Die zweite Chance – Teil 1

Die Sonne ging gerade hinter den Bäumen unter. Die Landschaft wurde von ihr in ein rot-goldenes Licht getaucht. Die Bäume trugen die ersten hellgrünen Blätter. Etwas zu früh in diesem Jahr, aber die Luft war schon jetzt schon so warm als wäre es Sommer.

Florian hob seinen Kopf und blickte in die letzten Sonnenstrahlen. Auch wenn es die letzten des Tages waren, sie waren doch noch so hell, dass sie in seinen Augen brannten. Doch da war nichts mehr, nichts was den Schmerz lindern konnte, keine Tränen mehr. Die hatte er für einen größeren Schmerz gebraucht.

Mit einem Mal war die Sonne hinter den Hügeln und damit auch das Licht verschwunden. Florian kam sich plötzlich blind vor. Er senkte den Kopf und starrte in die Dunkelheit. Dann sah er es wieder; das Glitzern des kleinen Flusses unter ihm. Zehn Meter unter seinen Füßen, die er über die Brüstung der Brücke baumeln ließ. Zehn Meter die seinen Schmerzen ein Ende bereiten würden.

Er schob sich mit seinen Armen näher an den Abgrund. Seine Hände krallten sich in die alten Steine. Der Schmerz kam zurück. Florian spürte erneut die Tränen aufsteigen. Wie viele Tränen konnte ein sechzehn jähriger eigentlich haben?

Doch viele würde er sowieso nicht mehr brauchen.

Es gab keinen Ort mehr wo er hin konnte. Niemanden mehr zu dem er konnte.

Sie hatte es gesagt.

Sie hatte Recht behalten.

Wer würde mit jemanden wie ihm auch schon zu tun haben wollen.

Die Tränen rollten wieder über seine Wangen.

„Ich werde endlich nichts mehr spüren.“

Florian atmete tief ein.

„Es wird schnell gehen.“

Und spannte die Muskeln in seinen Armen.

„Nein, das wird es nicht.“

Eine leise Stimmte hinter ihm riss Florian aus seinen Gedanken.

„Was?“

Florian zuckte vor Schreck zusammen.

„Das wird es nicht. Es wird nicht schnell gehen. Es wird dir ewig vorkommen. Und du wirst auch nicht Nichts spüren. Du wirst Schmerzen haben. Genau wie die Menschen die du zurück lässt. Auch wenn du dir gerade nicht vorstellen kannst, dass es sie gibt.“

Florian drehte seinen Kopf zu der Stimme. Ein etwas älterer Mann stand hinter ihm und sah ihn an.

„Was wissen sie denn schon!“

„Viel. Zu Viel. Doch ich wünschte ich hätte es schon früher gewusst.“

Er ging langsam auf Florian zu. Nicht zu Nah. Er hielt etwas mehr als einen Meter Abstand, drehte sich dann um und lehnte sich an die Brüstung auf der Florian saß.

„Was…“ Florian presste seine Augenlieder zusammen „…geht das mich an?“

„Mehr als du denkst!“

Der Mann drehte langsam seinen Kopf und sah Florian aus feuchten Augen an.

„Vor zehn Jahren hat mein Sohn das getan, was du gerade machen wolltest.“

„Wieso?“

Florian brachte unter seinen Tränen nur ein Flüstern heraus.

„Kannst du dir das nicht denken? Sag du es mir.“

Florian starrte wieder auf den Fluss unter seinen Füßen. Seine Gedanken rasten. Das Glitzern des Wassers nahm er kaum noch war. Und dann waren da nicht nur Tränen. Sein ganzer Körper fing an zu zittern und er konnte das Schluchzen nicht mehr zurückhalten.

Nur am Rand bekam er mit, dass ihn zwei Arme an der Hüfte umschlagen und langsam wieder auf die Pflastersteine der Brücke zogen. Florian klammerte sich an den Fremden und weinte an seiner Schulter. Eine Hand strich zärtlich über seine Haare.

„Das wird schon wieder!“

„Aber…aber ich…ich weiß doch gar nicht wohin…“

„Doch das weißt du. Es gibt einen Ort zu dem du jetzt musst, egal wie es ausgeht.“

Das nicken von Florian war kaum zu merken.

Die Fahrt im Auto verlief schweigend. Rolf, so hieß Florians Retter, wollte ihn unbedingt nach Hause fahren, ein Angebot, dass Florian nur zu gerne an nahm. Bevor er auf der Brücke angekommen war, war er ziellos 2 Stunden durch die Gegend gelaufen, die Rückfahrt dauerte jedoch nur ein paar Minuten.

„Hier ist es.“

„Soll ich noch mit reinkommen Florian?“

„Bitte, ich weiß nicht ob ich das alleine kann.“

Zusammen stiegen sie aus. Florian umrundete das Auto und ging langsam auf das Einfamilienhaus zu. Im Erdgeschoss brannte noch Licht. Die Begegnung würde sich wohl nicht aufschieben lassen.

Den kurzen Kiesweg entlang. Zwei Stufen bis zur Haustüre hoch. Er zitterte als er den Schlüssel aus der Tasche zog und zum Schloss führte. Eine Hand legte sich auf seine Schulter.

„Das schafft du schon.“

Ein kurzes Drehen des Schlüssels und die Tür schwang auf. Der Flur war hell erleuchtet. Es sah so aus wie immer. Treppe zur linken, Teppich in der Mitte, auf der Rechten Seite die Kommode. Nur jetzt ohne Vase. Auch die Scherben auf dem Boden fehlten.

Florian hatte gerade zwei Schritte ins Haus gemacht als auch schon die Tür zum Wohnzimmer aufging. Auf der Schwelle stand sein Vater.

„Hallo, Florian.“

„Hallo“

„Wo bist du denn gewesen?“

Keine Antwort.

„Florian, ich… ich…es kam einfach so überraschend. Es war wohl etwas viel. Ich brauche wohl etwas Zeit. Auch wenn ich die wohl nicht habe.“

Florian konnte nur mit Kopf schütteln. Hinter seinem Vater sah er nun auch seine Mutter, seinen älteren Bruder und seine kleine Schwester.

„Es tut mir Leid Florian.“

Da waren sie wieder, die Tränen. Aber diesmal weil er sah, dass scheinbar doch nicht Alles zu Ende war. Mit wenigen Schritten war er bei seinem Vater, der auch auf ihn zu lief. Beide fielen sich in die Arme. Florian drückte sich an seinen Vater.

„Danke“, sagte dieser leise zu Rolf, „wo haben sie ihn gefunden.“

„Auf der alten Brücke am Waldrand…“, Rolf zögerte, „… oben auf der Brüstung.“

„Was? Wo? Florian! Was habe ich getan!“

Jetzt fing auch Florians Vater an zu weinen. Er riss Florian mit auf den Boden als seine Beine nachgaben. Beide hockten eng umschlungen auf den Fliesen.

„Hast du Flori jetzt wieder lieb Papa?“, hörten sie die leise Stimme von Laura.

„Natürlich hab ich das. Das habe ich doch immer. Oh mein Gott, Florian…“

Keiner der fünf bemerkte wie Rolf leise die Tür ins Schloss zog und zu seinem Wagen ging.

*-*-*

Kapitel 1

„Floooriii!!! Komm endlich!“

Sie hatten eine anderthalb stündige Autofahrt hinter sich. Florian, und wohl auch der Rest der Familie, war mal wieder froh über die Klimaanlage im Wagen seines Vaters. Es war Pfingstsamstag, Mitte Juni und schon seit Wochen ungewöhnlich warm.

Der Wagen seiner Mutter stand schon in der Auffahrt des Hauses. Zum Glück waren sie nicht mit dem gefahren. Der hatte erstens keine Klimaanlage und war zweitens für fünf Personen doch etwas klein.

Florian stand noch zögernd am Auto. Seine Eltern waren schon im Haus. Laura rannte mit der unerschöpflichen Energie einer zehn Jährigen auf die offene Haustür zu.

„Jetzt komm schon, Flori!“

Die zweite Autotüre wurde zugeschlagen. Sein Bruder Tom war gerade ausgestiegen und kam auf ihn zu.

„Florian, du hast wieder diesen Blick drauf!“

Dieser zuckte nur mit den Schultern.

„Du weißt doch warum wir hier sind!“

Ein leichtes Nicken.

„Dann hör auf darüber nachzudenken. Wir alle wollten das so. Und jetzt mach, dass du rein kommst! Sonst fängt unsere kleine Schwester noch an zu Hyperventilieren.“

„Danke, Tom. Manchmal muss ich das wohl einfach hören.“

Damit lief er seiner Schwester hinterher. Laura stand, oder vielmehr hüpfte, auf der untersten Stufe der Holztreppe ins Obergeschoss auf und ab.

„Mami wo ist mein Zimmer?“

„Wenn du nach Oben kommst die erste Tür rechts.“ Kam es aus dem hinteren Teil des Hauses.

„Kommst du mit Flori?“

„Ich hab mich hier unten doch noch gar nicht umgeguckt.“

„Ich aber! Komm jetzt!“ Laura versuchte Ihn an der Hand hinter sich her zuziehen.

„Na dann kannst du mir doch alles zeigen. Und dann gehen wir zusammen nach oben.“

„Ok. Komm mit.“

Im Erdgeschoss gab es eigentlich nur drei Räume zu entdecken. Dafür waren die aber alle ziemlich groß. Eine Küche zu Straße, dahinter ein Esszimmer und zum Garten raus ein großes Wohnzimmer, von dem man wieder in das Treppenhaus kam.

Bis auf die Küche waren alle Zimmer noch ohne Möbel. An den Türen hatten seine Eltern schon lustige, kleine Zettel mit den Namen der Räume geklebt. Bald müsste ja auch die Umzugsfirma da sein. Auf dem Weg zur Treppe fiel ihm noch eine weitere Tür neben der Haustüre auf. Eine kleine Gästetoilette, wo sollte sie sich auch sonst befinden.

„Und jetzt gucken wir uns dein Zimmer an Laura!“

Damit riss er seine Hand los, schlang seinen Arm um ihre Hüfte und warf sich seine vor Vergnügen quiekende Schwester über die Schulter.

Oben gab es natürlich etwas mehr Zimmer. Auf der linken Seite das von seinen Eltern, mit einem eigenen Badezimmer und das Zimmer von Tom. Auf der rechten Seite zur Straße das Zimmer von Laura und sein Eigenes.

Dazwischen lag das Bad für die Drei. Am Ende des Flurs gab es noch ein kleines Zimmer, das als Arbeits- und Gästezimmer dienen sollte. Ihre Entdeckungsreise wurde von einem Lauten Hupen vor dem Haus unterbrochen.

Die Möbel waren angekommen. Insgesamt waren fünf Männer und eine Frau von der Spedition da. Es hat schon Vorteile wenn der Arbeitgeber den Umzug bezahlt. Mit ihnen ging das Ausladen recht schnell, was auch den anderen lustigen kleinen Zetteln zu verdanken war, die auf jedem Schrank und jeder Kiste klebten.

Einige kleinere Kisten wurden einfach an den Straßenrand gestellt und dann von den dreien selbst in ihre Zimmer gebracht. Und dann war auf einmal alles im Haus. Die LKWs wieder abgefahren und die Haustüre wieder geschlossen.

Als erstes bezog Florian das Bett seiner Schwester und kurz darauf kam sein Eigenes dran, aber schon mit etwas weniger Begeisterung. Doch das wollte er nicht erst am späten Abend erledigen müssen, wenn er müde war.

Anschließend räumte er seine Kleidung in den Schrank. Viel mehr konnte er eh nicht machen. Das meiste musste warten bis er die beiden Regale an die Wand geschraubt hatte. Nur wusste er noch nicht wo genau das sein sollte.

Das zweite Fach des Kleiderschrankes war gerade gefüllt worden, als ihn ein ungewöhnliches Geräusch aufschreckte. Florian kam es vor wie eine Mischung aus „10 kleine Jägermeister“ von den „Toten Hosen“ und dem Ententanz. Verwundert streckte er seinen Kopf in den Flur. Tom tat auf der anderen Seite das Gleiche.

„Mum, was war das?“

„Tom, nenn mich nicht „Mum“! Und das war wohl die Türklingel! Macht einer von euch auf?!“

Das war wieder typisch. Was bei anderen Menschen eigentlich als Frage gedacht war, bekam bei ihrer Mutter einfach ein Ausrufezeichen ans Ende und duldete kein Widerspruch.

„Oh Gott, die tauschen wir aber hoffentlich noch aus.“

Damit war Tom wieder in sein Zimmer verschwunden. Jedoch nicht ohne vorher noch einmal ein Grinsen zu Florian zu schicken. Damit lag es wohl an ihm die Tür zu öffnen.

Florian sprang die Treppe herunter und öffnete die Haustüre. Der Besucher stellte sich als älterer Herr mit silbergrauen Haaren um die sechzig heraus.

„Hallo, ich bin Peter Kluge.“ Und streckte ihm die Hand entgegen.

„Äh… Florian. Florian Neumann.“

„Freut mich dich kennen zu lernen Florian. Ich wohne mit meiner Frau Nebenan. Wir haben gesehen, dass ihr gerade einzieht. Daher wollten wir fragen ob ihr nicht heute Abend zum Essen kommen wollt, ihr habt ja bestimmt noch besseres zu tun als euch um so was zu kümmern.“

„Ich weiß nicht. Da muss ich erst mal meinen Eltern fragen.“

„Mama, Papa. Kommt ihr mal?“

„Was ist denn?“

Damit kamen seine Eltern zur Haustüre.

„Das ist unser Nachbar Herr Kluge. Er hat uns zum Essen eingeladen.“

„Hallo. Ich bin Joachim Neumann und das ist meine bezaubernde Frau Angelika.“

Florian verdrehte seine Augen. Konnten die mit dem Süßholz raspeln nicht warten bis er weg war.

„Das ist wirklich nett von ihnen. Aber wir können sie doch nicht zu fünft einfach so überfallen.“

„Das macht gar nichts. Wir wollten bei dem Wetter sowieso grillen, da tauen wir einfach etwas mehr auf!“

Und so ging das Gespräch weiter. Warum man kommen sollte, warum man ein schlechtes Gewissen hat am ersten Abend einfach so vorbeizukommen. Das er auch kein Brot und Salz zur Begrüßung dabei hatte, da sie nicht erwartet hätten, dass so schnell schon wieder jemand in das Haus ziehen würde.

Dass sie nichts mitbringen konnten, da alles noch in Kisten verstaut war. Florian kam sich daneben etwas verloren vor und guckte von einem zum Anderen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich sein Magen entschloss in die Diskussion einzugreifen und einige sehr eindeutige Geräusche von sich gab. Das Blut schoss ihm in den Kopf und er lächelte verlegen.

„Ich glaub die Entscheidung ist uns gerade abgenommen worden!“ Seine Mutter wieder.

„Wunderbar! Dann kommt einfach in einer Stunde zu uns rüber.“

Nach dem Kisten schleppen und Möbel rücken während des Tages ging Florian vorher lieber doch noch kalt duschen. Nachdem er sich abgetrocknet hatte betrachtete er sich mal wieder im Spiegel. Eigentlich gar nicht so schlecht wie er fand.

Florian war 1,75 groß, hellblaue Augen und dunkelblonde Haare, deren Spitzen jetzt im Sommer von der Sonne wieder hell gebleicht waren. Andere mussten so was teuer beim Frisör bezahlen. Durch viel Rad fahren und ab und an joggen oder schwimmen war er auch ganz gut in Form. Nicht zu viele Muskeln und auch nicht zu viel Fett. Für seinen Geschmack ganz gut proportioniert und definiert.

Aber gute Klamotten und halbwegs gutes Aussehen reichten nicht um akzeptiert zu werden. Das hatten die letzten beiden Monate Florian gezeigt. In Wahrheit waren Teenager wohl noch oberflächlicher als die meisten Erwachsenen glaubten.

Eine Stunde später saßen fünf Neumanns bei den Nachbarn im Garten. Neben Peter waren noch seine Frau Helga, sowie ihr Sohn Frank mit seiner Frau Melanie und deren vier Jähriger Sohn Holger dabei, die eigentlich zwei Straßen weiter wohnten.

Sie schienen alle ganz nett zu sein. Sie redeten und lachten viel. So erfuhr Florians Familie unter Anderem, dass in ihrem Haus bisher eine Familie mit drei Fußball verrückten Jungen wohnte. Der Glaser wollte schon eine Filiale in der Straße errichten. Aber mit den zwei älteren Jungs und einem Mädel der Neumanns seien die Expansionspläne wohl zum Scheitern verurteilt.

„Warum seid ihr eigentlich hierher gezogen?“

Oh man, nicht diese Frage, dachte Florian. Seine Hände verkrampften sich um die Stuhllehne als er die Frage von Frank hörte. Auch der Rest seiner Familie wurde merklich verlegen und fand plötzlich großen Gefallen am Garten ihrer Nachbarn. Das war die Frage, vor der er sich gefürchtet hatte. Und auch seine Familie schien sich noch keine „offizielle“ Version überlegt zu haben.

„Ich hab von meinem Arbeitgeber das Angebot bekommen in eine neue Filiale zu wechseln die gerade erst aufgebaut wird.“

Kam es dann von Florians Vater. Mit der Erklärung konnte man gut Leben und es stimmte ja auch. Nur hatte sein Vater diese Stelle eigentlich nicht unbedingt gewollt und auch schon einmal abgelehnt.

Florian ließ erleichtert die Luft aus seine Lungen weichen. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er den Atem angehalten hatte. Als er wieder in die Runde blickte fiel ihm Melanie auf, die ihn ansah. Den Kopf nachdenklich zur Seite geneigt.

„Tom und Florian wird es hier doch wohl auch besser gefallen als in der Kleinstadt, hier könnt ihr viel mehr unternehmen.“ mischte sich Frank nun ein.

„Klar!“, kam es von Tom.

„Kannst du uns nicht was empfehlen? Es ist doch noch nicht so lange her, dass du an die Kette gelegt wurdest.“

„Klar kann ich das. Aber pass bloß auf, die Kette ist schneller da als man glaubt. Und wenn einem erst mal was unter geschoben wurde…“

Dafür bekam er einen blauen Fleck von Melanie verpasst.

*-*-*

„Mama ich guck mich was in der Gegend um!“

Der nächste Morgen war genauso warm gewesen wie der Tag davor. Florian hatte lang geschlafen, was vor allem daran lag, dass es seinem Zimmer fast noch wärmer war als außerhalb des Hauses.

Wann er das Fenster öffnen musste um es kühl zu halten musste er erst noch ausprobieren.

„Nimmst du Laura mit?!“ Da war sie wieder, die Frage die keine war.

„Muss das sein?“

„Ja das muss. Wenn sie erfährt das du ohne sie weg bist haben wir hier keine ruhige Minute mehr.“

Florian lief die Treppe zu seiner Schwester rauf.

„Laura kommst du mit Fahrradfahren?“

„Klar!“

„Dann beeil dich. Ich warte beim Schuppen.“

Fünf Minuten später saßen beide auf ihren Rädern, komplett ausgestattet mit Helm. Eine Zeit lang fuhren beide Schweigend nebeneinander. So richtig hatte Florian keinen Plan wohin er überhaupt wollte.

Woher auch. Bis jetzt kannte er ja noch nichts in der Stadt. Am Abend hatte noch mal in den Stadtplan geguckt. So ein Touristen-Teil, wo neben den ganzen Straßen auch alles Mögliche verzeichnet war, was für Besucher angeblich interessant ist.

So wusste er nun, dass es hier in der Gegend kein Einkaufszentrum gab, dafür musste er mit der S-Bahn in die Innenstadt. Dafür gab es einen kleinen Park mit einer Halfpipe, die einen gewissen Reiz auf ihn ausübte, und einen Badesee.

Wo seine Schule lag, zu der er aber wohl erst in einer Woche hin musste, wusste er nun auch. Aber vielleicht sollte er sich dort trotzdem schon mal umsehen. Wenn er den Weg kannte würde er am Ersten Schultag vielleicht zehn Minuten länger schlafen können.

Ein verlockender Gedanke.

Sie brauchten fünfzehn Minuten zur Schule. Ohne seine Schwester würde er es wohl in zehn schaffen. Die Schule selbst stelle sich als Typischer 70er Jahre Plattenbau heraus. Da gab es ja einige aus der Zeit.

Die waren halt billig im Bau und wenn die ersten teuren Sanierungen fällig waren mussten das andere Politiker ausbaden. Diese Schule hatte scheinbar vor nicht allzu langer Zeit so eine Sanierung genossen. Es gab insgesamt drei Flügel, die alle in einer anderen Pastellfarbe gestrichen waren.

Der erste, und flachere zur Straße in blau. Rechts einer in gelb und auf der Linken Seite in rot. Na ja, eigentlich sah das in der Pastellfarbe eher rosa aus. Florian war sich sicher, dass er dort landen würde.

Zusammen mit Laura fuhr er durch das Schultor auf den Hof. Auch die Außenanlagen waren saniert worden, wie er jetzt bemerkte. Der Hof wirkte ziemlich verspielt. Mit Mustern aus verschieden farbigen Steinen und sogar einigen Spielgeräten wirkte es eher wie die Grundschule für Laura und nicht das Gymnasium auf das er gehen sollte.

Vor der Sporthalle im Hinteren Teil des Grundstückes gab es sogar einen eigenen Sportplatz. Zwei Jungen, so etwa in seinem Alter hetzten über den Platz um ein paar Körbe zu werfen. Florian hielt an um sich die Schule genauer an zugucken.

Laura umrundete ihn währenddessen mit ihrem Rad, wie konnte man nur so einen Bewegungsdrang haben?

Von Schule betrachten konnte bei Florian eigentlich nicht die rede sein. Aber man konnte ja versuchen sich selbst zu belügen. Es war warm. Zwei Jungen beim Sport. Und einer hatte sein T-Shirt ausgezogen. Da war die 70er Jahre Architektur natürlich uninteressant.

„Was willst du denn hier? Mach das du weg kommst!“, kam es von dem größeren der Beiden, dem mit T-Shirt.

Das fing ja wieder gut an. Florian schüttelte leicht den Kopf.

„Laura, wollen wir auch zu deiner Schule fahren?“

„Ihhh, nee! Da komm ich noch früh genug hin. Ich bin ja nicht so ein Streber wie du.“ kam es und fuhr wieder vom Schulgelände.

Florian folgte ihr kurz darauf, nicht ohne noch mal einen Blick auf den Rücken des einen Jungen zu werfen. Die Rückfahrt, auch wenn man eigentlich nicht davon sprechen konnte, wurde etwas länger.

Über zwei Stunde fuhren sie durch die Gegend bis sie nach einigen Haken wieder zu Hause ankamen. Dafür hatte Florian jetzt aber das Gefühl „sein“ Viertel zu kennen.

Am Nachmittag waren beide Fahrräder wieder im Schuppen verstaut. Laura machte sich auf den Weg in ihr Zimmer. Seine Eltern waren … scheinbar irgendwo. Das kannte er ja schon. Der Musik nach zu urteilen war Tom gerade dabei die Boxen seiner Anlage auszurichten. Wenn alles gut lief würde er damit in zwei Tagen fertig sein um dann jedes Soundsystem der örtlichen Kinos in den Schatten stellen. Florians Regalfrage war noch immer nicht entschieden. Also machte er sich auf den Weg in die Küche.

Zum Mittag hatte er nur eine Scheibe Brot gegessen und durch die Bewegung mit Laura hatte er schon wieder ziemlichen Hunger. Außerdem war es fast schon wieder Zeit fürs Abendessen.

Im Kühlschrank erwartet ihn jedoch das Grauen. Ein Bund Frühlingszwiebeln und Eier, mehr gab es nicht. Bis auf eine Flasche Sekt und Weißwein. Seine Eltern schienen den Umzug ja noch ausgiebig feiern zu wollten.

Blieb noch ein Blick in den Tiefkühlkrank und ins Vorratsregal. Danach stand sein Entschluss fest. Die Eier wurden gekocht. Die Zwiebeln und ein Huhn, aus dem Frost, geschnitten. Das hätte nach der Stunde in der Kühlbox beim Umzug eh nicht mehr lange durchgehalten.

Das Ganze angebraten und noch eine Dose Jackfruit und Kokosmilch dazu. Mit Reis war das eines von Florians Lieblingsessen.

Seine Familie hielt sich wie so oft dezent im Hintergrund. Erst als der Geruch signalisierte; das Essen ist fast fertig, es gibt keine Handlangerarbeiten mehr zu erledigen, kamen die Anderen in die Küche.

„Was machst du denn hier?“

„Wonach sieht es denn aus?“

„Ich denke das könnte man als Essen bezeichnen. Womit haben wir das denn verdient mein Sohn?“

„Ihr habt doch schon genug für mich getan, da kann ich mich auch mal revanchieren.“

„Florian du weißt, dass du das nicht brauchst!“

„Das sagst du erst jetzt! Dann kann ich das ja wegschmeißen und heute Abend gibt es was von Mama gekochtes.“

„Bruderherz, lass den Topf los und geh langsam vom Herd weg!“

„Ich kümmere mich lieber um den Wein.“, schmunzelte Florians Vater, „der Mann der dich abbekommt kann sich echt glücklich schätzen.“

Florians Kopf machte mal wieder jedem Tomatensalat Konkurrenz. Verlegen guckte er auf den Boden während sein Vater den Wein eingoss.

„Was soll ich zu Essen mach?!“ kam dann auch Florians Mutter in die Küche gestürmt.

„Mum, das fragst du nur, weil du weißt, dass es schon fertig ist.“

„Klar, sonst währe ich ja auch nicht in die Küche gekommen.“

Womit hatte er nur diese Familie nur verdient grinste Florian. Der Tisch war schnell von Tom und Laura gedeckt, alles auf die Teller verladen und alle saßen um den Tisch herum. Laura beschwerte sich wie immer, dass sie mit Orangensaft vorlieb nehmen musste anstatt wie ihre Brüder Wein zu bekommen, auch wenn er bei Florian auch nur als Schorle vor ihm stand. Doch nachdem sie vor zwei Wochen einmal an einem Glas nippen durfte war ihr Protest nicht mehr so groß.

„Wo wart ihr denn heute überall?“

„Wir haben uns ein wenig die Gegend angeguckt.“

„Flori wollte unbedingt bei seiner Schule vorbei.“

„Das war klar, dass Florian derjenige war. Du wirst aber noch nicht zu Schule gehen. Du bist die nächste Woche noch krankgeschrieben und hast am Dienstag deinen ersten Termin.“

„Muss ich da wirklich hin Mama? Das ist doch nicht nötig.“

„Ja musst du! Das Thema hatten wir doch schon.“

„Aber…“

„Nichts aber!“, mischte sich nun auch sein Vater ein, „darüber wird nicht verhandelt.“

Florian schob seinen leeren Teller zur Seite, nicht einmal sein selbst gekochtes Lieblingsessen wollte ihm noch schmecken. Schweigend wartete er bis auch der Rest der Familie die Teller geleert hatte, ging noch kurz ins Bad und dann auf sein Zimmer.

Es war zwar erst kurz nach 21 Uhr. Florian legte sich trotzdem ins Bett. Die Decke über den Kopf gezogen. Auf einmal kam ihm der Umzug gar nicht mehr so toll vor. Da waren zum einen die Termine bei der Psychologin zu der er einmal wöchentlich hin musste.

Zum anderen der Neuanfang in der Schule und natürlich die Frage ob er diesmal wirkliche Freunde finden würde. Es war ja nicht so, dass er besonders viele gehabt hätte, oder besonders Gute.

Aber zumindest von Sascha hätte er etwas anderes erwartet. Es tat noch immer weh wenn er an sein ausdrucksloses Gesicht dachte mit dem er Florian in der letzten Zeit angeguckt hatte. Wenn er überhaupt mal ins seine Richtung gesehen hatte. Florian kamen wieder die Tränen. Unruhig und nicht mit schönen Gedanken schlief er endlich ein.

*-*-*

Es dauerte eine Weile bis er das Haus gefunden hatte. Zwanzig Minuten war er mit der S-Bahn unterwegs gewesen. Jetzt stand er vor einem Altbau mit vielen Stuckverzierungen um die Fenster, am Rand der Innenstadt.

Neben der Haustüre gab es vier Messingschilder. Ein Anwalt, ein Architekt und ein Steuerberater wurden angekündigt. Das zweite. Schild von unten lautete „Dr. Sarah Schmidt – Psychologin“.

Das war es dann wohl. Da musste er jetzt rein. Das innere des Hauses bestätigte den äußeren Eindruck. Alt aber teuer, die Mieten hier mussten astronomisch sein.

In der ersten Etage drückte Florian eine Schwere Eichentür auf. Dahinter fand er ein Empfangszimmer. Schwere, aber helle Möbel dominierten den ganzen Raum. Schränke, vier Stühle mit einem kleine Tisch und einen großen Empfangstresen. Abgesehen von den Möbeln war der Raum leer. Niemand war zu sehen oder hören.

Auf Florians Rufe reagierte auch niemand. Wirklich laut hatte er es ja eigentlich auch nicht versucht. Blieben also nur zwei Möglichkeiten. Wieder gehen oder warten. Die erste würde er mit Sicherheit nicht überleben, wenn er wieder nach Hause kam.

Also warten. Er setzte sich auf einen der Stühle und griff zu den obligatorischen Zeitschriften. Ein paar Klatschzeitungen, ein paar politische Zeitungen. Mehr war nicht zu finden. Die sonst üblichen mit Beschreibungen aller möglichen und unmöglichen Krankheitsbilder fehlten. Wohl aus Rücksicht auf die Patienten.

Florian informierte sich gerade über die neuesten Taufen, Hochzeiten und Trennungen der Europäischen Königshäuser als eine der Türen aufflog. Aufgesprungen vor Schreck starrte er den Neuankömmling an, die Zeitschrift noch immer in den Händen. Der schien nicht minder erstaunt zu sein.

„Wer bist du denn?“

„Florian Neumann. Ich hab um halb vier einen Termin.“

„Heute war das? Ich sollte mir echt mal einen Terminkalender zulegen“, grinste er Florian an.

„Komm am Besten gleich mit“, drehte sich mit den Worten wieder um und verschwand in einem Kurzen Korridor.

Je eine Türe zur Rechten und zur Linken.

Die Dritte am Ende öffnete er „Sarah, dein halb vier Termin“, und schob Florian ins Zimmer.

Das Zimmer passte von der Einrichtung zum Empfangszimmer. Ähnliche Möbel, aber es gab mehr Farbe. Dunkelrote Vorhänge, bunte Bilder an den Wänden und zwei hellrote Sofas gaben Akzente.

„Da bist du ja endlich. Oder hat Olaf mal wieder einen Termin vergessen? Setz dich am Besten aufs Sofa. Ich bin gleich bei dir Florian.“

„Okay“

„Ich darf dich doch duzen oder?“ schon kam sie zu ihm und setzte sich auf das Sofa gegenüber.

„Klar. So alt bin ich ja noch nicht.“

„Aber alt genug, dass man schon mal fragen sollte. Es freut mich aber, dass du nichts dagegen hast. Ich bin Sarah“, streckte sie ihm ihre Hand entgegen.

„Ich möchte mit dir eigentlich keine Therapie im klassischen Sinn machen. Sieh mich lieber als jemanden, der bisher außerhalb deines Lebens stand, mit dem du über alles reden kannst was dich beschäftigt. Zwischendurch werden wir natürlich auch mal ein paar Übungen zur Entspannung und zum Stressabbau machen.“

„Sollte okay sein.“

„Gut! Was denkst du?“

„Was?“

„Na was du denkst. Von mir, von diesem Zimmer, das du jetzt erst Mal jede Woche herkommen musst.“

„Weiß nicht…“

„Du wirst doch wissen was du denkst. Sag einfach was dir durch den Kopf geht.“

„Okay… Scheinbar ganz nett, sieht hübsch aus und kotzt mich völlig an!“

„Das hab ich jetzt herausgefordert.“ grinst Sarah.

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