Das Boycamp III – Teil 7

Der Marsch zum Bahnhof verläuft ohne Probleme, dafür geschieht beim Aufbruch der Gruppe Merkwürdiges.
Nico lässt eine Ungereimtheit auf dem Gipfel des Steinbruchs keine Ruhe und so trennen sich er und Rick von der Gruppe, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Nach etwa einer Stunde erreichten sie die Wiese mit dem Bach und den Trauerweiden. Nico musste nun zu ihnen hin, ob er wollte oder nicht. Seine Feldflasche war fast schon leer und auch Rick hatte Durst. Bis er bei der Gruppe war, stand die bereits mit nackten Füßen im Bach und irgendwie spielte sich das gleiche ab wie damals. Ausziehen bis auf die Boxershorts, Nassspritzen, herumtollen. Nico zog ebenfalls seine Sneakers aus und setzte sich etwas Abseits an das Ufer, die Füße in den Bach stellend. Rick legte sich längelang in das kühle Nass und ließ sich sein Fell mit Wasser voll saugen.
Die Sonne flimmerte jetzt mit voller Kraft auf die Landschaft und nur hier war es wirklich auszuhalten. Nico würde die Jungs nicht auffordern weiterzugehen, die wussten dass sie bis Mittag am Bahnhof sein mussten.
Was die Jungen dann doch zur Eile trieb, waren Schwärme von Regenbremsen, die über die Gruppe herfielen. Rasch zogen sie sich an und marschierten los. Nico wartete den Abstand ab, dann folgte er ihnen.

Erstaunlicherweise legte die Gruppe am Bahndamm angekommen keine Pause ein. Nico mutmaßte, dass sie Hunger hatten und es deswegen vorzogen, durchzulaufen. Ihm war das recht, denn auch ihn störte inzwischen sein Magenknurren.

Später kamen sie an der Stelle vorbei, wo hinter dem Damm das tote Reh gelegen hatte. Einige der Jungs blickten denn auch in die Richtung, aber sie hielten nicht an. Nico dagegen kletterte auf den Bahndamm, überquerte die rostigen Schienen und sah auf der anderen Seite hinunter zu der Stelle hin. Aber nur ein Fleck im niedergedrückten Gras erinnerte an den Kadaver, anscheinend hatte ihn Angelmann beseitigt. Trotz allem lag noch immer ein leichter Verwesungsgeruch in der Luft.

Kurz vor Zwölf erreichte die Gruppe den Verladebahnhof. Jetzt am Tage sah es hier doch anders aus als in der Nacht. Tatsächlich hatte sich nichts verändert. Antoine.. da drüben, am Fuße des Steinbruchs. Nico nahm sich vor, ihn am anderen Tag zu besuchen, egal was passieren würde. Das dumme an der Sache war, dass es überhaupt nicht zusammenpasste. Es war alles so friedlich hier. Die Vögel, das zirpen der Heuschrecken. Zwar konnte man weit entfernt davon sein, dies hier als romantischen Flecken zu bezeichnen und Stefan hatte ja mehr als einmal geäußert, dass er diesen Ort nicht mochte. Dennoch, irgendetwas hatte dieses Gelände etwas undefinierbares an sich. Zum Essen wollte sich Nico dann doch der Gruppe anschließen, es war eine richtige Pause und Pausen waren wohl auch hier Freizeit. Eine etwas schwammige Ausrede, die sich Nico damit zurechtlegte, aber er fand sie durchaus akzeptabel. In Sachen Simon und Rick war er sich zwar nicht ganz sicher, aber man konnte es auf einen Versuch ankommen lassen.

Die Jungs hatten bereits ihre Kocher am Signal gefunden und verkrochen sich im Schatten der Lagerhalle.
»Rick, bleib mal bitter hier, ich muss erst mal mit Simon reden.« Der Rüde setzte sich und Nico ging zu der Gruppe hinüber. Erstaunlich schnell erfüllten Düfte von gekochten Speisen die Luft.

»Na Jungs, alles okay mit euch?«

Sie saßen auf der Rampe, deren Überdachung gerade so Schatten spendete.
»Alles klar, ja«, gab Roko als Gruppenführer als Antwort.

»Schön. Simon, wie du weißt, ist Rick auch dabei. Stört es dich sehr?« Nico studierte das Gesicht des Jungen sehr genau.

Möglicherweise wollte Simon den anderen gegenüber keine Schwäche zeigen und schüttelte leicht den Kopf. »N-nein, es s-stört mich nicht.«

Natürlich blieb Nico die Unsicherheit in der Stimme nicht verborgen, aber er würde es sowieso nicht zum Äußersten treiben. Rick konnte schon einen gewissen Abstand einhalten.

Nico sah sich kurz um. Das Tor zu der Halle hatte ein neues Schloss, sonst war es hier unverändert geblieben. Sekundenlang lieferte ihm seine Erinnerung kurze Ausschnitte von dem, was hier damals passiert war. Aber am deutlichsten war ihm das auftauchen der Jungs mit Tobias geblieben.
Dann sah er zu Rick hinüber, dessen Aufmerksamkeit scheinbar etwas anderem galt. Er saß noch immer an der gleiche Stelle, aber sein Blick war starr zum Waldrand gerichtet.

»Rick!?«

Der Husky sah eine Sekunde lang zu Nico hinüber, dann heftete er seinen Blick wieder an die gleiche Stelle. »Rick? Bist du beleidigt?«

Die Jungen lachten.

Nico nicht. Zu viele Dinge waren schon passiert und Ricks Befehlsverweigerung musste ein sehr wichtigen Grund haben. Nico sprang von der Rampe und lief zu dem Rüden hinüber, wobei er ebenfalls den Waldrand im Auge behielt. Aber es gab nichts zu sehen dort, alles schien ruhig. Langsam ging Nico neben Rick in die Hocke und versuchte etwas an der Stelle zu finden, die Rick so vehement anvisierte. Er legte seinen Arm um den Hund. »Sag mal, was ist da los?«
Dann stand Rick plötzlich auf. Hechelnd wedelte er verhalten mit Schwanz und begann leise zu knurren. Nicos Nerven spannten sich an. Wenn er nur etwas sehen könnte, aber nichts tat sich da drüben. Ein Blick zurück bestätigte ihm, dass die Gruppe nichts von all dem mitbekam, die waren voll mit ihrer Mahlzeit beschäftigt. »Sollen wir mal nachsehen?« Rick sah ihn kurz an, dann wieder zum Wald.
Entschlossen stand Nico auf und marschierte in die Richtung, wobei ihm Rick in einigen Schritten Abstand folgte. Je näher sie dem Waldrand kamen, desto langsamer wurde der Rüde. Nichts zu sehen, nichts zu hören. Dennoch, etwas musste Ricks Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben. Etwa zehn Meter vom niederen Gebüsch entfernt blieb Nico stehen. Jetzt war eine Bewegung im Gebüsch zu erkennen, auch das Laub raschelte. Und wie aus dem Nichts trat plötzlich ein Fuchs aus den Büschen. Ricks Knurren verschärfte sich.
Der Fuchs hechelte und sah zu den beiden hinüber. Groß war der Kerl, stellte Nico fest. Groß und sehr schön. Aber es war unnatürlich, dass er nicht flüchtete, sondern jetzt im Gegenteil, einige Schritte auf die beiden zumachte. Der Blick des Tieres war unruhig und für Nico gab es, nachdem der Fuchs augenscheinlich unverletzt war, nur eine Schlussfolgerung. Vorsichtig zog er sein Handy aus der Tasche und suchte Angelmanns Nummer heraus.
»Nico Hartmann.. tschuldigen Sie, dass ich schon wieder störe. Ich bin mit der Gruppe hier oben am Bahnhof. Vor mir steht ein Fuchs, keine zehn Meter weg. Er scheint nicht verletzt und hat auch keine Angst vor Rick.«

»Das hat mir noch gefehlt«, hörte er Angelmann stöhnen, der offenbar mit vollem Mund redete. »Zieht euch zurück, alle. Wenn er euch nachlaufen will, versucht ihn nicht näher kommen zu lassen. Vor allem Rick nicht. Ich komme so schnell ich kann.«

Ohne dass der Förster einen Verdacht geäußert hatte, ahnte Nico auch so was hier vor sich ging. »Rick, komm, wir müssen weg hier.«

Nico war heilfroh, dass der Rüde auf ihn hörte. Langsam entfernte sich Nico rückwärts, während Rick einige Meter mit ihm ging, sich dann aber immer wieder nach dem Fuchs umdrehte. Der bleib zunächst auf der Stelle, tapste aber unruhig hin und her.
Nachdem Nico die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte, drehte er sich um und lief los. Die Jungs konnten bleiben wo sie waren, da auf der Rampe war es am sichersten in der ganzen Gegend. Rick folgte ihm, mit Sicherheit spürte der Husky die Gefahr, die von dem Fuchs ausging.

Die Jungen waren beim essen und offenbar schmeckte es ihnen sogar. Sie konnten den Fuchs von hier aus nicht sehen und Nico verschwieg ihnen seine Begegnung mit dem Tier. Angelmann würde nicht lange brauchen, wenn sich Nico seine Fahrweise vorstellte. Auch Rick war auf die Rampe gesprungen, was Nico jedoch nicht beabsichtigt hatte. Simon löffelte zwar weiter in seinem Dose, behielt den Hund aber ständig im Auge. Vielleicht konnte man da tatsächlich etwas erreichen.

»Schmeckt’s?«, fragte Nico, dem der Appetit zumindest vorübergehend vergangen war.

»Na ja, einen Stern gibt’s dafür aber nicht«, grummelte Patrick.

Marco nickte dazu. »Der Hunger treibt’s rein, ansonsten würd ich auch gern drauf verzichten.«

Roman sagte nichts, allerdings schien man ihm anzusehen dass er schon schlechtere Sachen zwischen den Zähnen gehabt hatte.

»Ein Glas Bier, und ich würd nicht meckern«, warf Roko mit ins Gespräch.

Nico lachte. »Da müsst ihr noch warten.« Wo er recht hat, hat er recht, dachte er jedoch.

»Darf man hier rauchen?«, wollte Roko noch wissen.

»Ja, aber bitte nur dieser Stelle. Und die Kippen freilich nicht bloß wegschmeißen. Euren Müll könnt ihr dort rüberbringen, zu dem Container.«

Dann hörte Nico bereits das Geräusch eines Motors. Rasch sprang er wieder von der Rampe und ging um die Halle, aber der Fuchs war verschwunden. »Scheiße«, fluchte Nico leise. Rick kam Augenblicke später zu ihm und blickte den Waldrand ab. Aber der Husky blieb ruhig; offenbar hatte das Tier das Weite gesucht und Nico atmete auf. Das Motorgeräusch war mittlerweile auch verstummt, vielleicht war Angelmann dem Fuchs begegnet und er machte sich nun zu Fuß hinter ihm her.

Doch dann nahm Nico ein Geräusch wahr, das nicht in ein gewöhnliches Schema passte. Ein Rauschen, auch ein Pfeifen, undefinierbar eigentlich. Es kam sehr schnell hinter dem Wald heran und ehe sich Nico versah, sauste ein Schatten über den Boden. Nico sah sofort nach oben und erkannte gerade noch den Umriss eines Flugzeugs, bevor es fast über dem Steinbruch genau durch die Sonne flog und Nico seine Augen schließen musste. Kurz darauf vernahm er für den vielleicht Bruchteil einer Sekunde ein leises, knirschendes Geräusch, dann war es wieder still.
Nico schirmte mit der Hand die Sonne ab, aber das Flugzeug, das wie ein Segelflieger aussah, war schon wieder verschwunden. Was das für ein Geräusch gewesen sein könnte, dafür fand er keine Erklärung. Schließlich hörte er wieder den Automotor im Wald und wandte sich in die Richtung. Angelmanns Rover schoss regelrecht den Waldweg heraus und kam kurz vor Nico und Rick mit knirschenden Reifen zum stehen. Der Förster zählte zweifellos zu jenen Menschen, die autofahren mit Tiefflug verwechselten.

»Hallo Nico«, sagte er beim aussteigen, während sich Rick und Hasso auf ihre Art begrüßten. Angelmann reichte Nico die Hand. »Schön, dass du so offene Ohren und Augen hast. Letzte Nacht, na ja, das war natürlich ein aussichtsloses Unterfangen. Ich hab den ganzen Wald abgefahren, aber nichts gefunden. Und hier, wo ist der Fuchs?«

Nico zeigte zu der Stelle. »Da hat er gestanden. Überhaupt keine Scheu.«

Angelmann grübelte. »Mir ist hier weit und breit kein Fall von Tollwut bekannt, aber dummerweise macht ja immer ein Tier den Anfang. Und du weißt nicht wohin er jetzt ist?«

»Nein, keine Ahnung. Plötzlich war er wieder weg. Er war übrigens groß und eine schöne Zeichnung. Also krank kam der mir jedenfalls nicht vor.«

»Tollwut ist eine sehr tückische Krankheit, man muss es einem Tier nicht ansehen. Aber gut, ich bin sozusagen gewarnt, mehr kann man im Augenblick nicht machen. Und die Jungs?«

»Sind drüben an der Halle beim essen. Wir werden dann auch wieder langsam zurückgehen. Ach, hatten Sie da im Wald schon mal angehalten?«

Der Förster sah ihn fragend an. »Wer? Ich? Nee, bin in einem Zug durchgefahren. Warum fragst du?«

Nico zog die Schultern hoch. »Ich dachte, der Motor wär ausgemacht worden.« Wahrscheinlich sah oder hörte er jetzt auch schon Gespenster.

»Okay, ich muss zurück, hab noch im Dorf zu tun. Du kannst ja die Augen offen halten und eine Bitte: Geht Tieren, die zutraulich scheinen, aus dem Weg. Ruf an wenn sich was Verdächtiges in der Richtung tut.«

»Geht klar, ich werd die Jungens vergattern. Bis dann.«

So schnell Angelmann gekommen war, verschwand er wieder und Nico kehrte zurück zu der Gruppe. Die Jungen hatten bereits damit begonnen, ihre Sachen zusammen zupacken, es zog sie ganz offensichtlich zurück ins Camp.

»Haben Sie das gesehen vorhin?«, fragte ihn Marco.

»Das Flugzeug? Ja, hab ich.«

»War n Motorsegler«, ergänzte Simon. »Mein Schwager fliegt auch so ein Ding. Ist geil damit herumzugurken.«

Dem konnte Nico nur zustimmen ,denn vielleicht eine Alternative zum reinen Segelflug, wo man zu sehr vom Wetter abhing. »Okay Jungs, wenn ihr hier alles in Ordnung gebracht habt, Rückmarsch. Und noch etwas: Wenn euch ein sonst scheues Tier begegnet, das keine Angst vor euch hat, bitte nicht rankommen lassen und mich informieren.«

Patrick kratzte sich am Kopf. »Hört sich verdächtig nach Tollwut an. Gibt’s hier denn welche?«

»Es ist ein Verdacht, keine Gewissheit. Also fasst auch keine toten Tiere an oder so.«

»Hui, wie eklig«, sagte Marco und schüttelte sich. »Wer tut denn sowas freiwillig?«

Nico zog die Schultern hoch. »Gut, ihr wisst Bescheid, denn mal los.«

Die Gruppe nahm ihre Sachen auf und begab sich zurück an den Waldrand, Nico und Rick folgten im gewohnten Abstand.

Kurz nachdem sie in den Wald hineingelaufen waren, blieb Roko von der Gruppe zurück und wartete auf Nico. Es musste schon einen triftigen Grund dafür geben, denn Nico hatte ausdrücklich darum gebeten, ihn außerhalb der Pause nur im Notfall anzusprechen. »Was gibt’s?«, fragte er dann auch neugierig, nachdem er bei Roko angekommen war.

»Na ja, weiß grad nicht obs wichtig ist. Hier, das Diensthandy. Vorhin als wir ankamen ging’s noch, jetzt hab ich auf einmal kein Netz mehr.«

Nico zog ohne weiter nachzusehen sein Handy aus der Tasche. »Hm. Ich hab auch keins.« Er wusste, dass sie hier ein Netz haben mussten. »Vielleicht ne Störung, kommt ja mal vor. Aber es ist ja sonst nichts passiert, oder?«

»Nee, ich dacht nur.«

»Ist schon okay, das war durchaus richtig. Und nun schließ wieder zur Gruppe auf.«

Roko nickte und rannte der Gruppe hinterher, die ohne Unterbrechung weitergelaufen war.

Nico drehte sich um, eigentlich wohl so mehr aus einer Intuition heraus und blickte auf den Gipfel des Steinbruchs.
Er kniff die Augen zusammen und mit einem scharfen Pfiff durch die Zähne machte er sich bei der Gruppe bemerkbar. Als sie zu ihm sahen, winkte er sie zu sich.

Kurz darauf hatten sie sich um ihn versammelt. Er zeigte hoch zum Steinbruch. »Ist einem von euch dort oben etwas aufgefallen?«

Die Jungen sahen hinüber und schüttelten den Kopf.

»Meinst du die Antenne da oben?«, fragte Marco.

»Ja, die Antenne ist doch vom Mast um fast 90 Grad weggeknickt. Ich weiß nicht ob das schon so war.«

»Nee«, mischte sich Simon ein, »als wir gekommen sind war die kerzengerade, ich hab das gesehen.« Dabei behielt er Rick scharf im Auge.

»Sicher?«

»Wenn ich ich’s sag.«

Ein Sendemast war nie und nimmer um 90 Grad geknickt. Und dass nun ausgerechnet auch das Netz ausgefallen war, schien kein Zufall zu sein. Irgendwie passte das nicht, aber außer es dem Stördienst zu melden wenn sie zurückwaren, konnten sie nicht tun. »Okay Jungs, dann weiter, zurück zum Camp.«

Im Augenblick als sie losliefen, ertönte das unverwechselbare Geräusch eines Hubschraubers. Er flog tief, so dass sie ihn nur irgendwo über dem Wald vermuten konnten.

»Was sucht der denn hier?«, fragte Patrick.

»Keine Ahnung. Man weiß ja nicht mal.. ah, doch, da hinten ist er.« Nico erkannte einen Polizeihubschrauber. Er zog nach dem Bahnhof hoch und bog rechts hinter dem Steinbruch ab, so dass er nur wenige Sekunden zu sehen war.

»Wird seinen Grund haben«, sinnierte Nico. »Kommt, wir werden uns sonst verspäten.«

Während sie erneut losliefen, rätselte Nico, was die Maschine hier in der Gegend suchte und das tat sie, denn niemals würde ein Hubschrauber sonst so tief fliegen. Er erinnerte sich an das Motorgeräusch, das plötzlich erstarb. Könnte durchaus die Maschine des Motorseglers gewesen sein. Und dann dieses knirschen.. Nico blieb stehen. Das alles passte plötzlich zusammen. Er drehte sich um und lauschte. Irgendwo war der Hubschrauber noch unterwegs, aber die Entfernung und Richtung war im Wald so gut wie nicht auszumachen.

Nico ging in die Hocke. »Rick, du alter Hellseher. Was zum Teufel ist da los? Kannst du mir das sagen?«
Rick saß freilich nur da und schwänzelte. Er wirkte weder unruhig noch fiel sonst etwas an seinem Verhalten auf. Dafür spürte Nico, dass irgend etwas in der Luft lag. Dieses dumme Gefühl. War es angeboren? Hatte er es sich hier in der Zeit angeeignet? Es war ja nie so, dass er das Unglück angezogen hätte. Sicher drängte sich der Verdacht auf, dass immer dort, wo er erschien, irgendwie immer etwas los war. Aber komischerweise nie außerhalb der Camps; weder während seiner Zeit mit Stefan noch an der Uni gab es Dinge, die besonders erwähnenswert gewesen wären. Nichts was sich lohnen würde, ein Tagebuch darüber zu schreiben. Einzig jener Abend, wo sie vor den Rabauken vor der Disko geflüchtet waren. Das war die rühmliche Ausnahme.
Nico stand auf. Die Gruppe war bereits im Begriff im Wald zu verschwinden, während das Geräusch des Hubschraubers jetzt am anderen Ende des Waldes zu hören war. Immer wieder sah Nico zu dem abgeknickten Sendemast hoch. Irgend eine Rolle musste er spielen, aber welche?

Erneut piff er laut durch die Zähne. Roko, der als letzter in der Gruppe lief, drehte sich um. »Ich komm nach!«, rief ihm Nico zu und der Junge gab ein Handzeichen, dass er verstanden hatte.

»Komm, Rick. Wir sind eh schneller als die, lass uns mal kurz nachsehen.« Es war ihm nicht ganz klar, was ihn zu dieser Entscheidung trieb. Abenteuerlust? Neugier befriedigen? Die Möglichkeit auszuspielen, sich in irgend einer Form wichtig zu machen? Oder doch nur einer Ahnung folgend, von der er keinen Schimmer hatte, was es überhaupt sein konnte? Die Fragestellung währte nur wenige Sekunden; all das waren Spekulationen und taugten nicht für eine Umkehr von seinem Vorhaben.

Der Husky sprang auf und im Eilschritt kehrten sie zum Bahnhofsgelände zurück. Zum ersten Mal steuerte Nico nun den rechten Teil des Steinbruchs an. Es war schwer vorankommen in dem hohen, dichten Grasbewuchs, Strauchhecken versperrten den Weg und weite Bögen mussten sie um die Brombeerhecken machen. Allerdings legte Nico dabei immer wieder kurze Pausen ein, um die reifen, leckeren Früchte zu pflücken und sich in den Mund zu stopfen.
»Rick, es ist ein Jammer dass du keine Beeren isst. Dir entgeht was, ehrlich.« In ganzen Trauben hingen die Brombeeren herum, deren Ursprung scheinbar in alten, verwilderten Kleingärten der ehemaligen Arbeiter des Steinbruchs zu suchen war. Diese Ecke umspann sowieso eine ganz besondere Atmosphäre. Zaunkönige hüpften in den Hecken, Grasmücken suchten Insekten auf dem körnigen Boden; jede Menge Wespen, Fliegen, Hummeln und hier und da eine Libelle erfüllten die Luft mit ihrem summen. Auf dem vermodernden Holz verfallener Gartenlauben sonnten sich Eidechsen und große Bockkäfer suchten nach Nahrung. Trotz des Abdrucks, den die Zivilisation hier einst zurückgelassen hatte, wirkte alles wild und unberührt.

Schließlich kamen sie am Fuß des Steinbruchs an. Wie Nico vermutet hatte, würde es kein so großes Problem sein, an dieser Flanke den Berg zu erklimmen.
»Komm, mein Freund, ein bisserl kraxeln. Ist zwar viel zu heiß dafür, aber Kondition ham wa ja noch.« Es kam ihm nicht komisch vor, mit dem Hund wie zu einem Menschen zu reden; zumal Rick eben auch ein braver Zuhörer war, der nicht widersprechen konnte.

Der Anstieg begann in mit niedrigen Fichten und Kirschlorbeer bestandenem Areal, irgendwelche Wege gab es nicht. Nico fand immer guten Halt auf dem Boden, besondere Hindernisse bildeten ab und zu lediglich Findlinge, die wohl noch aus der Eiszeit hier herumlagen.
Nico hatte plötzlich das Gefühl, dass hier noch nie ein Mensch gewesen war. Nichts, überhaupt keine Spuren der Zivilisation. Sicher waren hier vor Urzeiten auch mal Menschen unterwegs, besonders als der Schieferabbau noch in Betrieb war. Aber das lag lange zurück.
Je näher sie dem Gipfel kamen, desto steiler wurde der Aufstieg. Nico zog sein T-Shirt aus und fuhr sich damit über sein schweißnasses Gesicht. Trotz der Mühe stellte er seine Aktion nicht in Frage, wenigstens bis zum Gipfel wollte er kommen. Sollte sich nichts Verdächtiges finden, wäre auch nichts verloren gewesen.

Auf direktem Weg schafften sie es im oberen Drittel nicht, der Untergrund wurde weniger griffig und zwang sie, nach rechts auszuweichen. Nach einigen Minuten hörte die Vegetation plötzlich auf, sie traten aus dem Unterholz auf einen weitläufigen Kahlschlag. Scheinbar wurde der Wald hier gerodet, um die Hütten am Bahnhof zu bauen. Durch die Erosion war dann kein Wald mehr nachgewachsen, lediglich niedere Büsche und Sträucher säumten das Areal. Nico blieb stehen und schnaufte. Sicher wäre der Aufstieg um einiges leichter gewesen, hätte es diese Hitze nicht gegeben. Die Sonne brannte nun unerbittlich auf den Kahlschlag und Augenblicke lang atmete Nico richtig heiße Luft ein. Im Grunde ein Dorado für Segelflieger, die hier im heißen Hangwind jede Menge Thermik finden könnten. Aber der dunkelblaue Himmel war frei von irgendwelchen Flugzeugen und der Hubschrauber war schon eine Weile nicht mehr zu hören; in dieser Ecke hatte er scheinbar nichts gefunden, was immer er auch suchte.

Endlich erklommen die beiden Kletterer den Gipfel. Sie kamen weit rechts des Mastes oben an. Obwohl der Steinbruch nicht sehr hoch war, bildete er weithin der höchste Punkt in der Landschaft und so bot sich Nico ein atemberaubender Blick ringsum auf die Wälder und Täler. Er setzte sich neben Rick und ließ zunächst seinen Atem zur Ruhe kommen. »Sollte das Rauchen einstellen«, sagte er vor sich hin. »Du hast’s gut, Hund, mit solchen Dingen musst du dich nicht beschäftigen.«

Nach einigen Minuten stand Nico auf und begab sich zu dem Antennenmast. Er war aufgrund der eigentlichen Höhe hier eher massiv als hoch gebaut worden. Offenbar benutzte man dazu einen Hubschrauber, denn weiterhin gab es hier oben keine Wege. Der Bau solcher Antennen dauerte meistens eh nur einen Tag, dann standen die Dinger betriebsbereit. Diesen Zustand bescheinigte Nico dem Mast nach näherem hinsehen nicht mehr. Genau da, wo der Mast in die Vierteilige Mobilfunkantenne überging, war er abgeknickt, zwei Antennenschalen lagen nur noch mit einem dünnen Kabel verbunden direkt davor auf dem Boden. Etwas weiter fand Nico das in zwei Hälften zersplitterte rote Signallicht. Damit war klar, dass rohe Gewalt hier am Werk gewesen sein musste.

Nico umrundete den Mast, immer wieder suchte den Boden ab. Schließlich fand er, wonach er zwar nicht explizit gesucht hatte, aber dennoch wurde seine Vermutung damit bestärkt. Ein weiß lackierter Holzsplitter, nicht größer als eine Zigarette. Er hob ihn auf, drehte ihn in seinen Händen. Dieses Stückchen gehörte hier nicht hin, weder zur Antenne noch zum Umfeld. Nico sah sich um, den Berghang hinunter. Weitläufig erstreckte sich der Kahlschlag, rechts und links säumte der Wald das Blickfeld. Weit unten, da wo der Kahlschlag am Fuße des Bergs in den Wald überging, fiel ihm etwas auf. Es war über die Entfernung nichts detailliertes zu erkennen, aber irgendetwas dort unten passte einfach nicht ins Bild.
»Komm, Rick, ich denk hier oben gibt’s nichts was uns noch aufhalten könnte.« Den direkten Weg nach unten musste er sich aus dem Kopf schlagen, das Geröll bot fiel zu wenig Bodenhalt. Doch dann, kurz bevor er den Weg zurückgehen wollte, fiel ihm etwas rotes am dem Boden auf, etwa fünf Meter unterhalb auf dem Geröll. Nico war viel zu Neugierig, um dem Gegenstand nicht seine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Vorsichtshalber zog er sein T-Shirt über und tastete sich dann langsam an einen Busch, der etwas links auf halber Höhe stand, um an ihm zu ziehen. Anscheinend bot er durch tiefe Wurzeln genügend Standfestigkeit, um sich daran festzuhalten. Nico wusste was es bedeuten könnte, wenn der Busch nachgab. Bis zum nächsten Gebüsch, an dem er sich im Falle eines Ausrutschers festhalten konnte, war es fast die halbe Strecke nach unten. Allerdings musste Nico nicht fürchten, sich großartig zu verletzen.

Rick sah ihm zu, wie er sich vorsichtig in dem Geäst des Busches haltend zu dem Gegenstand hinabrutschen ließ. Steine lösten sich und kullerten den Hang hinunter, aber Nico ließ sich nicht aufhalten. Mit einiger Anstrengung streckte er den anderen Arm aus und bekam das Plastikteil zu fassen. Und just in diesem Augenblick gaben die doch nicht so tiefen Wurzeln des Busches nach, in Zeitlupentempo zogen sie sich aus dem Boden und Nico verlor damit praktisch jeden Halt. Mit Flüchen rutschte er nun immer weiter, bis der Busch ganz aus der Erde herausgezogen war und damit konnte der Kletterer den ungewollten Abstieg nicht mehr vermeiden. Zuerst noch auf den Beinen haltend, ging er auf seiner Talfahrt zunächst in die Hocke, dann sauste er schließlich auf dem Hintern den Hang hinunter. Unwillkürlich entglitten ihm eher verhaltene Hilferufe, er wusste dass nicht sehr viel passieren konnte und hören würde ihn hier auch niemand. Immer schneller ging die Rutschpartie nach unten, Steine kullerten neben und vor ihm und eine Menge Staub wirbelte auf. Nico musste husten und verzweifelt versuchte er nun, Halt in den kommenden Büschen zu suchen. Aber er war schon zu schnell und zu schwer, wodurch er sie im vorbeirauschen einfach mitriss. Schon spürte er die Schrammen an den Beinen, die Hecken hatten stellenweise Dornen und brannten in seinen Handflächen. Schließlich ließ sich Nico auf die Seite fallen und rollte den Rest des Abhangs wie eine Tonne hinunter.

Endlich hielten ihn dann weiter unten starke Büsche auf. Noch eine zeitlang rollten Steine über ihn hinweg, holte ihn die ausgelöste Staubwolke vollends ein und ließ ihn erneut husten.

Irgendwann kehrte Ruhe ein. Nico setzte sich auf und betrachtete sich die Bescherung. Seine Short war an der Seite eingerissen, das T-Shirt völlig verschmutzt und wie er sonst aussah, diese Vorstellung ersparte er sich. Die Handflächen brannten wie Feuer und bluteten an einigen Stellen. Das taten auch die Schrammen an seinen Beinen, aber nach wirklich ernsthaften Verletzungen sah das alles nicht aus. So etwas war früher schließlich an der Tagesordnung; vor der Schulzeit war das Gang und Gäbe. Jetzt rächte sich, dass er Roko noch den Erste-Hilfe-Kasten mitgegeben hatte.

Mit einigen Flüchen kam Nico mühsam auf die Beine. Rasch sah er sich um, aber Rick lief schon auf ihn zu. Er war schlau genug gewesen, den Weg, den sie hinauf genommen hatten, zurückzukehren. Nico dachte, wenn ein Hund lachen könnte, dann würde sich der Husky am Boden kringeln.
Unbeachtet der blutenden Wunden klopfte Nico den Staub aus der Hose und dem T-Shirt, viel schmutziger als er schon war würde er kaum werden. Dann tupfte er mit seinem Taschentuch die Wunden sauber, das musste reichen.
»Verdammt«, fluchte er dann doch, weil ihm bei diesem unfreiwilligen Sturz das Plastikteil abhanden gekommen war, aber wozu gab es einen aufmerksamen Begleiter? Rick kletterte ein paar Meter den Hang hoch, dann packte er vorsichtig das Teil und brachte es seinem neuen Herrchen. »Braver Hund. Ich hätt’s vielleicht nicht wiedergefunden.« Nico tätschelte Ricks Kopf und betrachtete sich den durchsichtigen, roten Deckel aus Kunststoff genauer. Es war dann auch das, wa er vermutet hatte – die Kappe eines Positionslichts. Das von der Antenne konnte sie nicht sein, die lag ja zersplittert da oben. Flugzeuge waren aber ebenfalls damit ausgestattet, vorgeschrieben und nach DIN-Norm.

Zusammen mit dem Holzsplitter ergab sich für Nico dann folgende Situation: Der Motor des Seglers hatte ausgesetzt, warum auch immer, und dem Piloten war es aus unerfindlichen Gründen nicht gelungen, im Sinkflug der Antenne auszuweichen. Dieses knirschende Geräusch passte dazu, ebenso wie die Kappe der Leuchte, die bei der Kollision wohl abgerissen wurde. Und der Heli, der hatte nach dem Flugzeug gesucht.
Rasch sah sich Nico nun genauer um. Sein Interesse galt dem Wald, der sich vom Kahlschlag aus vom Berg weg erstreckte. Irgendetwas war Nico beim Blick von oben hier aufgefallen, nur da, an der Stelle, schien es nichts zu geben was auffällig wäre. Trotzdem gab er nicht nach, den Weg zurück würde er auch so finden.

Leicht humpelnd lief Nico auf den Wald zu, der hier aus hohen, alten Buchen bestand. Allerdings gab es hier doch eine Besonderheit, und die war ihm von oben aufgefallen: Offenbar wurden einige Bäume gefällt, jedoch nicht nur nebeneinander, sondern auch hintereinander, so dass eine Art Schneise in den Wald hinein entstand. Den Baumstümpfen nach war das Jahrzehnte oder länger her und die umstehenden Bäume nutzten diese Schneise, um ihr Blätterdach weitläufig darüber zu spannen, wodurch es jetzt wie ein Tunnel aussah. Nicos Augen verengten sich. Rasch maß er mit den Augen den Abstand zwischen den äußeren Bäumen und schnippte dann mit dem Finger.
»Rick, komm, ich ahne da was.«
Rasch ging er auf diesen natürlichen Tunnel zu, vergaß dabei sein verletztes Bein und die brennenden Schrammen. Dass sich ihm nun ein Wall Brennnesseln in den Weg stellte, quittierte er mit einem Fluch und der kurzen Suche nach einem dicken, langen Ast, um sich damit den Weg frei zuschlagen. Ein Graben, der sicher nur bei vielem Regen Wasser führte, war das nächste Hindernis, dann stand er am Anfang dieses Tunnels und etwas vergleichbares hatte er noch nie gesehen. Doch schon von hier aus erkannte er helle Flecken, weiter hinten, wo die Bäume wieder beisammen standen. Rick hatte längst seine Ohren in die Richtung gespitzt und wartete nicht lange auf Kommandos. Sofort sprang er los, in eleganten Sätzen über das niedrige Gestrüpp. Nico stolperte ihm mehr hinterher als dass er ging, aber mit jedem Meter wurde die Szene vor ihm deutlicher. Das Seitenleitwerk des Flugzeugs war zu erkennen und auch, dass die Maschine einige Meter über dem Boden zwischen zwei eng stehenden Bäumen eingeklemmt war. Die Maschine war älteren Datums. Sie bestand noch aus einer Mischung aus Holzbauweise, Kunststoff, Leichtmetallrohren und Stoffbespannung. Das Gesträuch wurde dichter und machte ein vorankommen immer schwieriger. Nico blieb schnaufend stehen, während Rick bereits, wenn auch von hier aus unsichtbar, an der Maschine sein musste.

Es war unnatürlich still, totenstill fast und erst allmählich begriff Nico, was sich ihm in den nächsten Minuten offenbaren könnte. Es war keine zwangsweise entsetzliche Situation, aber er musste mit allem rechnen. Hastig fummelte er sein Handy aus der Seitentasche, aber schon ein Blick auf das Display brachte Ernüchterung: Jeder Versuch, das Handy in irgendeiner Form zum Leben zu erwecken, blieb ohne Erfolg: Es hatte den Absturz schlicht nicht überlebt. Zu der Furcht, was da vorne passiert sein könnte kam nun die Gewissheit, völlig auf sich alleine gestellt zu sein. Hier würde ihn niemand suchen und geschweige denn, finden.
»Hallo?« Nico zwang sich, das Rauschen in seinen Ohren herauszufiltern, aber es kam keine Antwort. Langsam näherte er sich dem Wrack und schöpfte dann irgendwie Hoffnung. Der Rumpf der Maschine steckte wie ein Keil zwischen den Bäumen, die Tragflächen waren abgeknickt und lagen bizarr verformt im Unterholz. Je näher er kam, desto mehr wich sein anfänglicher Optimismus. Dieses Chaos konnte ein Mensch nur mit sagenhaftem Glück überleben.
Aber nun begann Rick, zu bellen. Nico raffte sich auf und überwand diese Lähmung, die ihn einen Augenblick lang hatte zaudern lassen.
»Hallo?«, rief er erneut, wartete aber diesmal nicht, sondern krabbelte, kroch und robbte durch das Grünzeug und die umherliegenden Trümmer. Dann sah er Rick dort sitzen, zwischen den Bäumen, genau unter dem Rumpf, der in etwa drei Metern Höhe in einer Baumgabel eingeklemmt war. Vielleicht wäre Nico auch da nie in Panik geraten, wenn ihn jetzt nicht ein eindringlicher Geruch zu umhüllen schien. Eindeutig, Zweifel ausgeschlossen. Und es war nicht irgendein Benzin, das hier irgendwo herunterlief und versickerte. Ein Freund hatte Nico einmal erzählt: „Flugbenzin ist Abfall. Um es zu entzünden, reicht schon das laute Wort Feuer. Den brennt das auch schon los.“
Nico beruhigte sich wieder, da der Absturz schon eine Weile zurücklag und der Motor scheinbar nicht gelaufen war. Unmittelbare Gefahr bestand somit wohl nicht, aber man konnte es auch nicht Hundertprozentig wissen.
Nun war er bei Rick angekommen, dessen Blick unablässig oben auf den Rumpf des Flugzeugs geheftet blieb. Er begann zu winseln und nun sprang er an dem einen Baum hoch. Nico sah ebenfalls nach oben, aber die Kanzel konnte er nicht sehen von da aus. Wie sich Rick verhalten würde, wenn der Mensch da oben tot wäre? Es musste etwas passieren. Nico streckte sich, aber er kam mit den Fingern nicht bis an den Rumpf und die Bäume besaßen in diesem Bereich keine Äste.

Nach einigem herumsuchen fand er schließlich ein abgerissenes Stück der rechten Tragfläche. Das Teil konnte er schräg an den Baumstamm lehnen und mit einiger Mühe balancierte er sich daran hoch. Die Wunden in seinen Händen brannten höllisch, als er sich an der Baumrinde hochschob. Eigentlich konnte er auch so die Kanzel nicht erreichen, aber wenigstens nachsehen, wie fest der Rumpf zwischen den Bäumen steckte. Auf wackligen Beinen streckte er sich schließlich und konnte jetzt mit einer Hand den Bereich der Kufe und des Bugrades erfassen. Er drückte so fest es ging dagegen, aber der Rumpf rührte sich keinen Millimeter.

Nico kam so nicht weiter, das wurde ihm sofort klar. »Rick, geh Hilfe holen. Schnell.« Der Husky reagierte nicht darauf, aus irgend einem Grund zögerte er. »Nun lauf, los, mach schon.« Vielleicht musste sich Rick noch an den Ton in Nicos Stimme gewöhnen, aber dafür war jetzt nicht die Zeit.
Er sprang von einem erhöhten Platz herunter und kniete sich neben den Husky. »Rick, du musst ins Camp, Hilfe holen.« Nico redete eindringlich, aber leise und zeigte mit dem Arm in die Richtung, die Rick einschlagen musste. Dabei war Nico sicher, dass das gar keine Rolle spielte. Der Husky musste nur wissen, dass Hilfe nötig war, alles andere würde sich selbst finden. »Rick, geh Falk holen«, versuchte es Nico mit einem Trick. Zwar spitzte Rick jetzt die Ohren, aber noch immer machte er keine Anstalten. »Bitte, Rick, geh ins Camp, ich brauch hier Hilfe.« Offenbar hatte Nico soeben den Ton erwischt, der von Rick richtig interpretiert wurde. Er bellte kurz, stand auf und verschwand mit ein paar Sätzen im Wald.
Nico stand auf und atmete durch. Dennoch wollte er nicht tatenlos hier herumhängen, immer wieder grübelte er, welchen Weg es geben könnte um da hoch zu kommen. Vielleicht war unter den umherliegenden Trümmern etwas zu finden, womit er wenigstens nachsehen konnte, wer sich in dem Flugzeug befand. Von hier unten aus konnte er nur erkennen, dass die Kunststoffhaube unbeschädigt, aber wohl noch fest verschlossen war. Mit einem langen Stock klopfte er gegen den Rumpf, immer wieder Hallo rufend. Aber es blieb ruhig, er bekam kein Lebenszeichen.
Es fand sich einfach nichts, was er als Steighilfe benutzen konnte und diese Machtlosigkeit machte ihn bald verrückt. Etwas abseits setzte er sich auf den Boden; weit genug weg, um eine Zigarette zu rauchen, denn die brauchte er jetzt. Tief sog er den Rauch ein und blickte auf seine Uhr. Es war bereits nach zwei Uhr und Rick war schon eine Weile fort.

Mitten in seinen Gedanken hatte er plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden. Rasch sah er sich um und rasch wurde sein Gefühl bestätigt. Langsam stand Nico auf und drehte sich um. Die Entfernung zu dem Rehbock, der wie eine Statute dastand und ihn anstarrte, betrug keine 10 Meter. Das Tier passte nicht in das Bild ringsum und für so ein Verhalten gab es nur eine Erklärung. Nico hatte keine Angst, aber trotzdem war ein respektvoller Abstand oberstes Gebot. Nichts an dem Bock schien unnatürlich, er war ausgewachsen, von schöner, rotbrauner Farbe und sein Gehörn wohl der Traum aller Jäger. Dennoch, für Sentimalitäten war hier kein Platz. Nico fuchtelte mit seinen Armen. »Husch, verschwinde.« Aber der Rehbock reagierte nicht einmal mit Augenblinzeln. Er stand einfach da und beobachtete. Solange er Abstand halten würde war es kein Problem, aber war er am Ende Angriffslustig? Nico bückte sich nach einem Ast und warf ihn in die Richtung. Tatsächlich wich das Tier nun ein paar Schritte zurück, aber zur Flucht schien es sich nicht zu entscheiden. »Hau ab!«, rief Nico nun etwas lauter. Doch die Reaktion des Rehbocks war verblüffend: Er senkte seinen Kopf und scharrte mit dem Fuß am Boden, ähnlich wie es Stiere in der Arena tun. Jetzt war höchste Vorsicht geboten, offenbar dachte das Tier nicht im Traum daran, sich einschüchtern zu lassen.
Doch plötzlich blickte der Rehbock an Nico vorbei und im selben Atemzug waren Stimmen zu hören. Nicos Name wurde gerufen und nach wenigen Sekunden drehte das Tier um und verschwand im Gehölz.
Diese Begegnung würde Nico nicht so schnell vergessen und lauthals gab er Antwort.

Rainer Bode erschien, gleich hinter Rick und dann kamen nach und nach die Jungs aus dem Camp aus dem Unterholz.

»Gott sei Dank dass ihr da seid«, sagte Nico mehr zu sich selbst. Rick blieb sofort unter dem Rumpf des Fliegers stehen, während Nico der Gruppe entgegenging.

»Alles klar mit dir?«, fragte Bode und Nico schnaufte.

»Ja, mit mir schon. Aber da oben, wir müssen schnellstens da rauf. Ich hab nichts gefunden womit ich da beikomme.«

Die Jungen versammelten sich um die beiden. Geschafft sahen sie aus, Schweiß zeichnete ihre Gesichter. Sie waren nicht gemütlich hierher gelaufen, das stand außer Frage.

»Jungs, höchste Vorsicht, da ist Benzin ausgelaufen«, mahnte Nico. »Denkt nicht mal ans Rauchen.« Von seiner Zigarette musste ja keiner etwas wissen.

Bode sah sich die Sache genauer an. »Wir müssen es mit einer Baumleiter versuchen.«

»Gut. Ich geh hoch«, meldete sich Nico.

Bode ging in die Hocke, lehnte sich an den Baumstamm und kreuzte seine Finger ineinander. »Okay, jetzt rauf mit dir.« Er ging in die Hocke und Nico stieg in die Hände des Betreuers. »Und.. hepp.«

Bode stand mit wackligen Beinen auf und Nico suchte Halt am Rumpf des Flugzeugs. Glück im Unglück, dass es eingerissene Stellen in der Stoffbespannung gab, in denen er diesen Halt fand und sich unter Einsatz seiner ganzen Kraft hochziehen konnte. Vorsichtig legte er sich auf den Rumpf und zog sich nach vorn, zu der Haube. Sie spiegelte jedoch zu sehr, als dass er von diesem Standpunkt aus hineinsehen konnte.
»Vorn ist der Hebel, um die Haube aufzumachen«, rief Simon zu ihm hoch. Das war zwar ein aufschlussreicher Hinweis, aber dazu musste er erst einmal dahin kommen. Er robbte weiter vorsichtig nach vorn, jetzt konnte er in das Cockpit sehen. Die Beine und die Hände, die auf den Schenkeln eines Menschen lagen. Er klopfte an die Scheibe, aber die Person rührte sich nicht. Somit zog er sich weiter, bis zur Motorhaube. Langsam drehte er sich um und konnte nun auf ihr sitzen.

»Du musst den roten Knopf da vorn rausziehen, dann geht die Haube auf.«

»Okay Simon, ich hab ihn.« Mit einem Ruck zog Nico den Knopf heraus und die Haube hob sich ein paar Zentimeter. Mit aller Kraft zog Nico sie hoch und es gelang ihm, sie nach hinten zu klappen.
Der Pilot saß fest angeschnallt, den Kopf zur Seite geneigt und die Augen geschlossen in seinem Sitz. Nico erschrak, als er sah, wie jung der Flieger war. Er schätzte ihn auf höchstens 20, trug ein T-Shirt und kniehohe Shorts. Es waren keine Verletzungen zu erkennen, auch keine unnatürlichen Verrenkungen.
Nico beugte sich nach vorn und berührte das Gesicht des Mannes. »Hallo, hören Sie mich?« Nach alter Tradition tätschelte er die Wangen. »Hallo?«

Dann schlug der junge Mann die Augen auf. Offenbar völlig desorientiert sah er Nico in die Augen.
Dessen Herz machten Sprünge. »Er lebt!«, schrie er und unten hörte er Freudenrufe.

»Ist er verletzt?«, fragte Bode.

»»Tut dir was weh?«, wollte Nico von dem Piloten wissen, dessen Alter Nico das Sie blöd vorkommen ließ.

Der junge Mann ließ seine Augen kreisen. »Was.. ist passiert?« Ganz offenbar stand er noch unter Schock.

»Du bist abgestürzt. Bist du verletzt?«

»Nein.. ich.. glaub nicht.«

»Komm, du musst hier raus.«

Mit zittrigen Händen schob der Pilot den Sicherheitsstift aus dem Schloss, das die Becken- und Schultergurte zusammenhielt.

»Ich helf dir«, sagte Nico und zog ihn an den Schultern zu sich. »Geht’s?«

»Schon.. « Der junge Mann stemmte sich aus seinem Sitz.

Die schwierigste Aktion stand noch bevor. Man konnte nicht wissen, ob der Pilot nicht doch verletzt war, was er unter Schock so nicht wahrnahm. Aber letztlich betätigte sich diese Befürchtung nicht.
»Sieh mal nach, ob das Funkgerät noch geht«, rief Simon nach oben. Egal wie auch immer, er war ein helles Köpfchen.

Der junge Pilot drehte an ein paar Knöpfen, dann schüttelte er den Kopf. »Das Ding ist hin. Spring runter, ich komm nach«, sagte er dann zu Nico und der nahm verblüfft zur Kenntnis, wie behände der Pilot auf einmal war.

Nico hielt sich am Einstieg des Cockpits fest und ließ dann zu Boden fallen, wo ihn Bode abfing. Das gleiche geschah kurz darauf mit dem Piloten.

»Geht es Ihnen gut?«, fragte Rainer Bode den Piloten.

»Gut ist relativ.. wenn ich bloß wüsste, was passiert ist. Ich hab nen echten Filmriss.«

Nico stellte in der folgenden Erholungsphase fest, dass der Pilot einen recht passablen Eindruck machte. Es lag nun mal eben in seiner Natur, solche Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Thomas war etwas kleiner als er, wirkte nicht sonderlich kräftig. Auffallend war wohl die schmale Taille und seine dunkelbraune Hautfarbe. Dunkelblonde Haare, die er glatt und mit Scheitel trug, wobei ihm ein paar Strähnen in die Stirn fielen und ihm ein ziemlich freches Aussehen verliehen. Wohl auch blaue Augen und in der rechten Nasengrube glitzerte ein kleines Edelsteinchen. Er reichte ihm die Hand. »Ich bin Nico Hartmann, das ist Rainer Bode und.. die Jungs da.. wir kommen aus einem Camp in der Nähe und haben den Absturz so quasi mitbekommen.«

»Thomas Prauner«, stellte sich der junge Mann vor, »man wird mich sicher suchen.«

»Hat man, ja, ein Helikopter der Polizei war unterwegs. Aber«, Nico zeigte nach oben in die Baumkronen, »sie haben dich nicht gefunden.«

»Na Gott sei Dank seid.. ihr ja da.«

Bode nahm Nico an der Schulter. »Ich habe Marco zurückgeschickt. Sobald er Empfang hat, ruft er Hilfe.«

»Du hast die Mobilfunkantenne auf dem Berg umgenietet, darum gibt’s hier keinen Empfang,« erklärte Nico dem Piloten.

»Echt?«

»Ja, volle Kanne.«

Thomas rieb sich das Kinn. »Ich hab keine Erinnerung. Irgendwann war plötzlich Schluss.«

»Die Sonne?«, fragte Bode.

»Vielleicht. Ich hab meine Kappe vergessen.. na ja, nicht zu ändern.«

»Hast du wirklich keine Schmerzen?« Nico wollte nicht glauben, dass man einen solchen Absturz ohne Schramme überstehen konnte.

»Mein Kreuz ein bisschen.. wird sicher alles später kommen.«

Rainer Bode suchte eine geeignete Stelle auf dem Waldboden. »Leg dich bitte hier hin, bis Hilfe kommt.«

Nun doch etwas mühseliger setzte sich Thomas auf den Boden.

»Rainer.. einen Moment bitte«, bat Nico den Betreuer zur Seite. »Vorhin stand da plötzlich ein Rehbock.. der hat keine Scheu gehabt. Normalerweise wäre der hier nicht mal auf ein Kilometer rangekommen. Einmal der Krach und dann hätte er Meilenweit das Benzin riechen müssen.«

»Müssen wir Angelmann sagen. Scheinbar herrscht doch Tollwut.« Besorgt sah Bode zu den Jungs. »Wir müssen zusammenbleiben und im Camp höchste Vorsicht walten lassen.«

»Okay, kein Problem. Und wir warten jetzt wohl hier?«, frage Roko.

»Müssen wir wohl. Ich denke, Marco macht das schon richtig. Ungefähr 200 Meter von hier führt ein alter Waldweg vorbei, bis dahin können sie dann fahren. Marco wird dort auf sie warten.«

»Auf dem Bahngelände könnte ein Hubschrauber landen.«

»Ja, vielleicht kommen sie selbst auf die Idee wenn sie hören wo wir sind. Aber da haben wir jetzt keinen Einfluss rauf.«

Thomas hatte sich nun ausgestreckt und die Augen geschlossen. Wahrscheinlich würde erst nach und nach alles an die Oberfläche kommen.

»Der hat unwahrscheinliches Glück gehabt. Wie hast du ihn überhaupt gefunden?«, wollte Bode wissen.

»Mir hat diese Antenne da oben keine Ruhe gelassen.« Dann schilderte er den Ablauf. »Nach der Kollision ist er wohl den Berg runtergeflogen und ohne Bodenberührung genau hier in diese Schneise reingesegelt. Es war wirklich alles nur Glück, er hätte auch direkt gegen einen Baum fliegen können. Dann wär’s, na ja, sicher anders ausgegangen.«

Eine Stunde später kamen Marco und zwei Sanitäter an der Unfallstelle an, im Geleit zwei Männer der Feuerwehr, Horst Walther von der Polizei und am Ende der Kolonne stapfte Hubert Angelmann aus dem Unterholz.

»Wir können ihn im Wagen transportieren«, erklärte der Notarzt, nachdem er Thomas untersucht hatte, »er hat wohl keine ernsthaften Verletzungen davongetragen.«

Wie schon einmal betrachtete sich der Notarzt Nicos Wunden. »Das verbinden wir aber. Bist du gegen Tetanus geimpft?«

Nico konnte die Frage mit Ja beantworten. Daraufhin verpasste ihm einer der Sanitäter einen Verband um das Schienbein. »Die Hände, da mach ich was drauf, aber du solltest damit zum Arzt.«

Auch das noch, dachte Nico. Aber man wollte ja nur sein Bestes.

Damit schnallten sie den Piloten auf die Trage und Thomas winkte Nico zu sich. »Danke für alles.«

»Schon gut, keine Ursache.«

»Wenn ich wieder fit bin drehen wir mal ne Runde da oben.«

Nico lächelte. »Da freu ich mich drauf.«

Schließlich trugen ihn die Sanitäter zum Rettungswagen.

»Na, da ist ja richtig was los,« sagte Angelmann, der sich nun mit Walther zu Bode und Nico stellte.
»Hm, viel wichtiger scheint mir ein Rehbock zu sein, der plötzlich hier auftauchte und die Szene beobachtet hat. Waren wohl kaum 10 Meter zu ihm hin. Außerdem hatte ich den Eindruck, er ist aggressiv.«
Angelmann grummelte. »Das ist keine gute Nachricht.; werde ihn wohl suchen müssen. Ihr haltet aber die Augen auf, okay? Es muss am Ende nichts heißen, aber Vorsicht ist angebracht.«

»Was passiert hier jetzt?«, wollte Bode von dem Polizisten wissen.

»Die Feuerwehr bewacht die Stelle. Ich denke, spätestens gegen Abend ist jemand vom Bundesluftfahrtamt hier. Erst wenn die ihre Untersuchungen abgeschlossen haben, werden die Trümmer beseitigt«, antwortete er.

»Dann können wir ja eigentlich abrücken«, meinte Nico.

»Ja, ich werde aber mit denen vom Amt noch mal bei euch vorbeikommen, ne Aussage fürs Protokoll.«

»Gut, dann machen wir, dass wir heimkommen, ich habe Hunger und Durst und so Sachen.« Nico ging zu den Jungen, die sich zusammen mit Rick das Ganze aus einiger Entfernung betrachtet hatten. »Marco, hast gut gemacht.«

Der nickte nur. »War kein Problem.«

»So, ich denke wir hauen ab«, sagte Bode zu den Jungs und winkte Nico zu sich.
Dann stapfte die Gruppe aus dem Unterholz auf den Waldweg, auf dem der Löschzug der Feuerwehr gerade so Platz hatte. »Wie ein Parkplatz hier.«

»Moment«, hörten sie Angelmann rufen. »Ich fahr euch. Hier hab ich im Moment eh nichts zu tun.«

Dieses Angebot zauberte freudige Gesichter hervor. Diesmal fuhr der Förster wesentlich gezähmter, da die Jungs eigentlich verbotenerweise auf der Ladefläche des Rovers saßen. Nico und Bode saßen vorne neben Angelmann.

»Also, ich weiß nicht, ich glaub ich brech das Praktikum ab«, sagte Nico nach einer Weile nachdenklich. »Wo ich hinkomme, bricht das Chaos aus.«

Bode lachte. »Wenn man ne Summe bildet, dann könnte man das wirklich meinen. Aber ich denke, du solltest dir darüber keine Gedanken machen. Am Ende passiert ja auch so dauernd etwas, nur kriegen wir es nicht mit. Wer weiß wie lange der Thomas da oben gehangen hätte. Gut, er wär dann sicher selber rausgekommen irgendwann, aber stell dir vor er wäre verletzt gewesen.«

Angelmann setzte seine Mitfahrer am Hauptgebäude ab und fuhr sofort wieder los. »Ich fahr dann wieder zur Unfallstelle. Übrigens hat Horst beim Mobilfunkbetreiber angerufen, die kümmern sich um die Antenne. Also, bis dann.«

Nico atmete durch. »Mein lieber Mann was ein Tag. Ich bin dann erst mal für drei Stunden oder so unter der Dusche.«

Rainer Bode grinste breit. »Dann wirst du das Abendessen verpassen. In einer halben Stunde gibt’s Futter.«

»Okay, dann eben so lange.«

Gemurmel unter den Jungs ließ vermuten, dass sie angesichts des Schweißes auf ihren Körpern auch nichts anderes im Sinn hatten, nur war es Nico diesmal völlig egal. Er ging in sein Zimmer, zog das T-Shirt aus und entfernte vorsichtig die Verbände an seinen Händen und dem Bein. Gut sah das wirklich nicht aus, aber es würde ihn schon nicht umbringen. Dann schnappte sich seine Duschutensilien und ging zu den Duschräumen.
Ungeachtet dem Treiben, das nun dort herrschte, zog er sich nackt aus und stellte sich unter die Brause, ließ das Wasser an sich herunterlaufen und hielt die Augen geschlossen. Zum einen, weil er wirklich völlig abschalten wollte, zum anderen um nicht sehen, was um ihn herum passierte. Die Stimmen, die zu ihm vordrangen, konnte er mittlerweile auseinander halten und die Jungs waren wohl alle da. Von ihm an sich schien keiner wirklich Notiz zu nehmen, die Jungen lachten und alberten wie das nun mal beim Massenduschen der Fall ist.

Irgendwann drehte er das Wasser ab und stellte erst in dem Moment fest, dass Marco neben ihm stand. Er erwischte ihn beim ziemlich freizügigen betrachten seines Körpers. Unter anderen Umständen hätte Nico gefragt, was da zu glotzen gab, aber so ließ er die Musterung wortlos über sich ergehen. Allerdings verstärkte sich damit die Vermutung, dass Marco doch schwul sein könnte. Und offenbar machte der aus dieser Tatsache keinen Hehl.

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Das Boycamp III - Teil 7, 10.0 out of 10 based on 8 ratings

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