Ein anderes Leben – Teil 20

Ich war doch sehr erstaunt, dass sogar meine Großeltern an den Flughafen gekommen waren. Mit allem hätte ich jetzt gerechnet, nur das nicht. Wie es sich gehört, begrüßte ich erst Großmutter und Großvater.

Er wollte mich gar nicht mehr aus der Umarmung lassen. Hatte er Angst, ich würde mitfliegen wollen? Endlich entließ er mich aus der Umklammerung und klopfte mich auf die Schulter, ohne etwas zu sagen.

So beobachtete ich nun, wie Großmutter und die Schwestern von meiner Mutter Abschied nahmen. Jetzt wo alles geklärt war, schien es meiner Mum doch schwer zu fallen, wieder nach Deutschland zu fliegen.

Dads und meine Blicke kreuzten sich. Ich lief zu ihm hin und wurde ebenfalls umarmt.

„Pass auf dich auf Kleiner!“

„Mach ich Papa und du hast es ja selbst gesehen, wie man sich um mich bemüht!“

„Gerade deswegen, sollst du auf dich aufpassen, Lukas.“

Ich löste mich etwas und schaute ihm in die Augen. Sie waren glasig.

„Weißt du, als du mir und deiner Mutter damals erzählt hast, du willst hier her nach Korea, dachte ich mir schon so etwas, dass du nicht mehr zurück kommen würdest.“

„Wirklich?“

Er nickte und eine Träne rann über seine Wange. Natürlich ließ mich das nicht unberührt. Auch mir rannen Tränen herunter.

„Ich werde mich mit deiner Mutter die nächsten Tage zusammen setzten und schauen, was wir dir alles von zu Hause  hierher schicken werden.“

„… danke“, war das einzige, was ich darauf antworten konnte.

Jemand tippte mir an die Schulter. Ich drehte meinen Kopf und sah Mia hinter mir stehen. Sie hatte ebenso einen komischen Blick drauf.

„Melde dich bitte ab und zu bei mir“, meinte sie und drückte mich ebenso.

„Mach ich, versprochen.“

„Ich gebe es zwar nicht gerne zu…, aber ich beneide dich und werde dich vermissen.“

Erstaunt schaute ich meine kleine Schwester an. Solche Worte aus ihrem Mund.

„Wir sehen uns spätestens zu Ostern wieder… okay?“

Sie nickte und drückte mich noch einmal fest. Zu guter Letzt kam Mum dran. Ein erneuter Schwall von Regeln ergoss sich über mich.

„Min-Ja…!“, hörte ich Vater sagen.

„Ist ja schon gut“, sagte Mum und strich über meine Wange.

„Pass auf dich auf und melde dich! Und lass dich hin und wieder bei deinem Großvater blicken!“

Ich nickte und drückte sie ebenso noch einmal. Der Flug nach Deutschland wurde erneut auf gerufen. Die drei schnappten sich ihr Handgepäck und liefen zum Schalter. Ich dagegen stand umringt von den restlichen Verwandten und winkte ihnen zu.

Ich weiß nicht, warum mir dieser Abschied dieses Mal so schwer fiel. Ich hatte Mühe die Tränen zurück zu halten. Es war doch nicht für immer, ich sah sie doch wieder. Eine Hand machte sich auf meinem Rücken breit und ich bemerkte Hyun-Woo neben mir.

Er nickte mir lächelnd zu, sagte aber kein Wort. Ein letztes Mal drehte meine Familie ihre Köpfe und wir begannen erneut zu winken, bis sie durch das Gate verschwunden waren. Ich ließ es mir natürlich nicht nehmen, darauf zu warten, bis die Maschine startete und abhob. Alle waren bereits gegangen, nur Hyun-Woo stand neben mir.

„Bereust du es?“

„Hm?“, fragte ich, aus den Gedanken gerissen.

„Ob du es bereust, nicht mitgeflogen zu sein?“

Längst hatte ich den Flieger am Himmel aus den Augen verloren. So drehte ich mich zu Hyun-Woo.

„Bereuen würde ich es nicht nennen, aber ich würde lügen, wenn es mich nicht berühren würde. Mir ist klar, dass meine Entscheidung hier zu bleiben, weitreichende Auswirkungen auf mein Leben hat, aber…“

Ich zog Hyun-Woo zu mir.

„… aber ich schaue mit Freuden, auf das, was auf mich zu kommen mag, denn mit dir an meiner Seite, schaffe ich irgendwie alles!“

Über Hyun-Woos Wange, rann eine Träne, die ich mit dem Daumen wegwischte.

„Hyun-Woo, ich liebe dich. Bei dir fühle ich mich geborgen und gut aufgehoben. Das habe ich zwar noch nie gesagt, aber ich könnte mir wirklich vorstellen, mein Leben mit dir gemeinsam zu gestalten und zusammen alt werden.“

Das war wohl etwas viel für meinen Hyun-Woo. Nun flossen die Tränen nur so herunter und ich nahm ihn in meinen Arm. Die komischen Blicke der anderen Besucher des Flughafens waren mir egal.

„Danke Lucas…, ich liebe dich auch, sehr sogar!“

*-*-*

Ein paar Tage später hatte uns der Alltag wieder. Ich stand morgens mit Hyun-Woo auf, frühstückte mit ihm und sah zu, wie er zusammen mit So-Woi, Jack und Soo-Ri in die Firma fuhr.

Soo-Ri wohnte seit zwei Tagen nun bei Juen unten. Die beiden verstanden sich prächtig, aber uns gegenüber war Soo-Ri immer noch etwas schüchtern. So blieb ich alleine im Haus übrig, weil So-Woi die Baufirma bestellt hatte.

Es sollte endlich mit dem Durchbruch zu beiden Wohnungen begonnen werden, damit So-Woi endlich seine gewünschte Wendeltreppe zu uns bekam. Gegen den Dreck war ich einigermaßen geschützt, denn die Arbeiter hatten ein Holzgerüst um die Baustelle gezogen und mit Folie versehen.

Doch der Lärm hielt diese dünne Wand aus Plastik nicht ab. So saß ich an der Küchentheke hatte meinen Laptop vor mir stehen und eine Kopfhörer auf. Trotzdem bekam ich die Abbrucharbeiten deutlich mit.

Genervt stand ich auf, lief in unser Schlafzimmer und schloss hinter mir die Tür. Also wenn ich die nächsten Tage, bis der Umbau fertig war, hier in der Wohnung verbrachte, würde ich sicher verrückt.

Ich schnappte mir meinen Wollpullover, zog ihn über und öffnete die Balkontür. Unser Balkon war deutlich kleiner, wie der von So-Woi, aber dafür komplett überdacht. So wurde ich von dem leichten Nieselregen verschont, der gestern Abend eingesetzt hatte.

Trotz der anderen Häuser hatte ich von hier eine gute Aussicht über die Nachbarschaft. Ich konnte sogar den nahe gelegen Park erkennen.

„Ach hier bist du?“

Ich erschrak und fuhr herum. Jae-Joong. Er begann zu grinsen.

„Sorry, wollte dich nicht erschrecken. Hyun-Woo meinte, du steckst zu Hause und überwachst die Bauarbeiten.“

„Hallo Jae-Joong“, meinte ich und umarmte ihn erst mal.

„Überwachen ist zu viel gesagt, ich sitz da und schau denen nur zu, mehr mache ich nicht. Ich denke, So-Woi hat denen seine Wünsche ausreichend klar gemacht.“

Jae-Joong lachte.

„Ich habe gehört, du bleibst hier und willst studieren?“

Er hob seinen Daumen nach oben.

„Ja habe ich“, lächelte ich.

„Finde ich cool, ich wäre traurig, wenn ich einen so guten Freund verlieren würde.“

„Du würdest mich doch nicht verlieren!“

„Du wärst zumindest nicht da…“

Warum wurde ich das Gefühl nicht los, das mit Jae-Joong irgendetwas nicht stimmte.

„Was ist los?“

Er sagte erst mal gar nichts, sondern schaute nun über die Brüstung.

„Auch einen Tee?“, fragte ich und bewegte mich schon zur Glastür.

„Gerne“, lächelte er.

So betraten wir gemeinsam wieder die Wohnung und er schloss die Tür hinter uns. Hier war der Baulärm wieder deutlicher zu hören. Ich überlegte kurz und zuckte dann mein Handy.

„Wen willst du anrufen?“

„Meinen Schatz!“

Ich wählte seine Nummer und schon wenig später, hatte ich Hyun-Woo in der Leitung.

„Hallo Lucas, alles in Ordnung?“, hörte ich seine besorgte Stimme.

„Ja und nein…“

„Was…?“

„… ja, es geht mir gut und nein, der Baulärm ist nicht auszuhalten“, sprach ich einfach weiter. Schatz ich wollte dir nur kurz sagen, dass ich das Haus verlasse. Soll sich jemand von unten um die Baufirma kümmern.“

„Öhm… okay, soll ich die Hausverwaltung anrufen?“

„Nein danke Hyun-Woo, ich werde mich darum selbst kümmern.“

„Wie du möchtest.“

„Sagst du ebenso So-Woi Bescheid?“

„Ja, kann ich machen.“

„Danke Schatz, ich liebe dich!“

War er gerade wieder am rot werden?

„… ich dich auch, Lucas.“

„Bye!“

„Bye.“

So war das Gespräch beendet. Ich überlegte, ob ich mich noch wärmer anziehen sollte, dachte aber dann, dass ein dicker Schal reichen würde. Jae-Joong grinste mich die ganze Zeit an.

„Und was hast du jetzt vor?“, wollte er wissen.

„Erst einmal ein zweites Frühstück.“

„Ein zweites Frühstück? Hast du nicht genug bekommen?“

„Nein, aber ich hätte Lust auf ein deutsches Frühstück und ich kenne da einen Ort in Seoul, wo man das bekommt!“

„Ich glaube, den kenne ich zwar auch“, lächelte Jae-Joong, „aber ich denke, wir sollten da etwas Neues ausprobieren?“

„Etwas Neues?“

„Ja, nachdem wir diese Bäckerei besucht hatten und mir das gut schmeckte, hab ich mich im Internet schlau gemacht und wollte wissen, wo es in Seoul noch deutsches Essen zu finden gibt.“

„Und fündig geworden?“

„Oh ja! Du wirst nicht glauben, wie viele Cafés und Restaurants deutsches Essen hier anbieten.“

„Ich wäre mit einem Frühstück erst mal zu frieden.“

„Dann fahren wir zum „The bakers table“.“

„Interessanter Namen!“

Wenig später saßen wir beide in einem der Wagen des Hauses und fuhren Richtung Innenstadt. Ohne Jae-Joong wäre ich wohl wieder aufgeschmissen gewesen und hätte mich per Computer erst informieren müssen, wo ich hinmusste und welche öffentlichen Verkehrsmittel ich hätte nutzen müssen.

Dieses Mal hatten wir sogar mit dem Parkplatz Glück, denn direkt vor diesem Laden wurde gerade etwas frei. Von außen sah der Laden recht schlicht aus, aber als wir eintraten, kam mir schon dieser altbekannte Duft von Brot und frisch gebackenen Brötchen entgegen.

Das Geschäft war recht voll und ich war froh, dass wir noch einen Platz fanden. Ich machte eine innerliche Notiz, doch wieder das nächste Mal die andere Bäckerei aufzusuchen, denn es war auch dementsprechend laut.

Versöhnlich war ich, als ich die Speisekarte sah. Hier war Frühstück, Bruch und Mittagessen möglich. Als ich Currywurst mit Pommes lass, war es um mich geschehen, wie lange hatte ich das schon nicht mehr gegessen.

„Hast du dich schon entschieden?“, wollte Jae-Joong wissen.

„Oh ja! Ich nehme Currywurst!“ lachte ich in an.

„Ist das gut?“

„Wenn du eine schmackhafte Wurst magst mit Currysoße und Pommes…, dann ja.“

„Okay, dann schließ ich mich dir an.“

Ich musste noch mehr lachen, als ich zur Frühstücktheke schaute und dort Nutellagläser entdeckte. Eine Bedienung kam und fragte, was wir wollten. Sie schien nicht gut drauf zu sein, denn sie kam mir etwas unfreundlich vor.

Jae-Joong gab unsere Bestellung auf und schon war sie wieder verschwunden.

„Freundlich war das ja nicht gerade“, raunte ich Jae-Joong zu.

„Wenn du nicht viel für deine Arbeit bekommst, ist es auch mit der Höflichkeit nicht weit.“

„Ich bin es hier bisher, halt etwas anders gewohnt.“

Jae-Joong lächelte.

„Das liegt wohl daran, dass du mit uns in unserem Bekanntenkreis verkehrst, da geht es doch etwas anders zu.“

„Mag sein, aber wenn ich an Onkel Sung-Ja und Tante Min-Ri denke, die sind immer freundlich! Das ist auch ein ganz normales Geschäft.“

„Wie gesagt, es kommt immer auf die Umstände an.“

Ich besann mich auf den eigentlichen Grund unseres hier seins.

„So. es ist zwar nicht mehr ganz so laut, wie in der Wohnung, aber leise ist etwas anderes. Sagst du mir jetzt, was dein Herz bedrückt?“

Jae-Joongs Lächeln verschwand und sein Blick wurde etwas traurig.

„Was ist los? Hm?“

Eine Träne rann über seine Wange.

„Es ist… es ist wegen zu Hause…, da läuft alles aus dem Ruder.“

„Wegen deinem Vater?“, vermutete ich.

Jae-Joong nickte und schaute auf. Sein Blick war glasig.

„Die Scheidung zerreißt die Familie…“

„Ähm… passiert es nicht oft, dass eine Familie daran kaputt geht?“

„So meine ich das nicht… Das ich hinter meiner Mutter stehe, ist klar. Aber Kang-Hee meine Schwester macht Mutter schwere Vorwürfe, als wäre sie die Schuldige.“

„Kang-Hee, das kann ich mir gar nicht vorstellen.“

„Und natürlich Vaters Bruder, Seung-Hyun! Er meint doch tatsächlich, es wäre doch normal, dass Leute in Vaters Position immer Affären haben.“

„Was?“

„Für die Bemerkung hat er jetzt Krach mit seiner Frau Tan-Hee, sie hat die Koffer gepackt und zu ihrer Schwester ausgewandert.“

„Oje. Und was ist mit deiner Großmutter.“

Jae-Joong lächelte etwas.

„Die hat sogar mich überrascht. Sie ist böse auf ihren Sohn und hat Kang-Hee den Kopf gewaschen, was ihr einfällt, in so einem Ton mit ihrer Mutter zu sprechen.“

Wenigstens etwas, aber das machte die Situation, welche die Familie in zwei Gruppen spaltete, nicht besser.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll, um die Lage zu verbessern.“

„Ich denke… hm…, du kannst nur weiterhin zu deiner Mutter halten und ihr so gut helfen, wie du kannst. Was anderes fällt mir gerade dazu nicht ein. Was deine Schwester betrifft, kannst du nur immer den großen Bruder raus hängen lassen und sie, wie deine Großmutter, in ihre Schranken weisen.“

Jae-Joong nickte, sagte aber nichts dazu, weil unser Essen gebracht wurde. Ich hätte nie gedacht, dass das mit Jae-Joongs Vater solche Dimensionen annimmt. Gut jede Scheidung hat ihre Folgen, aber bisher war sie nur angekündigt und es gab schon solchen Streit.

„Möchte deine Mutter in dem Haus wohnen bleiben?“

„Das Haus gehört ihr!“, antwortete Jae-Joong und schob sich das erste Stück seiner Currywurst in den Mund.

Er begann zu lächeln.

„Lucas, ich muss öfter mit dir Deutsch Essen gehen, das schmeckt einfach nur geil!“

Wenigstens konnte ich etwas seine Laune heben.

*-*-*

Nachdem wir den Laden verlassen hatten, stiegen wir wieder in den Wagen. Jae-Joong hatte es so gut geschmeckt, dass er sich gleich noch eine zweite Portion nachbestellte. Der Wagen war jetzt abgekühlt und dementsprechend fröstelte es mich, als ich Platz genommen hatte.

„Wo fahren wir jetzt hin? Zu So-Wois Firma, oder jemand besuchen… deine Großeltern?“

„Zu meinen Großeltern können wir später noch fahren, wenn wir wollen und wen soll ich denn besuchen, ich kenne hier niemanden gut genug, um ihn besuchen zu können.“

„Aber ich kenne viele!“, lächelte Jae-Joong und zückte sein Handy hervor.

„Wen rufst du jetzt an?“

„Lass dich überraschen!“

Ja, für Überraschungen war Jae-Joong schon immer gut. So versuchte ich zu lauschen, mit wem er jetzt telefonieren wollte.

„Hi Jae-Joong hier… ja mich gibt es noch… seit ich bei So-Woi angefangen habe, habe ich einiges zu tun… ja sicher, kann mal fragen, So-Woi ist sicher interessiert…, wo steckst du gerade?“

Bisher gab es keinerlei Hinweise, mit wem Jae-Joong da gerade sprach, außer dass dieser jemand männlich sein musste, was würde sonst So-Woi erwähnt.

„… wirklich? Kann ich vorbei kommen, das wollte ich mir schon immer mal ansehen…kein Problem, ich bring auch jemanden mit… Lucas natürlich.“

Jae-Joong sah zu mir herüber und grinste mich an.

„… das kannst du ihn dann selbst fragen… wo muss ich hin?“

Noch während des Gesprächs gab Jae-Joong eine Adresse in das Navi ein.

„… ja, also bis gleich…Bye!“

Er ließ sein Handy verschwinden und startete den Motor.

„Was will mich wer fragen?“

Ich war neugierig, aber mein guter Freund grinste mich nur weiter an.

„Abwarten, dass wirst du gleich selbst sehen!“

Und schon zog Jae-Joong zügig aus der Parklücke. Gefühlt, fuhren wir quer durch die ganze Stadt, aber das Navi sagte mir etwas anderes. Ich war froh, als wir endlich in einen ruhigeren Bereich kamen und der Verkehr deutlich abnahm.

Laut dem Navi hatten wir das Ziel schon fast erreicht, so reckte ich mich, um vielleicht einen eindeutigen Hinweis zu finden, denn Jae-Joong verriet immer noch nicht, zu wem wir fuhren. Außer ein paar Geschäften, war dies hier ein normales Wohnviertel. Vor einem dieser Läden befuhr Jae-Joong die Parktasche.

„Wir sind da…, bitte aussteigen“, meinte er grinsend und öffnete bereits seine Tür. Ich löste meinen Sicherheitsgurt und folgte ihm nach draußen. Aber anstatt auf mich zu warten, lief er direkt auf ein Geschäft zu, dass Spielzeug in seiner Auslage hatte.

Was wollte er jetzt in dem Spielzeugladen? Bei näherem Hinsehen, konnte ich aber entdecken, dass es sich eigentlich nur um ein und dieselbe Stoffpuppe handelte, grün, heftig grün und sollte wohl eine Katze darstellen. Jae-Joong blieb vor dem Schaufenster stehen.

„Das ist Ok-Cat und die hat jemand erschaffen, den du kennst!“

„Den ich kenne?“, fragte ich und schaute an ihm vorbei in die Auslage.

Dort war alles vertreten, was man als Fanartikel bezeichnen konnte. Die Katze selbst als Figur in verschiedenen Größen, oder der Kopf als Kissen, Nackenschoner, Tassen, sogar in Langversion, damit man sie an die Tür legen konnte, dass es nicht mehr so zieht.

„Ja, klar kennst du ihn“, sagte Jae-Joong und schob die Tür auf.

Mein Blick wanderte noch einmal kurz über die Auslage, dann folgte ich ihm ins Geschäft. Waren draußen im Fenster viele Dinge, hier im Laden quollen die Regale über und alles in diesem Grün.

„Hallo ihr beiden“, hörte ich eine mir bekannte Stimme und ich drehte mich in die Richtung, aus der diese angenehme Stimme kam.

„Hallo Taecyeon“, begrüßte Jae-Joong den Sänger von 2pm. Mit großen Augen fixierte ich kurz den Schönling der Boygroup. Eigentlich war diese Bezeichnung nicht mehr aktuell, wo die Jungs alle auf die dreißig zugingen.

Taecyeon hatte bereits eine drei davor. Natürlich war mir sofort aufgefallen, dass er eine Brille trug, die ich bisher noch nicht an ihm gesehen hatte und seine leicht abstehenden Ohren waren heftig rot.

Beide schüttelten sich die Hände. Dann zeigte er auf mich.

„… und wie versprochen…, Lucas.“

„Hallo Lucas“, sagte Taecyeon und streckte mir die Hand entgegen.

„Hallo Taecyeon…“, meinte ich nun und schüttelte seine Hand…, „dass ist also alles deines!“

„Ja!“

„Wie kommt man auf so etwas?“

„Solange ich Taecyeon kenne, hat er diesen Kater gemalt und dafür viele Lacher kassiert…“, erklärte Jae-Joong, „…und irgendwann ist die Geschäftsidee entstanden, sie zu vermarkten und wie du siehst, es läuft!“

Ich drehte mich einmal um meine eigene Achse und ließ mein Blick über die gefüllten Regale wandern.

„Alle Achtung!“, meinte ich nur und schaute wieder in dieses sympathische Gesicht des Sängers, das wieder lächelte.

„Danke schön!“, meinte Taecyeon und verbeugte sich leicht.

Wie immer war es mir unangenehm, auch weil ich wusste, dass er älter war als ich. Taecyeons Lächeln verschwand und er schaute fragend zu Jae-Joong.

„Habe ich etwas falsch gemacht?“

Jae-Joong begann zu lachen und schüttelte den Kopf.

„Nein, keine Sorge, Taec, er kennt das nicht und findet es auch nicht Recht, wenn sich jemand älteres vor ihm verbeugt, das ist ihm unangenehm.“

„Das tut mir leid, davon wusste ich nichts…“ entschuldigte sich Taecyeon.

Bevor das ganze ausuferte, redete ich einfach drauf los.

„Kein Problem, Taecyeon! In Deutschland gibt es so etwas nicht. Eigentlich müsste ich mich verbeugen, denn du bist älter und bekannter als ich.“

Jae-Joong kicherte natürlich wieder und Taecyeon hob abwehrend die Hände.

„Gib es auf Taec, Lucas ändert seine Meinung nicht, du hast keine Chance.“

Verlegen kratzte sich Taecyeon am Hinterkopf.

„So und nun sag, warum wir hier her kommen sollten, was gibt es so spannendes Neues?“

Fragend schaute ich beide an. Taecyeon umrundete die Verkaufstheke und zog bückend etwas hervor.

„Was ist das denn?“, fragte Jae-Joong und ich dachte es.

„Yeon Cat, die neue Gefährtin von Ok Cat“, antwortete Taecyeon.

In Händen hielt er eine pinke Katze, deren Deckhaare und Ohren lila waren.

„Die ist aber süß“, meinte Jae-Joong, griff sie sich und begann sie ordentlich zu drücken.

Taecyeon grinste wieder. Ich hoffte mein Desinteresse an diesen Stofftieren fiel nicht so sehr auf.  Ich sah an Taecyeon vorbei und erblickte hinter ihm eine Fotowand.

„Was ist das?“, meinte ich und zeigte zu den Fotografien.

„Freunde oder Showgrößen, die sich mit meinem Kater haben ablichten lassen“, antwortete Taecyeon.

„Darf ich?“

Er nickte, machte einen Schritt zur Seite und hob einladend die Hand Richtung Fotografien. Jae-Joong folgte mir natürlich. Natürlich erkannte ich einige Gesichter und wunderte mich, wer sich da alles hatte fotografieren lassen. Bei einer Fotografie blieb ich dann aber hängen.

„Woher kenn ich den…“

„Wer?“, fragte Jae-Joong neugierig und ich zeigte auf das Bild.

„Kenne ich nicht“, meinte Jae-Joong nur und wanderte an der Fotowand weiter.

„Das ist Lee Kun-Yong, seine und meine Eltern sind befreundet. Er hat sich mal als Fashiondisigner probiert, war aber nie erfolglos. So-Woi müsste ihn kennen, sein Vater geht oft mit Kun-Yongs Vater golfen. Aber was hast du mit ihm zu tun?

Jetzt klingelten alle Alarmglocken im Kopf. Jetzt wusste ich, warum mir dieser Typ bekannt vorkam. Das war der Kerl, dessen Fotografie mir Juen zeigte, als er meinte, den Bildermacher von Soo-Ri gefunden zu haben.

„Nichts… ich weiß nicht, warum mir das Gesicht bekannt vorkommt“, log ich, „er hat also auch Mode gemacht…“

Das hatte ich jetzt aber eher zu mir selbst gesagt.

„Versucht, es ist nie etwas von ihm erschienen“, erzählte Taecyeon, „zu alttäglich… langweilig und vor allem viel zu teuer, dagegen sind So-Wois Sachen Billigware.“

„Doch so teuer…, lass So-Woi das mal nicht hören“, meinte ich und lächelte etwas.

Langsam fügten sich die Puzzleteile zusammen. Da war die Verbindung zu So-Wois Vater.

„Alles in Ordnung?“, fragte Jae-Joong besorgt, „du bist auf einmal so blass.“

Nun schaute mich Taecyeon auch durchdringend an.

„Möchtest du dich setzten, oder ein Glas Wasser“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf.

„Tut mir leid…, die letzten Tage, waren etwas anstrengend für mich. Ich dachte nicht, dass mir das so nach hängt“, log ich.

„Hyun-Woo killt mich, wenn er erfährt, dass es dir unter meiner Obhut nicht gut geht!“, sagte Jae-Joong ernst.

„Jetzt übertreib mal nicht! Lass uns einfach wieder heimfahren und gut ist.“

„Schade“, meinte Taecyeon nur.

„Entschuldige Taecyeon, es war nett hier dass zu sehen und ich werde bestimmt, wenn es mir besser geht, wieder kommen, denn ich denke, dieser Kater gefällt meiner Schwester sicher auch.“

Da stand ein Muskelpaket wie Jack vor mir, gleiche Größe und nickte verschüchtert und lächelte.

Im Nu zauberte er je einen grünen Kater und eine weitere pinke Katze hervor und reichte sie mir.

„Für dich“, lächelte er.

„Das kann ich doch nicht annehmen…“

„Doch bitte…, das wäre mir eine Ehre…“

Ich gab auf und nahm die Tiere entgegen.

„Vielen Dank“, meinte ich und verbeugte mich leicht.

Nun lächelte er wieder.

„Warum ist hier heute eigentlich kein Betrieb, sonst ist hier doch immer voll?“, fragte Jae-Joong.

Jetzt, wo Jae-Joong das erwähnte, fiel mir das auch auf.

„Heute ist geschlossen! Ich habe nur für euch geöffnet.“

*-*-*

Ich saß wieder im Wagen neben Jae-Joong, mit diesen Katzen im Arm.

„Taecyeon hat mich gefragt, ob ich bei So-Woi mal vorfühlen würde, ob er mit dir Werbung machen dürfte.“

„Warum frägt er dann nicht mich, sondern will das von So-Woi wissen?“

„Weil du So-Wois Modell bist!?“

„Das heißt aber doch nicht, dass So-Woi einfach über mich bestimmt kann!“, meinte ich nun leicht angepisst.

„Steht das nicht im Vertrag?“

„Nicht in meinem!“

„Aha…, bist du jetzt böse auf mich?“, fragte Jae-Joong.

Ich atmete tief durch und versuchte wieder normal zu klingen.

„Entschuldige… Jae-Joong, war nicht so gemeint. Würdest du mir ein Gefallen tun und mich in die Firma bringen?“

„Ich dachte, du wolltest nach Hause, weil dir nicht gut ist.“

„Nein, ich wollte gleich in die Firma, wollte es aber nicht vor Taecyeon sagen.“

„Tut mir leid, war eine blöde Idee dich zu Taecyeon zu schleifen.“

„Taecyeon hat damit nichts zu tun, auch nicht, die Anstrengungen in den letzten Tagen. Fahr mich bitte einfach in die Firma und du wirst den Grund meines Unwohlseins erfahren!“

Jae-Joong nickte Wortlos und gab Gas.

*-*-*

Ich war so in meinen Gedanken versunken, dass ich nicht richtig mitbekam, dass wir das Grundstück der Firma befuhren.

„Und du bist dir sicher, dass wir nicht lieber nach Hause fahren sollten? Du siehst wirklich nicht sonderlich gut aus.“

Ich sah zu Jae-Joong.

„Geht schon, ich versprech dir, danach lege ich mich sofort hin.“

Mein Gegenüber lächelte gequält und verließ den Wagen. Mühsam folgte ich mit den zwei Katzen im Arm.

Im Haus öffnete mir Jae-Joong die Tür zum Treppenhaus.

„Lass uns den Aufzug nehmen bitte…“, bat ich ihn.

„Dir scheint es wirklich schlecht zu gehen, wenn du sogar den Aufzug nimmst!“

Ich winkte ab und wartete, dass sich die Fahrstuhltür neben mir öffnete. Etwas später war ich froh, dass Ding wieder zu verlassen und mit Hilfe von Jae-Joong kam ich auch im Büro von So-Woi und Hyun-Woo an.

Der Boden unter meinen Schuhen fühlte sich plötzlich so weich und wackelig an. Als die drei Sekretärinnen mich sahen, standen sie sofort auf, aber Jae-Joong winkte ab und meinte, sie sollen sich wieder setzten. Er führte mich direkt zu Hyun-Woo ins Büro.

„Mein Gott Lucas…“, sagte mein Schatz und war aufgesprungen.

Jae-Joong führte mich zur Couch, auf der ich mich niederließ. Das tat gut. Jae-Joong machte sich an meinen Schuhen zu schaffen, während sich Hyun-Woo besorgt neben mir hinkniete.

„Schatz, was ist passiert?“

Er fühlte mit seiner Hand an meiner Stirn.

„Sind irgendwelche Fans über dich hergefallen…“

Fragend schaute ich ihn an.

„…wie …wie kommst du da drauf. Mir ist einfach nur etwas schwindelig.“

„Ähm… wegen dem OK Kater, hast du den nicht irgendwo gekauft?“

„Nein, wir ich war mit Lucas bei Taecyeon im Laden und hat die beiden geschenkt bekommen“, erklärte Jae-Joong, der nun erfolgreich meine Schuhe ausgezogen und sie neben die Couch gestellt hatte.

„Und das hat dich so sehr mitgenommen?“, fragte Hyun-Woo verwundert.

Ich schüttelte den Kopf, was ich aber sofort bereute. So-Woi kam ins Büro gestürmt, dicht gefolgt von Jack und den Sekretärinnen.

„Juhee sagte Lucas geht es schlecht, was ist passiert?“

Das war mir jetzt aber sehr peinlich. Ich winkte ihm gequält lächelnd zu.

„Ähm…, ich glaube jetzt Bescheid zu wissen…, wie dein Vater an deine Entwürfe kam und sie Jae-Joongs Vater angeboten hat…“

„Was?“

*-*-*

Ich entschuldigte mich bei den Sekretärinnen mehrfach und bat sie uns alleine zu lassen, denn ich wollte auf keinen Fall´, dass sie mitbekamen, dass Soo-Ri in die Sache involviert war.

Mein Schatz hatte ihm einfach eine andere Aufgabe gegeben und war somit für die drei Damen nicht erreichbar.

Hyun-Woo hinderte mich daran, mich auf zusetzten und Jae-Joong kam mit einem Tablett Teetassen zurück, er war den Sekretärinnen gefolgt. Er stellte mir als erstes eine Tasse hin.

„So, was meintest du damit, du weißt wie das mit meinem Vater gelaufen ist?“, fragte So-Woi als Jae-Joong sich ebenso gesetzt hatte.

„Darf ich?“, fragte ich Hyun-Woo und zeigte auf die Teetasse.

Er nickte lächelnd und reichte sie mir. Ich hob den Kopf und schlürfte etwas heißen Tee. Langsam aber sicher kam meine Kraft zurück.

„Tut das gut…“

Hyun-Woo gab ich die Tasse zurück, der sie wieder auf den Tisch stellte. Nun setzte ich mich doch auf, ich kam mir liegend blöd vor, wenn alle anderen saßen. Den Protest von Hyun-Woo überging ich einfach.

„Sagt dir der Name…“, ich überlegte kurz, „… Lee Kung-Yong etwas?“

So-Woi schien zu überlegen.

„Geht dessen Vater nicht mit deinem Vater golfen?“, fragte Jack.

„Stimmt…, kennen ist zu viel gesagt, wir haben uns ein paar Mal im Sender gesehen…, warum fragst du?“

„Lass mich bitte eins nach dem anderen erklären. Ich war mit Jae-Joong unterwegs und er hat mir den Laden von Taecyeon gezeigt.“

„Ach so, deswegen der OK Kater“, meinte So-Woi und nahm entsprechendes Tier in die Hand.

„Ja, die habe ich von Taecyeon geschenkt bekommen…, aber dort im Laden ist mir noch etwas anderes aufgefallen. Dort befand sich eine Fotowand, mit Showgrößen, die sich mit diesem Teil haben fotografieren haben lassen. Da habe ich auch diesen Lee Kung-Yong gesehen…“

„Lee Kung-Yong ist weder eine Showgröße noch irgendwie sonst bekannt. Die Familie hat viel Geld, das ist auch das einzige, mit was diese Familie prahlen kann. Aber was hat das mit meinem Vater zu tun?“

„Juen war doch mit Soo-Ri bei der Polizei und haben sich gemeinsam die Berichte von damals angesehen.“

So-Woi nickte.

„Er hat mir auf seinem Handy Bilder gezeigt, von denen, die daran beteiligt waren, Soo-Ri vergewaltigt haben…“

Jae-Joong riss seine Augen auf und sah mich fassungslos an. Scheiße, er wusste das ja nicht. Aber daran konnte ich jetzt auch nichts mehr ändern und redete einfach weiter.

„… und da ich nie Gesichter vergesse, habe ich Lee Kung-Yong wieder erkannt!“

Geschockt sahen mich nun auch die anderen an.

„Wusstest du, dass dieser Kung-Yong sich auch an Mode probiert hat und damit keinen Erfolg hatte?“

So-Woi schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ich denke…, Kung-Yong hat die Fotos damals gemacht und die Gelegenheit genutzt, jetzt Soo-Ri damit zu erpressen. Als er deine Entwürfe dann endlich hatte, ist er zu deinem Vater gegangen und hat sie als seine Entwürfe ausgegeben. Ich gehe einfach mal davon aus, dass dein Vater deine Entwürfe nicht kennt und diese dann unter sein Label gesetzt und Jae-Joongs Vater angeboten hat!“

Es herrschte Stillschweigen im Raum. Jeder schien darüber nach zudenken, was ich gerade gesagt hatte.

„Soo-Ri… vergewaltigt…?“, unterbrach Jae-Joong die Stille.

Ich nickte.

„Aber bitte rede mit keinem darüber! Außer uns hier und mein Onkel… Juen, weiß das niemand!“

Jae-Joong nickte und So-Woi ließ sich nach hinten fallen.

„Das hätte ich jetzt echt nicht gedacht…“

„Wer jemand vergewaltig, davon Bilder macht…, hat sicher auch keine Skrupel, fremde Entwürfe als seine auszugeben!“, sagte Jack leise und mein Schatz nickte.

„Und das hat dich jetzt so mitgenommen?“, fragte Hyun-Woo.

Verlegen nickte ich.

„Zu wissen, dass jemand euch Bekanntes, der in euren Kreisen verkehrt, mit Soo-Ri’s Vergewaltigung zu tun hat und ungestraft davon gekommen ist… sorry, das krieg ich einfach nicht in meinen Kopf.“

Jae-Joong war bleich geworden, sagte aber nichts mehr. Hyun-Woo streichelte sanft über meinen Nacken.

„Das kriegt niemand von uns…“, meinte er nur.

„Was machen wir jetzt?“, wollte ich wissen.

*-*-*

Hyun-Woo hatte es selbst übernommen mich nach Hause zu bringen. Eine Lösung des Problems mit Soo-Ri hatten wir natürlich nicht gefunden. In So-Wois Haus endlich angekommen, waren die Bauarbeiter gerade dabei, die Wohnung zu verlassen. Die Wohnung sah zwar oberflächlich sauber aus, aber wenn man genau hinsah, war alles durch den Baudreck eingestaubt.

Mein Blick wanderte zu Hyun-Woo, der etwas verzweifelt drein schaute und seufzte. Ich war weiter gelaufen und linste durch die Plastikplane, die die Baustelle verdeckte. Wo bisher, einer unserer größeren Topfpflanzen gestanden hatte, war jetzt ein großes rundes Loch in der Decke. Nach oben konnte man aber dennoch nicht schauen, die Sicht wurde von Brettern verdeckt.

„Hat So-Woi eigentlich gesagt, wie lange die hierfür brauchen?“, wollte ich wissen und sah, dass Hyun-Woo einen Putzlappen in der Hand hatte und über die Arbeitsfläche der Küche wischte.

„Du willst doch nicht jetzt die ganze Wohnung putzen… Morgen kommen die doch wieder.“

„Ich mach nur hier sauber, wo ich kochen möchte, die Wohnung kann der Raumservice nach Beendigung der Bauarbeiten putzen. So-Woi meinte übrigends drei, vier Tage, dann wär alles fertig. Geht es dir jetzt wenigstens wieder etwas besser?“

„Mir ging es vorhin in der Firma schon besser, als du bei mir gesessen bist“, lächelte ich.

Er seufzte und stützte sich auf die Arbeitsfläche.

„Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wie Soo-Ri das alles verkraftet hat?“, sagte mein Schatz plötzlich, „schon daran zu denken, lässt es mir kalt den Rücken herunter laufen.

„Ich verstehe, was du meinst…, ich glaube nicht, dass ich das so gut wegstecken könnte.“

„Von gut wegstecken ist Soo-Ri noch weit entfernt, sonst wäre er nicht sofort zusammengebrochen, als wir ihn wegen KBS angesprochen hatten. Er versucht höchstens nach außen den Schein zu wahren und selbst das gelingt ihm nur sehr mühsam. Hast du eigentlich bemerkt, wie zurückhaltend er immer war, oft zusammen gezuckt ist?“

„Ich habe das eigentlich auf seine Schüchternheit geschoben, aber wenn man die Hintergründe kennt…“

Hyun-Woo hatte es wohl aufgegeben, seine Küche reinigen zu wollen. Er hatte den Lappen ins Wachbecken geworfen und zu mir gelaufen. Wieder schaute er sich um.

„Sollen wir die Couch vom Plastik befreien, oder gehen wir gleich ins Schlafzimmer?“, fragte ich.

„Also Lust habe ich keine…, gehen wir gleich ins Schlafzimmer.“

Er schnappte sich meine Hand und zog mich Richtung unseres Schlafgemachs. Grinsend ließ ich mich ins Zimmer ziehen und schloss hinter mir die Tür. Doch mitten in seiner Bewegung stoppte er plötzlich.

„Wollte Juen heute Abend nicht vorbei kommen?“

Hyun-Woo hatte Recht, das hatte ich schon wieder vergessen.

„Was machen wir jetzt?“, fragte ich.

„Entweder, wir treffen uns bei ihm…“

„Au fein, ich habe seine Wohnung noch nicht gesehen!“

„… oder wir gehen essen, denn ich habe keine Lust, in dieser Küche etwas zuzubereiten!“

Ich nahm Hyun-Woo in den Arm. Natürlich war es ihm zu viel Er saß jeden Tag im Büro und kümmerte sich hier um den Haushalt und die Mahlzeiten. Jegliche Versuche meinerseits, ihm mehr zu helfen, blockte er aber immer ab.

Zudem stand alles vor Dreck, da machte Kochen wirklich keinen Sinn, bevor alles sauber gemacht war.

„Musst du auch nicht, ich ruf einfach bei Juen an und frag was Sache ist“, meinte ich und drückte ihm einen Kuss auf die Nase.

Eine viertel Stunde später waren wir auf dem Weg in die Tiefgarage. Unten angekommen, öffnete sich die Tür und nicht wie erwartet standen da Juen und Soo-Ri, sondern Jae-Joong. Seine Augen waren rot und sonst sah er auch total fertig aus.

„Jae-Joong…?“, kam es von Hyun-Woo leicht entsetzt.

„Jae-Joong, was ist mit dir?“, fragte ich noch, bevor er mir in die Arme viel und weinte.

Fragend schaute ich zu Hyun-Woo, der aber nur mit der Schulter zuckte. Sanft drückte ich Jae-Joong von mir weg und versuchte ihm in die Augen zu schauen. Hyun-Woo hielt ihm ein Papiertaschentuch entgegen.

Jae-Joong nahm es und putzte sich erst einmal die Nase. Dann atmete er tief durch, bevor er aufsah.

„Entschuldigt…, aber das macht mich einfach fertig.“

Das Geräusch des Fahrstuhls sagte mir, dass er wieder nach oben fuhr und somit wohl gleich Juen mit Soo-Ri erscheinen würde.

„Was meinst du?“, fragte Hyun-Woo.

„Dass…, das mit Soo-Ri…“

Wie war denn der plötzlich drauf. Gut, mir war die Sache auch nach gegangen und auch mein Limit hatte sich wieder bemerkbar gemacht, aber so heftig wie bei Jae-Joong, war es nun doch nicht.

Ich schielte zum Fahrstuhl und sah, wie die Nummern Richtung eins zählten.

„Hast du schon etwas gegessen?“, fragte ich.

Jae-Joongs Augen wurden plötzlich groß und sah mich fragend an.

„Ähm… nein, aber ich habe kein Hunger.“

„Egal, du gehst trotzdem mit! Keine Widerrede!“

„…wohin, wenn ich fragen darf?“

„Wir gehen mit Juen und Soo-Ri essen!“

Der Gong des Fahrstuhls war zu hören und die Tür öffnete sich.

*-*-*

„Findest du, das war eine gute Idee?“, flüsterte mir Hyun-Woo zu, als wir den Wagen vor dem Restaurant verließen.

„Jae-Joong braucht unsere Hilfe und die anderen beiden, möchte ich nicht vor den Kopf stoßen!“

Hyun-Woo nickte darauf nur.

„Versprich mir aber, dass du dich zurück hältst, okay?“

Ich nickte ihm zu und lächelte. Gemeinsam betrat unser kleiner Trupp das Restaurant. Das wir eine Person mehr waren, schien kein Problem, schnell war für Jae-Joong eingedeckt worden. Nun studierte jeder die Karte, so war es am Tisch still.

„Hast du etwas gefunden?“, hörte ich Juen leise Soo-Ri fragen.

„Ja, ab das ist alles so teuer hier“, flüsterte Soo-Ri neben mir zurück.

Ich legte meine Hand auf seine und er zuckte wieder etwas zusammen. Daran musste ich mich wohl gewöhnen, dass dies noch lange so sein würde.

„Du bist unser Gast, Soo-Ri und du kannst essen was du möchtest!“, meinte ich ebenso leise.

Verschüchtert nickte er und ich ließ seine Hand wieder los.

„Kann ich die Bilder haben?“, fragte Jae-Joong plötzlich in die Stille.

Soo-Ri ließ vor Schreck seine Karte fallen.

„Jae-Joong!“, meinte Hyun-Woo entsetzt.

„Was soll das?“, kam es ärgerlich von Juen.

Ich war einfach sprachlos, über das, was Jae-Joong da gerade von sich gegeben hatte. Dieser hob abwehrend die Hände. Seine Augen waren wieder glasig geworden und ich verstand jetzt gar nichts mehr.

„Entschuldigt…, meine Frage…“, er senkte den Kopf und atmete tief durch.

Er schaute auf und direkt in Soo-Ris Gesicht.

„Soo-Ri…, mir ist Ähnliches passiert und ich möchte dir einfach nur helfen!“

Ihm war Ähnliches passiert? Am Tisch war es völlig ruhig und es war gut, dass wir etwas abseits saßen, so, dass niemand etwas von dieser Sache etwas mitbekam. Tränen rannen über Jae-Joongs Gesicht.

„Ähnliches?“, kam es nun von Juen, der wohl als erstes seine Worte wieder gefunden hatte.

Jae-Joong nickte verlegen.

„Aber…, ich bin selbst daran schuld.“

Mir fiel plötzlich unser Abenteuer unter der Dusche ein, als wir uns kennen gelernt hatten.

„Ich möchte kurz auf die Toilette“, meinte ich und stand auf.

Wohl etwas hastig, denn mein Stuhl kippte nach hinten und knallte auf den Boden, Natürlich hatte ich jetzt die Aufmerksamkeit des ganzes Restaurants.

„Entschuldigt!“, meinte ich, hob den Stuhl auf und suchte die Toiletten auf.

„Lucas?“, hörte ich noch Hyun-Woos Stimme, aber ich reagierte nicht darauf.

Ich stürmte durch die Tür und drückte sie hinter mir zu. Was hatte ich da getan? Wir hatten Sex unter der Dusche und er hatte nichts gesagt. Warum? Übelkeit stieg in mir hoch und ich suchte die nächste Kabine auf.

Natürlich übergab ich mich, denn das war jetzt wirklich zu viel und ließ das Fass überlaufen. Nur wage spürte ich eine Hand auf dem Rücken.

„Lucas, mein Gott…“, hörte ich wie durch Watte Hyun-Woos Stimme.

Als nichts mehr kam und es einfach nur noch schmerzte ließ ich mich neben der Toilettenschüssel auf den Boden fallen. Hyun-Woo war neben mir auf die Knie gegangen und nahm mein Gesicht in seine Hände. Ich konnte nicht anders und fing an zu weinen.

„Was… habe ich…nur getan?“, stammelte ich und sah verzweifelt zu Hyun-Woo.

„Lucas steht auf, du kannst hier nicht sitzen bleiben!“, meinte dieser nur und zog mich hoch.

Beschwerlich, ohne irgendwo weiteren Halt zu finden, versuchte ich aufzustehen. Hyun-Woo zog mich zum einer der Waschbecken, nahm eins der Tücher, die dort lagen, befeuchtete es und wischte mir damit über den Mund.

„Wir fahren nach Hause und du gehst ins Bett, mir reicht es jetzt, Lucas.“

Obwohl ich Mühe hatte, mich richtig auf den Beinen zu halten, versuchte ich ab zu winken. Ich versuchte wieder normal zu atmen und meine Stimme zu finden. Ich sah in einer Ecke einen Stuhl stehen und wankte in seine Richtung. Dort angekommen ließ ich mich darauf fallen und vergrub mein Gesicht in meinen Händen.

„Es tut mir leid, Hyun-Woo…, ich habe glaube ich… einen riesen Fehler begangen.“

„Einen Fehler?“, fragte Hyun-Woo, ging vor mir in die Hocke und nahm meine Hände in die seinen.

Ich schaute nach oben und atmete tief durch, denn bisher hatte ich das ja verschwiegen. Aber es war bevor ich Hyun-Woo überhaupt richtig kennen gelernt hatte. Trotzdem schaute ich ihm verlegen in die Augen.

„An dem… Wochenende, als ich hier im Korea ankam, war ich doch bei den Chois untergebracht…“

Mein Schatz nickte.

„In Jae-Joongs Zimmer, der auch noch zu meiner Überraschung an diesem Wochenende Freigang bekam.“

„Das weiß ich doch!“

„Was du nicht weißt…“, ich senkte mit rotem Gesicht meinen Kopf, „… ich hatte Sex mit Jae-Joong.“

Ich traute mich nicht auf zuschauen, war aber darüber überrascht, plötzlich Hyun-Woos Hand in meinem Gesicht zu spüren, der es anhob.

„Auch das weiß ich“, sagte Hyun-Woo, mit sanfter Stimme und lächelte.

„Du weißt das?“, fragte ich geschockt.

Er nickte und lächelte weiterhin.

„Aber… aber…“

„Das war vor meiner Zeit Lucas und ich weiß du würdest mich nie mit einem anderen betrügen!“

Ich schüttelte den Kopf, als wollte ich sein Gesagtes bejahen wollen.

„Deswegen ist dir jetzt so schlecht geworden, weil du dachtest, ich weiß das nicht?“

„Nein“, antwortete ich und ich spürte meine Tränen aufsteigen, „es ist… ich hatte Sex mit ihm…, warum hat er nichts gesagt…, wenn er so… etwas Schlimmes erlebt hat?“

„Hast du ihn dazu gezwungen?“

„Nein Hyun-Woo, so etwas würde ich nie tun! Das musst du mir glauben!“

„Ganz ruhig, Lucas… hattest du das Gefühl, es war Jae-Joong unangenehm?“

Ich schüttelte den Kopf. Plötzlich kam die Erinnerung zurück, dass die ganze Sache von ihm aus ging.

„Deinem Gesicht nach zu urteilen, scheint dir bewusst zu werden, dass du nichts Schlimmes angestellt hast und die ganze Aktion eben umsonst war!“

Ich fiel Hyun-Woo um den Hals und fing an zu weinen.

„Ich glaube, ich bring dich wirklich nach Hause… ist besser so, die anderen werden es verstehen!“

Ich drückte mich von Hyun-Woo weg.

„Nein, ich will bleiben!“

„Bist du dir sicher?“

Ich nickte.

„Dann wäre es besser, du würdest dein Gesicht waschen, denn so lass ich dich nicht zu den andern.“

Etwas später kamen wir wieder an den Tisch zurück, auf dem bereits die Getränke serviert worden waren. Die Augen der anderen waren auf mich gerichtet.

„Entschuldige Lucas, wenn ich dich…“, begann Jae-Joong, aber ich winkte ab.

Hyun-Woo zog mein Stuhl zurück, bevor ich mich setzte, dann ließ es sich neben mir nieder.

„Nur eine Frage“, meinte ich zu ihm, „warum hast du nie etwas gesagt?“

Jae-Joong legte seine Stirn in Falten.

„… weil ich eigentlich dachte, ich wäre darüber weg und der Typ im Knast sitzt.“

„Wegen dir?“

„Nein, er hat noch mehr angestellt, als sich an mir zu vergehen.“

Verwundert war ich schon, dass Jae-Joong, nachdem er das verschwiegen hatte, nun so offen darüber reden konnte.

„Es ist nur alles wieder hochgekommen, als ich das über… Soo-Ri erfahren habe. Aber nicht… das was passiert war, sondern, weil die Typen ungestraft davon gekommen sind und ich auch noch eben diesen einen Typen kenne.“

„Und was willst du dann mit den Bildern?“, fragte Hyun-Woo.

Ich spürte, dass Soo-Ri neben mir zitterte und es überhaupt gut war, weiterhin darüber zu reden.

„Ich will die Typen bloß stellen…, ich habe Freunde, die sehr einflussreich im Internet unterwegs sind.

„Damit stellst du aber auch Soo-Ri bloß und das will keiner von uns!“, warf ich ein.

„Lucas, für wie blöd hältst du mich?“

Ich hob abwehrend die Hände.

„Man kann sein Gesicht unkenntlich machen und ich denke nicht, dass seinen Körper jemand erkennt!“

Mein Blick fiel automatisch auf Soo-Ri, der zusammen gesunken an Juen kauerte.

„Das lässt du schön bleiben, Jae-Joong, so etwas ist strafbar“, wand Juen ein.

„Strafbar? Wo bleibt das Recht auf freie Meinungsfreiheit?“, entgegnete Jae-Joong ärgerlich.

„Juen, bitte nicht…“, hörte ich Soo-Ri leise zu Juen sprechen, der wohl gerade wieder etwas sagen wollte.

Er griff nach seiner kleinen Tasche, die er immer bei sich hatte und zog den Briefumschlag heraus, den wir schon kannten. Dass er die immer bei sich hatte?

„Bitte… zeig es nur so vielen… wie es notwendig ist“, sagte Soo-Ri mit ruhiger Stimme und hielt Jae-Joong den Umschlag entgegen.

Jae-Joong nickte.

*-*-*

Die Nacht war sehr unruhig gewesen und obwohl ich in Hyun-Woos Armen lag, mehrfach aufgewacht. So war es nicht wunderlich, dass ich wie gerädert aufstand.

„Bleib doch liegen, Lucas“, sagte Hyun-Woo, der sich bereits anzog.

„Gleich kommen wieder die Bauarbeiter und es wird laut in der Wohnung. Ich frühstücke mit dir und fahre dann mit dir in die Firma, hier will ich nicht bleiben.“

„Soll ich dich zu deinen Großeltern fahren?“

„Nein ich will bei dir bleiben!“

„Okay…“, meinte Hyun-Woo nur.

Wenig später saßen wir im Wagen. Hyun-Woo hatte keine Lust, in der Wohnung zu frühstücken, denn dann hätten wir erst sauber machen müssen. So kam meine Idee mit der kleinen Bäckerei und den deutschen Backwaren gerade recht.

Juen war direkt zu seiner Dienststelle gefahren und Soo-Ri wurde von Jack mitgenommen. So saßen Hyun-Woo und ich alleine im Wagen. Tapfer kämpfte sich mein Schatz durch den morgendlichen Verkehr, aber ich sah ihm an, dass ihn irgendetwas beschäftigte.

„Über was denkst du nach?“, fragte ich.

Er seufzte leicht.

„Über Jae-Joongs Vorhaben…“

„Hast du Angst, es könnte doch jemand Soo-Ri erkennen?“

„Nein, das nicht. Ich denke eher über die Folgen nach.“

„Die Folgen? Was meinst du damit?“

„Schon darüber nachgedacht, wenn diese Bilder publik werden, dass zumindest einer weiß, woher die stammen?

„Wer außer uns…“, ich brach mitten im Satz ab, weil mit bewusst wurde, was Hyun-Woo meinte.

„Ich weiß nicht, wie dieser Lee Kong-Yung reagiert, der die Bilder geschossen hat und er bloß gestellt wird. Erpressung und Betrug sind eine Sache…, ich kann nur hoffen, dass er Soo-Ri nicht aufsucht, er weiß sicher, wo sich Soo-Ri tagsüber aufhält…“

„Aber er weiß nicht, wo Soo-Ri jetzt wohnt! Glaubst du wirklich, er würde Soo-Ri etwas antun?“

„Das weiß ich eben nicht und das beunruhigt mich. Ich will nicht, dass Soo-Ri etwas wegen dieser Aktion passiert.“

„Dann sollten wir mit Onkel Min-Chul reden.“

„Wieso mit dem?“

„Er soll Juen als Personenschutz für Soo-Ri abstellen.“

„Du und deine Ideen“, lächelte Hyun-Woo.

*-*-*

Als wir nach dem Frühstück in der Firma ankamen, schaute sich Hyun-Woo mehr um, als sonst.

„Denkst du, es ist nicht etwas verfrüht, sich umzuschauen?“, meinte ich beim Aussteigen.

Hyun-Woo zuckte mit den Schultern.

„Ich glaube nicht, dass Jae-Joong so schnell ist.“

„Da kennst du Jae-Joong schlecht! Ich kann mir vorstellen, dass er noch gestern Abend nach dem Essen zu seinen sogenannten Freunden gefahren ist.“

„Glaubst du wirklich, die sind so schnell?“

„Schauen wir doch einfach nach“, meinte Hyun-Woo.

Er legte seine Tasche auf die Motorhaube und zog sein iPad heraus. Ich stellte mich neben ihn, um besser sehen zu können. Ich sah wie er das Wort Vergewaltigung eingab und Sekunden später öffneten sich bereits die ersten Vorschläge.

Verschämt schaute ich weg, denn es waren wirklich bereits Soo-Ris Bilder im Umlauf. Hyun-Woo packte das iPad zurück in die Tasche.

„Ich denke, damit wäre die Frage geklärt und du solltest vielleicht gleich deinen Onkel anrufen.“

„Wenn ich nur wüsste, wie er auf meine bitte reagiert?“

„Es war deine Idee“, sagte Hyun-Woo und gemeinsam betraten wir die Firma.

Natürlich war Onkel Min-Chul davon überhaupt nicht begeistert. Ärgerlich kündigte er seinen Besuch an und legte auf.

„Ähm… Onkel Min-Chul kommt her“, meinte ich zu Hyun-Woo.

„Wie hat er es aufgenommen?“

„Er klang ärgerlich…“

„Verständlich. Geh du schon mal ins Büro, ich werde noch kurz So-Woi davon in Kenntnis setzten, damit er sich nicht wieder übergangen fühlt.“

„Dafür ist Jae-Joong verantwortlich.“

„Aber es geht um Soo-Ri und der arbeitet nun mal für uns!“

„Okay…, ich habe nichts gesagt, aber wenn du nichts dagegen hast, gehe ich mit zu So-Woi.“

„Wie du wünschst“, sagte Hyun-Woo grinsend und deutete einen Diener an.

*-*-*

Im Büro wurden wir wie gewohnt freundlich begrüßt, auch Soo-Ri saß bereits an seinem Schreibtisch. Hyun-Woo lief direkt in sein Büro, zog seine Jacke aus und legte seine Tasche auf dem Schreibtisch ab.

Dann kam er mir entgegen, drückte mir beim Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange und betrat wieder das Vorzimmer.

„Wenn möglich, stellt bitte keine Anrufe durch, ich habe kurz etwas Wichtiges mit So-Woi zu besprechen.“

So-Wois Sekretärinnen Juhee und Yeo-Woo nickten beide, während ich Hyun-Woo in So-Wois Büro lächelnd folgte. Hinter mir schloss Hyun-Woo die Tür. Natürlich reagierte So-Woi ähnlich wie Onkel Min-Chul, als ihm Hyun-Woo über Jae-Joongs Vorhaben in Kenntnis setzte.

Dieser beruhigte sich aber schnell wieder, als er hörte, dass Soo-Ri grünes Licht zu der ganzen Sache gegeben hatte. Man einigte sich darüber, gemeinsam mit Onkel Min-Chul zu reden.

So saßen Hyun-Woo und ich wenig später wieder in dessen Büro, als von Soo-Ri Onkel Min-Chul und Juen angekündigt wurden. Soo-Ri entfernte sich danach leise wieder und schloss die Tür hinter sich.

„Guten Morgen, Onkel“, meinte ich freundlich, stand auf und umarmte ihn.

Natürlich lächelte ich dabei übertrieben an.

„Guten Morgen!“, brummelte er ärgerlich.

Hyun-Woo verbeugte sich leicht, ebenso Juen.

„Könnt ihr mir sagen, was euch geritten hat, dem zuzustimmen?“, fuhr er uns darauf hin gleich an.

Ich schaute Onkel Min-Chul an, hob meinen Zeigefinger vor den Mund und zeigte Richtung Vorzimmer.

„Setzten wir uns?“, sagte ich leise und zeigte auf die Sitzgruppe.

Hyun-Woo zog sein Handy hervor und tätigte ein Gespräch, während wir uns setzten. Wenige Augenblicke später erschien auch So-Woi mit Jack. Hyun-Woo hatte ihn wohl verständigt. Nun saßen wir alle auf der Sitzgruppe und unsere Augen waren auf meinen Onkel gerichtet.

„Wenn von der Sache mein Chef erfährt, macht der mir die Hölle heiß.“

„Von mir wird er sicherlich nichts erfahren“, meinte ich und lehnte mich etwas an Hyun-Woo.

Leicht säuerlich blickte mich mein Onkel an.

„Onkel Min-Chul, jetzt beruhige dich wieder! Ich habe dich nur angerufen, weil sich Hyun-Woo… wir alle uns Sorgen machen, dass Soo-Ri etwas geschehen könnte.“

Darauf sagte er nichts.

„Wie du haben wir heute Morgen die Bilder überraschend gesehen und haben uns bei dir gemeldet…, da kann dein Chef überhaupt nichts mitbekommen.“

„Da bin ich mir nicht so sicher.“

„Es können von der Sache nur Bescheid wissen, die das Soo-Ri angetan haben und natürlich der, der die Bilder gemacht hat“, meinte Hyun-Woo neben mir.

„Und als besorgte Chefs, haben wir Lucas den Auftrag gegeben, dich anzurufen, dass falls nötig, Soo-Ri beschützt wird!“, fügte So-Woi an.

„Wisst ihr, was ihr da lostretet?“

„Wir treten gar nichts los. Es war nicht unsere Ideen und so gesehen, haben wir eigentlich mit der Sache nichts zu tun. Es war alleine Soo-Ris Entscheidung, diese Bilder zur Veröffentlichung frei zu geben“, entgegnete ich.

Noch immer ärgerlich, schaute uns Onkel Min-Chul alle an.

„Okay! Juen, du schnapst dir diesen Soo-Ri und bringst ihn in seine Wohnung!“

„Das geht nicht!“, meinte Hyun-Woo, „es würde im Vorzimmer auffallen, wenn Soo-Ri ohne Grund einfach geht. Ich will nicht, dass über mein Mitarbeiter hinter seinem Rücken geredet wird!“

Onkel Min-Chul rieb sich über sein Gesicht und atmete tief durch.

„Gut… Juen, du bleibst hier und begleitest Soo-Ri zu seiner Wohnung.“

„Ähm…, dass tu ich so wieso…, er wohnt doch jetzt bei mir“, antwortete Juen leise.

„Was?“

„Die neue Wohnung ist doch viel zu groß für mich und weil Soo-Ri eine neue Unterkunft brauchte, habe ich ihm angeboten, meine Wohnung mit mir zu teilen.“

„Wann gedachtest du mir das zu erzählen?“

„Ähm…Chef… ist es nicht meine Privatsache, mit wem ich zusammen wohne.“

Ich befürchtete schon, dass nun Onkel Min-Chul explodieren würde, aber er sprach ganz normal weiter.

„Ich fahre zurück zur Dienststelle und versuche unserem Chef plausibel zu machen, warum du als Personenschutz hier abgestellt wurdest.“

„Sagen sie ihm doch einfach, dass meine Großmutter gegen diesen Lee Kung-Yung Anzeige wegen Diebstahls erstatten wird und dadurch auch die Erpressung von Soo-Ri bekannt wird“, schlug So-Woi vor.

„Ich habe gesagt, ich möchte Soo-Ri da heraus halten“, wand mein Schatz neben mir ein, „er hat schon genug durch gemacht! Wenn das publik wird, dann traut er sich nicht mehr aus dem Haus, geschweige denn hier her!“

„Das kann ich nicht versprechen, aber ich tu mein möglichtest!“, versprach Onkel Min-Chul und erhob sich.

„Du hast deine Order“, meinte mein Onkel zu Juen und uns nickte er zu.

„Ich lasse von mir hören“, meinte er noch und verließ das Büro.

„Ich habe zu tun“, meinte So-Woi und verließ mit Jack ebenso den Raum.

So waren nur noch Juen, mein Schatz und ich übrig.

„Ich habe noch zu arbeiten…, muss Kalkulationen überprüfen“, sagte Hyun-Woo und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.

Ich sah Juen an, der nur mit seinen Schultern zuckte.

„Hast du schon die Sommerentwürfe der Badesachen von So-Woi gesehen?“, fragte ich Juen, der darauf den Kopf schüttelte.

*-*-*

Gegen unsere Gewohnheiten, saßen wir nun alle in der kleinen Kantine der Firma und aßen zu Mittag, nicht im Büro, wie sonst. Gerne hätte ich auch Soo-Ri an unseren Tisch gebeten, aber das wäre aufgefallen. So saß er mit seinen Kolleginnen an einem anderen Tisch.

„Schon etwas fürs Wochenende geplant?“ fragte So-Woi in die Runde.

Ich sah zu Hyun-Woo, aber der schüttelte nur den Kopf.

„Was haltet ihr davon, raus zu meinem Häuschen zu fahren und dort ein ruhiges Wochenende zu verbringen. Grandma meinte, sie hat euch schon eine Weile nicht mehr gesehen.“

„Keine Veranstaltungen?“, fragte nun Jack.

„Keine, bei der wir anwesend sein müssen“, antwortete So-Woi.

Die Idee war gut, etwas Abwechslung tat sicher gut, aber etwas anderes macht mir Sorgen und ich beugte mich etwas vor.

„Und was wird aus Juen mit Soo-Ri? Willst du sie im deinem Stadthaus alleine lassen?“, flüsterte ich So-Woi zu.

„Wir können uns gut und gerne selbst beschäftigen“, protestierte Juen leise, ohne von seinem Teller aufzuschauen, „auf uns braucht niemand Rücksicht zu nehmen.“

„Dann nehmen wir sie doch einfach mit!“, sagte So-Woi und blickte kurz zum Vorzimmertisch hinüber.

„Ich bin mir sicher, es wird Soo-Ri gut tun etwas anderes zu sehen und raus zu kommen“, fügte er leise hinzu.

So-Woi hatte die Sache bereits beschlossen, so waren alle Einwände und Bedenken umsonst. Dennoch freute ich mich, Grandma Shin-Sook wieder zu sehen.

*-*-*

Die Tage vergingen und nichts Auffälliges passierte um Soo-Ri herum. Im Gegenteil zum Internet. Die Presse hatte Wind von den Fotos bekommen und schnell waren die Schuldigen ausfindig gemacht.

Zu deutlich konnte man derer Gesichter auf den Bildern sehen. Umso größer war das Rätselraten, um den jungen Mann, dessen geschundenen Körper auf dem Tisch zu sehen war. Wie Jae-Joong versprochen hatte, war Soo-Ris Gesicht unkenntlich gemacht worden.

So wusste niemand, wer dieser junge Mann war. Die Empörung war natürlich groß und Stimmen wurden laut, warum die Polizei noch nicht ermittelte, weil man vermutete, dass der junge Mann natürlich tot sei und es sich somit um Mord handelte.

Das die jungen Männer aus der Society stammten heizte die Sache noch mehr auf. Das war es also, was Onkel Min-Chul mit lostreten gemeint hatte. Nicht nur die Zeitungen waren voll mit Meldungen, auch in den Nachrichten wurden Berichte gesendet.

Wie gewöhnlich am Freitagmittag, leerte sich die Firma schnell. Soo-Ri war unter einem Vorwand noch geblieben, so stand unserem Ausflug ans Meer nichts mehr im Wege. Jack verließ als letztes die Firma und setzte die Alarmanlage in Gang.

„Wir können!“, meinte er nur und bestieg den Wagen.

Da wir zu sechst waren, war Jack schon am Morgen mit dem Van gekommen, in dem wir alle genügend Platz hatten. Als wir nun gerade das Auto besteigen wollten, fuhr ein Wagen recht rasant auf dem Parkplatz und kam vor dem Van zum Stehen.

Ein junger Mann sprang aus dem Wagen und kam direkt auf Soo-Ri zu.

„Dich Schwein mach ich fertig!“, schrie er.

Da Juen schon im Wagen war und Soo-Ri schutzlos da stand, stellte ich mich vor ihm und wurde anstatt Soo-Ri mit einer Faust niedergestreckt.

 

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1 Kommentar

  1. Hey Pit,

    Freude herrscht, es geht weiter. Und das wieder recht spannend, was die Vorfreude auf den nächsten Teil noch steigert.
    Wünsche dir weiterhin alles Gute.

    Viele liebe Grüße

    Andi

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