Solarplexus Manipura – Teil 4

Als ich am nächsten Tag erwachte, lag ich alleine in dem großen Bett. Es war ein sonniger Tag und ich musste erst mal blinzeln, weil das Zimmer so hell war. Verschlafen suchte ich ohne aufzustehen nach einer Uhr, doch konnte keine entdecken, noch nicht einmal einen Wecker. Mir fiel auch auf, dass das Laken an der Stelle, auf der Kay gelegen hatte, noch warm war und vermutete deshalb, dass auch er noch nicht allzu lange wach sein konnte.
Erholt stand ich dann mit einem Lächeln auf und wechselte in die Kleidung, die Kay für mich auf die Kommode gelegt hatte. Sie roch frisch und ich fühlte mich pudelwohl darin, obwohl beides, Hose und Shirt, etwas zu groß für mich war. Freudig nahm ich die Treppe nach unten, warf erst einen Blick ins Wohnzimmer und dann im Vorbeigehen in die Küche, aber Kay war nicht zu finden. Erst als ich von draußen ein Lachen hörte, sah ich, dass die Terrassentür im Wohnzimmer offen stand und schaute neugierig, was da vor sich ging.

Dort konnte ich dann Kay sehen, wie er mit Tammo im Garten rumtollte und gerade in diesem Augenblick stürmisch von ihm umgerannt wurde. Jetzt am hellen Tag gefiel mir Kay noch ein Stück besser, falls das überhaupt noch möglich war. Er hatte seine leicht gelockten Haare heute offen und sie fielen ihm bis knapp über das Kinn. Offen wirkten seine Haare fast als wären sie weiß, da die hellen Strähnen mit dem restlichen blond nahezu verschmolzen. Er trug eine wadenlange Jeans und ein schwarzes Rippenshirt. Als Kay seinen Hund mit ausführlicher Gestik schimpfte, konnte ich mir ein echtes Lachen nicht verkneifen, denn der Hund folgte zwar jeder seiner Handbewegungen aufmerksam, doch das dürfte eher an dem Leckerbissen gelegen haben, den Kay in eben dieser Hand hielt. Wie gemein, den braven Hund einfach so mit einem Hundekuchen an der Nase herum zu führen, dachte ich erheitert und schon warf Kay den Leckerbissen in hohem Bogen über den Garten, woraufhin der Hund sofort in die Richtung losstartete.

Immer noch lächelnd ging Kay an den Tisch, auf dem schon für zwei Personen gedeckt war und goss sich eine Tasse Kaffee ein. Er hatte tatsächlich sogar Frühstück vorbereitet. Als ich leise aus dem Haus heraustrat lächelte Kay kein bisschen überrascht und wünschte mir einen guten Morgen: „Hast gut geschlafen?“

Ich nickte, noch immer ein bisschen verschlafen und wurde schon wieder ein wenig rot. Hatte ich die Nacht tatsächlich mit diesem Mann verbracht?

„Setz dich doch, ich hoffe, du hast Hunger…“, meinte er, während er auch für mich Kaffee einschenkte. Nachdem ich mich still gesetzt hatte, nahm auch er Platz und so frühstückten wir ausgedehnt im warmen Sonnenschein. Tammo hatte es sich derweil unter dem Tisch bequem gemacht, wohl mit dem Gedanken, dass ja zufälligerweise etwas für ihn hätte runterfallen können. Wir sprachen dabei kaum ein Wort, was mir aber überraschenderweise nicht unangenehm war. Schließlich fragte mich Kay: „Was möchtest du heute machen?“

Nach kurzem Überlegen meinte ich: „Naja, ich weiß noch nicht, ich sollte irgendwann mal heim schauen.“

„Warum? Wartet dort jemand auf dich?“

Ich versicherte ihm gleich: „Nein, das nicht, aber wo sollte ich denn sonst hin?“

Er hob kurz die Augenbrauen und meinte dann, während er sich erneut Kaffee nachschenkte: „Du könntest zum Beispiel hier bleiben?“

Überrascht schaute ich ihn an und er sprach gleich weiter: „Du hast gesagt, Deine Eltern sind in Urlaub. Wie lange noch?“

„Noch knappe zwei Wochen, die sind ja vor drei Tagen erst los.“

„Gut, das heißt, du wärst zwei Wochen lang allein bei dir zu Haus. Auch wenn du nicht Kevin heißt könnte es da Probleme geben. Was ist, wenn dein Ex dort auftaucht?“

Mein Magen verkrampfte sich sofort und löste Übelkeit in mir auf. Ich hatte den ganzen Morgen noch kein einziges Mal an Rolf gedacht, auch klang das Wort „Ex“ irgendwie seltsam in Bezug auf ihn. Ich hatte Kay noch kurz angesehen, doch als er meinen ‚Ex’ erwähnte, wanderte mein Blick über den Garten, der still im sanften Sonnenlicht lag. Ich betrachtete die kleine Hecke, die als Sichtschutz um den Garten herum diente, sah hin und wieder etwas darin rascheln. Vermutlich hatten es sich in der Hecke auch einige kleine Untermieter bequem gemacht. Mein Blick wanderte weiter an der Hecke hinunter bis zum Gras, von dem das direkt an die Hecke angrenzende noch im Schatten lag. Erst ein Stückchen weiter beschien die Sonne die einzelnen Halme und ließ sie irgendwie fröhlich und lebendig wirken.

Einsamkeit machte sich in mir breit und ich fühlte mich plötzlich unsagbar allein. Ich saß hier in fremder Kleidung mit einem fremden Mann in einer fremden Umgebung. Sogar der Kaffee schmeckte anders als der, den ich sonst immer getrunken hatte. Nicht schlechter, sondern einfach nur anders. Genauso anders, wie sich im Moment alles für mich anfühlte. Einsamkeit und Fremde, das war es, was ich fühlte. Warum war es mir nicht möglich, die Zeit zurück zu drehen? Ich wollte doch nur, dass alles wieder so wurde wie früher. Als ich mir noch nicht so viele Gedanken darum machen musste, wie es weiter gehen sollte. Ich konnte mit diesem Gefühl einfach nichts anfangen und begann mich zu fragen, ob das gestern wirklich so passiert war. Oder hatte ich alles nur zu übertrieben gesehen? War es wirklich so schlimm gewesen? Oder hatte nicht ich die Schuld daran? Ich hatte ihn doch durch mein unangemeldetes Auftauchen so sehr provoziert. Hatte ihn in die Enge getrieben, oder?

„Bastian, ich will dir wirklich nicht zu nahe treten, aber ich finde, du solltest nicht alleine bleiben. Und schon gar nicht bei dir Hause, da erinnert dich doch bestimmt einiges an ihn, oder?“

Abwesend deutete ich ein Nicken an, doch schüttelte dann gleich energisch den Kopf. „Eigentlich können meine Eltern ihn nicht leiden. Sie haben ihn zwar nur ein oder zweimal gesehen, aber meinten sofort, dass Rolf irgendwie Dreck am Stecken hätte. Und deswegen wollten sie auch nicht, dass ich ihn mit nach Hause bringe.“

„Dann wissen deine Eltern, dass du schwul bist?“

„Ja klar … wobei, soo klar ist das auch wieder nicht. Sie wüssten es wahrscheinlich bis heute nicht, wenn sie mich nicht damals erwischt hätten, als ich … ahm … naja, mein damaliger Freund war bei mir und wir hatten nicht damit gerechnet, dass meine Eltern noch mal heimkommen würden. Nicht so schnell meine ich.“

„Magst mir davon erzählen?“

„Ahm, wenn du es hören möchtest?“

Kay lachte mich lieb an und meinte: „Klar doch, sonst hätte ich ja nicht gefragt.“

Wieder etwas Fremdes für mich. Kay fragte mich etwas und wollte tatsächlich eine Antwort darauf hören. Rolf hatte mir auch oft Fragen gestellt, doch die Antworten darauf hatten ihn mit der Zeit immer weniger interessiert. Wenn ihm meine Antworten zu lange gedauert hatten, hatte er mich oft mitten im Satz unterbrochen und von einem ganz anderen Thema angefangen. Besonders oft, wenn er mich gefragt hatte, wie es mir geht. Irgendwann hatte ich es bei der Antwort ‚gut’ belassen und hatte auch auf anderes möglichst einsilbig geantwortet. Jetzt war mir auch klar, warum ich das so gemacht hatte, denn ich wollte ihn nicht langweilen oder verärgern.

Aber nun musste ich trotzdem leicht lachen, als ich an die Situation von damals mit meinen Eltern dachte und begann schüchtern zu erzählen: „Mein Vater stürmte in mein Zimmer ohne anzuklopfen, was er wirklich selten macht und hat mich mit meinem Freund im Bett erwischt. Er lag komplett unter der Bettdecke und war heftig am Stöhnen. Mein Dad stand einfach nur da und meinte dann ‚ich sehe, du bist beschäftigt … ich warte unten auf euch’. Und bevor er das Zimmer verließ schaute er noch mal mit einem richtig schön direkten Blick auf die Bettdecke, die plötzlich ganz still geworden war und verließ das Zimmer.“

Auch Kay fing nun an zu grinsen.

„Naja, wir zogen uns beide schnell an und mir war klar, ich kann da jetzt nicht einfach runtergehen, ohne meinen Eltern meine „Freundin“ vorzustellen. Nervös ohne Ende schlichen wir die Treppe runter und tatsächlich warteten meine Eltern in der Küche auf uns. Ich holte noch mal tief Luft und zog Mario ohne noch mal drüber nachzudenken einfach mit in die Küche.“ Ich grinste wegen dieser Erinnerung wieder und nippte an meinem Kaffee.
„Das Gesicht von denen werd ich wohl nie vergessen und der erste Kommentar meines Vaters war ‚Kommt da noch wer?’ Er hatte angenommen, wir seien zu dritt beschäftigt gewesen und wartete nun darauf, ob da noch ein Mädchen in der Küche auftauchen würde. Wir schüttelten aber beide nur mit dem Schlimmsten rechnend den Kopf. Mein Dad sagte jedoch gar nichts mehr dazu, sondern griff einfach nur nach dem Telefon … er sagte das Treffen mit deren Freunden ab und ich dachte nur noch ‚oh Shit, da kommt jetzt richtig Ärger auf uns zu.’ Mir ist richtig schlecht geworden.“

Als ich Kay vorsichtig ansah, grinste er noch immer und nickte mir aufmunternd zu. Also erzählte ich weiter: „Mein Dad setzte sich dann an den Küchentisch und sagte in einem wahren Befehlston: ‚Setzt euch’ Ich hatte schon Tränen in den Augen und auch Mario war nervös. Er wollte mich dann sogar in Schutz nehmen und sagte, dass er mich überrumpelt hätte, aber Papa wollte nichts davon hören. Seine erste Frage war: ‚Wie lange schon?’ … und die nächste ‚Habt ihr was benutzt?’. Wir waren aber beide so dermaßen verschüchtert, dass wir ihn nur ansahen wie zwei Küken, wenns geblitzt hat.“

Kay’s Lachen über diesen Vergleich ermutigte mich und ich erzählte einfach immer weiter: „Mein Dad schien richtig ungeduldig zu werden und meinte hektisch ‚na ihr wisst schon … Kondom, Gummi, Lümmeltüte’. Er hatte diese Erklärung ziemlich genervt hervor gebracht und der Ton bewirkte, dass ich und auch Mario komplett jegliche Stimme verloren. So schüttelten wir beide total verschüchtert den Kopf. Naja, vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass wir ja noch gar nicht so weit gewesen waren, dass wir ein Kondom gebraucht hätten.“

Kay nickte lächelnd und fragte, während er uns beiden Kaffee nachschenkte: „Und wie ging’s dann weiter? Hat dein Dad tatsächlich so ein großes Problem damit?“

„Naja, es ging damit weiter, dass mein Dad gar nichts mehr zu dem Thema sagte, sondern uns echt geschlagene drei Minuten … also in so einer Situation eine gefühlte Ewigkeit … anstarrte und dann meine Mutter ansah. Die zwei standen einfach nur da und haben sich angesehen. Das war schon fast unheimlich, so als würden sie durch ihre Blicke miteinander reden. Ja, und dann meinte mein Paps plötzlich: ’Gut, lasst uns essen gehen.’ Kannst dir ja vorstellen, dass ich total perplex war und gar nicht mehr wusste, was abgeht. Und auch nicht, wie ich reagieren sollte. Da gab er Mario die Hand und meinte: ‚Willkommen’. Ich dachte echt, mich trifft der Blitz und hatte bestimmte billardkugelgroße Augen. Und meine Mutter? Die stand einfach nur da und hat von einem Ohr zum andern gegrinst.“

Ich schüttelte lachend den Kopf, als ich das Erlebnis noch einmal Revue passieren ließ. Kay aber sah mich schweigend an und lächelte dabei. Sein Blick ging mir durch und durch, so dass ich wieder etwas unsicher wurde. Ich räusperte mich und meinte dann etwas weniger ausgelassen: „Ja, ahm … seitdem wissen sie es also.“

Kay lächelte erneut und sah mir immerwährend in die Augen. „Das klingt fast so, als hätten dich deine Eltern ein bisschen … mal auf gut deutsch … verarschen wollen.“

„Und das ist sogar noch untertrieben.“

Und wieder lächelte er mich so wahnsinnig süß an und knabberte auch noch leicht an seiner Unterlippe, während er seine Augen nicht von den meinen abwendete. Mein Herz begann mächtig zu rasen und ich war so gebannt von ihm, dass auch ich ihn einfach nur noch ansehen konnte. Ich versank regelrecht in diesem Blick, fühlte mich geborgen und wohl. Doch gleichzeitig machte mich das auch furchtbar nervös.
Mein Gefühl sagte mir, dass Kay der absolut richtige für mich wäre. Jedoch mein Verstand war da ganz anderer Meinung.
Ich konnte mich doch nicht einfach so in einen wildfremden Mann verlieben, noch dazu, wo ich doch noch nicht einmal einen ganzen Tag wieder solo war. Den ich sogar schon angehimmelt hatte, als ich noch einen ‚Freund’ hatte. Außerdem durfte das gar nicht sein, nicht nach diesem Erlebnis von letzter Nacht, auch wenn ich das selbst verschuldet hatte. Ich sollte mich schämen.
Es entbrannte ein regelrechter Kampf in mir … Herz gegen Kopf. Warum sollte ich mich schämen? War es denn meine Schuld, dass ich Kay ausgerechnet jetzt kennen gelernt hatte? War es denn meine Schuld, dass ich mich so wohl bei ihm fühlte? Es gab keinen Grund, ihn mit Rolf vergleichen zu wollen. Ja, das war sogar ganz unmöglich. Kay war nicht Rolf. Ja … Kay war nicht einmal in einem Bruchteil so wie Rolf. Sofort stahl sich ein noch bitterer Gedanke dazu. Kay war wirklich ganz anders als Rolf, denn im Gegensatz zu ihm konnte Kay rein gar nichts mit Männern anfangen.

Traurig zwang ich mich dazu, meinen Blick abzuwenden und betrachtete erneut den kleinen Garten. Das beruhigte mich zwar etwas, doch die Traurigkeit in mir blieb. Was hatte es für einen Sinn, sich in irgendwelche Schwärmereien zu verrennen?

„Bastian? Was denkst du gerade?“, fragte mich Kay, dem mein plötzlicher Stimmungswandel seltsam vorkam.

Ich sah ihn wieder an und lächelte gequält: „Ich trau mich nicht recht“

„Und was traust du dich nicht?“

„Dich etwas zu fragen…“

„Hmm … mache ich denn den Eindruck, ich würde bei der ersten Gelegenheit Tam auf dich hetzen?“ Tammo kam sofort unter dem Tisch hervor und ließ sich neben Kay fallen, während er aber mich ganz treuherzig ansah und winselte.

Ein warmes Lächeln stahl sich auf meine Lippen, als ich den Hund bei dieser Geste beobachtete. Kays Frage verwirrte mich aber etwas und so schüttelte ich als Antwort nur leicht den Kopf, also sprach er weiter: „Ich selbst beiße aber auch nicht. Also wüsste ich keinen Grund, warum du dich nicht trauen solltest, mich etwas zu fragen.“

Ich starrte ihn dennoch noch einen Moment an und lächelte über seine Worte. So gesehen hatte er schon Recht, aber ich konnte ihm ja schlecht sagen, dass ich weniger Angst vor der Frage an sich hatte, sondern eher vor der Antwort darauf. Trotzdem überwand ich mich und wollte meine Frage eigentlich nebensächlich und nicht so wichtig wirken lassen, was mir aber durch meine Stotterei ziemlich misslang. „Ich würde gern wissen … also … ahm … wie ist das bei dir? ich mein …“, ich kam ins so sehr ins Stocken, dass mein Kopf total leer war und ich absolut nicht wusste, wie ich weiter sprechen sollte. Wie ich meine Frage formulieren sollte…

Kay aber lächelte mich an und kam mir zur Hilfe. Leise meine er: „Nein Bastian, ich bin nicht schwul.“ Dabei schaute er mich fast entschuldigend an.

Ich erwiderte nichts darauf, sondern nickte nur. Im Prinzip hatte ich das ja schon gestern gewusst, als er von seinen vergangenen Bekanntschaften erzählt hatte. Auch seine Vermutung, dass er trotz allem gewiss noch nicht Vater eines Kindes sei, sprach nicht unbedingt von einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Doch irgendwie war ich aus einer total irrationalen Hoffnung heraus trotzdem in eine Schwärmerei verfallen. Hatte den Gedanken daran total verdrängt und mich in eine sinnlose Hoffnung verrannt. Ich fühlte mich so wohl bei ihm, fühlte mich sicher und geborgen. Er gab mir das Gefühl trotz allem etwas Besonderes zu sein.

Um meine Enttäuschung zu überspielen, meinte ich nach einiger Zeit gezwungen fröhlich: „Ja, ich weiß. Entschuldige bitte die Frage. Das war blöd von mir.“ Ich schaffte es sogar diese Worte ohne Tränen zu hervor zu bringen und ließ meinen Blick dann wieder über den Garten streifen.

Nachdem wir beide eine Weile geschwiegen hatten, erhob sich Kay plötzlich und kam an meinen Stuhl. Natürlich konnte er sich denken, wie es in mir aussah und er hatte wohl auch schon gestern gemerkt, wie ich ihn angehimmelt hatte. Immer noch schweigend kniete er sich neben meinen Stuhl und wartete geduldig darauf, dass ich ihn ansah. Ich dagegen hatte schon fast gehofft, dass er nicht warten würde, wenn ich nur lange genug durch die Gegend starrte und scheinbar äußerst interessiert den Garten betrachten würde. Dem war nicht so und so sah ich nach gefühlten Stunden doch in seine Augen. Kay lächelte mich an und streichelte sanft meine Wange, während er leise sagte: „Es tut mir leid, Bastian.“

Ich versuchte so zu tun, als sei das nichts Weltbewegendes und meinte lachend: „Hey, das muss dir doch nicht leid tun. Es kann ja nicht jeder schwul sein.“ Doch ich merkte schnell dass ich ihn nicht täuschen konnte. Ich konnte ja nicht mal mich selbst täuschen und konnte es auch nicht verhindern, dass sich eine Träne über mein Gesicht stahl.
Mit einem traurigen Blick stand Kay auf und zog mich dabei mit hoch. Dann nahm er mich in seine Arme und hielt mich einfach nur fest, während er vorsichtig über meine Haare streichelte. Unter Tränen schmiegte ich meinen Kopf an seine Brust und schloss meine Augen, genoss seine zärtliche Berührung und seine Wärme. Ich wollte eigentlich gar nicht weinen, aber es tat so gut, es zu dürfen.

Wir standen eng umschlungen da, bis ich mich beruhigt hatte und er fragte: „Alles okay?“

Ich war zwar noch immer traurig, doch ich nickte tapfer und meinte: „Kay, es tut mir leid. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Bin im Moment ziemlich nah am Wasser geb…“

„Pssssst“, erwiderte Kay und legte dabei einen Finger auf meine Lippen, „Bastian, du hast keinen Grund dich entschuldigen zu müssen. Im Gegenteil, ich finde es wahnsinnig schön, dass ich dir so gut tue. Mir tut es leid, dass ich dir nicht das geben kann, was du dir wünscht.“

Es tut IHM leid? God, wie gut kann ein Mensch eigentlich sein? Wieder umarmte er mich fest und es ging mir tatsächlich etwas besser. Als er sich von mir löste, lächelte er mich an und meinte: „Lass uns zu dir nach Hause fahren. Dann können wir ein paar Klamotten und was du sonst noch so brauchst holen und quartieren dich für die nächsten zwei Wochen hier ein. Was hältst du davon?“

Ich musste mir erneut die Frage stellen, ‚wie gut kann ein Mensch eigentlich sein?’ und strahlte übers ganze Gesicht. Was ich davon halten würde? Eine Antwort war eigentlich überflüssig, denn meine Reaktion war schon Antwort genug und so nickte ich nur noch.

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