei mir ein.

„Jetzt spiel doch nicht gleich die beleidigte Leberwurst. Wir waren selbst überrascht, als ein Anruf aus dem Krankenhaus kam und uns mitgeteilt wurde, dass dein Großvater, abgeholt werden möchte und weil ich Abigail nicht alleine fahren lassen wollte, bin ich mitgefahren,“

„Und meinem Vater war es natürlich nicht auszureden, nach dem was gestern vorgefallen war, höchst persönlich bei den Hamiltons vorbei zu schauen und sich zu entschuldigen“, fügte Tante Abigail, Mums Erzählung hinzu.

Ich schaute zu Gregory.

„Ich bin unschuldig, ich wurde von diesen zwei… „Tanten“ entführt!“, begann sich Gregory zu wehren.

Das handelte Gregory einen kleinen Klaps auf den Hintern ein.

„He, ich sagte dir doch, ich will das Wort Tante nicht mehr hören“, beschwerte sich Tante Abigail lächelnd.

Grandpa strahlte über das ganze Gesicht.

„Lasst uns Essen“, meinte er, „ich habe Hunger.“

„Das hört sich gut an“, meinte Tante Abigail und Mum zog mich zurück ins Esszimmer.

Ganz gegen meine Erwartungen gab es heute das einfache „Fish n‘ Chips“ zum Essen. Aber Caitlins panierter Fisch sah natürlich viel leckerer aus, als ich es aus den Fastfoodbuden in London kannte.

Wo ich sonst nur Pommes gewohnt war, wurden richtige gebackene Kartoffelstücke gereicht. Auch Gregory schien es zu schmecken. Ich schaute den Tisch entlang.

„Wo sind eigentlich die anderen?“, fragte ich dann verwundert, weil mir plötzlich auffiel, dass die Ruhe am Tisch, nicht wie sonst, von Sabrina unterbrochen wurde.

„Henry hat die drei heute Morgen nach dem Frühstück ins Auto verfrachtet und ist mit ihnen nach Newbury gefahren, was sie aber genau dort wollten, weiß ich nicht“, erzählte Tante Abigail.

„Sie wissen also nicht, dass Grandpa wieder zu Hause ist?“

„Nein!“, meinte Mum, „auch nicht, das die Hamiltons heute Mittag zum Tee kommen, dein Grandpa hat sie eingeladen.“

Erstaunt schaute ich zu Grandpa, der mich immer noch anlächelte. Ich überlegte kurz.

„Dann werde ich mich mit Gregory und Grandpa kümmern, denn ihr seid ja dann beschäftigt.“

Mum legte ihre Stirn in Falten und sah mich fragend an.

„Wieso?“, fragte Tante Abigail.

„Irgendwer muss doch Caitlin helfen, diese wunderbaren Sandwiches zu machen!“

Alle fingen an zu lachen.

*-*-*

Da sich Grandpa hingelegt hatte und ich nicht noch mehr Zeit in meinem Zimmer verbringen wollte, Gregory war ja auch noch da, beschlossen wir auszureiten. Besser gesagt, ich beschloss es, denn mein Cousin hatte sagen wir mal großen Respekt vor den Tieren.

Gab es da nicht einen besseren Lehrmeister fürs Pferd und Reiten, als mein Schatz? Als wir zum Stall kamen hatte James mit Taylor bereits drei Pferde gesattelt. Tiara schien mich jetzt wirklich schon zu kennen, denn sie hob den Kopf, als sie meine Stimme hörte.

„Hallo James“, begrüßte ich den Stallwart.

„Hallo Jack, das reiten scheint dir wohl wirklich Spaß zu machen.“

„Ich würde lügen, wenn ich es abstreiten würde“, lachte ich, „darf ich ihnen meinen Cousin Gregory vorstellen?“

„Ja, guten Tag Gregory, Taylor hat mir schon von ihnen erzählt.“

Gregory schüttelte ihm nickend die Hand.

„Ähh, sie können ruhig du zu mir sagen…, James…ich bin so alt wie Jack.“

„Kein Problem“, sagte James.

Während mir Taylor aufs Pferd half und James in den Stallungen verschwand, stand Gregory etwas abseits. Sein Blick wirkte leicht ängstlich. Ich strahlte Taylor an.

„Ich hoffe, du wirst jetzt nicht gleich eifersüchtig?“, flüsterte er mir zu, bevor er sich Gregory zuwandte.

„Hä?“, war alles, was ich herausbrachte, was meinte er?

„Gregory, darf ich dir auch helfen?“

Der zuckte zusammen, als Taylor ihn ansprach.

„Bist…, bist du sicher…, das Pferd … mag mich?“, stotterte Gregory plötzlich.

„Aber sicher doch. Pferde spüren, wenn man es gut mit ihnen meint. Darf ich?“

Taylor hob seine Arme an. Gregory nickte verschüchtert. Mein Schatz ging zu Gregory legte seinen Arm um dessen Rücken und griff nach seiner Hand. So schob er meinen Cousin Richtung Pferd.

Ach so, dass meinte er damit, ob ich eifersüchtig werden würde. Ich wusste gar nicht, wie er auf den Gedanken kam, das war doch Gregory.

„So und nun streckst du die Hand langsam aus und lässt Magelan an deiner Hand schnuppern“, erklärte Taylor und hob Gregorys Hand an.

Ein Hengst also. Das Tier hob seinen Kopf und schnupperte an Gregorys Hand und wiehrte leise. Ich strich Tiara langsam am Hals entlang und beobachtete die beiden weiter.

„So, jetzt kannst du ihn ganz vorsichtig an seinen Nüstern streicheln, das mag er“, redete Taylor weiter.

„Nü… üüstern?“, kam es von Gregory.

Deutlich sah ich, wie er sich ängstlich gegen meinen Schatz lehnte. Taylor grinste.

„Die Nase von Magelan…“, erklärte er und führte wieder Gregorys Hand. Teil.

Langsam strich nun mein Cousin über die besagte Stelle.

„Das ist ja ganz weich und warm“, meinte Gregory überrascht.

„Genau“, meinte Taylor und ließ seinen Arm sinken, der die ganze Zeit um Gregory lag.

Er reichte Gregory seine Handschuhe und führte ihn auf die Seite des Pferdes. Taylor erklärte ihm kurz, so wie mir damals, wie das mit dem reiten so ging. Nur mühsam schaffte es mein Freund, Gregory aufs Pferd zu setzten. Auch bei ihm stellte er die Bügel ein.

Dann band er Magelan los und zog das Pferd samt Gregory zum dritten Pferd. Schwungvoll saß Taylor aus und lächelte nun wieder zu mir.

„So, kann es los gehen?“

Ich nickte. Da Gregory wie ich vorher nun auch zum ersten Mal auf einem Pferderücken saß, hatte sich Taylor wohl gedacht, aus Sicherheit Magelan an die Leine zu nehmen und Gregory samt Pferd zu führen.

„Nicht erschrecken“, meinte Taylor noch zu Gregory, als er an der Führungsleine des Pferdes zog.

*-*-*

Alle drei hatten wir roten Wangen, es war trotz Sonnenschein recht kalt. Die Führungsleine zwischen Taylor und Gregory hing nun leicht durch, denn mein Cousin ritt nun zum ersten Mal alleine.

Stolz und strahlend kam er mit uns zum Gut zurück. Als wir gerade den Stall erreichten, sah ich, dass ein Wagen vor das Haus fuhr und Gregorys Großeltern ankamen. Wie immer trat Tante Abigail vor das Gebäude.

„Da kommen wir gerade richtig, deine Großeltern sind da“, meinte ich zu Gregory.

„Wirklich?“

Er schaute wie ich zum Eingangsbereich des Hauses.

„Omaaaaa…Opaaaa, schaut mal“, rief er laut.

Die beiden genannten, drehten ihre Köpfe zu uns, die gerade von Tante Abigail begrüßt wurden.

Alle drei kamen auf uns zu gelaufen.

„Junge, ich wusste gar nicht, dass du reiten kannst!“, rief ihm seine Großmutter entgegen.

„Kann ich auch nicht“, lachte Gregory.

Die Angst vor dem Pferd schien er völlig abgelegt zu haben.

„Taylor hat mein Pferd, die ganze Zeit geführt und Magelan“, Gregory klopfte dem Pferd leicht auf den Hals, „ist ein ganz lieber!“

Es war das erste Mal, dass ich Mr. Hamilton lächeln sah. Taylor war bereits abgestiegen und half nun Gregory vom Pferd. Ich musste mich alleine abmühen.

„Schönens Tier!“, meinte Mrs. Hamilton und strich Magelan sanft über dessen Nüstern.

„Hast du keine Angst?“, fragte Gregory verwundert.

„Nein, warum sollte ich Angst haben“, antwortete Mrs. Hamilton, „ich bin früher viel geritten, so habe ich ja auch schließlich deinen Großvater kennen gelernt.

Dieser lächelte leicht verlegen.

„Das habe ich gar nicht gewusst, du kannst auch reiten Opa?“

Mr. Hamilton nickte.

„Es ist aber schon eine Weile her“, meinte er dann.

„Wollen wir hinein gehen, der Wind frischt auf“, sagte nun Tante Abigail und zeigte Richtung Wohnhaus.

Mrs. Hamilton hängte sich bei Gregory ein und zog ihn Richtung Haus. Mein Cousin drehte den Kopf.

„Danke Taylor, das war phantastisch, das müssen wir unbedingt mal wiederholen!“

„Kein Problem und das nächste Mal, versuchst du es alleine, okay?“

„Naja… ich weiß nicht“, antwortete Gregory unsicher.

Sein Großvater fing an zu lachen.

Als sich die vier entfernt hatten lief ich Taylor hinterher in den Stahl. Dort angekommen sah ich, wie er gerade begann die Pferde von ihren Satteln zu befreien. Überrascht schaute er zu mir, strahlte mich aber dann an.

„Danke!“, meinte ich.

„Für was?“

„Dass du Gregory die Angst genommen hast!“

„Dafür brauchst du dich nicht bedanken. Ich finde es toll, dass es einen weiteren Menschen gibt, der nun Pferde mag!“

Ich grinste ihn an, ging zu ihm hin und küsste ihn einfach.

„Ich muss leider rein, sehen wir uns später noch?“

„Gerne“, beantwortete Taylor meine Frage und küsste nun mich.

*-*-*

Mittlerweile war auch der Rest der Familie eingetroffen und am Tisch, sagen wir mal so, war die Lautstärke wesentlich größer, als noch beim Mittagessen. Das lag wohl daran, dass Gregory seinen Cousins und Sabrina vom Reiten vorschwärmte.

Meine volle Aufmerksamkeit hatte Grandpa, der sich die ganze Zeit mit den Hamiltons unterhielt. Diese saßen ganz ungewohnt mir gegenüber und Mum mit Onkel Henry neben mir. Tante Abigail hatte neben Mr. Hamilton Platz genommen.

Während das restliche Jungvolk, am anderen Ende des Tisches, ihren Spaß hatten, ging es auf dieser Seite des Tisches etwas ernster zu. Natürlich wurde von Sophia gesprochen, aber auch über die Zukunft von Gregory.

Ich saß die ganze Zeit still zwischen Grandpa und Mum und hörte einfach nur zu. Das Gespräch war etwas traurig geworden, als Gregorys Vater zur Sprache kam. Mum hatte sich meine Hand unter dem Tisch gegriffen und hielt sie die ganze Zeit fest.

Sie lächelte mich an, während ich bei Tante Abigail feuchte Augen erkennen konnte.

„Ich versichere euch, Gregory ist hier jederzeit willkommen“, meinte Tante Abigail.

Man war irgendwann zu dem du übergangen, gehörten diese Familien doch irgendwie zusammen. Grandpa griff nun nach meiner anderen Hand, und lächelte mich an.

„Das haben wir alles dir zu verdanken, Jack“, meinte er und drückte nun meine Hand.

Meine rechte Hand wurde aus ihrem Gefängnis unter dem Tisch entlassen und Mum lächelte mich aufmunternd an.

„Zuviel der Ehre, Grandpa, da haben alle daran mitgewirkt!“.

„Ich kann mich Vater nur anschließen, Jack“, kam es von Henry, der die ganze Zeit geschwiegen hatte“, ich habe meine Kinder schon lange nicht mehr so glücklich gesehen.“

Alle schauten nun ans andere Ende des Tisches, wo Gregory, Jayden, Molly und Sabrina ihre Köpfe zusammensteckten und immer wieder lachten. Mein Gesicht färbte sich tief rot.

„Deine Bescheidenheit in allen Ehren“, meinte nun Opa Edward, wie ich ihn jetzt nennen durfte, „ich habe Gregory seit dem Tod seine Vaters nicht mehr so fröhlich gesehen. Danke!“

Oma Isabelle nickte zustimmend. Ich sah zu Mum.

„Das ist alleine dein Verdienst!“, sagte sie.

„Ich weiß nicht…, was ich darauf sagen soll“, meinte ich und kratze mich verlegen am Hinterkopf.

„Am besten nichts, lass es einfach so stehen, Jack“, sagte Tante Abigail.

*-*-*

Zu fünft saßen wir nun auf meinem Bett und Gregory und mir wurde berichtet, was Jayden, Sabrina und Molly den Tag über in Newbury angestellt hatten. Das Gespräch wurde durch Klopfen an meiner Tür unterbrochen. Der Kopf von Taylor erschien.

„Ähm…, Gregory, deine Großeltern wollen aufbrechen…, soll ich ausrichten.“

„Schade“, meinte Sabrina, jetzt wo es gerade so lustig ist.“

„Gregory kann doch Morgen wieder kommen“, sagte Jayden.

„Dann muss ich mich wohl verabschieden“, kam es von Gregory, der sich nun auch erhob.

„Ich denke, wir sollten uns unten alle von Gregorys Großeltern verabschieden“, sagte ich.

Alle setzten sich nun in Bewegung und ich sah, dass Taylor wohl bereits geduscht hatte, denn er trug keine Arbeitskleidung mehr. Ich griff lächelnd nach seiner Hand und strömten mit den anderen hinunter.

Eine kleine Verabschiedungsorgie begann nun vor dem großen Weihnachtsbaum und endete damit, dass wir vor dem Haus standen und dem wegfahrenden Auto hinterher winkten. Als wir dann wieder das Haus betraten, wandte sich Mum an mich.

„Was hältst du von dem Vorschlag, wenn du ein paar Sachen in deine Rucksack tust und mit Taylor mitfährst.“

„Ich soll was?“

„Mit zu Taylor gehen“, meinte Mum.

„Aber…, aber…“

„Was denn? Du willst nicht? Da wird dein Freund aber sehr traurig sein!“

Entgeistert schaute ich zwischen Mum und Taylor hin und her.

„Entschuldige Taylor, mein Sohn ist ab und zu etwas kopflastig!“

Mein Schatz lächelte breit.

„Du meinst wirklich…, ich kann einfach mit so zu Taylor gehen.“

„Warum nicht? Oder willst du noch ein Abend traurig drein schauen, weil dir Taylor fehlt?“

„Danke!“, meinte ich nur, drückte sie kurz und rannte ins Haus.

„Bin gleich wieder da!“

*-*-*

Pünktlich wie immer war Taylors Schwester erschienen und hatte uns abgeholt. Ich wunderte mich zwar darüber, dass sie bereits wusste, dass ich mitfahren würde, aber es schien ihr auch nichts auszumachen.

Beim späteren Abendessen war es genauso lustig, wie mit den anderen am Mittag. Julien erzählte ein paar Geschichten über Taylor, wie tollpatschig er sich doch am Anfang angestellt hatte.

Mein Freund wurde immer kleiner neben mir. Aber sein Schwager zog ihn öfter zu sich, nahm in den Arm und rubbelte sanft über  Taylors Haare, was meinen Schatz wieder versöhnte. Recht spät am Abend, wanderten wir endlich ins Bett.

Beide waren wir müde, aber dennoch fit genug, noch ausgiebig zu kuscheln. Aber dennoch schliefen wir eng umschlungen irgendwann ein. Früh am Morgen ging Taylors Wecker. Er musste ja wieder arbeiten gehen, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht.

So stand ich mit ihm auf, frühstückten gemeinsam mit Chloe und Julien und ließen uns von ihm dann zum Gut zurück fahren. Nach einem kleinen Kuss trennten sich unsere Wege, erging zum Stall und ich ins Haus.

Leise drehte ich den Knauf der großen Holztür, freute mich einerseits, dass die Tür nicht verschlossen war, wunderte mich aber auch, dass sie bereits aufgeschlossen war. Den Grund dafür, fand ich hinter der Tür.

„Morgen Jack, schon so früh auf?“, begrüßte mich Tante Abigail.

„Oh, guten Morgen Tante. Leider muss Taylor früh aufstehen und pünktlich hier sein, so bin ich gleich mitgefahren, damit Julien nicht auch wegen mir noch mal hier her fahren musste.“

„Daran habe ich gar nicht gedacht…“, sagte Tante Abigail nachdenklich, „… ich sollte mal mit Vater reden, ob Taylor nicht noch Anspruch auf ein paar Tage frei hat, solange du hier bist.“

„Dass würdest du tun?“

„Klar, für meinen Neffen tu ich doch fast alles!“, lachte sie.

„Danke Tantchen“, rief ich erfreut und umarmte sie heftig.

„Langsam, langsam Jack! Du weißt doch gar nicht, ob Vater damit einverstanden ist.“

„Grandpa hat sicher nichts dagegen“, meinte ich und entließ ich sie aus ihrem Gefängnis.

„Gibst du ihm den kleinen Finger, schnappt er sich gleich den ganzen Arm!“, kam es von der Galerie.

Tante Abigail und ich schauten nach oben und entdeckten Mum.

„Nanu, du bist auch schon so früh wach, guten Morgen Charlotte!“

„Morgen Mum!“

„Oh sei doch nicht so laut Jack“, Mum hielt sich den Kopf, „ …guten Morgen ihr zwei. Der Grog gestern hatte es in sich. Ich glaube mein Kopf zerspringt gleich.“

„Soso, ihr habt also gestern wieder gesoffen und das ohne mich!“, sagte ich belustigt.

„… wieder gesoffen, was soll denn das denn bitte schön heißen“, kam es empört von Tante Abigail.

„Mum lief die Treppe herunter und ich hob abwehrend die Hände.

„Das war doch nur Spaß!“

„Auf die Späße kann ich gut und gerne verzichten!“, sagte Mum, die nun mittlerweile bei uns unten angekommen.

„Sich nachts in fremden Betten herumtreiben und sich beschweren, wir hätten gesoffen, wird ja immer schöner!“, kam es gespielt empört von Tante Abigail.

„Aber…, aber…“

Beide Frauen fingen an zu lachen und verschwanden Arm in Arm Richtung Küche. Kopfschüttelnd blies ich in meinen Pony und lief die Treppe hinauf. Im Zimmer angekommen, stellte ich meine Tasche auf dem Schreibtisch ab, kickte meine Schuhe in die Ecke und ließ mich auf mein Bett fallen.

Verliebt und lächelnd nahm ich mein Kissen in den Arm und drückte es fest.

*-*-*

Ich schien noch einmal eingeschlafen zu sein, denn Klopfen an der Badtür weckte mich.

„Bist du schon da?“, hörte ich Jaydens Stimme.

„Mühsam erhob ich mich und schloss die Tür auf.

„Ja bin ich“, grummelte ich, als ich die Verbindungstür aufzog.

Mein Gegenüber zuckte zusammen, denn er war schon wieder auf dem Weg ins sein Zimmer. Plötzlich hörte ich Sabrinas schrille Stimme aus Jaydens Zimmer.

„Jayden… komm schnell schau…, das gibt es doch nicht!“

Ich folgte meinem Cousin in sein Zimmer und schaute neugierig, was geschehen war. Sabrina saß auf dem Bett und hatte ihr Handy in der Hand. Als ich das Zimmer betrat, schaute sie auf.

„Euer Geheimnis ist kein Geheimnis mehr“, meinte sie nur und hielt ihr Handy in unsere Richtung.

„Welches Geheimnis?“, fragte Jayden, die Frage, die auch mir auf der Zunge lag.

„Baron Jack und Jayden of Newbury mit dem Duke of Newbury“, sagte Sabrina nur.

Als ich endlich die kleine Schaufläche des Handys richtig sehen konnte, prangte da ein Bild von Grandpa und uns entgegen.

„Das ist vor der Kirche an Heilig Abend“, meinte Jayden.

„Na und? Das Bild wird hier in der örtlichen Zeitung sein.“

„Nein, das hat mir Gregory geschickt, er hat das aus unserem Klassenchat.“

„Klassenchat?“, fragten Jayden und ich gleichzeitig.

„Ja unser Klasse besitzt einen eigenen Chat, in dem sie sich über alles informieren können.“

„Davon wusste ich nichts“, meinte ich.

„Ich auch nicht.“

„Wie denn auch, du bist ja auch erst kurz in der Klasse, aber dass du das nicht weißt Jack, das wundert mich schon.“

„Mich haben die Belange der anderen in der Klasse, bisher nicht interessiert, warum sollte es mich jetzt interessieren, na und, dann wissen eben die anderen, dass wir adeliger Herkunft sind.“

Jayden nickte.

„Ich wäre mir da nicht so sicher, du solltest die Kommentare danach lesen. Die reichen von freudiger Überraschung bis hin zu Beleidigungen und spekulieren über schlimme Dinge in der Familie.“

Jayden wurde bleich.

„Hat jemand mit bekommen, dass meine Erzeugerin in der Klapse sitzt?“

Erzeugerin statt Mutter, verdenken konnte man es ihm nicht.

„Davon habe ich nichts gelesen, aber die Beleidigungen, die Jack betreffen, kamen meist von den Jungs unserer Klasse… unehelicher Bastard und anderes!“

Mir war das so egal und fing an zu nerven.

„Dann sind sie eben neidisch auf mich. Der Klassenbeste zu sein und auch noch gut auszusehen…, wundert euch das?“

„Wie kommst du jetzt darauf, genau darum ging es in den Beleidigungen.“

„Das hat mir Gregory erzählt, dass man über mich redet…, über meine gute Noten und dass ich gut aussehe.“

„Gregory?“, fragte Sabrina.

„Gregory ist unscheinbar und es fällt nicht auf, wenn er in der Nähe ist und Gespräche zufällig mitbekommt.“

„Und was willst du jetzt tun?“, wollte Sabrina von mir wissen.

„Wie, was will ich jetzt tun? Soll ich etwa einen Lebenslauf über mein Leben in der Zeitung abdrucken lassen, damit die Spekulationen aufhören?“

Sabrina sagte nichts darauf, sondern schüttelte nur leicht den Kopf.

„Es wäre eh nicht unbemerkt geblieben, wenn wir drei nun mit Gregory nach den Ferien herumhängen würden, oder? Zudem wird jedem Auffallen, wie ähnlich Gregory und ich uns sehen.“

„Das wird noch mehr die Neugier schüren“, sagte Jayden.

„Soll ich euch etwas sagen? Das ist mir völlig egal! In einem halben Jahr  machen wir den Abschluss und die anderen können mich dann mal kreuzweise!“

Genervt lief ich in mein Zimmer zurück und ließ mich erneut aufs Bett fallen. Mein Handy fiepte.

„Ich hab dir das aufs Handy geschickt“, hörte ich Sabrinas Stimme.

Für was, dachte ich für mich und legte mein Handy, ohne nachzuschauen wieder auf seinen Platz zurück.

„Meinst du, die fangen uns jetzt an, irgendwie zu mobben?“, hörte ich Jaydens besorgte Stimme aus dem Badezimmer.

Ich verdrehte meine Augen und kuschelte mich wieder in mein Kissen.

*-*-*

Als ich die Treppe zum Frühstück hinunter lief, zog mich Mum unten an der Treppe auf die Seite.

„Ähm… Mum was ist?“, fragte ich verwundert.

„Was hat Jayden damit gemeint, ihr seid im Internet…, er hat es gerade seinem Vater erzählt.“

„Ach das…“, sagte, zog mein Handy hervor, suchte nach Sabrinas Mitteilung und zeigte ihr sie dann.“

„Wo ist das her?“, wollte Mum wissen und nahm mir das Handy aus der Hand, um sich das Bild genauer anzusehen.“

„Das hat wohl jemand aus meiner Klasse gepostet, wo der oder die das Bild her hat, weiß ich nicht, Jayden meint, es wurde an Heilig Abend vor der Kirche.“

„War dort noch jemand aus deiner Klasse?“

„Kann ich mir nicht vorstellen!“

„Gregory ist auch aus deiner Klasse.“

„Mum, ich weiß es nicht und Gregory hat es bestimmt nicht gepostet, der hat es selbst gefunden und an Sabrina weiter geleitet. Jayden macht sich jetzt natürlich Sorgen, dass alles könnte sich nach den Ferien, negativ in der Schule auswirken.“

„Wieso das denn?“

„Weil ein paar blöde Heinis aus meiner Klasse blöde Anmerkungen hinter lassen haben.“

Mum sagte darauf nichts, sonder scrollte weiter und lass ein paar Bemerkungen zum Bild.

„Kindisches Volk!“, sagte sie dann und gab mir mein Handy zurück.

„Wenn irgendetwas sein sollte, Jack, dann erzähl es mir bitte.“

„Mum, dieses halbe Jahr, bis zu den Prüfungen, bekomme ich auch noch herum“, versuchte ich sie zu beruhigen.

Ohne ein weiteres Wort zog sie mich in den Essraum. Verwundert schaute ich sie an, als sie die Tür schloss.

„Mum, was ist denn?

„Irgendwie gibt es immer mehr Probleme, seid wir wieder mit dieser Familie liiert sind.“

„Sag so etwas nicht.“

„Ich hatte damals meine Gründe, mich nach dem Tod deines Vaters, von dieser Familie fernzuhalten, denn es hat uns nur Unglück gebracht. Das war einer davon. Die Probleme, die ständig wuchsen.“

„Willst du den Kontakt wieder abbrechen?“, fragte ich traurig.

„Das habe ich nicht gesagt, Jack! Ich bemerke nur immer wieder, warum mir diese Familie so zu wider war. Aber du verstehst dich gut mit deinem Grandpa und ich will nicht der Grund sein, dass dies wieder zerbricht.“

Ich nahm sie einfach, ohne irgendetwas zu sagen, in den Arm.

„Da wäre noch etwas, was ich dir nicht erzählt habe.“

Ich hob den Kopf und schaute ihr in die Augen.

„Die Mutter deines Vaters war nie auf Geld angewiesen, deswegen war es schon suspekt, dass man deinen Vater verdächtige, dass er die Gelder veruntreut hat, um seiner Mutter finanziell zur Seite zu stehen.“

„Warum erzählst du mir das jetzt?“

„Weil du alles über die Familie wissen solltest. Deine Grandma stammt aus einer alten und reichen Adelsfamilie, das heißt, von ihrer Seite war immer genug Geld da…, auch jetzt.“

„Was meinst du damit?“

„Dass es ein Konto auf einer Londoner Bank gibt, auf dem das Geld deines Vaters liegt, welches er zur Unterstützung von seiner Mutter bekommen hat.“

Das wurde ja immer schöner.

„Und wie viel ist das? Weißt du es?“

„Ein recht hoher Betrag, hat Isaac damals gesagt. Wie viel genau weiß ich nicht.“

„Das heißt, wir haben viel Geld…“

„… und ich habe es nie angerührt.“

Fassungslos schaute ich sie an.

„Aber warum? Jahrelang hast du dich abgeschuftet, damit es uns gut geht! Bist von morgens bis abends in deinem kleinen Schuhladen gestanden! Warum hast du das gemacht, wenn wir nicht darauf angewiesen waren?“

Mittlerweile hatte ich sie wieder losgelassen und ich war laut geworden, was zur Folge hatte, dass bei Mum, die ersten Tränen kullerten.

„Ich möchte dich nur verstehen, Mum! Warum dann all diese unnötige Plagerei?“

Ich bekam keine Antwort, denn die Tür zum Flur wurde aufgestoßen. Onkel Henry und Tante Abigail kamen herein.

„Nichts!“, meinte Mum und drehte sich weg.

Ich schaute zwischen Mum und den beiden hin und her und wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.

„Für nichts, war dein Sohn aber ganz schön laut“, kam es nun von Tante Abigail.

An der Tür standen nun auch noch Molly, Jayden mit Sabrina. Ich sah, wie Mum verdeckt über ihre Augen wischte. Tante Abigail nickte kurz Onkel Henry zu, dann ging sie zu Mum, nahm sie in den Arm und schob sie an den anderen zum Zimmer hinaus.

Ich wollte den beiden folgen, wurde aber von meinem Onkel daran gehindert, in dem er die Tür schloss.

„Wir frühstücken jetzt!“, meinte er bestimmend.

Ich blickte ihm direkt in die Augen und er hielt meinem fragenden Blick stand.

„Setz dich!“

Ich atmete tief durch und folgte seiner Anweisung. So lief ich an meinen Platz und ließ mich nieder.

„Was ist denn los?“, hörte ich Sabrina Jayden flüsternd fragen.

Der zuckte aber nur mit den Schultern.

„Heute schon etwas geplant?“, durchbrach Onkel Henry die Stille.

„Öhm, ich werde wohl etwas ausreiten, nach dem Frühstück“, kam es Molly.

„Geht das denn bei dem Schnee?“, fragte Sabrina.

Onkel Henry stellte mir einen Teller mit Ei und Speck hin, obwohl ich nicht sagte, ob ich was wollte.

„Das geht schon, du musst dich nur warm anziehen“, sagte Onkel Henry, der nun einen weiteren Teller befüllte.

„Willst du es nicht doch auch mal probieren?“, kam es von Jayden.

„Ich weiß nicht recht…“, zierte sich Sabrina.

Die Tür ging auf und Tante Abigail mit Mum kamen zurück. Mein Blick folgte meiner Mutter, aber sie schaute mich nicht an.

„Du, Taylor ist ein hervorragender Lehrer, er zeigt dir das bestimmt gerne, nicht Jack?“

Hatte ich mich so im Ton vergriffen und sie beleidigt?

„Jack?“

Was hatte ich da nur angestellt?

„Jack?“, hörte ich jemand meinen Namen rufen und verspürte danach einen leichten Schmerz an meinen rechten Arm.

Erschrocken schaute ich dort hin.

„Was ist denn mit dir los, wo bist du denn mit deinen Gedanken?“, kam es von Jayden, der neben mir saß.

„Hä…?“

„Ich habe nur gesagt, dass Taylor ein guter Reitlehrer ist und es bestimmt gerne Sabrina beibringt.“

„Ähm… ja… tut er sicher.“

Mum hatte sich inzwischen mir gegenüber hingesetzt, mich aber immer noch keines Blickes gewürdigt. Von Tante Abigail erntete ich dafür nur vorwurfsvolle Blicke. Ich stand langsam auf.

„Entschuldigt…, ich muss kurz auf die Toilette und verließ kurz darauf das Esszimmer.

*-*-*

Ich hatte kurz die Toilette in meinem Zimmer aufgesucht, war dann aber nicht mehr in das Esszimmer zurück gekehrt. Irgendwie war ich in der Küche von Caitlin gelandet, ich wusste nicht mal warum.

Still saß ich an ihrem Tisch, während sie am Herd stand und in irgendetwas rührte.

„Haben du keine Hunger?“, fragte Caitlin.

Ich wusste nicht, was sie mitbekommen hatte, oder wusste. Das Esszimmer war nicht weit von der Küche entfernt, sie hatte mich bestimmt auch gehört. Trotzdem wunderte es mich, warum sie bisher noch nichts gesagt hatte, als ich einfach in ihre Küche kam und mich setzte.

Ich schüttelte den Kopf.

„Aber einen frischen Kaffee trinkst du doch sicher?“

„Tee…“, ich schaute sie an, meine Augen wurden glasig, „… Tee… wäre mir lieber.“

Sie nickte mir zu un drehte sich Richtung Küchenschrank.

„Wusstest du dass dein Vater oft hier saß, nachdem seine Mutter verschwunden war?“

Caitlin öffnete den Oberschrank und holte eine große Tasse heraus. Obwohl sie es nicht sehen konnte, schüttelte ich nur den Kopf, weil ich nichts über die Lippen brachte.

Sie drehte sich wieder zu mir, schaute mich kurz an und lief dann zum Herd.

„Ja, immer wenn dein Vater Probleme hatte kam er zu mir. Er hatte ja sonst niemand. Der Duke war immer sehr beschäftigt, und seine Geschwister…, naja, sie hatten auch keine Zeit für ihn. Ich denke, dein Vater litt am meisten darunter, dass seine Mutter gegangen war…, von den anderen kann ich das nicht sonderlich behaupten.“

Wortlos schaute ich ihr zu, wie sie mir einen Tee zubereitete.

„Mit zu Taylor gehen“, meinte Mum.

„Aber…, aber…“

„Was denn? Du willst nicht? Da wird dein Freund aber sehr traurig sein!“

Entgeistert schaute ich zwischen Mum und Taylor hin und her.

„Entschuldige Taylor, mein Sohn ist ab und zu etwas kopflastig!“

Mein Schatz lächelte breit.

„Du meinst wirklich…, ich kann einfach mit so zu Taylor gehen.“

„Warum nicht? Oder willst du noch ein Abend traurig drein schauen, weil dir Taylor fehlt?“

„Danke!“, meinte ich nur, drückte sie kurz und rannte ins Haus.

„Bin gleich wieder da!“

*-*-*

Pünktlich wie immer war Taylors Schwester erschienen und hatte uns abgeholt. Ich wunderte mich zwar darüber, dass sie bereits wusste, dass ich mitfahren würde, aber es schien ihr auch nichts auszumachen.

Beim späteren Abendessen war es genauso lustig, wie mit den anderen am Mittag. Julien erzählte ein paar Geschichten über Taylor, wie tollpatschig er sich doch am Anfang angestellt hatte.

Mein Freund wurde immer kleiner neben mir. Aber sein Schwager zog ihn öfter zu sich, nahm in den Arm und rubbelte sanft über  Taylors Haare, was meinen Schatz wieder versöhnte. Recht spät am Abend, wanderten wir endlich ins Bett.

Beide waren wir müde, aber dennoch fit genug, noch ausgiebig zu kuscheln. Aber dennoch schliefen wir eng umschlungen irgendwann ein. Früh am Morgen ging Taylors Wecker. Er musste ja wieder arbeiten gehen, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht.

So stand ich mit ihm auf, frühstückten gemeinsam mit Chloe und Julien und ließen uns von ihm dann zum Gut zurück fahren. Nach einem kleinen Kuss trennten sich unsere Wege, erging zum Stall und ich ins Haus.

Leise drehte ich den Knauf der großen Holztür, freute mich einerseits, dass die Tür nicht verschlossen war, wunderte mich aber auch, dass sie bereits aufgeschlossen war. Den Grund dafür, fand ich hinter der Tür.

„Morgen Jack, schon so früh auf?“, begrüßte mich Tante Abigail.

„Oh, guten Morgen Tante. Leider muss Taylor früh aufstehen und pünktlich hier sein, so bin ich gleich mitgefahren, damit Julien nicht auch wegen mir noch mal hier her fahren musste.“

„Daran habe ich gar nicht gedacht…“, sagte Tante Abigail nachdenklich, „… ich sollte mal mit Vater reden, ob Taylor nicht noch Anspruch auf ein paar Tage frei hat, solange du hier bist.“

„Dass würdest du tun?“

„Klar, für meinen Neffen tu ich doch fast alles!“, lachte sie.

„Danke Tantchen“, rief ich erfreut und umarmte sie heftig.

„Langsam, langsam Jack! Du weißt doch gar nicht, ob Vater damit einverstanden ist.“

„Grandpa hat sicher nichts dagegen“, meinte ich und entließ ich sie aus ihrem Gefängnis.

„Gibst du ihm den kleinen Finger, schnappt er sich gleich den ganzen Arm!“, kam es von der Galerie.

Tante Abigail und ich schauten nach oben und entdeckten Mum.

„Nanu, du bist auch schon so früh wach, guten Morgen Charlotte!“

„Morgen Mum!“

„Oh sei doch nicht so laut Jack“, Mum hielt sich den Kopf, „ …guten Morgen ihr zwei. Der Grog gestern hatte es in sich. Ich glaube mein Kopf zerspringt gleich.“

„Soso, ihr habt also gestern wieder gesoffen und das ohne mich!“, sagte ich belustigt.

„… wieder gesoffen, was soll denn das denn bitte schön heißen“, kam es empört von Tante Abigail.

„Mum lief die Treppe herunter und ich hob abwehrend die Hände.

„Das war doch nur Spaß!“

„Auf die Späße kann ich gut und gerne verzichten!“, sagte Mum, die nun mittlerweile bei uns unten angekommen.

„Sich nachts in fremden Betten herumtreiben und sich beschweren, wir hätten gesoffen, wird ja immer schöner!“, kam es gespielt empört von Tante Abigail.

„Aber…, aber…“

Beide Frauen fingen an zu lachen und verschwanden Arm in Arm Richtung Küche. Kopfschüttelnd blies ich in meinen Pony und lief die Treppe hinauf. Im Zimmer angekommen, stellte ich meine Tasche auf dem Schreibtisch ab, kickte meine Schuhe in die Ecke und ließ mich auf mein Bett fallen.

Verliebt und lächelnd nahm ich mein Kissen in den Arm und drückte es fest.

*-*-*

Ich schien noch einmal eingeschlafen zu sein, denn Klopfen an der Badtür weckte mich.

„Bist du schon da?“, hörte ich Jaydens Stimme.

„Mühsam erhob ich mich und schloss die Tür auf.

„Ja bin ich“, grummelte ich, als ich die Verbindungstür aufzog.

Mein Gegenüber zuckte zusammen, denn er war schon wieder auf dem Weg ins sein Zimmer. Plötzlich hörte ich Sabrinas schrille Stimme aus Jaydens Zimmer.

„Jayden… komm schnell schau…, das gibt es doch nicht!“

Ich folgte meinem Cousin in sein Zimmer und schaute neugierig, was geschehen war. Sabrina saß auf dem Bett und hatte ihr Handy in der Hand. Als ich das Zimmer betrat, schaute sie auf.

„Euer Geheimnis ist kein Geheimnis mehr“, meinte sie nur und hielt ihr Handy in unsere Richtung.

„Welches Geheimnis?“, fragte Jayden, die Frage, die auch mir auf der Zunge lag.

„Baron Jack und Jayden of Newbury mit dem Duke of Newbury“, sagte Sabrina nur.

Als ich endlich die kleine Schaufläche des Handys richtig sehen konnte, prangte da ein Bild von Grandpa und uns entgegen.

„Das ist vor der Kirche an Heilig Abend“, meinte Jayden.

„Na und? Das Bild wird hier in der örtlichen Zeitung sein.“

„Nein, das hat mir Gregory geschickt, er hat das aus unserem Klassenchat.“

„Klassenchat?“, fragten Jayden und ich gleichzeitig.

„Ja unser Klasse besitzt einen eigenen Chat, in dem sie sich über alles informieren können.“

„Davon wusste ich nichts“, meinte ich.

„Ich auch nicht.“

„Wie denn auch, du bist ja auch erst kurz in der Klasse, aber dass du das nicht weißt Jack, das wundert mich schon.“

„Mich haben die Belange der anderen in der Klasse, bisher nicht interessiert, warum sollte es mich jetzt interessieren, na und, dann wissen eben die anderen, dass wir adeliger Herkunft sind.“

Jayden nickte.

„Ich wäre mir da nicht so sicher, du solltest die Kommentare danach lesen. Die reichen von freudiger Überraschung bis hin zu Beleidigungen und spekulieren über schlimme Dinge in der Familie.“

Jayden wurde bleich.

„Hat jemand mit bekommen, dass meine Erzeugerin in der Klapse sitzt?“

Erzeugerin statt Mutter, verdenken konnte man es ihm nicht.

„Davon habe ich nichts gelesen, aber die Beleidigungen, die Jack betreffen, kamen meist von den Jungs unserer Klasse… unehelicher Bastard und anderes!“

Mir war das so egal und fing an zu nerven.

„Dann sind sie eben neidisch auf mich. Der Klassenbeste zu sein und auch noch gut auszusehen…, wundert euch das?“

„Wie kommst du jetzt darauf, genau darum ging es in den Beleidigungen.“

„Das hat mir Gregory erzählt, dass man über mich redet…, über meine gute Noten und dass ich gut aussehe.“

„Gregory?“, fragte Sabrina.

„Gregory ist unscheinbar und es fällt nicht auf, wenn er in der Nähe ist und Gespräche zufällig mitbekommt.“

„Und was willst du jetzt tun?“, wollte Sabrina von mir wissen.

„Wie, was will ich jetzt tun? Soll ich etwa einen Lebenslauf über mein Leben in der Zeitung abdrucken lassen, damit die Spekulationen aufhören?“

Sabrina sagte nichts darauf, sondern schüttelte nur leicht den Kopf.

„Es wäre eh nicht unbemerkt geblieben, wenn wir drei nun mit Gregory nach den Ferien herumhängen würden, oder? Zudem wird jedem Auffallen, wie ähnlich Gregory und ich uns sehen.“

„Das wird noch mehr die Neugier schüren“, sagte Jayden.

„Soll ich euch etwas sagen? Das ist mir völlig egal! In einem halben Jahr  machen wir den Abschluss und die anderen können mich dann mal kreuzweise!“

Genervt lief ich in mein Zimmer zurück und ließ mich erneut aufs Bett fallen. Mein Handy fiepte.

„Ich hab dir das aufs Handy geschickt“, hörte ich Sabrinas Stimme.

Für was, dachte ich für mich und legte mein Handy, ohne nachzuschauen wieder auf seinen Platz zurück.

„Meinst du, die fangen uns jetzt an, irgendwie zu mobben?“, hörte ich Jaydens besorgte Stimme aus dem Badezimmer.

Ich verdrehte meine Augen und kuschelte mich wieder in mein Kissen.

*-*-*

Als ich die Treppe zum Frühstück hinunter lief, zog mich Mum unten an der Treppe auf die Seite.

„Ähm… Mum was ist?“, fragte ich verwundert.

„Was hat Jayden damit gemeint, ihr seid im Internet…, er hat es gerade seinem Vater erzählt.“

„Ach das…“, sagte, zog mein Handy hervor, suchte nach Sabrinas Mitteilung und zeigte ihr sie dann.“

„Wo ist das her?“, wollte Mum wissen und nahm mir das Handy aus der Hand, um sich das Bild genauer anzusehen.“

„Das hat wohl jemand aus meiner Klasse gepostet, wo der oder die das Bild her hat, weiß ich nicht, Jayden meint, es wurde an Heilig Abend vor der Kirche.“

„War dort noch jemand aus deiner Klasse?“

„Kann ich mir nicht vorstellen!“

„Gregory ist auch aus deiner Klasse.“

„Mum, ich weiß es nicht und Gregory hat es bestimmt nicht gepostet, der hat es selbst gefunden und an Sabrina weiter geleitet. Jayden macht sich jetzt natürlich Sorgen, dass alles könnte sich nach den Ferien, negativ in der Schule auswirken.“

„Wieso das denn?“

„Weil ein paar blöde Heinis aus meiner Klasse blöde Anmerkungen hinter lassen haben.“

Mum sagte darauf nichts, sonder scrollte weiter und lass ein paar Bemerkungen zum Bild.

„Kindisches Volk!“, sagte sie dann und gab mir mein Handy zurück.

„Wenn irgendetwas sein sollte, Jack, dann erzähl es mir bitte.“

„Mum, dieses halbe Jahr, bis zu den Prüfungen, bekomme ich auch noch herum“, versuchte ich sie zu beruhigen.

Ohne ein weiteres Wort zog sie mich in den Essraum. Verwundert schaute ich sie an, als sie die Tür schloss.

„Mum, was ist denn?

„Irgendwie gibt es immer mehr Probleme, seid wir wieder mit dieser Familie liiert sind.“

„Sag so etwas nicht.“

„Ich hatte damals meine Gründe, mich nach dem Tod deines Vaters, von dieser Familie fernzuhalten, denn es hat uns nur Unglück gebracht. Das war einer davon. Die Probleme, die ständig wuchsen.“

„Willst du den Kontakt wieder abbrechen?“, fragte ich traurig.

„Das habe ich nicht gesagt, Jack! Ich bemerke nur immer wieder, warum mir diese Familie so zu wider war. Aber du verstehst dich gut mit deinem Grandpa und ich will nicht der Grund sein, dass dies wieder zerbricht.“

Ich nahm sie einfach, ohne irgendetwas zu sagen, in den Arm.

„Da wäre noch etwas, was ich dir nicht erzählt habe.“

Ich hob den Kopf und schaute ihr in die Augen.

„Die Mutter deines Vaters war nie auf Geld angewiesen, deswegen war es schon suspekt, dass man deinen Vater verdächtige, dass er die Gelder veruntreut hat, um seiner Mutter finanziell zur Seite zu stehen.“

„Warum erzählst du mir das jetzt?“

„Weil du alles über die Familie wissen solltest. Deine Grandma stammt aus einer alten und reichen Adelsfamilie, das heißt, von ihrer Seite war immer genug Geld da…, auch jetzt.“

„Was meinst du damit?“

„Dass es ein Konto auf einer Londoner Bank gibt, auf dem das Geld deines Vaters liegt, welches er zur Unterstützung von seiner Mutter bekommen hat.“

Das wurde ja immer schöner.

„Und wie viel ist das? Weißt du es?“

„Ein recht hoher Betrag, hat Isaac damals gesagt. Wie viel genau weiß ich nicht.“

„Das heißt, wir haben viel Geld…“

„… und ich habe es nie angerührt.“

Fassungslos schaute ich sie an.

„Aber warum? Jahrelang hast du dich abgeschuftet, damit es uns gut geht! Bist von morgens bis abends in deinem kleinen Schuhladen gestanden! Warum hast du das gemacht, wenn wir nicht darauf angewiesen waren?“

Mittlerweile hatte ich sie wieder losgelassen und ich war laut geworden, was zur Folge hatte, dass bei Mum, die ersten Tränen kullerten.

„Ich möchte dich nur verstehen, Mum! Warum dann all diese unnötige Plagerei?“

Ich bekam keine Antwort, denn die Tür zum Flur wurde aufgestoßen. Onkel Henry und Tante Abigail kamen herein.

„Nichts!“, meinte Mum und drehte sich weg.

Ich schaute zwischen Mum und den beiden hin und her und wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.

„Für nichts, war dein Sohn aber ganz schön laut“, kam es nun von Tante Abigail.

An der Tür standen nun auch noch Molly, Jayden mit Sabrina. Ich sah, wie Mum verdeckt über ihre Augen wischte. Tante Abigail nickte kurz Onkel Henry zu, dann ging sie zu Mum, nahm sie in den Arm und schob sie an den anderen zum Zimmer hinaus.

Ich wollte den beiden folgen, wurde aber von meinem Onkel daran gehindert, in dem er die Tür schloss.

„Wir frühstücken jetzt!“, meinte er bestimmend.

Ich blickte ihm direkt in die Augen und er hielt meinem fragenden Blick stand.

„Setz dich!“

Ich atmete tief durch und folgte seiner Anweisung. So lief ich an meinen Platz und ließ mich nieder.

„Was ist denn los?“, hörte ich Sabrina Jayden flüsternd fragen.

Der zuckte aber nur mit den Schultern.

„Heute schon etwas geplant?“, durchbrach Onkel Henry die Stille.

„Öhm, ich werde wohl etwas ausreiten, nach dem Frühstück“, kam es Molly.

„Geht das denn bei dem Schnee?“, fragte Sabrina.

Onkel Henry stellte mir einen Teller mit Ei und Speck hin, obwohl ich nicht sagte, ob ich was wollte.

„Das geht schon, du musst dich nur warm anziehen“, sagte Onkel Henry, der nun einen weiteren Teller befüllte.

„Willst du es nicht doch auch mal probieren?“, kam es von Jayden.

„Ich weiß nicht recht…“, zierte sich Sabrina.

Die Tür ging auf und Tante Abigail mit Mum kamen zurück. Mein Blick folgte meiner Mutter, aber sie schaute mich nicht an.

„Du, Taylor ist ein hervorragender Lehrer, er zeigt dir das bestimmt gerne, nicht Jack?“

Hatte ich mich so im Ton vergriffen und sie beleidigt?

„Jack?“

Was hatte ich da nur angestellt?

„Jack?“, hörte ich jemand meinen Namen rufen und verspürte danach einen leichten Schmerz an meinen rechten Arm.

Erschrocken schaute ich dort hin.

„Was ist denn mit dir los, wo bist du denn mit deinen Gedanken?“, kam es von Jayden, der neben mir saß.

„Hä…?“

„Ich habe nur gesagt, dass Taylor ein guter Reitlehrer ist und es bestimmt gerne Sabrina beibringt.“

„Ähm… ja… tut er sicher.“

Mum hatte sich inzwischen mir gegenüber hingesetzt, mich aber immer noch keines Blickes gewürdigt. Von Tante Abigail erntete ich dafür nur vorwurfsvolle Blicke. Ich stand langsam auf.

„Entschuldigt…, ich muss kurz auf die Toilette und verließ kurz darauf das Esszimmer.

*-*-*

Ich hatte kurz die Toilette in meinem Zimmer aufgesucht, war dann aber nicht mehr in das Esszimmer zurück gekehrt. Irgendwie war ich in der Küche von Caitlin gelandet, ich wusste nicht mal warum.

Still saß ich an ihrem Tisch, während sie am Herd stand und in irgendetwas rührte.

„Haben du keine Hunger?“, fragte Caitlin.

Ich wusste nicht, was sie mitbekommen hatte, oder wusste. Das Esszimmer war nicht weit von der Küche entfernt, sie hatte mich bestimmt auch gehört. Trotzdem wunderte es mich, warum sie bisher noch nichts gesagt hatte, als ich einfach in ihre Küche kam und mich setzte.

Ich schüttelte den Kopf.

„Aber einen frischen Kaffee trinkst du doch sicher?“

„Tee…“, ich schaute sie an, meine Augen wurden glasig, „… Tee… wäre mir lieber.“

Sie nickte mir zu un drehte sich Richtung Küchenschrank.

„Wusstest du dass dein Vater oft hier saß, nachdem seine Mutter verschwunden war?“

Caitlin öffnete den Oberschrank und holte eine große Tasse heraus. Obwohl sie es nicht sehen konnte, schüttelte ich nur den Kopf, weil ich nichts über die Lippen brachte.

Sie drehte sich wieder zu mir, schaute mich kurz an und lief dann zum Herd.

„Ja, immer wenn dein Vater Probleme hatte kam er zu mir. Er hatte ja sonst niemand. Der Duke war immer sehr beschäftigt, und seine Geschwister…, naja, sie hatten auch keine Zeit für ihn. Ich denke, dein Vater litt am meisten darunter, dass seine Mutter gegangen war…, von den anderen kann ich das nicht sonderlich behaupten.“

Wortlos schaute ich ihr zu, wie sie mir einen Tee zubereitete.

„Großmutter Sophie?“, blabberte Jayden mir nach.

„Hallo Jayden… Molly!“, sagte Grandma lächelnd und hielt sich immer noch an meinem Arm fest.

„Das ist deine Grandma, über die niemand spricht?“

Sabrina, ein Trampel wie immer!

„Ja, bin ich“, meinte Grandma, „darf ich mich zu euch setzten?“

Taylor stand sofort auf, zog einen Stuhl vom Nachbartisch hinzu und blieb dahinter stehen. Grandma ließ sich langsam darauf nieder, dann setzten sich Taylor und ich mich auch hin.

„Danke mein Junge!“, meinte sie zu Taylor, der sie breit anlächelte.

„Das ist also dein Freund Taylor… netter Junge!“

Stimmt, ich hatte ihr wirklich alles von mir geschrieben, auch die Sache mit meinem Schwulsein und Taylor. So wusste es auch Emily, die den Brief ja auch gelesen hatte. Und wenn ich es mir genau überlegte, die beiden lebten ja zusammen, also würde mich jemand besser verstehen, als die beiden?

„Ja, das ist er“, meinte ich stolz und nahm seine Hand in meine.

Emily kam zurück und stellte jedem seine Schokolade hin, Sophie gab sie einen Tee.

„Ich bin an der Theke“, meinte sie nur lächelnd und lies uns dann wieder alleine.

Emily war nicht wieder zu erkennen, auf alle Fälle hatte ich sie bis jetzt noch nicht lächeln sehen.

„Du bist unsere Grandma Sophie?“, kam es von Jayden, der wohl wieder seine Sprache gefunden hatte, Molly dagegen reagierte nicht, sondern starrte ihre Großmutter nur an.

„Ja, das bin ich und es tut mir leid, dass wir uns unter diesen Umständen treffen…“

„Wieso? Ich finde es sehr schön hier!“, kam es von Sabrina.

Leider saß ich zu weit weg von ihr, sonst hätte ich sie jetzt ans Bein getreten. Sie hatte aber auch irgendwie Recht. Ich sah meine Großmutter an.

„Es hätten keine besseren Umstände sein können Grandma“, sagte ich.

Sie sah mich fragend an.

„Ist es nicht besser, die beiden wissen, wer und wo ihre Großmutter ist? Du sagtest vorhin, hättest du, wäre – Es ist immer die eigene Entscheidung, die uns auf einen weiteren Weg bringt, mal richtig, mal falsch.“

Niemand von den anderen unterbrach mich.

„Ob es aber richtig oder falsch ist, weißt du nicht vorher. Aber ist es falsch, dass du die Person, die du liebst ablehnst, nur weil du an etwas gebunden bist, das dir nicht gefällt?“

Grandma schien zu wissen, von was ich redete, denn sie nickte leicht.

„Ich muss Jack Recht geben!“, warf nun Jayden ein, „es mag sich zwar schrecklich anhören, aber ich bin froh, dass meine Mutter weg ist. Es war eine gute Entscheidung, bei meinem Vater zu bleiben. Klar ist es traurig, aber ich habe dafür so viel dazu gewonnen, was ich eigentlich nicht mehr missen möchte!“

Hoppla, große Worte!

„Ich gebe meinem Bruder vollkommen Recht und es ist alleine deine Sache gewesen Grandma, ob du deinem Herzen gefolgt bist und nicht deinem Verstand.“

Onkel Henry wusste wohl auch Bescheid und hatte die Geschichte vom Bootshaus seinen Kindern erzählt.

„Kinder, ich bin stolz, solche Enkel zu haben!“, meinte Grandma strahlend.

Ich sah, dass Sabrina sich zu Jayden wandte und frech angrinste.

„Ich sollte mir vielleicht noch einmal überlegen“, sagte sie dann plötzlich zu Jayden, „ob ich deine Freundin bleiben will, wenn in deiner Familie immer alles in die Brüche geht.“

*-*-*

Leider viel zu kurz, war dieses einzigartige Treffen gewesen, denn wir wollten rechtzeitig zum Lunch zurück sein. Herrlich durch die Winterlandschaft zu reiten, trafen wir endlich am Stall ein.

Dort stand jemand und wartete auf uns. Gregory. Ich glaube, wir sollten ein Gespräch mit Grandpa führen, damit er seine Pferde aufstockte, falls wir alle mal, gemeinsam ausreiten wollten.

„Hallo Gregory“, rief ich und winkte.

Er winkte zurück. Endlich am Stall angekommen, war ich doch froh, denn langsam spürte ich die Kälte.

„Wo wart ihr so lange?“, fragte Gregory, der nun mein Pferd festhielt, bis ich abgestiegen war.

„Wir sind in der Nähe eingekehrt und haben uns eine heiße Schokolade genehmigt“, quiekte Sabrina vor Freude, nachdem sie auch vom Pferd runter war.

Für ihre ersten Ausritt hatte sie sich wacker gehalten, dass musste man ihr lassen. Jayden half Taylor die Pferde in den Stall hinein zubringen, während die zwei Mädels ins Haus stürmten. Gregory stand neben mir und schaute den zwei ebenfalls nach.

„Hier in der Nähe? Ich stelle fest, ich kenne mich hier überhaupt nicht mehr aus“, meinte Gregory, der nun mein Pferd streichelte.

„Hier scheint wirklich immer etwas los zu sein.“

Ich schaute ihn an.

„Das ist aber noch nicht lange so…“, meinte ich leise, „aber warum bist du überhaupt hier, ich dachte du verbringst den Tag mit deine Großeltern.“

„Die haben Besuch bekommen und umringt von nur alten Leuten, nein, das muss ich mir nicht antun! Da kam mir Grandpas Anruf, mit einer Einladung zum Lunch, gerade recht.“

„Hier gibt es auch alte Leute!“, grinste ich ihn an.

Er stubste mir in die Seite.

„Du weißt schon, wie ich das meine.“

„Klar! …ähm macht es dir etwas aus, wenn wir hinein gehen, mir wird langsam kalt“

„Nein, kein Problem, aber willst du nicht auf deinen Taylor warten?“

„Mein Taylor…,“, wie er das betonte, „ich denke, der hat noch ein wenig zu tun, bis die Pferde alle versorgt sind.“

„Ach so. Schade, dass ich nicht mitkonnte, aber das wäre ja auch nicht gegangen, mit nur fünf Pferden.“

Ich hängte mich bei ihm ein und zog ihn Richtung Haus. Verwundert schaute er erst meinen Arm dann mich an.

„Vielleicht solltest du dich in nächster Zeit mal mit deinem Grandpa zusammen setzten.“

„Ich? Wieso?“

„Ihn überreden, dass er seine Herde Pferde vergrößert!“

*-*-*

Die Suppe tat so gut und sie schmeckte wie immer hervorragend. Sabrina sprudelte fast über, als sie von ihren ersten Reitversuchen erzählte, aber in einem Punkt hielt sie ihr Versprechen und schwieg darüber.

Wir hatten auf dem Weg nach Hause ausgemacht, nichts von Grandma zu erzählen, weil wir nicht wussten, wie die Erwachsenen darauf reagieren würden, besonders Grandpa. Grandma hatte noch erzählt, dass sie Henry nicht gesehen hatte, weil ihn Emily so wie mich beim ersten Besuch, abgewimmelt hatte.

Ob das gut oder schlecht war, konnte ich nicht sagen. Natürlich hatten wir Grandma auch von Sophia und Gregory erzählt, was sie wiedertraurig stimmte. Trotzdem mussten wir ihr Versprechen, bei unserem nächsten Besuch, ihn mitzubringen.

Am Tisch wurde sich über Sylvester unterhalten, nachdem Sabrinas Erzählgüsse geendet waren. So diskutierte man darüber, ob man ein Feuerwerk veranstalten sollte, oder nicht, denn es war hier eigentlich ganz unüblich.

Stattdessen sang man Schlag vierundzwanzig Uhr, dieses alte Volkslied -Auid Lang Syne-, das jedes Kind von klein auf beigebracht bekam. Zwar konnte sich niemand den ganzen Text merken, aber wenn alle mitsangen, war das ein tolles Gefühl. Wenn dann noch jemand Dudelsack spielen konnte, setzte es dem ganzen die Krone auf.

Auch über das Essen wurde geredet und nach einem längerem, ob man nun klassisch, oder etwas modernes essen sollte, einigte man sich darauf, es bescheiden anzugehen. So riss der Gesprächsstoff während des ganzen Essen nicht ab.

„Vater, möchtest du noch einen Tee?“, fragte Tante Abigail.

„Gerne, aber ich werde ihn lieber drüben in der Bibliothek zu mir nehmen.“

„Wie du wünschst, Vater“, sagte sie und stand auf.

Damit war die Tafel wohl aufgehoben und alle konnten aufstehen. Da Grandpa doch noch etwas wackelig auf den Beinen war, half ich ihm auf und führte ihn das andere Zimmer. Als wir gerade an der Haustür vorbei kamen, öffnete sich diese und ein leicht eingeschneiter Taylor trat ein.

Er schüttelte seinen Kopf und ein paar Schneeflocken fielen zu Boden. Dann klopfte er auf der Matte an der Tür die Schuhe ab.

„Es scheint heftig zu schneiden“, sagte Grandpa lächeln.

Durch die bunten Fenster, neben der Haustür, konnte man nicht gut nach draußen schauen.

„Ja und es scheint nicht weniger zu werden“, entgegnete mein Schatz.

„Dann solltest du heute vielleicht hier bleiben, bei dem Wetter sollte niemand mehr Auto fahren müssen.“

„Ich habe meine Schwester bereits angerufen, sie meinte ebenso es wäre besser hier zu bleiben, sie und Julien haben keine Lust, dem Wetter durch die Nacht zu fahren,“

Ich führte Grandpa weiter zur Bibliothek und Taylor folgte uns.

„Du hast das Mittagessen verpasst“, meinte ich.

„Ich habe mit James gegessen, er hat etwas von zu Hause mitgebracht. Warum ich eigentlich hier bin, ich soll von James fragen, ob wie der alte Traktor in Betrieb nehmen können, denn James denkt, das der Räumdienst heute wohl nicht kommen wird.“

„Räumdienst?“, fragte ich.

„Ja, dein Großvater hat mit dem örtlichen Räumdienst eine Abmachung, dass wenn sie die Straße räumen, sie auch die Baumallee zum Haus Schneefrei machen.“

„Praktisch!“, meinte ich, während Grandpa sich setzte, „aber warum fragst du, ob ihr den Traktor nutzen könnt?“

„Weil das Ding schrecklich laut ist“, erklärte Grandpa, „aber das wirst du noch selbst hören.

*-*-*

Es war wirklich nicht übertrieben, selbst in meinem Zimmer, das zur anderen Seite lag, hörte man diese Höllenmaschine noch. Aber wenn es Taylor half, den Weg zur Straße frei zu legen, sollte es mir recht sein, umso früher bekam ich ihn wieder zu Gesicht.

Ich klappte mein Laptop zu und ging zu meinem Bett hinüber und gerade, als ich mich so richtig eigekuschelt hatte, klopfte es an der Badtür. Genervt schaute ich auf und rief „ja!“. Wer sollte es anders sein, Jayden natürlich.

„Hallo, was machst du?“

„Auf dem Bett liegen…“

„Mir ist langweilig…“

„Wo ist Sabrina?“

Ich schaute Richtung Badtür.

„Die und Molly wollen irgendetwas machen und mich nicht dabei haben.“

Ich musste grinsen, denn im Augenblick kam mir Jayden, wie ein kleines trotziges Kind vor.

„Keine Lust hinauszugehen?“, fragte er dann.

„Jayden, hast du mal raus geschaut?“

Sein Blick wanderte, wie meiner, Richtung Fenster und dicke Schneeflocken schwebten vorbei.

„Ich dachte, wir gucken Taylor ein bisschen zu, wie er, mit dem Traktor den Schnee räumt.“

„Ich bin zwar gerne mit Taylor zusammen, aber bei der Kälte und bei dem Schneetreiben muss das nicht sein.“

„Okay…“, meinte Jayden und schaute sich im Zimmer um.

Er benahm sich irgendwie komisch, meistens aber nur, wenn etwas im Busch war.

„Ist irgendetwas, Jayden?“

„Nein…, nichts.“

Ich rückte etwas zur Seite und hob meine Decke an. Mit großen Augen schaute er mich an.

„Jetzt komm schon, so ist es viel wärmer!“

Langsam krabbelte er übers Bett, ließ sich neben mir nieder und ich schlug die Decke über ihn.

„So und jetzt erzähl mir bitte, was du wirklich auf dem Herzen hast.“

Er schaute mich lange an, dann senkte er den Kopf.

„Es ist wegen Sabrina…“, sagte er fast flüsternd.

„Was ist mit Sabrina?“, fragte ich erstaunt.

„Ich… ich mag sie wirklich gerne…, aber sie ist oft…“

„Laut!“, unterbrach ich ihn.

„…ja und so quirlig.“

„Und das ist dir dann zu viel.“

Jayden nickte.

„Hast du ihr das schon gesagt?“

„…nein…“, kam es leise von meinem Cousin.

„Und warum nicht?“

„Ich traue mich nicht…“

„Du hast vor Sabrina Angst?“

„Ich würde es nicht Angst nennen…, oder vielleicht doch…, ich möchte sie einfach nicht verletzen!“

„Meinst du wirklich, Sabrina ist verletzt, wenn du ihr sagst, sie soll ein paar Gänge zurück nehmen?“

Jayden zuckte mit den Schultern.

„Könntest…, könntest du vielleicht… mit ihr reden?“

„Ich?“, meinte ich erstaunt und zeigte auf mich.

„Ich werde mich sicher nicht in eure Beziehung einmischen.“

„Aber du bist doch ihr bester Freund, können Freunde sich nicht alles sagen?“

„Du bist ihr Freund! Also machst du das mal schön selbst.“

Er seufzte, krabbelte aus dem Bett und ging wieder in sein Zimmer hinüber.

*-*-*

Eng aneinander gekuschelt, lag ich nach dem Dinner mit Taylor im Bett. Heute Abend war mir nicht nach geselligen beieinander sein, auch wenn Gregory hier übernachtete. Jayden hatte sich bereit erklärt, sein Zimmer mit seinem Cousin zu teilen.

Es hatte nicht aufgehört zu schneien und es wäre unsinnig und gefährlich gewesen, Gregory noch nach Newbury zu seinen Großeltern zu bringen.

„Und du kannst Silvester wirklich nicht hier bleiben?“

„Tut mir leid Jack, aber an Sylvester feiern wir immer mit unseren Gästen im Haus. Das ist viel Arbeit und ich muss helfen.“

„Schade“, meinte ich traurig.

„Jetzt schau nicht so“, sagte Taylor und küsste meine Nase.

„Ich dachte nur, jetzt wo ich einen Freund habe, könnte ich mit ihm ins neue Jahr feiern.“

„Hm…, ich hätte ja gesagt, komm zu uns, aber du kannst hier auch nicht weg, oder?“

Ich schüttelte den Kopf.

Taylor atmet tief durch und schaute zur Decke.

„Dann müssen wir eben die restliche Zeit nutzen, bis du wieder nach London fährst.“

Ich winkelte meinen Arm an und stütze meinen Kopf auf der Hand ab.

„Und wie nutzen wir die?“

Taylor grinste und beugte sich zu mir herüber, so dass ich nach hinten fiel, oder er über mir war.

„Ich wüsste da etwas“, grinste er mich frech an.

Er begann mit kleinen Küsschen über mein Gesicht und Hals zu wandern.

„Taylor nicht…ah…, wenn jemand kommt…“

„Du hast beide Türen abgeschlossen! Wer soll da kommen?“, meinte er und küsste mich weiter.

Die Sonne schien in mein Zimmer und hatte wohl auch die restlichen Schneewolken vertrieben, zudem lag mein Sonnenschein in meinem Arm und lächelte. Ob er wirklich noch schlief, oder träumte er gerade von mir?

Saft strich ich ihm eine Strähne aus dem Gesicht und glitt vorsichtig mit den Fingerspitzen über seine Wange.

„Nicht aufhören!“, kam es brummend von meinen Freund.

„Du bist wach?“

Er öffnete seine Augen du strahlte mich an.

„Klar, du vergisst, dass ich normalerweise immer früh aufstehe.“

„Und warum bist du dann noch nicht aufgestanden?“

„Weil es traumhaft schön ist, in deinem Arm zu liegen und ich es noch etwas genießen wollte.“

„Ich wollte ihm gerade sagen, dass er noch liegen bleiben konnte, aber das erübrigte sich, weil jemand an meine Zimmertür klopfte.

„Jack…, bist du schon wach?“, hörte ich Mums leise Stimme.

Taylor grinste mich an.

„Nein!“, rief ich.

Nun kicherte mein Schatz.

„Bitte Jack, mach auf, es ist etwas Wichtiges!“, sagte sie immer noch gedämpft.

Fragend schaute mich Taylor an und ich konnte nur mit den Schultern zucken. So stand ich schweren Herzens auf und lief zur Tür.

„Du solltest vielleicht etwas anziehen“, sagte Taylor hinter mir.

Ich schaute an mir herunter. Stimmt, so nackt wie ich war, konnte ich meiner Mutter schlecht die Tür öffnen. So sammelte ich Shirt und Shorts vom Boden auf, die am Abend zuvor dort vom Bett gelandet waren und schlüpfte hinein. Taylors Sachen warf ich ihm zu, die er schnell unter der Decke verschwinden ließ. So schloss ich die Tür auf.

„Morgen Mum…“, lächelte ich sie an, aber sie schob mich rückwärts ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

„Ist etwas passiert?“, fragte ich nun besorgt.

„Das kannst du laut sagen! Gregory hat gerade angerufen, dass Isabelle, ihren Mann vor dem Haus liegend gefunden hat. Das Schneeschippen war wohl zu fiel für Edward.“

„Oh Gott und jetzt?“

„Er wurde ins Krankenhaus gebracht und Isabelle ist mitgefahren. Gregory sitzt nun zu Hause und weiß nicht was tun?“

Ihr Blick wanderte an mir vorbei.

„Oh, Taylor, ich wusste nicht, dass du hier bist…, entschuldige… ich hoffe, ich habe euch nicht geweckt!“

„Keine Sorge, wir waren beide wach…, guten Morgen Charlotte. Ich muss eh aufstehen, die Arbeit ruft, es gibt viel zu tun, denn heut ist mein letzter Tag!“

„Letzter Tag?“, fragten Mum und ich verwundert im Chor.

„Ja, über Sylvester habe ich immer Urlaub, Chloe erzählte doch, dass wir da Gäste haben und da muss ich helfen!“

Mir fiel ein Stein vom Herzen, dachte ich doch jetzt wirklich, er würde hier aufhören.

„Ach so, dann macht es dir sicher nichts aus, wenn ich dir Jack entführe. Ich möchte mit ihm Gregory abholen und ins Krankenhaus fahren.“

Taylor setzte sich auf und natürlich rutschte die Decke von ihm. Seine tollen Muskeln, mit dem Sonnenschein im Hintergrund schienen zu strahlen. Ich musste grinsen und wandte mich wieder zu Mum. Wurde sich da grad etwa rot?

„Ich zieh mich auch an und komm dann runter“, meinte ich dann nur.

„Okay… äh ja, ich geh auch runter und helfe Abigail uns ein kleines Frühstück zu machen, denn mit leeren Magen sollten wir nicht fahren.“

„Da hast du vielleicht Recht!“

*-*-*

Wir hatten Glück und der Verkehr war zwischen den Feiertagen nicht sonderlich. Etwa eine dreiviertel Stunde später trafen wir vor Gregorys Großelternhaus ein. Er wartete bereits vor der Tür, besser gesagt, er räumte Schnee zur Seite.

Mum bremste den Wagen leicht ab. Hier in den Nebenstraßen war nicht geräumt und die Straße mit einer Schneedecke verhüllt.  Die Räder rutschten etwas, aber vor dem Haus kamen wir zum Stehen.

Gregory, der uns kommen sehen hat, hatte die Schneeschaufel und den Besen neben die Haustür gestellt und zu uns auf den Gehweg gelaufen, oder dass was davon übrig war, denn große Schneeberge säumte den Rand.

„Hallo Gregory! Wie geht es deinem Großvater?“, fragte ich, als er einstieg.

„Ich weiß es nicht! Großmutter wollte sich melden, sobald sie mehr weiß, aber ich haben bisher noch nichts von ihr gehört.“

Mum ließ den Wagen wieder anrollen und wenig später waren wir wieder auf einer der schneefreien Straßen. Wieder wunderte ich mich, wie gut sich Mum hier auskannte, denn etwa eine viertel Stunde später, waren wir bereits am Krankenhaus.

Auf dem Wag hinein, hängte sich Mum bei mir ein, denn auch hier war nichts geräumt und etwas rutschig. Man sollte eigentlich meinen, vor einem Krankenhaus wird anständig geräumt, aber dies schien für den Parkplatz nicht zu gelten.

Egal, wenn etwas passierte, war man ja gleich versorgt. Am Haupteingang angekommen, stampften wir uns den Schnee von den Schuhen, bevor wir durch die offene Schiebetür das Krankenhaus betraten.

„Wo müssen wir hin?“, fragte ich.

„Notaufnahme, oder?“, kam es von Mum.

„Denke ich auch, aber wo ist die, ich kenne mich hier nicht aus, ich war hier noch nie“, sagte Gregory.

„Da drüben“, meinte Mum und zeigte Richtung eines Schildes, welches an der Decke hing. Darauf stand Notaufnahme mit einem Pfeil nach links. So folgten wir zu dritt diesem Hinweis und kamen bald zu einer weiteren Schiebtür, die nochmal mit dem Aufdruck Notaufnahme versehen war.

Die Tür ging von alleine auf und wir traten ein. Gleich neben der Tür befand sich eine Theke, die aber nicht besetzt war. Gregory lief daran vorbei und schaute sich schon um.

„Gregory warte, so einfach kannst du da nicht hinein sparzieren!“, mahnte ihn Mum.

„Ich suche Großmutter…“

Gute Idee!

„Kann ich ihnen helfen?“, hörte ich eine Frauenstimme hinter mir und drehte mich erschrocken um.

„Ja, ich suche Edward Hamilton, er muss vor kurzen eingeliefert worden sein“, beantwortete Gregory die Frage,

„Darf ich fragen, wer sie sind?“, fragte die Schwester nun.

„Ich bin sein Enkel Gregory Hamilton und dass ist mein Cousin und seine Mutter.“

„Cousin…, soso, ich hätte sie eher für Brüder gehalten“, lächelte die Dame, „ich möchte dem Arzt nicht vorgreifen, aber ihrem Großvater geht es soweit gut! Er wurde bereits in ein Zimmer verlegt.“

Erleichterung machte sich auf unseren Gesichtern breit.

„Einen Augenblick, ich frage nach, in welches Zimmer er gebracht wurde“, sprach die Schwester weiter und begab sich hinter die Theke.

Es schien nicht viel los zu sein, denn die ganze Zeit bekamen wir sonst niemanden zu Gesicht.

Die Schwester hatte zum Hörer gegriffen und war schnell in ein Gespräch verwickelt. Dann legte sie wieder auf und sah uns lächelnd an.

„Er ist im zweiten Stock, Zimmer zwei null drei.“

„Danke“, meinte Gregory nur und war schon auf dem Wag nach draußen.

*-*-*

„Sie wollen ihn ein paar Tage dabehalten! Er hat sich bei dem Sturz zwar nichts gebrochen, aber wohl ordentlich den Kopf gestoßen!“

Großmutter Isabelle saß leicht aufgelöst neben dem Bett ihres Mannes. Gregorys Großvater selbst, hatte einen dicken Verband am Kopf und schlief.

„Dann ist es besser so“, meinte Mum, „mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen.“

„Das hat der Arzt auch gesagt…, warum hat er denn nicht besser aufgepasst? Im Radio sagten sie doch, es wäre glatt draußen.“

„Isabelle“, Mum griff nach ihrer Hand, den Gregory Großmutters Augen füllten sich mit Tränen, „das geht ganz schnell, da kann man noch so gut aufpassen.“

Sie nickte und ihr Blick fiel auf Gregory, der bisher wie ich nichts gesagt hatte.

„Mein Gott Junge, was machen wir denn jetzt? Ich möchte deine Großvater ungerne alleine lassen, aber dann kann ich mich nicht um dich kümmern.“

Gregory wollte etwas sagen, aber Mum war schneller.

„Isabelle, weißt du was, wir fahren jetzt zu euch nach Hause…Gregory soll ein paar Sachen einpacken und wir nehmen ihn dann mit zu uns.“

„Aber das geht doch nicht, ich möchte nicht, dass euch Gregory zur Last fällt und ich weiß nicht, ob dem Duke das Recht ist.“

Ich schaute zu Gregory, der nur mit den Augen rollte.

„Keine Sorge, Isabelle! Gregory ist auf dem Gut immer herzlich willkommen. Er kommt mit und du hast eine Sorge weniger.“

Großmutter Isabelle schaute wieder zu Gregory.

„… und das würde dir nichts ausmachen, Junge?“

„Nein Großmutter und ich kann euch trotzdem jederzeit im Krankenhaus besuchen kommen.“

Sie war aufgestanden und zu ihrem Enkel hingelaufen. Sie nahm seine Hände in die ihre.

„Du benimmst dich und wenn es ein Problem gibt, dann melde dich.“

Gregory lächelte breit.

„Keine Sorge Großmutter, mir wird es schon gut gehen.“

*-*-*

Während der Fahrt wurde fast nichts gesprochen. Nachdem wir Gregory Sachen geholt und am Haus alles verschlossen hatten, waren wir direkt weiter zu Manor Newbury gefahren. Die morgendliche Sonne war wohl ein Trugbild gewesen, denn der Himmel war wieder bedeckt und es fing wieder an zu schneien.

„So viel Schnee wie dieses Jahr hatten wir schon lange nicht mehr.“

„Fällt das in London überhaupt auf?“, fragte ich.

„Schon, da werden die Nebenstraßen genauso wenig geräumt wie hier und in den letzten Jahren waren sie ebenso frei, wie die großen Straßen“, erklärte Mum.

„Dann fahr mal schön langsam weiter, nicht dass wir noch im Graben landen.“

„Wenn du es besser kannst, fahr doch du“, sagte Mum und streckte mir die Zunge heraus.

„Würde ich, wenn ich einen Führerschein besäße!“

„Willst du ihn in nächster Zeit machen?“, kam es von hinten.

Ich drehte den Kopf zu Gregory.

„Würde ich gerne, aber ich weiß nicht, ob ich neben den Prüfungsvorbereitungen genug Zeit habe, auch noch für den Führerschein zu büffeln.“

„Wenn nicht du, wer sonst?“, sagte Gregory grinsend und ich schaute wieder nach vorne.

Der Schneefall schien immer stärker zu werden, der die Sicht erheblich einschränkte.

„Wenn das so weiter geht, sehe ich bald gar nichts mehr vor der Straße“, meinte Mum und kniff die Augen etwas zusammen.

„Müssten wir nicht bald da sein?“, fragte ich.

„Du kannst ja versuchen, ob du die Einfahrt rechtzeitig erkennst, damit wir nicht daran vorbei fahren.“

„Mum, die Einfahrt ist von Bäumen umringt, siehst du hier Bäume?“

Mittlerweile hatte sich Gregory nach vorne gebeugt und sein Kopf war neben mir aufgetaucht.

„Was ist das da?“, meinte er und zeigte auf einen dunklen Schatten vor uns.

Mum verringerte noch weiter das Tempo.

„Ich glaube, das ist ein Auto, das von der Straße abgekommen ist.“

Langsam tuckerten wir daran vorbei, aber erkennen, ob sich noch jemand im Fahrzeug aufhielt, konnten wir nicht.“

„Soll ich halten?“, fragte Mum.

„Bloß nicht, sonst bleiben wir vielleicht auch noch stecken!“

„Wie du meinst!“

„Sind das Bäume?“, kam es wieder von Gregory und seine Hand zeigte erneut nach vorne.

„Könnte sein…, wäre gute, dann hätten wir es nämlich geschafft“, meinte Mum.

Es war tatsächlich die Einfahrt und wohl jeder im Wagen war froh, dass wir es bisher unbeschadet geschafft haben. Kaum hatten wir die Einfahrt  passiert, bremste Mum plötzlich ab. Der Wagen rutschte noch etwas und blieb dann im Schnee stecken.

„Mist, warum ist da nicht geräumt? Da kommen ich mit dem Wagen nie im Leben durch!“

„Müssen wir etwa zum  Haus laufen?“, fragte ich entsetzt.

„Wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben.“

„Wollte Taylor nicht räumen?“, meckerte ich.

„Da musst du wohl deinen Schatz fragen!“, grinste mich Mum an.

*-*-*

Ich hätte nie gedacht, dass durch ein paar Zentimeter Schnee laufen so anstrengend sein konnten. Wie immer wartete bereits Tante Abigail an der Tür für uns.

„Tut mir leid, dass ihr her laufend musstet. Seit Jahren schon habe ich Vater gepredigt, endlich eine Schneefräse anzuschaffen, aber er meinte immer, der Traktor reicht, bei dem bisschen Schnee.“

„Viel Schnee hatten wir ja nicht, da hat er Recht, aber was ist denn mit dem Traktor?“, fragte Mum.

„Er macht keinen Mucks mehr. James und Taylor versuchen schon seit einer Stunde, das Ding wieder zum Laufen zu bringen, aber bisher erfolglos! Hallo Gregory, wie geht es deinem Großvater?“

„Den Umständen entsprechend. Er hat sich zwar nichts gebrochen, aber wohl ordentlich den Kopf gestoßen. Er soll ein paar Tage im Krankenhaus bleiben, zur Beobachtung.“

„Und weil seine Großmutter sich nicht um Gregory kümmern kann, habe wir Gregory einfach mitgebracht…“, meinte Mum, „…, wir sind doch für einen Esser mehr sicher eingerichtet?“

„Gar kein Problem, Charlotte, zudem wird sich Vater freuen, wenn er hört, dass alle seine Enkel da sind.“

Tante Abigail reichte jedem Von uns ein Handtuch, damit wir etwas die Haare trockenen konnten.

„Eure Jacken gebt ihr mir am besten gleich“, meinte meine Tante, während wir das warme Haus betraten, „und die Schuhe zieht ihr am besten auch gleich aus…, ach so, wo bringen wir Gregory denn am besten unter?“

„Bei mir, wenn er nichts dagegen hat“, sagte ich und Mum, ebenso Gregory, schauten mich erstaunt an.

„Was denn, mein Cousin kann doch wohl bei mir schlafen, mein Bett ist groß genug.“

„Es wäre aber noch ein Zimmer frei da oben…“, meinte Tante Abigail.

„Warum schaust du so komisch?“, fragte Mum.

„Ähm…, es ist Sophias Zimmer.

„Ich glaube, es ist besser, ich nehme Jacks Angebot dankend an!“, meinte Gregory und entledigte sich seiner Schuhe.

*-*-*

Während ich gerade in neue Socken schlüpfte, brachte Gregory, seine Sachen, in meinem Schrank unter.

„Alles klar?“, fragte ich ihn.

Gregory hielt in seiner Bewegung inne.

„Ich weiß nicht, wie Tante Abigail darauf kommt, dass ich im Zimmer dieser Frau schlafen wollen würde!“

„Naja, vielleicht weil sie deine Mutter ist?“

Er drehte sich zu mir.

„Sie ist nicht meine Mutter!“

Er war laut geworden und ich hob abwehrend die Hände.

„… entschuldige“, meinte er, der wohl bemerkt hatte, dass er sich im Ton vergriffen hat.

„… sie ist höchstens meine biologische Mutter, aber auch nicht mehr. Diesen Job, der Mutter, hat sie vor achtzehn Jahren, an den Nagel gehängt.

Er warf seine Tasche unten in den Schrank und schloss die Tür.

„Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich auf dieses Thema gerne verzichten.“

„Kein Problem, Gregory.“

Nervös zupfte er an seinen Sachen herum.

„Ist irgendetwas?“

„… ähm…, meinst du, ich könnte duschen? Irgendwie klebt alles an mir.“

„Kein Problem, das Bad ist gleich hinter der Tür“, meinte ich und zeigte auf die Badtür.

„Da gibt es doch ein Problem… ähm, ich habe zwar die Klamotten eingepackt, die ich von London mitgenommen habe…, aber keine Sachen fürs Bad…“

„Dann bedien dich einfach an meinen Sachen, ich werde runter gehen und Tante Abigail fragen, ob sie vielleicht eine Zahnbürste für dich hat.“

„Danke…, darf ich dich noch etwas fragen?“

„Fehlt dir noch etwas?“

„Nein, dass mein ich nicht! Ich wollte nur wissen, warum du das tust, wir sind doch praktisch Fremde und willst vielleicht, deine Abende lieber mit Taylor verbringen…?“

„Zum einen hat Taylor die nächsten Tage Urlaub und muss seiner Schwester bei deren Gästen helfen, zudem sind wir zwei fremde Cousins, die sich unbedingt schell kennen lernen sollten. Was wäre da nicht besser geeignet, als ein Zimmer zu teilen?“

*-*-*

„Meinst du, die finden den Stall bei dem Schneetreiben“, kicherte ich.

Ich saß mit Grandpa vor dem Kamin und nippte an meinem Grog. Das Zeug schien mir schon wieder in den Kopf zu steigen. Grandpa lächelte.

„Der Hof ist gut beleuchtet, ich denke, sie werden ihn sicher finden. Sie sollen einfach nur James seine Jahresprovision überreichen und ihn heim schicken.“

Bevor ich darauf etwas sagen konnte, hörten wir einen Schrei.

„Was war das?“, fragte Grandpa.

„Ich weiß es nicht!“, meinte ich, stellte die Tasse zur Seite und lief in den Flur.

Mum und Onkel Henry kamen die Treppe herunter.

„Du hast es auch gehört?“, fragte mich Mum, als sie mich erblickte.

Grandpa erschien hinter mir.

„Ja, muss von draußen gekommen sein“, antwortete ich nickend.

„Gregory und Jayden sind draußen“, kam es von Grandpa.

Onkel Henry lief an Mum vorbei zur Eingangstür.

„Das war eindeutig die Stimme einer Frau“, meinte er und zog die Haustür auf.

Was ich zu sehen bekam, als ich hinaustrat, war kaum zu fassen. Während Gregory auf dem Boden lag und Jayden hinter ihm kniete, stand vor ihnen Tante Sophia, die gerade versuchte Olivia, Henrys Frau, davon abzuhalten, meine Cousins mit irgendetwas zu schlagen.

Woher kam plötzlich Tante Sophia und wieso war Olivia da, ich dachte, sie saß in der Klapse.

„Olivia!“, schrie Onkel Henry neben mir, der wohl als erstes seine Fassung wieder gefunden hatte.

Mittlerweile standen wir alle vor dem Haus. Onkel Henry rannte los, besser gesagt, er schlitterte mehr oder weniger auf die zwei Frauen zu und versuchte seiner Frau das Ding abzunehmen, das von Tante Sophia immer noch krampfhaft festgehalten wurde.

„Olivia, hör auf, hast du nicht schon genug angerichtet?“, schrie Onkel Henry seine Frau an und nahm ihr das Ding ab.

„Was habe ich angerichtet?“, schrie Olivia zurück, „…daran ist doch nur dieser keine Dreckschwuchtel schuld…“, und zeigte auf Gregory am Boden.

Ich erstarrte, sie redete über mich.

„Ich habe alles verloren und er wird nicht ungeschoren davon kommen!“

„Ein Teufel wirst du! Das ist mein Sohn Gregory, nicht Jack“, schrie nun Tante Sophia.

„Was redest du da für einen Scheiß, das da am Boden ist doch Jack!“

Olivia bewegte sich nun auf Tante Sophia zu, aber ihr Mann hielt sie zurück.

„Sophia hat Recht, das ist Gregory…  Jack steht da oben bei den anderen!“

„Gregory… Sohn…? Was redet ihr?“

Ihre Stimme klang plötzlich noch schriller, aber heißer. Mum war zu mir gekommen und hatte mich in den Arm genommen. In dem Augenblick schaute Olivia nun zu uns, den anderen, die sie wohl jetzt erst bemerkt hatte.

Mit komischen Augen schauten sie nun zwischen mir und Gregory hin und her.

„Ruft endlich jemand die Polizei?“, rief Onkel Henry, seine Frau immer noch fest umklammert.

*-*-*

„Lasst mich rauuuuus!“, hörte ich Olivias schrille Stimme aus dem Esszimmer.

Wir anderen standen im Flur.

„Musstest du sie wirklich an den Stuhl binden?“, fragte Tante Abigail, Onkel Henry.

„Abigail, du hast es selbst gesehen, zu was diese Frau im Stande ist, glaub mir, Henry hat richtig gehandelt!“, meinte Mum.

Während sie bei mir stand und Onkel Henry seine Kids und Sabrina im Arm hatte, stand Gregory starr hinter Grandpa, der etwas weiß um die Nase war, und Abigail. Nur Tante Sophia, stand immer noch alleine, direkt neben der Haustür.

„Warum bist du eigentlich hier, was hast du hier verloren?“, fuhr plötzlich Onkel Henry seine ältere Schwester an.

Wie wir zuckte Tante Sophia zusammen, bevor sie ihn wütend ansah.

„Das ist immer noch …“

Sie brach ab und schaute zu Boden. Tief atmete sie durch und schaute dann zur Decke.

„Du willst wissen…“, sie wurde nun kurz von der schreienden Olivia unterbrochen, „… warum ich hier bin…?“

Nun schaute sie wieder zu uns. Onkel Henry nickte. Ein Lächeln zeichnete sich kurz auf ihren Lippen ab und wieder atmete sie tief durch.

„Ich weiß…, ich habe viele Fehler in meinem Leben gemacht…, aber ich bitte hier niemand um Verzeihung, oder dass er mir vergibt!“

Mum hob die Augenbraun, sagte aber nichts.

„Tse…, da kannst du auch lange drauf warten“, kam es von Tante Abigail, die nun auch recht sauer aussah.

Tante Sophia hob ihre Hände und zuckte mit den Schultern.

„Damit habe ich auch nicht gerechnet, aber als ich mitbekam, dass Gregory hier ist, war ich es plötzlich leid, die Lebefrau zu spielen…“

„Spielen?“, kam es von Tante Abigail, „du warst nie etwas anderes!“

Tante Sophia winkte kichernd ab. Das Kichern hörte sich nicht echt an.

„Abigail, du weißt nichts von meinem Leben, oder? Ja es stimmt, ich habe dir damals Logan ausgespannt, weil ich diesen Mann interessant fand… und die Chance sah, hier endlich heraus zu kommen.“

„Und warum hast du ihn dann verlassen, deinen Sohn im Stich gelassen?“

„Abigail… bitte“, kam es von Grandpa, denn meine Tante war richtig laut geworden.

„Ich habe Angst bekommen…“, antwortete Tante Sophia leise.

„Angst du? Das ich nicht lache! Du hattest doch nie vor etwas Angst!“

Tante Abigail verschränkte ihr Arme vor sich und drehte sich weg.

„Ja Angst… Panik, wie immer du es sehen willst. Als Mutter dieses Haus verließ und ich als Älteste auf euch aufpassen sollte, während Vater seinen Geschäften nachging, war ich es so leid, weil keiner von euch auf mich hörte, besonders Isaac nicht!“

Mum zuckte leicht zusammen, als sie Vaters Name hörte, sagte aber noch immer nichts. Auch die anderen schwiegen.

„Ich bekam Angst, euch könnte deswegen etwas geschehen und Vater würde mir die Schuld geben.“

„Und was hat das mit mir zu tun?“

Diese Worte kamen nun von Gregory. Bewundernd schaute ich ihn an, denn ich hätte in dieser Situation keinen Ton heraus bekommen. Tante Sophia schaute ebenso kurz zu ihm, dann wieder Richtung Boden.

„Weil ich Angst bekam, wieder zu versagen, wie schon bei meinen drei Geschwistern…, ich dachte… ihr seid ohne mich besser dran…, und bin dann einfach weggelaufen…, wie bei allem in meinem Leben…“

Ich konnte Gregorys Gesichtszüge nicht deuten. Aber wie sollte man in so einem Augenblick auch reagieren? Mit Tante Sophias Antwort hatte selbst ich nicht gerechnet.

„Warum hast du nie etwas gesagt?“, fragte plötzlich Mum.

„Wer hätte mir zugehört?“

„… und warum hast du dann die Nummer mit Isaac abgezogen?“

Lange schaute uns Tante Sophia an, bevor sie etwas sagte.

„Isaac? …, ich bin nicht stolz drauf, was ich da getan habe, aber ich war einfach nur neidisch…, neidisch auf meinen ach so perfekten Bruder, neidisch auf seine perfekte Ehefrau… auf dieses herrliche Ehe Idyll!“

*-*-*

Die Polizei, war trotz des katastrophalen Wetters gekommen und Olivia mitgenommen. Niemand konnte sich erklären, wie sie es fertig gebracht hatte, sich aus der Heilanstalt heraus zu stehlen.

Durch das Wetter, waren viele der Funkmasten gestört und so konnte niemand Onkel Henry auf seinem Handy erreichen und warnen.

Ich war mit Gregory auf mein Zimmer gegangen, während die Erwachsenen unten in der Bibliothek wohl immer noch diskutierten.

„Soll es das wirklich gewesen sein?“, fragte Gregory, der neben mir auf dem Bett lag und wie ich gegen die Decke starrte.

„Jahrelang habe ich mir Gedanken gemacht, warum sie uns verlassen hat, lag es an mir… hatte Vater was falsch gemacht…? Und dann kommt sie, und tut das mit Angst vor der Verantwortung ab! Ich verstehe das nicht!“

„Muss man so etwas verstehen?“, fragte ich und schaute zu ihm hinüber.

Einzelne Tränen lösten sich und rannen über seine Wange. Ich beugte mich zu ihm und zog ihn in meinen Arm.

„He komm, mach dich jetzt nicht verrückt deswegen, dass bringt nichts!“

Mit glasigen Augen schaute Gregory mich an.

„Du bist bis jetzt ohne sie zu Recht gekommen und wirst das auch in Zukunft tun. In London hast du uns und hier deine Großeltern…, einfach versuchen nach vorne zu schauen, damit bin ich auch immer gut gefahren.“

Gregory sah mich lange an.

„Bist du schon immer so eine Frohnatur?“

Ich musste lachen.

„Frohnatur? Ich? Sicher nicht! Da hast du ein falsches Bild von mir. Mag sein, dass ich so auf andere wirke, aber ich habe genauso meine Probleme wie andere.“

Plötzlich fing Gregory an zu grinsen.

„Was?“, fragte ich verwundert.

„Ob dein Taylor jetzt nicht eifersüchtig würde, wenn er uns zwei so sehen könnte.“

Ich musste nun ebenso grinsen.

„Das glaube ich nicht. Taylor weiß, dass ich nie etwas mit jemand anderem anfangen würde, solange ich mit ihm zusammen bin. Zudem… du bist mein Cousin!“

Nun fing Gregory richtig laut an zu lachen.

„Du hast wohl noch nie was davon gehört, dass es auch Cousins mit einander treiben, selbst Brüder.“

„Ja…, Schwanzgröße vergleichen, sich gegenseitig einen runter holen, natürlich habe ich davon gehört“, antwortete ich genervt, „aber aus dem Alter sind wir wohl heraus, denke ich…, oder hast du es so nötig?“

Ich grinste ihn frech an, dann fiel mir etwas ein.

„Bist du etwa auch schwul?“

Mit großen Augen schaute mich mein Cousin an.

„Ich?“, er zeigte auf sich, „wie kommst du da drauf?“

„Du hast davon angefangen… ala Cousins mit einander treiben…“

Er rutschte von meiner Schulter herunter und starrte wieder zur Decke.

„Um ehrlich zu sein, ich habe mir da noch nie groß Gedanken darüber gemacht. Ich hatte noch nie eine Freundin, geschweige denn einen Freund.“

„Dann solltest du beides ausprobieren, damit du weißt, was dir besser gefällt!“

„Mit dir?“

Wieder lachte er und ich streckte ihm die Zunge heraus. An der Tür klopfte es und Mum schaute herein.

„Es scheint euch gut zu gehen“, meinte sie und kam in mein Zimmer, dicht gefolgt von Tante Abigail.

Ich schaute zur Tür, ob da noch jemand kam, aber Tante Abigail schloss die Tür hinter sich.

„Was schaust du?“, fragte Mum, die mein Blick bemerkt hatte.

„Ob da noch jemand kommt…“

„Wer soll da kommen?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Ach…, ich weiß auch nicht.“

Während Mum sich neben mich auf den Rand setzte, trat Tante Abigail ans Bettende.

„Ähm… ich wollte mich noch bei euch entschuldigen, dass ich vorhin laut geworden bin“, meinte sie und schaute nervös zwischen uns hin und her.

Ich setzte mich richtig auf, Gregory tat es mir gleich.

„Also ich für meinen Teil, bin weder sauer auf dich, noch hat es mich gestört…, jeder wäre in dieser Lage wohl ein wenig ausgeflippt.“

Gregory nickte neben mir, als wolle er bestätigen, was ich gerade gesagt hatte.

„Danke!“

Ich schaute sie und Mum an.

„Was ist mit…“, ich sprach nicht weiter.

„Keine Sorge, sie wird euch nicht behelligen. Sie wollte zwar wieder weg, wir haben sie aber nicht gelassen“, meinte Mum.

Tante Abigail nickte.

„Wieso?“, kam es bissig von Gregory.

„Gregory, auch wenn sie dir das angetan hat und du nicht gut auf sie zu sprechen bist…, bei dem Wetter jagt man niemand vor die Tür!“, sagte Tante Abigail.

Ich schaute wieder zu Mum.

„Sie wird morgen spätestens nach dem Frühstück, wenn geräumt wurde uns verlassen…, versprochen!“

Ich lächelte sie an.

„Wir gehen wieder und ihr macht nicht mehr so lange, morgen wird ein langer Tag!“, meinte Tante Abigail und Mum erhob sich.

„Keine Sorge, wir werden schon nicht durchmachen“, grinste ich die beiden an und wenigen Sekunden später waren wir wieder alleine.

„Wer geht als erstes ins Bad?“, fragte ich.

„Ähm… ich dachte wir duschen zusammen.“

Wieder dieses freche Grinsen.

„Träum weiter im Legoland“, sagte ich grinsend und streckte ihm erneut die Zunge heraus.

„Okay, dann geh ich halt mal duschen“, meinte er und rutschte vom Bett.

„Hast du alles?“

„Ich denke schon“, antwortete Gregory und zog sich seinen Pulli über den Kopf. Als er sein Hemd anfing aufzuknöpfen, schaute er wieder zu mir.

„Ich hoffe dich stört es nicht, wenn ich nur in Shorts schlafe?“

„Du kannst sogar nackt neben mir schlafen, das ist mir egal.“

„Auch wenn ich dich wieder als Kissen nutze?“, fragte er grinsend und zog sein Hemd aus.

*-*-*

Als ich am Morgen aufwachte, lag Gregory dick eingerollt auf seiner Seite und nur ein Haarbüschel schaute oben heraus. Grinsend richtete ich mich auf und streckte mich. Im Zimmer war es wärmer als sonst, so fröstelte es mich nicht, wie sonst.

So stand ich auf und lief wie immer erst zum Fenster. Es hatte aufgehört zu schneien und der Himmel war herrlich blau. In der aufgehenden Sonne glitzerte der Schnee.

„Was gibt es da zu sehen?“, brummte es hinter mir im Bett.

Ich drehte mich um und sah Gregory, wie er gerade seinen Kopf unter der Decke hervorschob.

„Einen tollen blauen Himmel und viel Glitzerschnee!“

„Oh Gott, auf was für einer Romatikschiene fährst du denn?“

„Auf  der „Ich-bin-verliebt-Schiene!““, grinste ich ihn an.

„Oh man, das ist ja nicht zu ertragen!“, meckerte Gregory und zog sich wieder die Decke über den Kopf.

Als wir später dann, durchs Bad waren, dieses Mal gemeinsam, aber ohne duschen, mit Kurzbesuch von Jayden und Sabrina, die es sich natürlich nicht verbeisen konnte, dass Gregory die bessere Figur von uns hatte, waren wir auf den Weg nach unten.

Natürlich merkte ich, dass Gregory nervös herum schaute und nur zögerlich die Treppe hinunter lief. Ich blieb stehen und wartete, bis er auf gleicher Höhe war. Dann legte ich meinen Arm um ihn.

„Wir gehen da jetzt rein und frühstücken ganz normal, okay?“

Er nickte. Vor der letzten Stufe stoppte er plötzlich.

„Und wenn sie noch da ist und mich in ein Gespräch verwickelt?“

Ich atmete tief durch. Hatte er Angst vor seiner Mutter?

„Dann antwortest du brav. Stell dir einfach vor, eine fremde Person fragt dich und antworte dann darauf.“

„Sie ist eine fremde Person!“

*-*-*

Gregory hatte Glück, als wir den Speiseraum betreten hatten, war seine Mutter schon weg. Irgendwie tat es mir aber leid, dass die beiden keine Worte gewechselt hatten. Der Rest des Morgens war dann eher ruhig.

Jeder beschäftigte sich mit irgendetwas und man traf sich erst wieder zum Lunch. Mum hatte Gregory versprochen, mit ihm noch einmal am Mittag ins Krankenhaus zu fahren. Ich hatte keine Lust dazu, so blieb ich auf dem Gut und ging noch einmal sparzieren.

Es war zwar herrliches Wetter und gut kalt, aber mir blieb nichts anderes übrig, die geräumten Wege zu laufen, denn der Schnee war einfach zu hoch.

Als ich zur Teezeit wieder zurück kehrte, waren Mum und Gregory schon wieder zurück. Seinem Großvater schien es so weit gut zu gehen, auch wenn er die Hälfte Zeit des Besuches nur geschlafen hatte.

Nach dem Tee zog ich mich ins Zimmer zurück und krallte mir mein Handy. Ich schrieb Taylor, wie sehr ich ihn vermissen würde und ohne ihn alles so langweilig hier wäre, aber so sehr ich auch wartete, ich bekam keine Antwort zurück.

Die Langeweile verflog spätestens, als vier Herrschaften mein Zimmer stürmten und sich auf meinem Bett nieder ließen.

„Boah, wieder ein Jahr rum…, das ging so schnell!“, meinte Sabrina.

„Auch nicht schneller als sonst“, meinte ich.

„Dafür ist viel passiert“, kam es von Jayden, „… ich kann das alles noch gar nicht richtig glauben. Als wir in den Ferien im Herbst hier her fuhren, war ich richtig sauer auf Mutter. Wieder ein paar langweilige Tage bei Grandpa, dachte ich noch.“

„Langweilig waren sie sicher nicht“, sagte Molly.

„Stimmt“, grinste ich.

Wir hörten unten den Türgong.

„Nanu, wer kann das sein?“, fragte Molly und automatisch schaute ich zu Gregory.

„Sicher nicht!“, meinte er, als er meinen Blick bemerkte, „sonst verbringe ich Silvester hier oben im Zimmer!“

„Ich glaube nicht, dass sie wieder zurück gekommen ist! Kommt, lasst uns schauen wer da unten an der Tür steht.“

So standen wir auf und liefen zur Tür, um wenig später, oben an der Treppe wieder abrupt stehen zu bleiben. Da standen Chloe mit Julien und Taylor. Als mein Freund mich erblickte, fing er an zu strahlen.

„Ich dachte, ihr habt so viel zu tun“, rief ich die Treppe hinunter.

Nun schauten alle nach oben, auch Tante Abigail und Mum, die wohl die drei begrüßt hatten. Wir fünf setzten uns in Bewegung und standen wenig später ebenso unten. Auch Grandpa hatte sich eingefunden.

„Iwo, da hat Taylor sicher übertrieben. Wir sind vorbei gekommen und unseren Neujahrsgruß vorbei zu bringen“, meinte Cloe und hielt Grandpa eine Schachtel entgegen.

Er griff danach und begann sie umständlich zu öffnen. Eine Hackfleischtorte kam zum Vorschein und schnell hatte sich ihr Duft im Flur breit gemacht.

„Das ist aber nett von euch“, meinte Grandpa, „und ihr könnt wirklich nicht bleiben?“

„Leider nein“, antwortete Julien und nahm Chloe in seinen Arm.

„Aber dafür lassen wir diesen jungen Herren hier, der uns sicher noch Silvester mit seiner Tollpatschigkeit ruiniert hätte“, fügte Chloe an.

„Das stimmt doch gar nicht!“, wehrte sich Taylor.

Alle fingen an zu lachen. Erst jetzt sah ich, dass er eine Tasche geschultert hatte.

„Und wie war das mit der Suppenterrine?“, kam es von Julien.

„Die? …die ist mir ausversehen aus der Hand gerutscht…“, kam es verschüchtert von Taylor.

„Genauso wie das leere Backblech dass zu Boden fiel… die umgeworfene Gießkanne…“

„Hör auf… ist ja gut“, unterbrach Taylor seine Schwester, die sich nun wieder an die anderen richtete.

„Ich wünsche euch heute Abend eine schöne Feier und einen guten Rutsch ins neue Jahr“, meinte sie und plötzlich umarmte jeder jeden. Zu guter Letzt hatte ich Taylor im Arm.

„Du bleibst wirklich hier?“, fragte ich noch einmal ungläubig.

Er nickte strahlend und ich drückte ihn eng an meinen Körper. Das wird wohl der schönste Jahreswechsel, den ich je erlebt habe.

*-*Ende*-*

 

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2 Kommentare

  1. Hallo Pit,
    vielen Dank für die tole Storie. Bleibt zu hoffen, dass sie doch mal weitergeht.

    Frohe Weihnachten

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  2. Hallo Pit,

    sehr geil das es weitergeht, ich hab mal wieder auf die Zusammenfassung gewartet und hab endlich die Zeit mir das alles in Ruhe durchzulesen.

    Auf jeden Fall wünsch ich Dir/Euch einen guten Start ins neue Jahr und hoffe wie immer auf weitere gute Geschichten und deine tollen Ideen

    Klar darf auch die gute Gesundheit und alles was man sich immer so im neuen Jahr vornimmt nicht fehlen, in diesem Sinn

    auf baldiges Wiedersehn hier

    Gruß
    sandro

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